Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Andrew Hilkowitz

Vortrag am 28. Juni 2018 in Calw, Deutschland

Andrew Hilkowitz verdeutlicht anhand seiner eigenen Lebensgeschichte, dass die Auswirkungen des Holocausts weiter reichen, als man im ersten Moment denkt. Als Kind deutscher Juden 1941 in Manchester geboren und aufgewachsen, kommt er mit sechs Jahren nach Berlin, wo er kein Wort versteht. Das Erlebnis wiederholt sich noch zweimal. Zunächst als er zu Beginn der 1950er Jahre mit seinem Vater und seiner Schwester nach Israel in einen Kibbuz auswandert, wo ihm nicht nur die Sprache sondern auch die Kultur völlig fremd ist. Und dann ein weiteres Mal, als er zwei Jahre später zu seiner Mutter nach München zurückkehrt, wo er dem Unterricht seines bayerischen Lehrers wegen dessen Dialekts erneut nicht folgen kann.

Kurzbiografie

Kurzbiographie von Andrew Hilkowitz

Andrew Hilkowitz' Eltern wandern kurz vor Kriegsbeginn nach England aus, wo er 1941 zur Welt kommt. Als er 6 Jahre alt ist, kehren sie 1947 nach Ostberlin zurück. Doch zu Beginn der 1950er Jahre erstarkt der Antisemitismus in der DDR, so dass fast alle Juden in den Westen gehen – so auch die zwischenzeitlich geschiedenen Eltern von A. Hilkowitz. Der Vater beschließt 1953 nach Israel auszuwandern, und da die Mutter zu der Zeit im Krankenhaus ist, nimmt er Andrew und seine Schwester mit. Aber im Kibbuz fühlt Andrew Hilkowitz sich nicht nur wegen der unbekannten Sprache, sondern auch wegen der ihm fremden Kultur sehr unwohl, so dass er um die Rückkehr nach Deutschland bittet. Diese wird ihm zunächst von der Kibbuz-Versammlung verwehrt, doch nach zwei Jahren kann er 1955 zur Mutter und ihrem zweiten Mann – einem Deutschen - nach München ziehen. Aber auch hier erschwert ihm der Dialekt ein weiteres Mal die Integration.

Inhaltsübersicht

00:08 - 01:23

Begrüßung

Andrew Hilkowitz erläutert kurz, wie er den Verein »Child Survivor« auf einem Kongress im Jahr 2008 kennenlernte und wie er in die Funktion als Vorsitzender kam.

01:23 - 02:36

Definition von »Child Survivor«

Bevor Andrew Hilkowitz von sich erzählt, möchte er die Ursachen schildern und erklärt, warum Zeitzeugen wichtig sind. Er hat zwei Diktaturen erleben müssen, beide waren stark antisemitisch. Wenn man vom Zweiten Weltkrieg spricht, sind es eigentlich zwei Kriege, die Hitler führte: gegen die Welt und gegen die Juden. In diesem Krieg standen die Juden Europas alleine da. Der Nationalsozialismus war die radikalste Revolution, ein rein ideologisches Auflehnen gegen die Menschlichkeit. Bei allen anderen Völkermorden war das Motiv realistisch. Bei der Shoa war der Völkermord auf reiner Phantasie aufgebaut. Man wollte alle Menschen eines Volkes vollständig vernichten, nur weil sie geboren waren.

02:36 - 04:22

Rückkehr der Familie nach Deutschland

Seine Eltern fühlten sich als Deutsche und wollen nach dem Krieg wieder zurück nach Deutschland. So kommen sie als überzeugte Kommunisten 1947 nach Ost-Berlin, wo sie das neue sozialistische Deutschland mit aufbauen möchten. Als Andrew Hilkowitz als Sechsjähriger nach Deutschland kommt, kann er kein Wort Deutsch, weshalb er zunächst für ein Jahr eine Schulbefreiung bekommt. Ab dem Augenblick sprechen seine Eltern nur noch Deutsch mit ihm, was dazu führt, dass er zwar nach einem Jahr ziemlich gut Deutsch kann, aber das Englische schon fast vergessen hat.

04:22 - 05:34

Fluchtpläne

Er besucht die Schule in Pankow bis zu seinem elften Lebensjahr und ist bei den Jungen Pionieren. In den Jahren 1952/53 flüchten sehr viele Juden, die auf dem Gebiet der DDR leben, nach Westdeutschland. Hilkowitz lebt mit seiner Schwester bei der Mutter, die inzwischen von seinem Vater geschieden und mit einem deutschen Mann verheiratet ist. Als sie den Kindern eröffnet, dass sie in den Westen gehen wollen, ist Hilkowitz erster Gedanke, zur Polizei zu gehen und sie anzuzeigen.

05:34 - 07:37

Ankunft in Westberlin

In der ersten Zeit können sie bei Verwandten des zweiten Mannes in Westberlin unterkommen. Um dem Vater die neue Anschrift mitzueilen, geht Andrew Hilkowitz mit einem Brief der Mutter zur Wohnung des Vaters und schiebt ihn dort unter dem Türschlitz durch, weil ein Versand mit der Post zu gefährlich ist. Der Vater ist zu der Zeit gerade im Skiurlaub. Als er nach dem Urlaub nach ihnen schauen will, ist seine frühere Frau inzwischen in einem Flüchtlingslager – in einer großen Turnhalle mit ca. 100 Matratzen und 2 Toiletten und 2 Waschbecken – untergebracht. Die Mutter versucht, den Vater davon zu überzeugen, dass auch er in den Westen fliehen müsse, weil seine Verhaftung unmittelbar bevorstünde. Ein Freund hatte der Mutter den Hinweis gegeben, dass sich ihre Namen auf einer entsprechenden Liste des Ministeriums finden, und beide wegen ihres langjährigen Aufenthalts in einem westlichen Land verhaftet werden sollen.

07:37 - 08:06

Antisemitismus in der DDR 7:37

Im Osten herrscht zu der Zeit eine antijüdische Atmosphäre, so dass fast alle Juden die DDR Anfang der 1950er Jahre verlassen. Als 1989 die Mauer fällt, leben nur noch ungefähr 200 Juden in der DDR – alle anderen sind vorher geflüchtet.

08:06 - 09:05

Als Flüchtling im Westen

Die Zeit in der Flüchtlingsunterkunft dauert zum Glück nicht lange. Nach ca. einer Woche kommt die Familie Hilkowitz zusammen mit anderen jüdischen Flüchtlingen in ein Haus am Wannsee, das der jüdischen Gemeinde gehört. Der Mutter war es zwischenzeitlich gelungen, den Vater zu überzeugen, so dass sie alle zusammen in dieser Flüchtlingsunterkunft leben.

09:05 - 09:55

Ausreise nach Israel

Hilkowitz' Mutter wird zu der Zeit schwer krank und muss mehrere Monate im Krankenhaus verbringen. Als sein Vater beschließt, dass seine zweite Flucht die letzte sein soll, und er vor diesem Hintergrund Auswanderungspläne nach Israel schmiedet, vertraut Andrews Mutter ihn und seine Schwester Monika dem Vater an. Sie selbst will dann nach Israel nachkommen

09:55 - 11:55

Fremde Sprache, fremde Umgebung

Ein zweites Mal hat Andrew Hilkowitz das Erlebnis, dass er in ein Land kommt, dessen Sprache er nicht kennt. Er kann kein Wort Hebräisch, soll dort aber zur Schule gehen. Sie wohnen bei einer Schwester des Vaters, die bereits 1933 ausgewandert ist. Die Tante hatte als Kommunistin zusammen mit anderen Auswanderern einen Kibbuz gegründet. Als Großstadtkind, das in Manchester und Berlin aufgewachsen ist, fällt Hilkowitz jedoch die Umstellung schwer. Nicht nur, dass er von einer ihm unbekannten Sprache umgeben ist – auch alles andere ist ihm fremd. Es gibt viel Landwirtschaft mit vielen Kühen, aber nur ein Telefon und ein Fahrrad im ganzen Dorf. Das einzige Auto ist für Notfälle gedacht.

11:55 - 14:13

Heimweh nach Deutschland

Ein Jahr später kommt die Mutter zu Besuch, die ja selbst geplant hatte, nach Israel auszuwandern. Aber da sie mit einem Deutschen verheiratet ist – und man in Israel Anfang der 1950er Jahre nicht gut auf die Deutschen zu sprechen war – gibt es Probleme. Hilkowitz hat nun die Hoffnung, zur Mutter nach Deutschland zurückkehren zu können. Mittlerweile ist aber sein Vater Mitglied des Kibbuz, so dass die Kibbuz-Versammlung über sein Auswanderungsgesuch entscheiden muss. Und die entscheidet sich gegen seine Rückkehr nach Deutschland. Man versucht ihn als 12- oder 13-Jährigen davon zu überzeugen, dass es ihm im Kibbuz doch viel besser gehen würde als in Nazi-Deutschland.

14:13 - 15:27

Rückkehr zur Mutter

Aber Andrew Hilkowitz bleibt stur. Nach einem Jahr ist die Kibbuz-Versammlung dann mit seiner Ausreise nach Deutschland einverstanden. Sein Vater bringt ihn nach Haifa, von wo aus er mit dem Schiff nach Italien reist. Dort holen ihn seine Mutter und der Stiefvater ab und bringen ihn nach München. Er kann zwar noch Deutsch, aber nicht mehr so gut wie vorher. Sein Lehrer in der Volksschule spricht leider mit stark bayerischem Dialekt, so dass er zum dritten Mal in einer Umgebung ist, wo er nichts versteht.

15:27 - 17:12

Hilkowitz' Anliegen

Am Beispiel seiner Lebensgeschichte möchte Hilkowitz deutlich machen, dass das Dritte Reich auch Auswirkungen hatte, an die man zunächst gar nicht denkt.

Für die Organisation »Child Survivor« ist nicht allein die Erstellung von Dokumenten wie Bücher und Videos wichtig, sondern ganz besonders auch die regelmäßigen Treffen, die nach wie vor alle sechs Monate stattfinden, auch wenn inzwischen viele aufgrund von Alter und Krankheit nicht mehr selbst kommen können.