Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Amira Gezow

Mit neun Jahren erlebte Amira Gezow – geboren als Charlotte Siesel in Coesfeld – die Reichspogromnacht versteckt bei Bekannten. Im Oktober 1940 wurde die Familie gemeinsam mit über 6500 Juden aus dem südwestdeutschen Raum in das französische Internierungslager Gurs deportiert. In Zürich traf sie andere Jugendlichen in der jüdischen Jugendbewegung Hashomer Hazair. Als andere Jugendlichen direkt nach Kriegsende 1945 nach Israel auswandern wollten, schloss sie sich ihnen an. Von Barcelona aus ging es mit dem Schiff bis nach Haifa. Heute wohnt Amira Gezow im Kibbuz Elon.

Zu Amira Gezow gibt es einen Unterrichtsentwurf.

Kurzbiografie

Als Charlotte Siesel in Coesfeld geboren, war sie gerade einmal vier Jahre alt, als Hitler die Macht ergriff.

Dunkel erinnert sie sich an den ersten Einschnitt ihres Lebens: die Firma des Vaters in Dortmund wurde zerstört. Walter Siesel hatte als Häuser- und Gütermakler gearbeitet. Mit dem Verlust seiner Firma verlor die Familie ihre gesamte Existenz.

Die Familie siedelte nach Mannheim um und baute dort eine Mietwaschanstalt auf. Walter und Ida Siesel gaben sich mit großem Fleiß in die Arbeit und bald florierte das neue Geschäft.

Doch der Alltag war weiterhin von wachsenden Repressionen und Ausgrenzungserfahrungen geprägt. Amira Gezow erinnert sich: An den Bruder der Vermieterin, der den Hund auf die kleine Charlotte und ihre Schwester Alice hetzte, an die Separation der jüdischen Kinder in der Schule, an die Ausgrenzung unter den Kindern in der Nachbarschaft.

Mit neun Jahren erlebte Amira Gezow die Reichspogromnacht versteckt bei Bekannten. Mit großem Respekt und Hochachtung spricht sie von ihren Eltern, die damals Tag und Nacht unterwegs waren, um andere Juden zu retten.

In der darauffolgenden Zeit verschärften sich die Repressalien noch weiter. Die Familie musste das Auto abgeben und die Mietwaschküche aufgeben. Schmuck und Wertsachen mussten bei der Polizei abgegeben werden. Die Familie musste in die »Quadrate« ziehen, im Stadtkern von Mannheim. Die Wohnung dort mussten sie sich mit Fremden teilen. Wieder erzählt Amira Gezow von den herausragenden Leistungen ihrer Mutter Ida Siesel, die sich trotz dieser katastrophalen Zustände aufopferungsvoll um die Menschen in ihrem Umfeld kümmerte.

1939 konnte ihre Schwester Alice mit einem Kindertransport nach England reisen. Amira Gezow blieb bei den Eltern in Mannheim. Im Oktober 1940 wurde die Familie gemeinsam mit über 6500 Juden aus dem südwestdeutschen Raum in das französische Internierungslager Gurs deportiert.

Als Kind habe sie kaum verstanden, was das sollte, so erzählt sie. Sie habe gedacht, man gehe auf Reisen, daher habe sie sich ihre schönen Schuhe angezogen.

Doch in Gurs wartete die grausame Realität des Lagers. Nüchtern und ohne Anklage erzählt Amira Gezow. Von den katastrophalen Zuständen im Lager, unvorbereiteten Behörden, von Hunger und Seuche, und von der Trennung vom Vater. Sie erzählt von den Mitgefangenen aus Spanien, die die Juden im Lager als Menschen zweiter Klasse sahen. Sie erzählt jedoch auch von Erfindergeist und Geschick der jüdischen Frauen, die aus dem Wenigen, das sie hatten, das Beste zu machen wussten. Sie erzählt von Kultur und Geist, die innere Kraft gaben. Sie erzählt von erwachsenen Mitgefangenen, die versuchten, für die Kinder durch Unterricht, Schauspiel und andere Angebote den Alltag erträglicher zu machen. Sie erzählt von der aufopferungsvollen Hilfe der Schwestern des Roten Kreuzes, die im Lager lebten.

Doch nichts konnte über die menschenverachtenden Zustände des Lagers hinwegtäuschen. Der Hunger war übergroß. Zu Essen gab es verschimmeltes Brot und dünne Suppe. Durch die katastrophalen sanitären Bedingungen grassierten Krankheiten seuchenartig. Es gab keine Toiletten sondern nur eine Grube, mit Blech abgedeckt. Auch waschen konnte man sich nicht. Im ersten Monat nach Bestehen des Lagers starben bereits 1000 Menschen. Noch heute steht Amira Gezow die Hölle von Gurs bildlich vor Augen.

An die Zeit im Lager in Rivesaltes, in das die Familie wenig später verlegt wurde, erinnert sie sich kaum noch.

Wohl aber an das Kinderheim in La Jonchère. Dorthin holte die Organisation Oeuvre de secours aux enfants (OSE) Kinder aus Rivesaltes und bescherte ihnen eine bessere Unterbringung, Unterricht und Arbeit.

Doch im August 1942 wurde dieses Heim aufgelöst. Die Kinder kamen zurück nach Rivesaltes, wo sie auf ein Wiedersehen mit ihren Eltern hofften. Doch die meisten Eltern waren bereits nach Auschwitz deportiert worden.

Amira Gezow erinnert sich noch an das kurze Glück, wieder mit ihren Eltern vereint gewesen zu sein. Heute sieht sie, wie zynisch doch der Grund für dieses Wiedersehen war. »Unsere Papiere waren noch nicht fertig« sagt sie kopfschüttelnd, »und man konnte doch nicht ohne Papiere nach Auschwitz kommen.«

Und dann kam der Tag, der alles verändern sollte. Die Papiere waren bereit und die Familie sollte nach Auschwitz deportiert werden. Da kamen Schwestern des Roten Keuzes und boten an, dass die Kinder hierbleiben könnten. »Mutter hat mich ganz fest an sich gedrückt und gesagt, du bleibst bei mir. Aber Vater hat gesagt: Raus!«. So erzählt Amira Gezow. Der Vater habe ihr erklärt, dass sie doch lernen müsse, und sich gut entwickeln müsse, und dass sie wohl an einen Ort kämen, wo es keine Schule gäbe und kein gutes Essen. Und so setzte er sich durch, dass Amira Gezow bei den Schwestern blieb. Damit rettete er ihr Leben.

Erst später wurde klar, dass es sich bei den »Schwestern« um Mitglieder der französischen Résistance handelte. Amira Gezow wurde nach Grenoble gebracht und dort bei Familien versteckt die sich aufopferungsvoll um das Mädchen kümmerten. »Ich war 13 Jahre alt, wog nur noch 26 kg und war voller Wunden« erzählt Amira Gezow. Schließlich gelang durch die Hilfe der Résistance die Flucht in die Schweiz. Dort kam sie zunächst in ein Flüchtlingslager bei Genf. »Ich hatte immer Glück« sagte sie, »auf all meinen Wegen waren immer gütige Leute, die mir zur Hilfe kamen«.

Nach Station in weiteren Flüchtlingslagern in der Schweiz konnte Amira Gezow schließlich entfernten Verwandten in Zürich unterkommen. Diese Verwandten kümmerten sich liebevoll um sie.

In Zürich traf sie andere Jugendlichen in der jüdischen Jugendbewegung Hashomer Hazair. Als ihre Freunde direkt nach Kriegsende 1945 nach Israel auswandern wollten, schloss sie sich ihnen an. Von Barcelona aus ging es mit dem Schiff der Jewish Agency bis nach Haifa. Heute wohnt Amira Gezow im Kibbuz Elon.

Inhaltsübersicht

... wird noch ergänzt.