Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Pavel Hoffmann

Als Kind kam Pavel Hoffmann ins KZ Theresienstadt. Er hat als einziger seiner Familie den Holocaust überlebt und entkam 1945 mit dem sogenannten »Schweizer Transport« in die Freiheit. Er lebt heute in Reutlingen.

Kurzbiografie

Als vierjähriges Kind kam Pavel Hoffmann ins KZ Theresienstadt. 1939 als Sohn eines jüdischen Ärzte-Ehepaares in Prag geboren, wurde sein Vater bereits 1942 bei einer Racheaktion der Wehrmacht hingerichtet, nachdem ein Attentat auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich verübt worden war. Nachdem schon andere Verwandte nach Auschwitz deportiert worden waren, wurde der kleine Pavel zusammen mit seiner Mutter nach Theresienstadt ins Konzentrationslager gebracht.

Am 5. Februar 1945 war der sogenannte »Schweizer Transport« Hoffmanns Rettung: Die Niederlage der Deutschen vor Augen, versuchte Heinrich Himmler durch die Befreiung von Juden mögliche Strafen für seine Schuld am Holocaust zu mildern. Bei Treffen mit dem Schweizer Bundespräsidenten Jean-Marie Musy – unter anderem in Bad Wildbad – versprach er die Überführung von Juden aus den Konzentrationslagern an die Schweizer Grenze. Es blieb bei einem einzigen Transport, mit dem Pavel Hoffmann zusammen mit 1200 weiteren Juden nach St. Gallen kam. Adolf Hitler untersagte weitere Aktionen und forderte die Hinrichtung der deutschen Fluchthelfer.

Als einziger seiner Familie hat Hoffmann den Holocaust überlebt. In der Schweiz kümmerte sich ein tschechisches Ehepaar um ihn und nahm ihn zurück nach Prag. Dort ging er zur Schule und studierte anschließend Nachrichtentechnik. Seit 1971 lebt er ihn Reutlingen, wo er lange Zeit als Dozent und Entwicklungsleiter an der Fachhochschule arbeitete. Seit seiner Pension 1999 ist er verstärkt in Schulen und auf Veranstaltungen unterwegs, um als Zeitzeuge über sein Schicksal zu sprechen. Ein wichtiges Anliegen ist ihm auch, gegen den weltweit stark anwachsenden Antisemitismus zu kämpfen.

Pavel Hoffmann ist verheiratet, hat zwei Kinder, vier Enkel und eine Urenkelin.

Inhaltsübersicht

Pavel Hoffmann, aufgenommen am 27. Januar 2017 in Bad Liebenzell, Deutschland

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Pavel Hoffmann begrüßt die anwesenden Gäste. 2:26

Bevor Pavel Hoffmann von sich erzählt, möchte er die Ursachen schildern und erklärt, warum Zeitzeugen wichtig sind. Er hat zwei Diktaturen erleben müssen, beide waren stark antisemitisch.

Wenn man vom Zweiten Weltkrieg spricht, sind es eigentlich zwei Kriege, die Hitler führte: gegen die Welt und gegen die Juden. In diesem Krieg standen die Juden Europas alleine da. Der Nationalsozialismus war die radikalste Revolution, ein rein ideologisches Auflehnen gegen die Menschlichkeit. Bei allen anderen Völkermorden war das Motiv realistisch. Bei der Shoa war der Völkermord auf reiner Phantasie aufgebaut. Man wollte alle Menschen eines Volkes vollständig vernichte, nur weil sie geboren waren.

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Die europäische Kultur besteht aus den Säulen Athen und Rom und der Säule Jerusalem. Wenn jemand ein Buch besaß, war es häufig die Bibel. Sie wurde hauptsächlich von Juden geschrieben. Auch wurde vor 3.000 Jahre mit den Zehn Geboten die Grundlage für viele Verfassungen von Juden verfasst. Wenn die Nazis gegen die Juden vorgingen, vernichten sie also einen zentralen Bestandteil des europäischen Abendlandes.

Pavel Hoffmann meint, wenn Jesus Christus nicht in Judäa geboren wäre, sondern 1900 in Polen, dann hätte Jesus auch dort den Tod in einer Gaskammer gefunden.

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Pavel Hoffmann gehört zu den jüngsten Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben. Er berichtet seit 15 Jahren in Schulen und ist Mitglied in Vereine von Holocaustüberlebenden. Es waren verschiede Gründe, warum er davon berichtet. Neben dem Alter sind es auch die Schicksale seiner Familie und der aktuelle Antisemitismus die ihn dazu bewegt haben, Vorträge zu halten. Er möchte Vorurteilen gegen Juden und auch den Holocaust-Leugnern entgegentreten. Er möchte nicht nur aufklären, sondern auch warnen.

12:25

Um den Einfluss er damalige Propaganda zu zeigen, zitiert Pavel Hoffmann aus einem Brief eines Soldaten von der Front. Der Soldat lebte bisher friedlich mit den Juden zusammen. Er war in Weißrussland dabei, als 2.273 Juden erschossen wurden. Er schrieb seiner Frau, dass ihm zuerst die Hand zitierte, später schoss er ohne Probleme auch auf Säuglinge, weil er sich vorstellte, dass dies die Juden auch bei seiner Familie machen würden.

14:00

Die Juden wurden nicht nur in einem Land, sondern wurden überall gezielt gesucht und vernichtet. An Pavel Hoffmanns Familie kann man das sehen. Die Familie seines Vaters lebte 1918 im damaligen Sudetenland. 1940 wurde aus der Tschechoslowakei das Protektorat Böhmen und Mähren. Die Slowakei war halbverbündet mit dem Deutschen Reich. Dies ist wichtig für das Schicksal seiner Familie. Die Familie seiner Mutter lebte in einem Teil der Tschechoslowakei der dann zu Ungarn gehörte.

16:38

Pavel Hoffmann zeigt ein Bild des Hauses seines Großvaters. Er hat es erst vor 15 Jahre entdeckt. Vieles über seine Familie hat er erst in dieser Zeit erfahren. 1938 wurde der Wohnort des Großvaters an das Deutsche Reich angegliedert. So galten auch die Nürnberger Gesetze. So musste der Großvater, ein 76-jähriger Arzt, nach Prag fliehen. Nach einem halben Jahr wurde auch die Tschechoslowakei besetzt. In dieser Zeit ist Pavel Hoffmann geboren. Nach der Besetzung hat man 12.000 Juden mit Namen und Beruf aufgelistet. Der Großteil der Bevölkerung half dabei.

Pavel Hoffmanns Vater war Zahnarzt und seine Mutter war Kinderärztin in Prag. Bis 1942 lebten sie schwer, aber haben gelebt. Die Kinder durften u.a. nicht in die Schule und der Vater durfte nicht mehr seinem Beruf nachgehen.

Nach 1942 wurde es schlimmer. Reinhard Heydrich wurde bei einem Attentat in Prag schwer verletzt und starb acht Tage später. Drei Wochen danach hat man Pavel Hoffmanns Vater und 120 anderen Juden abgeführt und in einem Stadion erschossen und verbrannt.

23:11

Hunderte von Familien waren arisch versippt, d.h. Mischehen zwischen „arischen“ und „jüdischen“ Personen. Durch eine Scheidung war man zunächst geschützt. Das Problem waren die Kinder. Bis 15 durften sie bei den Eltern bleiben, nach dem 16. Lebensjahr wurden sie den Eltern weggenommen und deportiert.

24:36

Drei Monate später hat man Pavel Hoffmanns Großeltern nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert und sofort in den Gaskammern ermordet.

Seine Mutter hat versucht sich der Deportation zu entziehen. Nichtjüdische Freunde halfen ihr dabei. 1943 wurden sie und Pavel Hoffmann mit dem letzten Transport nach Theresienstadt deportiert. Nach drei Wochen starb sie. Pavel Hoffmann war nun alleine. Neben dem Mord wurde die Juden auch beraubt. Das Haus des Großvaters gehörte nach dessen Tod durch das Gesetz dem Deutschen Reich. Alles was die Juden hinterließen, gehört dem Deutschen Reich. Pavel Hoffmann sah in das Grundbuch von damals. Das gesamte Vermögen wurde eingezogen.

Theresienstadt hatte 4.000 Einwohner, die umgesiedelten wurden. Es waren im Durchschnitt 15.000 Juden dort. Die Zustände waren katastrophal. Alle 14 Tage sind 1.000 Menschen nach Auschwitz gekommen. Hauptsächliche alte Menschen und Kinder, die die schwere Arbeit in Theresienstadt nicht mehr machen konnten. In einem Gedenkbuch wurden alle Juden aufgelistete.

31:02

Nach dem Tod der Mutter war Pavel Hoffmann zwei Jahre bis Februar 1945 in Theresienstadt ohne deportiert zu werden. Viele Kinder kamen nach Auschwitz. Vielleicht hat sich jemand um ihm gekümmert.

Vor ein paar Monaten hat Pavel Hoffmann herausgefunden, dass ein jüdisches Ehepaar aus der Schweiz den ehemaligen Schweizer Präsidenten, ein Bewunderer Hitlers, der gute Verbindungen zu Himmler, gebeten hatte, ob er nicht Juden retten könnte. So haben sie 1.200 Juden in die Schweiz deportiert. Es ist nur einmal gelungen. Als es Hitler dies herausgefunden hatte, wurde es sofort gestoppt.

Der letzte Lagerkommandant hat angeordnet, dass keiner in den Transport gehen darf, dessen Verwandte in Auschwitz getötet wurden. Dennoch wurde Pavel Hoffmann als einzige Vollwaise mit dem Transport innerhalb von zwei Tagen in die Schweiz gebracht. Pavel Hoffmann weiß so viel drüber, da der Sohn des jüdischen Organisators sich an Pavel Hoffmann erinnert hatte. Viele Juden haben nicht geglaubt, dass sie wirklich in die Schweiz kommen. Sie kamen dann in St. Gallen an.

Vor sechs Monaten hat eine Studentin Pavel Hoffmann angerufen. Sie will eine Arbeit über diesen Transport schreiben und ihn interviewen. So hat Pavel Hoffmann auch Unterlagen und Fotos aus den Schweizer Archiven bekommen.

Obwohl Pavel Hoffmann krank war, hat sich ein jüdisches Ehepaar um ihn gekümmert und wollten ihn adoptieren. Zusammen sind sie nach Prag zurück gegangen.

Die Schweiz hat später allen jüdischen überlebenden Kindern einen Kuraufenthalt angeboten. Vor dem Krieg waren 15.000 jüdische Kinder in Prag am Ende waren es nur noch 28.

39:10

Die toten Juden wurden verbrannt und die Asche in Kartons aufbewahrt. Bevor Theresienstadt befreit wurde, hat der Befehlshaber angeordnet, dass alle 22.000 Kartons Ende 1944 in den Fluss geschüttet werden. In einem Karton war auch die Asche von Pavel Hoffmanns Mutter.

40:19

In Ungarn lebte die Großmutter von Pavel Hoffmann und mit ihr 117.000 enteignet Juden in Ghettos gelebt, sie wurden aber nicht ausgeliefert. Der ungarische Ministerpräsident hat dies nicht erlaubt. Als er 1944 abgesetzt wurde, kam eine neue Regierung. Sie hat mit Hilfe von Eichmann und der Gestapo 440.000 Juden deportiert. In den Wagons waren auch Pavel Hoffmanns Familie. Ein Überlebender hat Pavel Hoffmann erzählt, dass seine Großmutter noch gelebt hat, als sie in Auschwitz ankam. Nach ihrer Ankunft wurden die Juden durch Mengele selektiert. Seine Großmutter wurde sofort umgebracht, nur der Onkel überlebte. Er hat als Arzt mit Mengele an einer Hochschule studiert.

Nachdem Pavel Hoffmanns Vater erschossen wurde, hat die Großmutter nicht gezögert und fuhrt mit ihrem ganzen Geld nach Prag und wollte die Botschaft bestechen, dass Pavel Hoffmann und seine Mutter mitgehen können. Sie musste aber aufgrund von Druck der Polizei wieder zurück fahren.

45:29

Pavel Hoffmann kam mit 50 Jahren wieder nach Theresienstadt. In einer ehemaligen Kapelle sind Gedenktafeln angebracht. Auf ihnen stehen die ermordeten Juden nach ihren Heimatstädten. Pavel Hoffmann wollte auch eine Tafel anbringen lassen, was er dann auch durfte.

Der Bürgermeister der Stadt, wo das Haus des Großvaters stand, hat von sich aus eine Gedenktafel angebracht. 1943 wurde das Haus beschlagnahmt, 1950 war darin die Stasi und heute ist das Innenministerium drin.

Pavel Hoffmann stellt seine Familie vor.

48:35

Pavel Hoffmann spricht von heutigen Antisemitismus. Er bringt als Beispiel die Ermordung eines jüdischen Journalisten 2002 vor laufender Kamera und das Attentat auf die israelische Mannschaft bei den olympischen Spielen in München.

Nach dem Holocaust hat der Antisemitismus sich nicht erledigt. Monate nach der Befreiung von den KZs wurden 41 jüdische Häftlinge in Polen ermordetet, wie auch zahlreiche Juden, die nach Polen zurück kamen.

Die überlebenden Juden haben ihren eigenen Staat gegründet, auch um sich endlich zu schützen. Dennoch werden sie immer wieder infolge eines weltweiten Antisemitismus angefeindet. So versuchen ständig über 22 Staaten ständig den Staat und das jüdische Volk zu vernichten. Die Juden müssen sich immer wieder verteidigen und rechtfertigen.

Pavel Hoffmann gibt weitere Beispiele. So habe sich der Antisemitismus hat sich seit der Gründung Israels geändert. Ein wehrhafter sei Jude unerträglich, die Juden sollten in der Opferrolle bleiben. Es gäbe keinen anderen Staat dessen Vernichtung auch offen von eine UN-Mitglied gefordert würde. Die andere UN-Mitglieder würden dies gelassen hinnehmen. Auch in Europa und Deutschland zeige sich der Antisemitismus aufgrund einer ungerechtfertigten Israelkritik. Oft werden Juden aufgrund ihrer Kippa öffentlich verspottet und Synagogen müssen geschützt werden. Eine große Mehrheit des EU-Parlaments haben nach einer hasserfüllten Rede, in der die Juden wie im Mittelalter beleidigt wurden, begeistert applaudiert. Nach einem Terrorakt 1976 in Uganda wurden die selektierten Juden erst Tage später von der israelischen Luftwaffe befreit.

58:10

In den Klassen, die Pavel Hoffmann besucht, haben 90% der Schülerinnen und Schüler noch nie etwa positives über Israel gehört. Sie wissen nicht den Einsatz Israels bei der Katastrophenhilfe oder dass die israelische Armee vor Angriffen die zivile Bevölkerung der Gegner warnt.

In den meisten arabischen Staaten werden Juden angefeindet, obwohl dort kaum Juden leben. Sie nennen es dort „Israelkritik“. Unterdiesem Begriff wird antisemitische Propaganda betrieben und behauptet, der Holocaust sei eine jüdische Lüge.

Pavel Hoffmann macht aber auch die Erfahrung, dass es auch viele Unterstützer gibt. So haben 2014 haben viele deutsche Bürger ihre Verbundenheit gegenüber Israel öffentlich gezeigt.

Aus der Vergangenheit haben Juden und Deutsche unterschiedliche Schlüsse gezogen: die Deutschen wollen nie wieder Krieg und die Juden wollen nie wieder die Opferrolle einnehmen.

Pavel Hoffmann zeigt noch einmal aktuelle Beispiele des Antisemitismus, wie ein hasserfülltes Gebet aus Berlin-Neukölln, antisemitische Demonstrationen, antisemitische Eintragungen in ein Gedenkbuch in Theresienstadt, und der Wunsch nach ethischen Säuberung.

1:07:30

Mehrere tausend Kinder zwischen 5-11 Jahren kamen nach Theresienstadt. Es waren Kinder aus einem anderen KZ. Die Eltern hatten sich dagegen gewehrt. England hat angeboten, deutsche Gefangene gegen jüdische Kinder auszutauschen. Die Kinder sollten von Theresienstadt nach Palästina kommen. Doch ein Großmufti aus Jerusalem hat Hitler aufgefordert, dies nicht zu machen. Die Kinder sollen vernichtet werden, was auch geschehe ist.

Pavel Hoffmann spricht noch über die Opfer der Anschläge in Israel.

1:10:19

Pavel Hoffmann richtet seine Botschaft an die Zuhörer, dass es nicht reiche, dem was geschehen ist zu gedenken, sondern es sei wichtiger entschlossen gegen jede Form des Antisemitismus vorzugehen.

Die Juden haben sich nach dem Holocaust darauf geeinigt, dass sie sich nie wieder der Gefahr der Vernichtung auszusetzen.