Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Gedenkabend mit Holocaust-Überlebenden

Ein bewegender Gedenkabend auf dem Gemeinde-Israel-Kongress 2018 in Berlin. Franz und Petra Michalski sowie Siegbert Aron erzählen von ihrem Schicksal. In einem weiteren Interview geht es um die Gegenwart und Zukunft: Assia Gorban und Salomea Genin prangerten die zuweilen oberflächliche Gedenkkultur an.

Kurzbericht

Eine Glasscherbe mit der Aufschrift »9.11.2018« bekam jeder Besucher von einem Holocaustüberlebenden überreicht, als der Gedenkabend auf dem Gemeinde-Israel-Kongress in Berlin zu Ende war. Ein Erinnerungsstück an das Glas jüdischer Geschäfte, das vor 80 Jahren zersplitterte: Die Menschen, die die damaligen Ereignisse erlebt und überlebt haben, sind heute wertvolle und wichtige Zeugen. Novemberpogrom, Reichspogromnacht oder – das Motiv der Glasscherben im Namen – Kristallnacht. Dieser Begriff »Kristallnacht« ist in Deutschland umstritten – und doch heißt es auf hebräisch: »Lejl haBdolach«, die »Nacht des Kristalls«. Die Ausgrenzung der Juden schlug damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in Gewalt um. Gebäude wurden zerstört, Synagogen in Brand gesetzt, Menschen geschlagen und ermordet. Der Auftakt zum Holocaust mit 6 Millionen jüdischen Opfern.

Franz und Petra Michalski sowie Siegbert Aron erzählten von damals. Sie betraten die mit über 1200 Kongressteilnehmern gefüllte Halle mit zwei Kindern an der Hand. Timon (4) und Carina (9) sind so alt, wie Herr Michalski und Herr Aron damals gewesen sind. Die beiden Überlebenden beantworteten Fragen von Marina Müller, die für »Zeugen der Zeitzeugen« zusammen mit Frank Clesle von Zedakah diesen eindrücklichen und bewegenden Abend initiiert hat. Als Kinder konnten sie die Bedeutung der Ausgrenzung kaum erfassen, erlebten aber den traumatischen Ausschluss aus der Schule oder die Trennung von Freunden. Durch die Hilfe von mutigen Menschen konnten sie sich verstecken und die Flucht ergreifen. Siegbert Aron gelangte über Shanghai nach Israel.

Und schließlich kehrten sie zurück – nach Berlin. Heute werden sie Zeugen davon, wie Juden wieder in der Schule ausgegrenzt und gemobbt werden: Ein Enkel der Michalskis wurde von Klassenkameraden gequält und musste schließlich von seinen Eltern von der Schule genommen werden. Die Schulleitung war offensichtlich überfordert; das Markenzeichen »Schule ohne Rassismus« entpuppte sich als leere Phrase. Im Falle von Juden schien es wohl bequemer, wenn das Opfer geht.

In einem weiteren Interview ging es um die Gegenwart und Zukunft: Assia Gorban und Salomea Genin prangerten die zuweilen oberflächliche Gedenkkultur an. Man äußere sich laut gegen Antisemitismus, lasse es aber zu, dass der Staat Israel dämonisiert wird oder Boykottanhänger ein modernes »Kauft nicht bei Juden!« rufen. Die beiden Frauen wünschen sich, dass Juden sich frei bewegen können und Synagogen nicht polizeilich geschützt werden müssen.

Zuletzt versammelten sich 14 jüdische Überlebende aus Berliner Gemeinden vor den ergriffenen Zuschauern auf der Bühne. Eine Holocaustüberlebende äußerte sich gegenüber Frank Clesle sichtlich bewegt: Dies sei ein sehr wertvoller Abend gewesen und habe ihr besser gefallen als das Gedenken am Nachmittag in der Berliner Synagoge mit Angela Merkel, an dem sie zuvor teilgenommen hatte.