Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Tomi Breuer (in Bad Liebenzell)

Zweimal hing das Leben von Tomi Breuer am seidenen Faden, der Irrtum eines Bahnangestellten führte ihn nach Wien ins Ghetto, obwohl sein Transport zum Vernichtungslager nach Auschwitz unterwegs war. Später – zur Zeit der Umbrüche in Ungarn, sollte er als jüdischer Teenager ebenfalls ermordet werden, es gelang ihm aber die Flucht.

Das am Ende des Vortrags gespielte Lied ist im Original auf Youtube zu finden. Tomi Breuer hat in einer Schule in Wildberg ebenfalls von seinem Schicksal erzählt, davon gibt es eine weitere Aufnahme.

Kurzbiografie

Dass er heute einen Hund besitzt, ist eigentlich ein Wunder. Denn die Angst vor den Lagerhunden der KZ-Wärter gehört zum Eindrücklichsten, woran er sich erinnern kann in jener Zeit des Schreckens. Er war damals ein kleines Kind. Und dass er nach Deutschland zu Besuch kommt, ist ebenfalls ein Wunder. Thomas Breuer – Tomi genannt – hatte sich geschworen, nie wieder hierher zu kommen.

Doch eine Partnerschaft seiner Heimatstadt Netanya mit der nordrheinwestfälischen Stadt Gießen führte dazu, dass er als Lehrer 2002 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Deutschland kam. 2016 bekam er einen Ehrenpreis der Stadt verliehen und kam mit einigen Kindern und Enkeln erneut zu Besuch. Nun wird er in Bad Liebenzell von seinem Schicksal erzählen. Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar 2019, berichtet er in Bad Liebenzell, im Spiegelsaal des Kurhauses, aus seinem Leben, das in jener schrecklichen Zeit begonnen hat, in der die Deutschen jegliches jüdische Leben in Europa auslöschen wollten.

Zweimal hing das Leben von Tomi Breuer am seidenen Faden, der Irrtum eines Bahnangestellten führte ihn nach Wien ins Ghetto, obwohl sein Transport zum Vernichtungslager nach Auschwitz unterwegs war. Später – zur Zeit der Umbrüche in Ungarn, sollte er als jüdischer Teenager ebenfalls ermordet werden, es gelang ihm aber die Flucht.

Tomi Breuer kam am 22. März 1942 in der ungarischen Stadt Debrecen auf die Welt. 1944 pferchte man ihn mit seiner Mutter und seinen Großeltern – sein Vater war schon vorher umgekommen – in einen Güterwaggon, den das »Sonderkommando Eichmann« nach Auschwitz schickte. Einem Zahlendreher ist es zu verdanken, dass der Waggon aber an den falschen Zug gekoppelt wurde und nach Wien fuhr. Mit 150 Leidensgenossen hat er die furchtbare Fahrt überlebt und auch ein ganzes Jahr im Durchgangslager Strasshof bei Wien.

Nach der Befreiung am Kriegsende kehrte er zunächst mit seiner Familie zurück nach Ungarn. Doch in der Zeit nach dem Krieg waren Juden dort – immer noch – verhasst. Nachdem der Ungarische Volksaufstand 1956 von der sowjetischen Armee niedergekämpft worden war, fand sich Breuers Name – er war inzwischen 13 Jahre alt – auf der Todesliste der kommunistischen Machthaber. Eine Lehrerin warnte ihn und mit gefälschten Papieren stieg er in einen Zug nach Österreich. Als Geheimpolizisten den Zug durchsuchten, konnte er abspringen und über die grüne Grenze ins Nachbarland gelangen. Er war wieder in Wien – heimatlos und mittellos.

Doch mithilfe einer jüdischen Zionistenorganisation konnte er per Schiff nach Israel einreisen, in seine neue und endgültige Heimat. Hier war er nicht nur geduldet, sondern willkommen – verfolgte Juden aus aller Welt waren im Land ihrer Vorväter zu Israelis geworden.

Tomi Breuer lernte Hebräisch, machte Abitur und brachte es als Lehrer bis zum stellvertretenden Schulleiter der High-School in Netanya. Sein Engagement führte ihn dann in Begleitung einer Basketball-Mannschaft wieder nach Deutschland, in Netanyas Partnerstadt Gießen. »Ich fühlte mich wie ein Verräter an denen, die ihr Leben im Holocaust gelassen haben«, erzählte er. Doch dann erlebte er die Freundschaft und Wärme einer neuen Generation in Deutschland und wurde sich seiner Verantwortung als Zeitzeuge bewusst.

Inhaltsübersicht

... wird noch ergänzt.