Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

News-Archiv

Von Auschwitz nach Calw

Zwangsarbeiterinnen am Ort ihrer Leiden

26.10.2021

In Calw gab es in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs ein Außenkommando des Konzentrationslagers Natzweiler im Elsass. Jüdische Häftlingsfrauen aus Auschwitz mussten hier Zwangsarbeit verrichten und lebten im Gebäude der Luftfahrtgeräte GmbH (Lufag) unter widrigen Bedingungen. Im Vergleich zum Vernichtungslager Auschwitz war der Aufenthalt in Calw für die Jüdinnen aber »eher ein Glücksfall als eine Hölle«.

Über einen Besuch ehemaliger »Zwangsarbeiterinnen am Ort ihrer Leiden« hat der Radiosender SDR 2 am 27. Juli 1990 einen Beitrag von Dr. Wolfgang Niess (www.wolfgangniess.de) und Manfred Heinfelder ausgestrahlt. Vom SWR haben wir die Lizenz, diese Sendung bis Ende 2023 auf www.papierblatt.de erneut zu veröffentlichen. Zudem gibt es im Buch »Jüdisches Leben im Nordschwarzwald« einen Artikel von Martin Frieß über die jüdischen Häftlingsfrauen im KZ-Außenkommando Calw.

Neuerscheinung:

Jüdisches Leben im Nordschwarzwald

10.06.2021

Der zweite Band der Edition Papierblatt ist da:

»Jüdisches Leben im Nordschwarzwald« ist ein umfassendes Werk über das Judentum im Nordschwarzwald, erschienen im Klotz Verlagshaus. Es enhält eine Fülle an hochinteressanten und reich bebilderten Beiträgen, 800 Seiten spannende Geschichte von vielen Autorinnen und Autoren sowie hochkarätige Grußworte.

Jeff Klotz (Foto) zum Erscheinen des Buchs: »Ich freue mich persönlich sehr! Für solche Projekte bin ich Verleger geworden …«

Informationen und umfangreiches Zusatzmaterial zum Buch, sowie Bestellmöglichkeiten, finden Sie in der Rubrik »Edition«.


76 Jahre nach Auschwitz – ein Lebensbericht

19.01.2021

Mordechai Papirblat: Der Mensch. Sein Buch. Das Projekt. Gedenkveranstaltung am 27. Januar 2021, 76 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, Livestream ab 19.30 Uhr aus den neuen iP-Räumen in Maisenbach

Schuldekan Thorsten Trautwein stellt die Biografie des Holocaust-Überlebenden vor, die vor wenigen Monaten in deutscher Sprache erschienen ist. Mordechai Papirblat erzählt darin von seinen Erlebnissen in den Kriegsjahren 1939 bis 1945. Er hat seine ganze Familie verloren und war nach dem Holocaust der einzige, der noch diesen diesen besonderen Namen trug: Papirblat. »Mein Name ist ein Denkmal«, sagt er.

Das Buch »900 Tage in Auschwitz« erzählt im Tagebuchstil ein Schicksal. Thorsten Trautwein spannt darüber hinaus den Bogen von der Geburt 1923 im polnischen Radom bis in die Gegenwart in Tel Aviv, wo der 97-Jährige heute lebt. Außerdem stellt Trautwein die digitale Archiv- und Unterrichtsplattform www.papierblatt.de vor. Eine Videoschaltung zu Mordechai Papirblat und seinen Söhnen wird ein besonderes Highlight der Gedenkveranstaltung sein.

Veranstalter sind die Stadt Bad Liebenzell, der Schuldekan der evangelischen Kirchenbezirke Calw-Nagold und Neuenbürg sowie Zedakah e.V.
Der Flyer zum Download bietet weitere Informationen.


Zeitzeugenarchiv mit Unterrichtsentwürfen und Video-Suchfunktion

Das digitale Archiv »Papierblatt« hält die Berichte von Zeitzeugen des Holocaust fest: auf Deutsch, frei zugänglich im Internet verfügbar und responsive programmiert – also auch mit Smartphone und Tablet problemlos abrufbar. Unterrichtsentwürfe und eine umfangreiche Suchfunktion, die direkt die entsprechenden Videosequenzen als Ergebnis anbietet, sind wichtige Elemente für die Verwendung in Schule und Studium im Zeitalter der Digitalisierung.

Während der Corona-Pandemie hat sich die Plattform bereits bewährt. Ein Pfarrer und Studienrat aus Dettingen auf der Schwäbischen Alb meldete: »Heute lernt jeder meiner Zehntklässler eine Person aus dem Papierblatt-Archiv kennen und schreibt eine halbseitige Zusammenfassung seiner Erfahrungen in unser Klassen-Moodle. Im Online-Unterricht der Corona-Krise ist www.papierblatt.de eine tolle Fundgrube.«

Der ungewöhnliche Name der Plattform kommt von Mordechai Papirblat, dessen Bericht einer der ersten Beiträge auf der Plattform war. Sein Schicksal hat unsere Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich gezogen. 2019 besuchten wir ihn in Israel, nun liegt seine tagebuchartige Erzählung »900 Tage in Auschwitz« in deutscher Übersetzung vor, ergänzt um spezielle crossmediale Angebote – darunter eine umfangreiche Biografie, die sein Leben von der Geburt in der polnischen Stadt Radom im Jahr 1923 bis zu seinem 97. Geburtstag im April 2020 in Tel Aviv umfasst und zahlreiche Hintergrundinformationen enthält.

Mordechai Papirblat sagt von sich selbst: »Mein Name ist ein Denkmal«, nur er selbst hat als Träger dieses Namens überlebt, seine ganze Verwandtschaft wurde in den KZs ausgelöscht.

Weitere Publikationen sind in der Reihe »Edition Papierblatt« geplant, unter anderem ein Sammelband »Jüdisches Leben im Nordschwarzwald«, der anlässlich des Festjahres »321–2021. 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« herausgegeben wird.

Etwa dreißig eindrückliche Videoberichte und Fachbeiträge sind auf www.papierblatt.de zu finden. Noch leben einige der Zeitzeugen und es kann über den Projektpartner ZEDAKAH ein persönlicher Kontakt hergestellt werden. Die Hilfsorganisation betreut Holocaust-Überlebende im Norden Israels – und errichtet derzeit in Maisenbach bei Bad Liebenzell ein multimediales Bildungs- und Begegnungszentrum zu den Themen Judentum, Holocaust-Gedenken und Antisemitismus-Prävention.

Neben dem Verein ZEDAKAH e.V. stehen hinter dem Projekt das gemeinnützige Medienunternehmen MORIJA sowie der evangelische Schuldekan der Kirchenbezirke Calw-Nagold und Neuenbürg, Thorsten Trautwein. Dieser wird als einer der Hauptreferenten das Papierblatt-Projekt auf dem Kongress »Antisemitismus heute« in Schwäbisch Gmünd vorstellen, nachdem es bereits bei einem Fachtag des Landes Baden-Württemberg in der Stuttgarter Synagoge im Herbst 2019 großen Anklang gefunden hat.

Sie können gerne unsere 6-seitige Informationsbroschüre im PDF-Format herunterladen.


Neuigkeiten 2020:

Ein Name als Denkmal

Buch von Mordechai Papirblat auf Deutsch erschienen: »900 Tage in Auschwitz«

7.5.2020

Vor wenigen Tagen ist das Buch »900 Tage in Auschwitz« erschienen, unmittelbar vor dem 97. Geburtstag des Autors, Mordechai Papirblat. »Drei bis hundert« sagte der hochbetagte Holocaust-Überlebende, als wir ihm per Videokonferenz gratulierten und ihm die deutsche Ausgabe seines Buches zeigten. Immer noch hellwach, humorvoll und voller Zuversicht, so erlebten wir Mordechai schon im Mai 2019, als wir ihn persönlich in Tel Aviv besuchten und zusammen mit ihm und seinen Söhnen beschlossen, sein Tagebuch über die Zeit der Judenverfolgung, im Warschauer Ghetto, in den Konzentrationslagern und auf dem Todesmarsch vom Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen.

Wie er überlebt hat? »Ganz einfach: Jeden Tag ein Wunder. An manchen Tagen auch zwei«, antwortet er. Er hat seine ganze Familie in den Kriegsjahren verloren und war nach dem Holocaust der einzige, der noch diesen besonderen Namen trug: Papirblat. »Mein Name ist ein Denkmal«, betont er. Seit 1946 lebt er in Israel, hat zwei Söhne, dazu inzwischen Enkel und Urenkel. Durch ihn lebt der Name weiter, den heute unser Projekt trägt, »Papierblatt«. Wir haben es 2016 gemeinsam gestartet und weiterentwickelt: ZEDAKAH, Schuldekan Thorsten Trautwein und ich mit meinem gemeinnützigen Unternehmen MORIJA. Wie ein Blatt Papier Erinnerungen trägt, um sie für die Nachwelt zu erhalten, wollen wir mit unserer Medien- und Unterrichtsplattform www.papierblatt.de das Gedenken bewahren an die schreckliche Zeit vor nunmehr 75 Jahren: mit Zeitzeugen-Berichten, thematischen Vorträgen und Unterrichtsentwürfen.

Das Buch unseres Namensgebers, »900 Tage in Auschwitz«, bezeugt auf 548 Seiten die erschütternden Ausmaße, die Hass und Antisemitismus annehmen können. In Zeiten, in denen das Wissen um den Holocaust abnimmt, ist das Vermächtnis von Mordechai Papirblat wichtiger denn je.

Es enthält den ausführlichen Bericht, den der Autor kurz nach seiner Ankunft in Israel, Ende der 1940er Jahre, im Tagebuchstil aufgeschrieben hat. Jahrzehntelang schlummerte der handgeschriebene Text dann in einem Umschlag, in einem Schrank – bis zu seinem Ruhestand. Erst dann beauftragte er seinen Sohn mit der Veröffentlichung seiner Erinnerungen. 1995 erschien das hebräische Original unter dem Titel »Der Karpfenschmuggler – 900 Tage in Auschwitz«. 25 Jahre später durften wir es nun in der Sprache der Täter veröffentlichen, die Mordechai Papirblat immer noch spricht, wenn er sagt: »Mein Name ist ein Denkmal, ein Denkmal!«

»900 Tage in Auschwitz« von Mordechai Papirblat kostet 14,95 € und ist im Buchhandel erhältlich oder im www.morijashop.de. Umfangreiches Zusatzmaterial für Vertiefung und Unterricht gibt es auf der crossmedialen Projektseite www.papierblatt.de/papirblat. Das Buch ist der erste Band der Reihe »Edition Papierblatt«, in der weitere Veröffentlichungen geplant sind.

Timo Roller


Papierblatt-Buch:
Geburtstags-Verkauf direkt aus dem Karton!

24.4.2020

Das Buch »900 Tage in Auschwitz« von Mordechai Papirblat wurde diese Woche aus der Druckerei angeliefert, pünktlich vor seinem 97. Geburtstag am 25. April! Schuldekan Thorsten Trautwein und ich wollten den Holocaust-Überlebenden und Namensgeber unseres Papierblatt-Projekts eigentlich in Israel besuchen, um ihm die deutsche Ausgabe seines Buches persönlich zu überreichen. Aufgrund der Corona-Krise konnte die Reise nicht stattfinden und wir werden ihn per Videokonferenz grüßen.

Allen, die Interesse haben, das druckfrische Buch so schnell wie möglich zu erwerben, wollen wir am Samstag, also an seinem Geburtstag, zwischen 14 und 15 Uhr einen Abholservice anbieten: Vor unserem Haus, »Im Flöschle 42« in Sulz am Eck, direkt aus dem Karton – mit Mundschutz, Handschuhen, Desinfektionsmittel und Abstand! Dazu gibt’s ein original Papierblatt-Lesezeichen sowie ein zusätzliches spezielles Geburtstags-Lesezeichen mit seiner eigenen Unterschrift – zwar nicht handsigniert, aber doch handkopiert: von einem Foto unserer Reise im Mai 2019.

Bitte 15 € möglichst abgezählt mitbringen!

Mordechai Papirblat – sein Name ist ein Denkmal. Es ist uns eine Ehre, dass dieses Buch realisiert werden konnte und im MORIJA-Verlag als erster Band der »Edition Papierblatt« erschienen ist.
Timo Roller

Ausführliches Zusatzmaterial gibt es auf der Seite zum Buch.


Tagung in Bad Liebenzell: »75 Jahre nach Auschwitz«

12.9.2019 (aktualisiert am 7.12.2019)

Zum Holocaust-Gedenktag Ende Januar 2020 führen die Projektpartner von »Papierblatt«, Zedakah e.V. und Schuldekan Thorsten Trautwein in Bad Liebenzell eine Tagung durch mit dem Titel »75 Jahre nach Auschwitz – Der Glaube an Gott im Angesicht des Schreckens«. Im Mittelpunkt steht der Zeitzeugenbericht der 94-jährigen Auschwitz-Überlebenden Batsheva Dagan. Prof. Dr. Reinhold Boschki von der Universität Tübingen hält einen Vortrag über »Glaube nach Auschwitz am Beispiel von Elie Wiesel«, Christin Zühlke vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin reveriert über »Jüdischen Glauben im Konzentrationslager nach geheimen Aufzeichnungen des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau, 1943–1944«. Am Montagnachmittag ist eine Exkursion mit Denkmalpfleger Dr. Christoph Timm geplant: »Auf jüdischen Spuren durch Pforzheim«. Weitere Informationen zum Tagungsprogramm und zu den Teilnahmemöglichkeiten entnehmen Sie bitte dem (aktualisierten) Veranstaltungsflyer: »75 Jahre nach Auschwitz« (PDF zur digitalen Ansicht) oder »75 Jahre nach Auschwitz« (PDF zum Ausdrucken auf DIN A4).


»Es brennt!« – ein Unterrichtsentwurf gegen Antisemitismus

11.10.2019

Der schreckliche antisemitische Angriff auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur mit zwei Todesopfern und auch das glücklicherweise erfolglose Messerattentat auf die Synagoge in Berlin wenige Tage zuvor haben uns die Notwendigkeit aufgezeigt, kurzfristig einen Unterrichtsbaustein zu erstellen, um das Thema in der Schule aufgreifen zu können.

Das Lied »S'brent« (»Es brennt!«) von Mordechai Gebirtig wurde 1938 geschrieben und hat eine geradezu »prophetische« Dimension, wenn man die damals noch in der Zukunft liegende Judenvernichtung betrachtet. Der junge jüdische Sänger Yoed Sorek bezeichnete schon am 9.11.2018, als er das Lied in Berlin gesungen hat, die enthaltene Warnung als auch heute noch »sehr, sehr aktuell«.

Das für deutsche Ohren nur in Teilen verständliche jiddische Lied berührt zutiefst!

»Es brennt!«: Ein Unterrichtsbaustein anlässlich der antisemitischen Angriffe im Oktober 2019

Erstellt von Thorsten Trautwein und Timo Roller

Entsprechende Zeitungsartikel, Nachrichteninformationen, Podcasts u.a. können eingeflochten werden.

Fachtag gegen Antisemitismus

26.9.2019

Gruppenbild beim Fachtag – Papierblatt-Team und die politischen Akteure: Schuldekan Thorsten Trautwein, Innenminister Thomas Strobl, Antisemitismusbeauftragter Michael Blume, Frank Clesle von Zedakah und Timo Roller von Morija (v.l.n.r.).

Angesichts des zunehmenden Antisemitismus, der unsere jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bedroht sowie die Werte unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft verletzt, veranstaltete das baden-württembergische Innenministerium gemeinsam mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft am vergangenen Montag einen Fachtag zum Thema »Antisemitismus – Jüdisches Leben in Deutschland zwischen Sicherheit und Unsicherheit«.

Gäste aus Politik, der Polizei und des Kompetenzzentrums gegen Extremismus in Baden-Württemberg (KONEX) waren in die Räume der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Stuttgart geladen. Frank Clesle (Zedakah e.V.), Timo Roller (Morija gGmbH) und Schuldekan Thorsten Trautwein wirkten als Referenten mit. Sie präsentierten die digitale Plattform »Papierblatt«, die Zeitzeugenberichte jüdischer Holocaust-Überlebender sowie vielfältige Unterrichtsmaterialien enthält. Der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, Dr. Michael Blume, hatte in seinem Bericht vor dem Landtag auf das Projekt »Papierblatt« hingewiesen.

Innenminister Thomas Strobl bedankte sich für das Engagement in diesem sensiblen und wichtigen Bereich. Das christliche Hilfswerk Zedakah e.V. mit Sitz in Bad Liebenzell setzt sich seit über 60 Jahren für Holocaust-Überlebende in Israel ein. Immer wieder werden Zeitzeugen nach Deutschland eingeladen, um aus ihrem Leben zu berichten. Medieningenieur Timo Roller filmte die Berichte von Überlebenden in Deutschland und Israel, die er für die digitale Plattform »Papierblatt« aufbereitet hat. Schuldekan Thorsten Trautwein entwickelte mit Lehrkräften Unterrichtsmaterial, das auf der Homepage kostenfrei zur Verfügung gestellt wird und veranstaltet regelmäßig Fortbildungen für Lehrkräfte.

Landeskriminaldirektor Klaus Ziwey zeigte sich beeindruckt von der Authentizität der Zeitzeugnisse und ihrer Wirkung auf den Betrachter. Schuldekan Trautwein bestätigte das: »Die Erzählungen aus dem Leben eines Menschen, der mir virtuell gegenübersitzt, schaffen eine unmittelbare Nähe, ohne mich zu vereinnahmen. Wir wünschen uns, dass so Verständnis wächst und Vorurteile abgebaut werden.«


Bildungszentrum Wildberg: Exkursion ins KZ Oberer Kuhberg und Arbeit mit Papierblatt

26.9.2019

Aus dem Bildungszentrum Wildberg erreichte uns der folgende Bericht einer Realschülerin über eine gelungene Kombination von der Arbeit mit dem Papierblatt-Projekt und dem Besuch einer Gedenkstätte:

Gegen Ende des Schuljahres wird in den neunten Klassen des Bildungszentrums in Geschichte das Thema Judenverfolgung während des Zweiten Weltkriegs behandelt. In der 9b beschäftigten wir uns mit dem Lebenszeugnis von Amira Gezow, das auf der Unterrichtsplattform »Papierblatt« zu finden ist. Die Zehner konnten im Januar einem Bericht des Holocaust-Überlebenden Tomi Breuer zuhören, der zu uns nach Wildberg in den Musiksaal gekommen war. Sein Besuch wurde für das Papierblatt-Projekt aufgenommen.

Eine Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager »Oberer Kuhberg« in Ulm führte uns das Thema besonders eindrücklich vor Augen. Insgesamt fünf Klassen der Stufen 9 und 10 gingen an zwei unterschiedlichen Tagen dorthin.

Am 28. Mai fuhren wir also mit dem Bus in Richtung Ulm. Das Konzentrationslager selbst wirkte von außen eher wie eine mittelalterliche Festung mit dem Eisengitter rundherum und einer Stahltür vor dem Eingang, den man nur über eine kleine Brücke erreichte. Tatsächlich war der Obere Kuhberg eine Festung, die aber nicht im Mittelalter, sondern um 1850 erbaut wurde, als sogenannte »Bundesfestung Ulm«.

Nach dem Betreten des Gebäudes befand man sich in einem Vorraum der früher auf verschiedene Weise genutzt wurde. Dort fällt der Blick auf die Leuchtschrift mit dem Satz »Die Würde des Menschen ist unantastbar«, mit dem das deutsche Grundgesetz beginnt. Damit will die Gedenkstätte verdeutlichen, dass man aus der Geschichte lernen muss!

Von hier aus führt ein Gang in eine Ausstellung und ein anderer ins Außengelände. Über eine Treppe kommt man in den Keller, der früher als Gefängnis genutzt wurde. in dem kleinen Raum wurden viele Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht und nur ein kleiner Schlitz an der Decke sorgte für etwas Licht und frische Luft.

Während unserer Führung wurden uns auch Berichte der Gefangenen vorgelesen, was besonders bewegend war. Auf einem großen Platz innerhalb der Festung mussten die Gefangenen jeden Morgen und bei jedem Wetter zum Appell antreten. Wer schmutzige Kleidung hatte, wurde bestraft und musste diese sofort waschen. Da die Männer aber nur eine Garnitur Häftlingskleidung hatten, mussten sie dann mit ihren nassen Klamotten zurück in ihre kalten Zellen. Die Gefangenen »lebten« in unterirdischen Tunneln, die wir auch während der Führung besichtigten. An den Wänden waren Zitate und Berichte der Gefangen angebracht, die das Leben im Konzentrationslager und die Qualen verdeutlichten. Dreistöckige Holzbetten, Tische, Bänke und die Toilette, die eigentlich nur ein Loch im Boden war, führten das karge Leben der Häftlinge vor Augen.

Bevor es wieder zurück nach Wildberg ging, hatten wir noch ein paar Stunden Aufenthalt in Altstadt von Ulm.

von Marit Roller, 9b (jetzt 10b)


Auschwitz: Zeichen der Hoffnung am schrecklichsten Ort

5.4.2019

In einem längeren Artikel hat Timo Roller seine Eindrücke von unserer Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau vom 3. bis 7. März 2019 beschrieben.

Zum Artikel »Zeichen der Hoffnung am schrecklichsten Ort«.


Neue Beiträge online

7.2.2019

Gedenkabend mit Holocaust-Überlebenden

Ein bewegender Gedenkabend auf dem Gemeinde-Israel-Kongress 2018 in Berlin. Franz und Petra Michalski sowie Siegbert Aron erzählen von ihrem Schicksal. In einem weiteren Interview geht es um die Gegenwart und Zukunft: Assia Gorban und Salomea Genin prangerten die zuweilen oberflächliche Gedenkkultur an.

Gedenkabend am 9. November 2018 in Berlin, Deutschland.

Tomi Breuer (in Bad Liebenzell)

Zweimal hing das Leben von Tomi Breuer am seidenen Faden, der Irrtum eines Bahnangestellten führte ihn nach Wien ins Ghetto, obwohl sein Transport zum Vernichtungslager nach Auschwitz unterwegs war. Später – zur Zeit der Umbrüche in Ungarn, sollte er als jüdischer Teenager ebenfalls ermordet werden, es gelang ihm aber die Flucht.

Vortrag am 27. Januar 2019 in Bad Liebenzell, Deutschland.

Tomi Breuer (in Wildberg)

Zweimal hing das Leben von Tomi Breuer am seidenen Faden, der Irrtum eines Bahnangestellten führte ihn nach Wien ins Ghetto, obwohl sein Transport zum Vernichtungslager nach Auschwitz unterwegs war. Später – zur Zeit der Umbrüche in Ungarn, sollte er als jüdischer Teenager ebenfalls ermordet werden, es gelang ihm aber die Flucht.

Vortrag am 28. Januar 2019 in Wildberg, Deutschland.

Projektvorstellung durch Schuldekan Thorsten Trautwein

Anlässlich des Vortragsabends mit Tomi Breuer zum Holocaust-Gedenktag stellte Schuldekan und Projektpartner Thorsten Trautwein das Papierblatt-Projekt vor.

Projektvorstellung am 27. Januar 2019 in Bad Liebenzell, Deutschland.


Als Kind im Zug nach Wien – statt nach Auschwitz

7.2.2019, siehe auch auf der Website von Zedakah sowie im Schwarzwälder Boten am 4.2.2019

Tomi Breuer hat überlebt. Er kann sich nicht daran erinnern, denn er war noch ein kleines Kind: Die Weiche auf dem Weg nach Auschwitz war für ihn in Richtung Überleben gestellt. Er kam ins Arbeitslager nach Wien, nicht ins Vernichtungslager. Und mit ihm seine Mutter, die eigentlich im anderen Zug sein sollte. In jenem mit den arbeitsfähigen Menschen, die nach Wien sollten, aber durch die Verwechslung nach Auschwitz kamen. In Wien kamen nun die Kranken, Alten und Kinder an, denen sie sich wegen ihres zweijährigen Sohnes Tomi anschloss und damit eigentlich ihr Leben wegwarf. Sie wurde später über 90 Jahre alt. Es ist auffällig, dass viele Holocaust-Überlebende sehr alt werden.

Er wollte seiner Mutter nie zuhören, als sie über diese Zeit erzählte. Tomi Breuer konnte es nicht ertragen, wenn sie dabei weinte. Sie erzählte viel, im Gegensatz zu anderen, die schwiegen. Tomis Frau und seine Kinder hatten aber für ihn das Zuhören übernommen. Nach dem Tod der Mutter erfuhr er von ihnen wie es ihr – und auch ihm – damals ergangen war.

Zweimal hing das Leben von Tomi Breuer am seidenen Faden, zunächst dieser Irrtum eines Bahnangestellten, der ihn mit seiner Familie nach Wien führte. Und auch später noch einmal, im Jahr 1956, zur Zeit der Umbrüche in Ungarn, sollte er als jüdischer Teenager ebenfalls ermordet werden, es gelang ihm aber die Flucht. Schließlich konnte er per Schiff nach Israel einreisen, in seine neue und endgültige Heimat. Hier war er nicht nur geduldet, sondern willkommen – verfolgte Juden aus aller Welt waren im Land ihrer Vorväter zu Israelis geworden.

Tomi Breuer erzählt im Kurhaus Bad Liebenzell seine bewegende Lebensgeschichte.

Er hat sein Schicksal rekonstruiert und erzählt es mit vielen Bildern weiter. 80 Zehntklässler hörten ihm am Montag im Musiksaal des Bildungszentrums in Wildberg gebannt zu. Auch einige Lehrer waren mit dabei. Am Tag zuvor – am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 – berichtete er vor 200 Besuchern in Bad Liebenzell, wo das Hilfswerk Zedakah e.V. eine Veranstaltung initiiert hat. Mit einem Altenpflegeheim und einem Erholungsheim tut das Werk mit Sitz im Liebenzeller Teilort Maisenbach bereits seit fast 60 Jahren einen wertvollen Dienst praktischer Nächstenliebe an Holocaust-Überlebenden im Norden Israels. Aus dieser Arbeit heraus ist auch Medienprojekt »Papierblatt« entstanden: Eine Internetplattform mit Videointerviews von Zeitzeugen, das zusätzlich pädagogisches Begleitmaterial enthält.

Doch solange die Überlebenden noch da sind, reisen und sprechen können, erzählen sie selbst. Tomi Breuer wirkt nicht verbittert oder macht uns Deutschen Vorwürfe. Er redet versöhnlich, optimistisch, dankbar, liebevoll. Dies sagt er zum Schluss zu den Zuhörern: »Ich liebe euch.« Sein Besuch brachte bewegende Begegnungen. Und machte Mut, aus der Erinnerung Taten folgen zu lassen. Taten der Versöhnung, des Trostes und des gegenseiten Lernens und der Zusammenarbeit.

Tomi Breuer mit Übersetzerin Judith Rentschler und der Kamera für die »Papierblatt«-Aufnahme im Bildungszentrum Wildberg.


Studienfahrt nach Auschwitz und Krakau vom 3.–7. März 2019

14.1.2019

Weitere Informationen zu dieser Reise finden Sie auf der Website des Schuldekans der Kirchenbezirke Calw-Nagold und Neuenbürg

 

Arbeitslager statt Todeszug: Vortragsabend zum Holocaust-Gedenktag in Bad Liebenzell

14.1.2019, siehe auch auf der Website von Zedakah

Dass er heute einen Hund besitzt, ist eigentlich ein Wunder. Denn die Angst vor den Lagerhunden der KZ-Wärter gehört zum Eindrücklichsten,woran er sich erinnern kann in jener Zeit des Schreckens.Er war damals ein kleines Kind.Und dass er nach Deutschland zu Besuch kommt, ist ebenfalls ein Wunder. Thomas Breuer – Tomi genannt – hatte sich geschworen, nie wieder hierher zu kommen.

Doch eine Partnerschaft seiner Heimatstadt Netanya mit der nordrheinwestfälischen Stadt Gießen führte dazu, dass er als Lehrer 2002 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Deutschland kam. 2016 bekam er einen Ehrenpreis der Stadt verliehen und kam mit einigen Kindern und Enkeln erneut zu Besuch. Nun wird er in Bad Liebenzell von seinem Schicksal erzählen. Am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar 2019, berichtet er in Bad Liebenzell, im Spiegelsaal des Kurhauses, aus seinem Leben, das in jener schrecklichen Zeit begonnen hat, in der die Deutschen jegliches jüdische Leben in Europa auslöschen wollten.

Thomas Breuer mit seiner Frau Edith.

Zweimal hing das Leben von Tomi Breuer am seidenen Faden, der Irrtum eines Bahnangestellten führte ihn nach Wien ins Ghetto, obwohl sein Transport zum Vernichtungslager nach Auschwitz unterwegs war. Später – zur Zeit der Umbrüche in Ungarn, sollte er als jüdischer Teenager ebenfalls ermordet werden, es gelang ihm aber die Flucht.

Tomi Breuer kam am 22. März 1942 in der ungarischen Stadt Debrecen auf die Welt. 1944 pferchte man ihn mit seiner Mutter und seinen Großeltern – sein Vater war schon vorher umgekommen – in einen Güterwaggon, den das »Sonderkommando Eichmann« nach Auschwitz schickte. Einem Zahlendreher ist es zu verdanken, dass der Waggon aber an den falschen Zug gekoppelt wurde und nach Wien fuhr. Mit 150 Leidensgenossen hat er die furchtbare Fahrt überlebt und auch ein ganzes Jahr im Durchgangslager Strasshof bei Wien.

Nach der Befreiung am Kriegsende kehrte er zunächst mit seiner Familie zurück nach Ungarn. Doch in der Zeit nach dem Krieg waren Juden dort – immer noch – verhasst. Nachdem der Ungarische Volksaufstand 1956 von der sowjetischen Armee niedergekämpft worden war, fand sich Breuers Name – er war inzwischen 13 Jahre alt – auf der Todesliste der kommunistischen Machthaber. Eine Lehrerin warnte ihn und mit gefälschten Papieren stieg er in einen Zug nach Österreich. Als Geheimpolizisten den Zug durchsuchten, konnte er abspringen und über die grüne Grenze ins Nachbarland gelangen. Er war wieder in Wien – heimatlos und mittellos.

Doch mithilfe einer jüdischen Zionistenorganisation konnte er per Schiff nach Israel einreisen, in seine neue und endgültige Heimat. Hier war er nicht nur geduldet, sondern willkommen – verfolgte Juden aus aller Welt waren im Land ihrer Vorväter zu Israelis geworden.

Tomi Breuer lernte Hebräisch, machte Abitur und brachte es als Lehrer bis zum stellvertretenden Schulleiter der High-School in Netanya. Sein Engagement führte ihn dann in Begleitung einer Basketball-Mannschaft wieder nach Deutschland, in Netanyas Partnerstadt Gießen. »Ich fühlte mich wie ein Verräter an denen, die ihr Leben im Holocaust gelassen haben«, erzählte er. Doch dann erlebte er die Freundschaft und Wärme einer neuen Generation in Deutschland und wurde sich seiner Verantwortung als Zeitzeuge bewusst.

Gerade gegenüber Schulklassen fühlt er sich besonders verpflichtet und wird neben dem Vortrag in Bad Liebenzell auch einige Schulen im Umkreis besuchen. Das Hilfswerk »Zedakah e.V.« in Maisenbach wird als Mitveranstalter in Bad Liebenzell dabei sein und koordiniert die Besuche von Breuer. Mit einem Altenpflegeheim und einem Erholungsheim macht Zedakah bereits seit fast 60 Jahren einen wertvollen Dienst praktischer Nächstenliebe an Holocaust-Überlebenden im Norden Israels.

Zusammen mit demSchuldekan des evangelischen Kirchenbezirks und dem gemeinnützigenMedienunternehmen »Morija« wurde vor einiger Zeit das Projekt»Papierblatt« ins Leben gerufen, das Interviews und Vorträge mitZeitzeugen als Videos festhält und online zusammen mit didaktischemBegleitmaterial zur Verfügung stellt. Auch der Abend in BadLiebenzell soll diesem Projekt hinzugefügt werden.

Die Veranstaltung am 27. Januar beginnt um 19.30 Uhr, Einlass in den Spiegelsaal ist ab 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. Bürgermeister Dietmar Fischer von der Stadt Bad Liebenzell sowie der Landtagsabgeordnete Thomas Blenke (CDU) werden Grußworte halten. Für die musikalische Gestaltung konnte der Liedermacher und Autor Lothar von Seltmann gewonnen werden. Dessen Vater trug denselben Namen – und war bei der SS. Der Sohn nun sieht sich in besonderer Verantwortung, er veröffentlichte zum Beispiel vor drei Jahren ein Buch über »Helene Weinmann«, eine messianische Jüdin, die bei der Gründung von »Zedakah« eine entscheidende Rolle spielte.

 

Volksbank unterstützt Papierblatt mit 1500 Euro

10.1.2019

Im Rahmen der Aktion »SpendenAdvent« schüttete die Volksbank-Herrenberg-Nagold-Rottenburg-Stiftung im Dezember 2018 einen sechsstelligen Betrag an gemeinnützige Einrichtungen unserer Region aus. Wir sind dankbar, dass die MORIJA gGmbH als eine von 120 Organisationen vom Kuratorium ausgewählt wurde und für das Projekt »Papierblatt« einen Betrag von 1500 Euro erhielt. Wir wollen damit speziell die Suche nach Spuren jüdischen Lebens und der Judenverfolgung in unserer Heimatregion Nordschwarzwald intensivieren und den entsprechenden Bereich auf unserer Website inhaltlich und didaktisch ausbauen.

Foto von der Scheckübergabe am 18.12.2018 in Nagold, von links: Ralf Gottschalk (Volksbank), Gabriel Stängle (Experte zum Thema Judenverfolgung im Nagoldtal und Projekt-Mitarbeiter bei »Papierblatt«), Timo Roller (Geschäftsführer der MORIJA gGmbH und Mitinitiator von »Papierblatt«) sowie Martin Graf (Vorstand der Volksbank-Stiftung).

 

Ein bewegender Abend in Berlin

17.12.2018, ebenso auf der Website von Zedakah erschienen

Eine Glasscherbe mit der Aufschrift »9.11.2018« bekam jeder Besucher von einem Holocaustüberlebenden überreicht, als der Gedenkabend auf dem Gemeinde-Israel-Kongress in Berlin zu Ende war. Ein Erinnerungsstück an das Glas jüdischer Geschäfte, das vor 80 Jahren zersplitterte: Die Menschen, die die damaligen Ereignisse erlebt und überlebt haben, sind heute wertvolle und wichtige Zeugen. Novemberpogrom, Reichspogromnacht oder – das Motiv der Glasscherben im Namen – Kristallnacht. Dieser Begriff »Kristallnacht« ist in Deutschland umstritten – und doch heißt es auf hebräisch: »Lejl haBdolach«, die »Nacht des Kristalls«. Die Ausgrenzung der Juden schlug damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in Gewalt um. Gebäude wurden zerstört, Synagogen in Brand gesetzt, Menschen geschlagen und ermordet. Der Auftakt zum Holocaust mit 6 Millionen jüdischen Opfern.

Franz und Petra Michalski sowie Siegbert Aron erzählten von damals. Sie betraten die mit über 1200 Kongressteilnehmern gefüllte Halle mit zwei Kindern an der Hand. Timon (4) und Carina (9) sind so alt, wie Herr Michalski und Herr Aron damals gewesen sind. Die beiden Überlebenden beantworteten Fragen von Marina Müller, die für »Zeugen der Zeitzeugen« zusammen mit Frank Clesle von Zedakah diesen eindrücklichen und bewegenden Abend initiiert hat. Als Kinder konnten sie die Bedeutung der Ausgrenzung kaum erfassen, erlebten aber den traumatischen Ausschluss aus der Schule oder die Trennung von Freunden. Durch die Hilfe von mutigen Menschen konnten sie sich verstecken und die Flucht ergreifen. Siegbert Aron gelangte über Shanghai nach Israel.

Und schließlich kehrten sie zurück – nach Berlin. Heute werden sie Zeugen davon, wie Juden wieder in der Schule ausgegrenzt und gemobbt werden: Ein Enkel der Michalskis wurde von Klassenkameraden gequält und musste schließlich von seinen Eltern von der Schule genommen werden. Die Schulleitung war offensichtlich überfordert; das Markenzeichen »Schule ohne Rassismus« entpuppte sich als leere Phrase. Im Falle von Juden schien es wohl bequemer, wenn das Opfer geht.

In einem weiteren Interview ging es um die Gegenwart und Zukunft: Assia Gorban und Salomea Genin prangerten die zuweilen oberflächliche Gedenkkultur an. Man äußere sich laut gegen Antisemitismus, lasse es aber zu, dass der Staat Israel dämonisiert wird oder Boykottanhänger ein modernes »Kauft nicht bei Juden!« rufen. Die beiden Frauen wünschen sich, dass Juden sich frei bewegen können und Synagogen nicht polizeilich geschützt werden müssen.

Für zusätzliche Gänsehautmomente sorgte der jüdische Kantor Yoed Sorek. Das jiddische Lied »Es brennt« berührte jeden, der auch nur diese Zeile verstand. Das gesungene Trauergebet Kaddisch sorgte für andächtiges Schweigen.

Zuletzt versammelten sich 14 jüdische Überlebende aus Berliner Gemeinden vor den ergriffenen Zuschauern auf der Bühne. Eine Holocaustüberlebende äußerte sich gegenüber Frank Clesle sichtlich bewegt: Dies sei ein sehr wertvoller Abend gewesen und habe ihr besser gefallen als das Gedenken am Nachmittag in der Berliner Synagoge mit Angela Merkel, an dem sie zuvor teilgenommen hatte.

Für unser gemeinsames Projekt »Papierblatt – Holocaustüberlebende berichten« habe ich diesen bewegenden Abend dokumentiert und wir konnten auf dem Kongress wertvolle Kontakte schließen für die weitere Vernetzung dieser Bildungsplattform.

Timo Roller

 

Ein anderes Wort für Hoffnung

12.7.2018, am 7.7.2018 im Schwarzwälder Boten erschienen

Millionenschwere Digitalisierungsprojekte der Landesregierung gerieten jüngst ins Stocken, im Casino der Sparkasse Calw stellte Schuldekan Thorsten Trautwein derweil das Projekt »Papierblatt« vor.

»Papierblatt« ist ein Videoarchiv mit Lebensberichten von jüdischen Holocaust-Überlebenden, das zunächst durch ehrenamtliches Engagement initiiert und dann von gemeinnützigen Werken und der Kirche weiterentwickelt wurde.

Das Hilfswerk »Zedakah« in Bad Liebenzell-Maisenbach hat 2013 damit begonnen, in Israel das Schicksal Holocaust-Überlebender mit Videointerviews zu dokumentieren. Auch zahlreiche Vorträge wurden gefilmt. Mittlerweile – 73 Jahre nach Kriegsende – sind diese Menschen entweder sehr alt, oder sie waren noch kleine Kinder, als in Deutschland die jüdische Bevölkerung der Ausgrenzung und schließlich der Vernichtung preisgegeben wurde. Seit den 1960er-Jahren betreut »Zedakah« Holocaust-Überlebende im Norden Israels.

Die Erinnerung an diese dunkle Zeit will das Projekt »Papierblatt« wachhalten, Schuldekan Trautwein hat es deshalb von Anfang unterstützt, um es als digitale Bildungsplattform zu nutzen. Dabei half er gemeinsam mit Pfarrern und Religionspädagogen, das gesammelte Videomaterial für den schulischen Unterricht didaktisch zugänglich zu machen.

Nun wurde es in Anwesenheit von Lehrern, Pfarrern, Diakonissen, politischen und gesellschaftlichen Verantwortungsträgern sowie weiteren Interessierten der Öffentlichkeit präsentiert, worüber sich Gastgeber Hans Neuweiler, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw, sehr erfreut zeigte.

»Papierblatt« ist nach dem Nachnamen eines Überlebenden benannt – in Doppelbedeutung mit dem Blatt Papier als Erinnerungsträger – und enthält mittlerweile etwa 25 Interviews und Vorträge mit bis zu zweieinhalb Stunden Länge. Ergänzt wurden diese Interviews durch didaktische Hinweise und ausgearbeiteten Unterrichtsentwürfe für Lehrkräfte sowie einer ausgeklügelten Video-Suchfunktion. Zudem ist die Internetpräsenz so programmiert, dass sie auch auf Tablets und Mobiltelefonen sehr einfach verwendet werden kann. Es ist kein Zugangcode nötig und auch Werbung findet sich nicht – das Projekt ist unter der Webadresse www.papierblatt.de für jedermann frei nutzbar. »Papierblatt« wird durch Spenden finanziert, für die Weiterentwicklung seien nun zunächst weitere Mittel erforderlich, so Thorsten Trautwein.

Andrew Hilkowitz ist Dialogbeauftragter der jüdischen Gemeinde in Pforzheim und Vorsitzender eines Vereins, der diejenigen Menschen unterstützt, die als Kinder den Holocaust überlebt haben. An seiner eigenen Lebensgeschichte machte er in seinem Grußwort deutlich, dass er trotz Flucht nach England alles andere als eine normale Kindheit hatte, mehrmals wurde sein Leben völlig entwurzelt und umgekrempelt.

Andrew Hilkowitz

Videoaufnahme des Vortrags am 28. Juni 2018 in Calw.

Auch der Hauptreferent des Abends, Prof. Dr. Reinhold Boschki von der Universität Tübingen, machte die Ursprünge seiner akademischen Laufbahn an biografischen Aspekten fest: Der im Schwarzwald Aufgewachsene erfuhr von den Schattenseiten seines eigenen Wohnorts und dem Schicksal des Juden Paul Niedermann, der lange nicht über die traumatischen Ereignisse berichten konnte, später aber als Zeuge gegen Klaus Barbie, den sogenannten »Schlächter von Lyon« aussagte und in der Folge immer wieder Vorträge hielt.

Antisemitismus sei in Deutschland ein historisches, aber auch ein aktuelles Problem, so Professor Boschki. Auch der Gründer der Uni des katholischen Theologen war ein ausgemachter Antisemit: der berühmte württembergische Herzog Eberhard im Bart (1445–1496). Und in den letzten Jahren sei eine drastische Zunahme judenfeindlicher Tendenzen zu beobachten, so sei der Anteil antisemitischer Webseiten um 40 Prozent gestiegen und Antisemitismus in allen gesellschaftlichen Schichten zu beobachten.

Als Pädagoge könne er angesichts dieser Zahlen dennoch nicht ohne Hoffnung leben. Holocaust-Bildung wie durch das »Papierblatt«-Projekt sei wichtig, wenn die Zeitzeugen nun langsam durch den größer werdenden zeitlichen Abstand zum Geschehen verstummen. Erinnerung helfe, die Menschenrechte auch in der Gegenwart und in Zukunft zu schützen. Am Ende zitierte er den 2016 verstorbenen Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel, mit dessen Lebenswerk er sich beschäftigt: »Erinnerung ist ein anderes Wort für Hoffnung«.

Aus der Vergangenheit lernen? Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung

Vortrag von Prof. Dr. Reinhold Boschki (Universität Tübingen)

Der Hauptreferent der Papierblatt-Projektpräsentation am 28.6.2018 in Calw, Prof. Dr. Reinhold Boschki von der Universität Tübingen, machte die Ursprünge seiner akademischen Laufbahn an biografischen Aspekten fest: Der im Schwarzwald Aufgewachsene erfuhr von den Schattenseiten seines eigenen Wohnorts und dem Schicksal des Juden Paul Niedermann, der lange nicht über die traumatischen Ereignisse berichten konnte, später aber als Zeuge gegen Klaus Barbie, den sogenannten »Schlächter von Lyon« aussagte und in der Folge immer wieder Vorträge hielt.

Während Zeno Danner, Erster Landesbeamter des Landkreises Calw, sowie Stefan Hermann vom Pädagogisch-theologischen Zentrum der Landeskirche in ihren Grußworten deutliche Worte in Richtung des Rechtspopulismus fanden, machte der AfD-Landtagsabgeordnete Klaus Dürr durch seine Anwesenheit deutlich, dass es in seiner Partei offensichtlich auch ein Gegengewicht zu nationalistischen und antisemitischen Tendenzen gibt. So gab es dann auch beim abschließenden Stehimbiss noch angeregte und teilweise kontroverse Diskussionen.

Musikalisch begleitet wurde der Abend von Schülern des Musik-Neigungskurses der beiden Calwer Gymnasien.

Timo Roller

 

Von Auschwitz lernen – Projektpräsentation am 28. Juni 2018 in Calw

14.5.2018

Wir laden herzlich ein zu einer Veranstaltung in Calw, bei der das Projekt »Papierblatt« feierlich vorgestellt und offiziell der öffentlichen Nutzung übergeben wird. Prof. Dr. Reinhold Boschki wird am 28.6. referieren über das Thema: »Aus der Vergangenheit lernen? – Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung«.

Das Programm des Abends:

17.30 Uhr: Einlass

18.00 Uhr: Begrüßung durch Schuldekan Thorsten Trautwein

anschließend Grußworte von Hans Neuweiler (stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw), Andrew Hilkowitz (erster Vorsitzender von Child Survivors Deutschland e.V.) und Stefan Hermann (Direktor des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Evang. Landeskirche)

18.30 Uhr: Vorstellung des Projekts »Papierblatt« und der Website www.papierblatt.de

19.00 Uhr: Vortrag »Aus der Vergangenheit lernen? – Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung« von Prof. Dr. Reinhold Boschki, anschließend Diskussion

20.15 Uhr: Ende des Programms, anschließend Stehimbiss

Den musikalischen Teil gestalten Schülerinnen und Schüler des Musik-Neigungskurses des Hermann-Hesse- und des Maria-von-Linden-Gymnasiums Calw.

Die Veranstaltung ist am Donnerstag, 28. Juni 2018 ab 18 Uhr im Casino der Sparkasse Calw (Sparkassenplatz 1 in Calw). Zugang über den Eingang neben der »Alten Apotheke«.

 

Holocaust-Gedenken und Antisemitismus

16.4.2018

Am 12. April war in Israel Yom HaShoah: Der Tag des Holocaust-Gedenkens. Innehalten beim Heulen der Sirenen, Erinnerung. Nie wieder! – Es stimmt mich sehr nachdenklich, dass am Abend dieses Tages in Deutschland ein »Echo« – der wichtigste deutsche Musikpreis – ausgerechnet an zwei Rapper vergeben wird, deren Texte geschmacklos, sexistisch und gewaltverherrlichend sind, aber auch judenfeindlich, wenn sie reimen: »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen«. Laut Veranstalter fällt das unter Kunstfreiheit. Das kann man vielleicht so sehen, aber es sagt viel aus über eine Veranstaltung und deren Teilnehmer, wenn solche »Kunst« mit Preisen gewürdigt wird. Was ist es dann wert, wenn es bei nächster Gelegenheit wieder heißt: »#WeRemember«?

Antisemitismus ist in Deutschland erschreckend gesellschaftsfähig, »Jude« als Schimpfwort an Schulen, das Messen mit zweierlei Maß, wenn es um Israel geht. Eine Fluggesellschaft darf mitten in Deutschland Passagieren mit israelischem Pass das Mitfliegen verweigern.

Um aus der Vergangenheit zu lernen, wie das immer wieder gefordert wird, müssen wir sie kennen. Mich bestätigen die gegenwärtigen Vorgänge darin, unser Projekt »Papierblatt« voranzubringen. Menschen, die »Auschwitz« und den Holocaust selbst erlebt haben, erzählen im Video von ihren schrecklichen Schicksalen. Der Zuhörer weiß dann besser, was »Nie wieder!« bedeutet.

Timo Roller, Projektleitung (MORIJA gGmbH)

 

Kristallnachterinnerung und Erweiterung der Plattform

23.2.2018

Wir freuen uns, dass unser Papierblatt-Projekt dank der Unterstützung von Organisationen und Privatpersonen wächst und an Bekanntheit zunimmt. Und vor allem auch, dass wir weitere Lebenszeugnisse von Holocaust-Überlebenden aufnehmen konnten, die mit der Veröffentlichung einverstanden sind. Vielen Dank!

In den letzten Monaten haben wir die Internet-Plattform wesentlich erweitert – ab heute sind diese Veränderungen für jeden erreichbar und nutzbar. Doch nach wie vor ist das Projekt im Werden und es gibt noch viele ausbaufähige Bereiche. Wir arbeiten daran!

2018 erinnern wir uns an den 80. Jahrestag der sogenannten »Reichskristallnacht«. Schuldekan Thorsten Trautwein, der zur Projektleitung von »Papierblatt« gehört, hat aus diesem Anlass ein Heft zusammengestellt, das zahlreiche Veranstaltungen enthält, die an diese dunkle Zeit unserer deutschen Geschichte erinnern wollen. Wir laden herzlich dazu ein, die Broschüre mit dem Titel »Kristallnachterinnerung« können Sie im PDF-Format herunterladen. Besonders ans Herz legen wollen wir Ihnen die festliche Projektpräsentation von »Papierblatt« am Donnerstag, 28. Juni ab 18 Uhr im »Casino« der Sparkasse Calw (Sparkassenplatz 1, 75365 Calw). Neben der Präsentation von »Papierblatt« hören wir einen Vortrag von Prof. Dr. Reinhold Boschki zum Thema »Aus der Vergangenheit lernen? – Die Bedeutung und Herausforderung von Auschwitz für die individuelle und schulische Bildung«.