Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Holocaust-Überlebende berichten

Ein Video-Archiv gegen das Vergessen

Neuigkeiten

Ein bewegender Abend in Berlin

17.12.2018, ebenso auf der Website von Zedakah erschienen

Eine Glasscherbe mit der Aufschrift »9.11.2018« bekam jeder Besucher von einem Holocaustüberlebenden überreicht, als der Gedenkabend auf dem Gemeinde-Israel-Kongress in Berlin zu Ende war. Ein Erinnerungsstück an das Glas jüdischer Geschäfte, das vor 80 Jahren zersplitterte: Die Menschen, die die damaligen Ereignisse erlebt und überlebt haben, sind heute wertvolle und wichtige Zeugen. Novemberpogrom, Reichspogromnacht oder – das Motiv der Glasscherben im Namen – Kristallnacht. Dieser Begriff »Kristallnacht« ist in Deutschland umstritten – und doch heißt es auf hebräisch: »Lejl haBdolach«, die »Nacht des Kristalls«. Die Ausgrenzung der Juden schlug damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in Gewalt um. Gebäude wurden zerstört, Synagogen in Brand gesetzt, Menschen geschlagen und ermordet. Der Auftakt zum Holocaust mit 6 Millionen jüdischen Opfern.

Franz und Petra Michalski sowie Siegbert Aron erzählten von damals. Sie betraten die mit über 1200 Kongressteilnehmern gefüllte Halle mit zwei Kindern an der Hand. Timon (4) und Carina (9) sind so alt, wie Herr Michalski und Herr Aron damals gewesen sind. Die beiden Überlebenden beantworteten Fragen von Marina Müller, die für »Zeugen der Zeitzeugen« zusammen mit Frank Clesle von Zedakah diesen eindrücklichen und bewegenden Abend initiiert hat. Als Kinder konnten sie die Bedeutung der Ausgrenzung kaum erfassen, erlebten aber den traumatischen Ausschluss aus der Schule oder die Trennung von Freunden. Durch die Hilfe von mutigen Menschen konnten sie sich verstecken und die Flucht ergreifen. Siegbert Aron gelangte über Shanghai nach Israel.

Und schließlich kehrten sie zurück – nach Berlin. Heute werden sie Zeugen davon, wie Juden wieder in der Schule ausgegrenzt und gemobbt werden: Ein Enkel der Michalskis wurde von Klassenkameraden gequält und musste schließlich von seinen Eltern von der Schule genommen werden. Die Schulleitung war offensichtlich überfordert; das Markenzeichen »Schule ohne Rassismus« entpuppte sich als leere Phrase. Im Falle von Juden schien es wohl bequemer, wenn das Opfer geht.

In einem weiteren Interview ging es um die Gegenwart und Zukunft: Assia Gorban und Salomea Genin prangerten die zuweilen oberflächliche Gedenkkultur an. Man äußere sich laut gegen Antisemitismus, lasse es aber zu, dass der Staat Israel dämonisiert wird oder Boykottanhänger ein modernes »Kauft nicht bei Juden!« rufen. Die beiden Frauen wünschen sich, dass Juden sich frei bewegen können und Synagogen nicht polizeilich geschützt werden müssen.

Für zusätzliche Gänsehautmomente sorgte der jüdische Kantor Yoed Sorek. Das jiddische Lied »Es brennt« berührte jeden, der auch nur diese Zeile verstand. Das gesungene Trauergebet Kaddisch sorgte für andächtiges Schweigen.

Zuletzt versammelten sich 14 jüdische Überlebende aus Berliner Gemeinden vor den ergriffenen Zuschauern auf der Bühne. Eine Holocaustüberlebende äußerte sich gegenüber Frank Clesle sichtlich bewegt: Dies sei ein sehr wertvoller Abend gewesen und habe ihr besser gefallen als das Gedenken am Nachmittag in der Berliner Synagoge mit Angela Merkel, an dem sie zuvor teilgenommen hatte.

Für unser gemeinsames Projekt »Papierblatt – Holocaustüberlebende berichten« habe ich diesen bewegenden Abend dokumentiert und wir konnten auf dem Kongress wertvolle Kontakte schließen für die weitere Vernetzung dieser Bildungsplattform.

Timo Roller

 

Ein anderes Wort für Hoffnung

12.7.2018, am 7.7.2018 im Schwarzwälder Boten erschienen

Millionenschwere Digitalisierungsprojekte der Landesregierung gerieten jüngst ins Stocken, im Casino der Sparkasse Calw stellte Schuldekan Thorsten Trautwein derweil das Projekt »Papierblatt« vor.

»Papierblatt« ist ein Videoarchiv mit Lebensberichten von jüdischen Holocaust-Überlebenden, das zunächst durch ehrenamtliches Engagement initiiert und dann von gemeinnützigen Werken und der Kirche weiterentwickelt wurde.

Das Hilfswerk »Zedakah« in Bad Liebenzell-Maisenbach hat 2013 damit begonnen, in Israel das Schicksal Holocaust-Überlebender mit Videointerviews zu dokumentieren. Auch zahlreiche Vorträge wurden gefilmt. Mittlerweile – 73 Jahre nach Kriegsende – sind diese Menschen entweder sehr alt, oder sie waren noch kleine Kinder, als in Deutschland die jüdische Bevölkerung der Ausgrenzung und schließlich der Vernichtung preisgegeben wurde. Seit den 1960er-Jahren betreut »Zedakah« Holocaust-Überlebende im Norden Israels.

Die Erinnerung an diese dunkle Zeit will das Projekt »Papierblatt« wachhalten, Schuldekan Trautwein hat es deshalb von Anfang unterstützt, um es als digitale Bildungsplattform zu nutzen. Dabei half er gemeinsam mit Pfarrern und Religionspädagogen, das gesammelte Videomaterial für den schulischen Unterricht didaktisch zugänglich zu machen.

Nun wurde es in Anwesenheit von Lehrern, Pfarrern, Diakonissen, politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsträgern sowie weiteren Interessierten der Öffentlichkeit präsentiert, worüber sich Gastgeber Hans Neuweiler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw, sehr erfreut zeigte.

»Papierblatt« ist nach dem Nachnamen eines Überlebenden benannt – in Doppelbedeutung mit dem Blatt Papier als Erinnerungsträger – und enthält mittlerweile etwa 25 Interviews und Vorträge mit bis zu zweieinhalb Stunden Länge. Ergänzt wurden diese Interviews durch didaktische Hinweise und ausgearbeiteten Unterrichtsentwürfe für Lehrkräfte sowie einer ausgeklügelten Video-Suchfunktion. Zudem ist die Internetpräsenz so programmiert, dass sie auch auf Tablets und Mobiltelefonen sehr einfach verwendet werden kann. Es ist kein Zugangcode nötig und auch Werbung findet sich nicht – das Projekt ist unter der Webadresse www.papierblatt.de für jedermann frei nutzbar. »Papierblatt« wird durch Spenden finanziert, für die Weiterentwicklung seien nun zunächst weitere Mittel erforderlich, so Thorsten Trautwein.

Andrew Hilkowitz ist Dialogbeauftragter der jüdischen Gemeinde in Pforzheim und Vorsitzender eines Vereins, der diejenigen Menschen unterstützt, die als Kinder den Holocaust überlebt haben. An seiner eigenen Lebensgeschichte machte er in seinem Grußwort deutlich, dass er trotz Flucht nach England alles andere als eine normale Kindheit hatte, mehrmals wurde sein Leben völlig entwurzelt und umgekrempelt.

Andrew Hilkowitz

Videoaufnahme des Vortrags am 28. Juni 2018 in Calw.

Auch der Hauptreferent des Abends, Prof. Dr. Reinhold Boschki von der Universität Tübingen, machte die Ursprünge seiner akademischen Laufbahn an biografischen Aspekten fest: Der im Schwarzwald Aufgewachsene erfuhr von den Schattenseiten seines eigenen Wohnorts und dem Schicksal des Juden Paul Niedermann, der lange nicht über die traumatischen Ereignisse berichten konnte, später aber als Zeuge gegen Klaus Barbie, den sogenannten »Schlächter von Lyon« aussagte und in der Folge immer wieder Vorträge hielt.

Antisemitismus sei in Deutschland ein historisches, aber auch ein aktuelles Problem, so Professor Boschki. Auch der Gründer der Uni des katholischen Theologen war ein ausgemachter Antisemit: der berühmte württembergische Herzog Eberhard im Bart (1445–1496). Und in den letzten Jahren sei eine drastische Zunahme judenfeindlicher Tendenzen zu beobachten, so sei der Anteil antisemitischer Webseiten um 40 Prozent gestiegen und Antisemitismus in allen gesellschaftlichen Schichten zu beobachten.

Als Pädagoge könne er angesichts dieser Zahlen dennoch nicht ohne Hoffnung leben. Holocaust-Bildung wie durch das »Papierblatt«-Projekt sei wichtig, wenn die Zeitzeugen nun langsam durch den größer werdenden zeitlichen Abstand zum Geschehen verstummen. Erinnerung helfe, die Menschenrechte auch in der Gegenwart und in Zukunft zu schützen. Am Ende zitierte er den 2016 verstorbenen Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel, mit dessen Lebenswerk er sich beschäftigt: »Erinnerung ist ein anderes Wort für Hoffnung«.

Aus der Vergangenheit lernen? Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung

Vortrag von Prof. Dr. Reinhold Boschki (Universität Tübingen)

Der Hauptreferent der Papierblatt-Projektpräsentation am 28.6.2018 in Calw, Prof. Dr. Reinhold Boschki von der Universität Tübingen, machte die Ursprünge seiner akademischen Laufbahn an biografischen Aspekten fest: Der im Schwarzwald Aufgewachsene erfuhr von den Schattenseiten seines eigenen Wohnorts und dem Schicksal des Juden Paul Niedermann, der lange nicht über die traumatischen Ereignisse berichten konnte, später aber als Zeuge gegen Klaus Barbie, den sogenannten »Schlächter von Lyon« aussagte und in der Folge immer wieder Vorträge hielt.

Während Zeno Danner, Erster Landesbeamter des Landkreises Calw, sowie Stefan Hermann vom Pädagogisch-theologischen Zentrum der Landeskirche in ihren Grußworten deutliche Worte in Richtung des Rechtspopulismus fanden, machte der AfD-Landtagsabgeordnete Klaus Dürr durch seine Anwesenheit deutlich, dass es in seiner Partei offensichtlich auch ein Gegengewicht zu nationalistischen und antisemitischen Tendenzen gibt. So gab es dann auch beim abschließenden Stehimbiss noch angeregte und teilweise kontroverse Diskussionen.

Musikalisch begleitet wurde der Abend von Schülern des Musik-Neigungskurses der beiden Calwer Gymnasien.

Timo Roller

 

Von Auschwitz lernen – Projektpräsentation am 28. Juni 2018 in Calw

14.5.2018

Wir laden herzlich ein zu einer Veranstaltung in Calw, bei der das Projekt »Papierblatt« feierlich vorgestellt und offiziell der öffentlichen Nutzung übergeben wird. Prof. Dr. Reinhold Boschki wird am 28.6. referieren über das Thema: »Aus der Vergangenheit lernen? – Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung«.

Das Programm des Abends:

17.30 Uhr: Einlass

18.00 Uhr: Begrüßung durch Schuldekan Thorsten Trautwein

anschließend Grußworte von Hans Neuweiler (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw), Andrew Hilkowitz (erster Vorsitzender von Child Survivors Deutschland e.V.) und Stefan Hermann (Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Evang. Landeskirche)

18.30 Uhr: Vorstellung des Projekts »Papierblatt« und der Website www.papierblatt.de

19.00 Uhr: Vortrag »Aus der Vergangenheit lernen? – Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung« von Prof. Dr. Reinhold Boschki, anschließend Diskussion

20.15 Uhr: Ende des Programms, anschließend Stehimbiss

Den musikalischen Teil gestalten Schülerinnen und Schüler des Musik-Neigungskurses des Hermann-Hesse- und des Maria-von-Linden-Gymnasiums Calw.

Die Veranstaltung ist am Donnerstag, 28. Juni 2018 ab 18 Uhr im Casino der Sparkasse Calw (Sparkassenplatz 1 in Calw). Zugang über den Eingang neben der »Alten Apotheke«.

 

Holocaust-Gedenken und Antisemitismus

16.4.2018

Am 12. April war in Israel Yom HaShoah: Der Tag des Holocaust-Gedenkens. Innehalten beim Heulen der Sirenen, Erinnerung. Nie wieder! – Es stimmt mich sehr nachdenklich, dass am Abend dieses Tages in Deutschland ein »Echo« – der wichtigste deutsche Musikpreis – ausgerechnet an zwei Rapper vergeben wird, deren Texte geschmacklos, sexistisch und gewaltverherrlichend sind, aber auch judenfeindlich, wenn sie reimen: »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen«. Laut Veranstalter fällt das unter Kunstfreiheit. Das kann man vielleicht so sehen, aber es sagt viel aus über eine Veranstaltung und deren Teilnehmer, wenn solche »Kunst« mit Preisen gewürdigt wird. Was ist es dann wert, wenn es bei nächster Gelegenheit wieder heißt: »#WeRemember«?

Antisemitismus ist in Deutschland erschreckend gesellschaftsfähig, »Jude« als Schimpfwort an Schulen, das Messen mit zweierlei Maß, wenn es um Israel geht. Eine Fluggesellschaft darf mitten in Deutschland Passagieren mit israelischem Pass das Mitfliegen verweigern.

Um aus der Vergangenheit zu lernen, wie das immer wieder gefordert wird, müssen wir sie kennen. Mich bestätigen die gegenwärtigen Vorgänge darin, unser Projekt »Papierblatt« voranzubringen. Menschen, die »Auschwitz« und den Holocaust selbst erlebt haben, erzählen im Video von ihren schrecklichen Schicksalen. Der Zuhörer weiß dann besser, was »Nie wieder!« bedeutet.

Timo Roller, Projektleitung (MORIJA gGmbH)

 

Kristallnachterinnerung und Erweiterung der Plattform

23.2.2018

Wir freuen uns, dass unser Papierblatt-Projekt dank der Unterstützung von Organisationen und Privatpersonen wächst und an Bekanntheit zunimmt. Und vor allem auch, dass wir weitere Lebenszeugnisse von Holocaust-Überlebenden aufnehmen konnten, die mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Vielen Dank!

In den letzten Monaten haben wir die Internet-Plattform wesentlich erweitert – ab heute sind diese Veränderungen für jeden erreichbar und nutzbar. Doch nach wie vor ist das Projekt im Werden und es gibt noch viele ausbaufähige Bereiche. Wir arbeiten daran!

2018 erinnern wir uns an den 80. Jahrestag der sogenannten »Reichskristallnacht«. Schuldekan Thorsten Trautwein, der zur Projektleitung von »Papierblatt« gehört, hat aus diesem Anlass ein Heft zusammengestellt, das zahlreiche Veranstaltungen enthält, die an diese dunkle Zeit unserer deutschen Geschichte erinnern wollen. Wir laden herzlich dazu ein, die Broschüre mit dem Titel »Kristallnachterinnerung« können Sie im PDF-Format herunterladen. Besonders ans Herz legen wollen wir Ihnen die festliche Projektpräsentation von »Papierblatt« am Donnerstag, 28. Juni ab 18 Uhr im »Casino« der Sparkasse Calw (Sparkassenplatz 1, 75365 Calw). Neben der Präsentation von »Papierblatt« hören wir einen Vortrag von Prof. Dr. Reinhold Boschki zum Thema »Aus der Vergangenheit lernen? – Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung«.