Anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar 2026 war Walter Bingham aus Jerusalem zu Gast in Deutschland, um als Zeitzeuge aus seinem Leben zu erzählen. Er entkam den Schrecken des Nationalsozialismus, weil er – ohne seine Eltern – mit dem sogenannten »Kindertransport« nach England entkommen konnte.
An zwei bewegenden Gedenkabenden erzählte er einem interessierten Publikum, einmal im iP-Zentrum in Maisenbach am 25. Januar, dann im Landratsamt Karlsruhe, am eigentlichen Gedenktag, dem 27. Januar. Die Veranstaltung in Maisenbach konnte per Livestream verfolgt werden und steht weiterhin online zur Verfügung. Die weiteren Veranstaltungen wurden ebenfalls dokumentiert und werden in Laufe der nächsten Wochen ebenfalls auf unserer Plattform bereitgestellt.
1924 wurde Walter Bingham als Wolfgang Billig in Karlsruhe geboren, hatte zunächst eine schöne Kindheit. Dann bließ ihm der heftige Wind des antisemtisschen Nationalsozialismus entgegen: Er wurde als Schüler ausgegrenzt, gemieden, geschlagen. Er erlebte aus nächster Nähe die Bücherverbrennung auf dem Schlossplatz. Während der »Reichskristallnacht« – in Israel spricht man diesen herben und umstrittenen Namen der Novemberpogrome 1938 aus – hielt er sich in Mannheim auf, dies hatte ihn davor bewahrt, zusammen mit seinem Vater ins Warschauer Ghetto abtransportiert zu werden, wo dieser starb.
Er erhielt die Chance, als einer der Ältesten im Alter von 15 Jahren mit dem sogenannten Kindertransport nach England zu entkommen. Bis heute wirft er den Engländer vor, dass diese Rettungsaktion herzlos gewesen sei, da man nur die Kinder rettete und sie von ihren Eltern trennte, ein schwerer Abschied für beide Seiten – für die allermeisten für immer.
Unermüdlich beeindruckte Walter Bingham jeweils das Publikum mit seinen wachen und lebendigen Erzählungen, Moderator Thorsten Trautwein musste ihm nur Stichwörter zuwerfen, Binghams Erinnerungen waren unerschöpflich. Mit dem Zünden von Kerzen im Beisein von Landräten und Rabbinern endeten jeweils die Gedenkabende.
Eindrücklich waren die Ausflüge zu Binghams Wurzeln: Auf dem Karlsruher Friedhof besuchte er die Gräber seiner Großväter Chaim Brühand und Wolf Billig, erinnert wird dort zusätzlich an viele Verwandte, die nirgendwo eine Grabstätte gefunden haben. Ein Team vom SWR und eine Journalistin der Badischen Neuen Nachrichten begleiteten ihn.
In der Karlsruher Kaiserstraße besuchte er dann noch den Stolperstein für seinen Vater, Sigmund Billig. Vor einigen Jahren, als dieser gesetzt wurde, war er bereits hier gewesen. Nun wollte er um den Zustand wissen. Und redete mit jungen Passanten: »Wisst ihr, was dieser Stolperstein bedeutet?« Hier werde an seinen Vater erinnert und hier habe er vom Balkon seines Elternhauses gesehen, wie Hitler durch Karlsruhe fuhr. Die Teenager staunten ergriffen.
Walter Bingham besuchte auch noch eine Gegend in Ettlingen, wo seinen Cousine versteckt wurde und wo man an einen »Gerechten unter den Völkern«, Otto Hörner, erinnert. Er hatte sieben Juden in seiner Gartenhütte versteckt, darunter Sofie Loebl, die Cousine Binghams.
150 Schüler in Bad Liebenzell und danach etwa 120 ehemalige Soldaten in der Bundeswehrfachschule in Karlsruhe gehörten zu seinen weiteren Zuhörern, ihnen erzählte er noch einmal unermüdlich von seinem Schicksal, mit je unterschiedlichen Schwerpunkten.
Einen Bericht über die Begegnung an der Bundeswehrfachschule hat Markus Vögele verfasst, der dort Lehrer ist:
Mit den Worten »Welcome und Schalom« begrüßte Oberstudienrat Klaus Müller am Mittwoch, den 28. Januar in der Bundeswehrfachschule Karlsruhe einen ganz besonderen Gast: den 102-jährigen Holocaust-Überlebenden Walter Bingham. Mit dem »Kindertransport« entkam Bingham 1939 dem Schrecken der Nazis und dem wohl sicheren Tod. Seine Über-Lebensgeschichte erzählte der Zeitzeuge anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags Schülerinnen und Schülern der Bundeswehrfachschule Karlsruhe. Der Vortrag fand in Kooperation mit dem Verein Zedakah statt.
In seiner Begrüßungsrede verwies Klaus Müller, der den Besuch Walter Binghams an der Bundeswehrfachschule Karlsruhe in die Wege geleitet hatte, auf die vertiefte Zusammenarbeit Deutschlands mit Israel und betonte, wie wichtig Austausch und Bildung sowie die Begegnung der beiden Länder seien.
Als Walter Bingham im Anschluss an die gemeinsam gesungene israelische Nationalhymne, die Klaus Müller auf der Gitarre begleitete, neben Zedakah-Mitarbeiter und Moderator Jair Bayer Platz nahm und über sein Leben zu erzählen begann, wurde es im vollbesetzten Campusraum der Bundeswehrfachschule Karlsruhe mucksmäuschenstill. Aufmerksam hörten die Lehrgangsteilnehmenden, Lehrkräfte und Vertreter des Landeskommandos Baden-Württemberg im Publikum dem jüdischen Gastredner zu, der viel zu erzählen hatte und 102 Jahre in zwei Stunden Revue passieren ließ.
Walter Binghams Leben begann am 5. Januar 1924 als Wolfgang Billig in Karlsruhe. Die Jahre vor 1933 habe Bingham in guter Erinnerung, wie er sagte. Doch mit der »Machtergreifung« am 30. Januar 1933 änderte sich alles. In der Schule wurde er gejagt, geschlagen und beschimpft. »Du schmutziger, stinkender Jude!«, gab Bingham die Beleidigungen seiner Mitschüler wieder. Eindrücklich beschrieb Bingham, wie die Nazis im Mai 1933 mit großer Freude die Bücher jüdischer Autoren auf den Scheiterhaufen auf dem Schlossplatz in Karlsruhe warfen, jüdische Geschäfte boykottiert wurden und in der »Reichspogromnacht« am 9./10. November 1938 die Synagoge in Mannheim, wo Bingham damals aufs Internat ging, in Flammen stand.
Während Bingham erzählte, dokumentierten Fotos auf einer Leinwand seine Geschichte – und das Schicksal seines Vaters. So zeigte ein Foto Binghams Vater bei seiner Verhaftung und Zwangsausweisung am 28. Oktober 1938 während der »Polenaktion«, der ersten Massendeportation von Jüdinnen und Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft. Seinen Vater sah er nie wieder. Heute erinnert ein Stolperstein in der Kaiserstraße 211 in Karlsruhe an Sigmund Billig, der 1941 im Warschauer Ghetto starb. Dem nationalsozialistischen Terror entkam Walter Bingham mit einer beispiellosen Rettungsaktion. Mit dem »Kindertransport« schickte ihn seine Mutter am 25. Juli 1939 nach England. Nach schwierigen Jahren in einem heruntergekommenen Schloss, das als Flüchtlingsunterkunft diente, trat er 1944 als Zwanzigjähriger der britischen Armee bei und kämpfte in der Normandie gegen die deutschen Besatzer. »Ich wollte mithelfen, den Nazismus zu vertreiben«, erklärt Bingham. Getötet habe er aber niemanden, nur Menschen gerettet, betonte Bingham nicht nur einmal während des Vortrags. König Georg VI. verlieh ihm später die »Military Medal« für Tapferkeit im Felde.
Aus Angst, wegen seines deutschklingenden Vornamens in Gefangenschaft zu geraten, nannte er sich Walter. Einen neuen Nachnamen fand er beim Blättern in einem Telefonbuch.
Während seiner Stationierung im besetzten Deutschland arbeitete Bingham für die Spionageabwehr und half als deutscher Muttersprachler dabei, NS-Offiziere zu identifizieren. Für die Briten verhörte er den ehemaligen Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Von ihm habe Bingham im Verhör wissen wollen, was er über die »Endlösung« sagen könne. »Ich wusste davon nichts, das war der Führer«, so Ribbentrops Antwort, die Bingham beinahe die Fassung verlieren ließ. »Ich hätte ihn erwürgen können«, sagte Bingham.
Ribbentrop wurde als einer der Hauptangeklagten in den Nürnberger Prozessen zum Tod durch den Strang verurteilt und 1946 hingerichtet.
Nach Beendigung seines Dienstes in der Armee arbeitete Bingham als Journalist. Sieben Jahre nach seiner Flucht aus Deutschland erlebte Bingham den emotionalsten Moment in seinem Leben, als er seine Mutter wieder traf. Sie war nach der Deportation und verschiedenen Arbeitslagern in Schweden gelandet. »Ich musste meine Mutter neu kennenlernen«, beschrieb Bingham rückblickend das Wiedersehen.
Seit 2004 lebt Bingham in Israel. »Plötzlich hatte ich Wurzeln«, sagte Bingham über seine Heimat Jerusalem. Bingham hat viel erlebt – Abgründe und Höhenflüge. Mit über 100 Jahren bewältigte er einen spektakulären Tandemsprung aus 4500 Metern Höhe. Außerdem stellte Bingham zwei Weltrekorde auf. Ins Guinness-Buch schaffte er es als ältester Journalist und Radiomoderator der Welt. Als Schauspieler mimte er in zwei Harry Potter-Filmen einen bärtigen Zauberer und arbeitete außerdem als Fotomodel. Noch heute schreibt er für die Jerusalem Post und moderiert seine eigene Radiosendung. Und besucht Schulen, um zu erinnern und aktiv zu sein. Denn der Antisemitismus werde immer schlimmer, wie Bingham glaubt.
Was er jungen Menschen mit auf den Weg gebe, so die Frage eines Lehrgangsteilnehmers. »Man muss ein guter Mensch sein und anderen helfen, dann wird auch die Welt gut«, so die Botschaft des 102-Jährigen, der vor Erzähldrang nur so sprudelte und von Moderator Bayer aus Zeitgründen immer wieder unterbrochen werden musste.
Am Ende der Veranstaltung verlieh Oberst Joachim Fallert vom Landeskommando Baden-Württemberg Walter Bingham, dessen Unermüdlichkeit und Lebensfreude beeindruckten, einen Bundeswehr-Coin als Zeichen der Anerkennung und des Dankes für eine Erinnerung, die ohne Begegnung nie möglich gewesen wäre.
Israelnetz: Kindertransport-Überlebender zu Besuch im Schwarzwald
SWR aktuell: Holocaust-Überlebender zurück in Karlsruhe
SWR: »Hitler fuhr an mir vorbei« - Überlebender aus Karlsruhe berichtet über Holocaust
Baden TV: Zeitzeuge Walter Bingham zu Besuch in Karlsruhe – Erinnern am Holocaust-Gedenktag
Evangelisches Gemeindeblatt: Walter Bingham: Ein Zeitzeuge kehrt zurück
Stadt Karlsruhe: Ein Zeitzeuge erinnert sich
Idea: Holocaust-Gedenktag: 102-jähriger Zeitzeuge berichtet
Schwarzwälder Bote (Ankündigung): Zeitzeuge kommt nach Bad Liebenzell
Schwarzwälder Bote: »Ich sah Hitler einige Male von unserem Balkon« (Bezahlschranke)