Arie Pinsker
Vortrag am 28. Januar 2025 in Stuttgart
Ein wichtiger Abend der Veranstaltungsreihe im Neuen Schloss in Stuttgart war der
Begegnung von Führungskräften und Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit
gewidmet. Anwesend waren etwa 150 geladene Gäste und bekamen Impulse von den Zeitzeugen
Arie Pinsker, Ada Waits und Dr. Fredy Kahn. Im Podiumsgespräch diskutierten die baden-württembergische
Kultusministerin Theresa Schopper (Die Grünen), Manuel Hagel MdL (CDU-Landtagsfraktionsvorsitzender)
sowie die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher (München). Lador-Fresher
sprach deutlich den gefährlichen Judenhass radikaler Muslime an, hauptsächlich wegen
ihnen könne sie sich nur unter Polizeischutz in der Öffentlichkeit bewegen. Manuel
Hagel forderte diesbezüglich konsequente repressive Maßnahmen, Antisemitismus könne
nicht geduldet und müsse hart bekämpft werden. Die baden-württembergische Kultusministerin
Theresa Schopper sprach sich für persönliche Begegnungen mit Juden aus. Desweiteren
erwähnte sie Handreichungen für Lehrkräfte nach dem 7. Oktober 2023.
Ein wichtiger Abend der Veranstaltungsreihe im Neuen Schloss in Stuttgart war der
Begegnung von Führungskräften und Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit
gewidmet. Anwesend waren etwa 150 geladene Gäste und bekamen Impulse von den Zeitzeugen
Arie Pinsker, Ada Waits und Dr. Fredy Kahn. Im Podiumsgespräch diskutierten die baden-württembergische
Kultusministerin Theresa Schopper (Die Grünen), Manuel Hagel MdL (CDU-Landtagsfraktionsvorsitzender)
sowie die israelische Generalkonsulin Talya Lador-Fresher (München). Lador-Fresher
sprach deutlich den gefährlichen Judenhass radikaler Muslime an, hauptsächlich wegen
ihnen könne sie sich nur unter Polizeischutz in der Öffentlichkeit bewegen. Manuel
Hagel forderte diesbezüglich konsequente repressive Maßnahmen, Antisemitismus könne
nicht geduldet und müsse hart bekämpft werden. Die baden-württembergische Kultusministerin
Theresa Schopper sprach sich für persönliche Begegnungen mit Juden aus. Desweiteren
erwähnte sie Handreichungen für Lehrkräfte nach dem 7. Oktober 2023.
Kurzbiografie
Arie Pinsker wurde 1930 in der Stadt Oradea im heutigen Rumänien geboren. Als Jugendlicher
wurde er nach Auschwitz deportiert, entkam durch großes Glück der sofortigen Vernichtung,
überlebte vier Monate unter schrecklichen Bedingungen. Dann kam er in ein Außenlager
von Dachau, Kaufering I – Landsberg. Nach mehreren Monaten Zwangsarbeit folgte ein
sogenannter Todesmarsch in Richtung Österreich. Unterwegs wurden die Überlebenden
befreit, die SS-Bewacher flohen. Für Pinsker kam die Rettung geradezu in letzter Sekunde.
Er hatte das Bewusstsein verloren und »als ich aufwachte, war alles um mich herum
weiß«. Er glaubte, gleich würden ihn Engel ins Paradies emporheben, »denn in der Hölle
war ich schon«.
Im Lazarett wurde er versorgt, das amerikanische Militär versuchte, die völlig geschwächten
Häftlinge wieder auf die Beine zu bringen. Von neun Geschwistern überlebten er und
zwei Brüder. Auch die Eltern wurden umgebracht. Im Juli 1945 wanderte er aus nach
Erez Israel.
Es dauerte lange, bis er über diese schreckliche Zeit sprechen konnte. Eine Enkelin
überredete ihn dazu, mit einer Delegation nach Auschwitz zu kommen, als Zeitzeuge.
Die Reise fiel ihm unheimlich schwer, unter dem Schild »Arbeit macht frei« in der
Gedenkstätte Auschwitz dachte er, er sei wieder zurück in der Schoah.
78-mal war er dennoch seither in Polen, mit Schulklassen, Militärangehörigen und Sicherheitsleuten:
»Die jungen Leute müssen wissen, dass wir den Staat Israel brauchen.« Israel ist die
Lebensversicherung für das jüdische Volk.
Nach 80 Jahren kam er zum ersten Mal wieder nach Deutschland. Und er berichtete auf
Deutsch! Diese Sprache hatte er lange nicht gehört und gesprochen. 500 Schülerinnen
und Schülern erzählte er von seinen Erlebnissen – und bekam selbst Hoffnung: »Ihr
seid eine neue Generation, gute junge Leute.«
Inhaltsübersicht
0:34:34 - 0:41:49
Kindheit und Familie; Leben im Ghetto
Arie Pinsker blickt auf 94 Jahre eines bewegten Lebens zurück. Anderthalb Jahre davon
waren vom Holocaust geprägt und daher besonders einschneidend. Zum ersten Mal seit
80 Jahren ist er für diese Veranstaltungsreihe nach Deutschland zurückgekehrt.
Seine Kindheit verbrachte Arie Pinsker in Oradea, das heute zu Rumänien gehört, 1940
aber für einige Jahre an Ungarn fiel. Im Mai 1944, kurz nach dem Pessach-Fest, kam
seine Familie ins Ghetto. Auf einem eingeblendeten Bild sind Aries Eltern mit drei
ihrer Kinder abgebildet. Bei ihrem Umzug ins Ghetto war die Familie auf elf Personen
angewachsen. Die älteste Tochter war damals 20 Jahre alt, das jüngste Kind erst fünf.
Der Vater betrieb in Oradea einen kleinen Laden. Seine Familie stammte aus Polen,
viele Verwandte waren bereits den Nazis zum Opfer gefallen.
Als Oradea ungarisch wurde, hielt auch der Nationalsozialismus Einzug in das Leben
der Menschen. Familie Pinsker bekam schon bald den sich ausbreitenden Antisemitismus
zu spüren.
Im Ghetto bewohnte die Familie einen Raum, der vier mal vier Meter groß war. Ihr gesamtes
Gepäck musste zusätzlich darin unterkommen, Toiletten und Dusche gab es nicht. Zusammen
mit zwei seiner Brüder schlief Arie draußen, damit wenigstens die kleinsten einigermaßen
Platz hatten.
Nach wenigen Wochen informierten die Eltern ihre Kinder, dass sie die Stadt verlassen
würden, um weiter im Norden des Landes auf dem Feld zu arbeiten. So hatten es die
Nazis ihnen mitgeteilt. Arie konnte sich die angsterfüllten Mienen seiner Eltern nicht
erklären. Er freute sich auf die anstehende Reise und war neugierig, was sie wohl
erwarten würde. Heute bezeichnet er sein damaliges Verhalten als naiv. Sein Vater
ahnte womöglich bereits, dass es ihnen nun ähnlich ergehen könnte wie seiner Familie
in Polen.
0:41:49 - 0:48:24
Menschenunwürdige Zustände auf fünftägiger Fahrt ins Konzentrationslager
Am Morgen der Abreise gingen die Bewohner des Ghettos zu Fuß zur Bahnstation. Arie
trug das Gepäck seiner kleinen Geschwister. Am Bahnhof wurden einhundert Menschen
in dunkle Waggons gesperrt, die nicht zur Beförderung von Personen gedacht waren.
Zwei winzige Belüftungsschlitze stellten die einzige Lichtquelle dar. Außerdem war
es stickig und es herrschte ein großes Gedränge. Wasser gab es nur, bis der Wassereimer
leer war. Ein zweiter Eimer diente als Toilette. Als er voll war, wurde auch der leere
Wassereimer dafür benutzt. Arie hatte vergleichsweise Glück, denn er stand ganz in
der Nähe der Luftschlitze, bekam also frische Luft und konnte nach draußen sehen.
Der Waggon setzten sich erst in Bewegung, als über dreißig weitere gefüllt waren,
was einige Stunden dauerte.
Fünf Tage dauerte die Fahrt. Die Zustände waren katastrophal. Nur ein einziges Mal
wurde die Türe von außen geöffnet und die Eimer nach draußen genommen. Alte Menschen
mussten auf dem Boden liegen und litten besonders.
0:48:24 - 0:52:58
Ermordung alter und kranker Menschen
Als der Zug in Auschwitz-Birkenau einfuhr, wurden die Passagiere über Lautsprecher
herzlich willkommen geheißen. Es wurde behauptet, sie wären nur übergangsweise hier.
Man würde sie gut versorgen, nach den Alten und Kranken sehen und sie desinfizieren
und duschen. Bei der Aussicht auf eine Dusche konnten sie es kaum erwarten, endlich
wieder an Wasser zu gelangen. Zuerst stiegen alte, behinderte und schwache Menschen
aus. Häftlinge in gestreiften Anzügen halfen ihnen dabei. Die Neuankömmlinge wunderten
sich über die Gefangenen, hielten sie für Verbrecher und Kriminelle. Sie wussten nicht,
dass ihr einziges Verbrechen darin bestand, genau wie sie selbst Juden zu sein.
Manche Passagiere gaben vor, krank zu sein, um als erste versorgt zu werden. Sie konnten
nicht ahnen, dass alte, kranke und behinderte Menschen nicht mit den Lastwagen zum
Spital gebracht wurden, sondern auf der anderen Seite des Zauns in Massengräbern bei
lebendigem Leibe verbrannt wurden. In Auschwitz-Birkenau wurde eine regelrechte systematische
Vernichtung betrieben. Die Nationalsozialisten wollten die 450.000 Juden, die in Ungarn
lebten, möglichst schnell loswerden. Täglich kamen neue Transporte im Lager an.
0:52:58 - 0:54:11
Arbeitslager, Todesmarsch und Befreiung
Unmittelbar nach der Ankunft wurden Aries Eltern und jüngeren Geschwister ermordet.
Zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern überlebte Arie Pinsker das Konzentrationslager
Auschwitz-Birkenau. Nach vier Monaten wurde er nach Kaufering I – Landsberg, ein Außenlager
Dachaus, verbracht. Als sieben Monate später die Alliierten immer näher rückten, begann
der Todesmarsch in Richtung Österreich. Eines Morgens waren die SS-Wachen verschwunden
und der Krieg war zu Ende. Zusammen mit dem Bruder, der beim Todesmarsch dabei gewesen
war, traf sich Arie mit dem anderen überlebenden Bruder. Gemeinsam wanderten sie nach
Israel aus.
0:54:11 - 2:10:23
Rückkehr nach Auschwitz als Zeitzeuge
Arie Pinsker wollte nie wieder nach Polen – erst recht nicht nach Deutschland – zurück.
Tatsächlich war er nun allerdings bereits 78-mal wieder in Auschwitz und begleitet
Schulklassen auf ihren Exkursionen. Er wird gefragt, weshalb er diese Arbeit macht.
Arie sagt, er will älteren Schülern, die kurz vor ihrem Wehrdienst stehen, die Bedeutung
des Landes Israel für sein Volk nahebringen, indem er zeigt, was passieren kann, wenn
es nicht auf sich selbst aufpasst. Auch Militärdelegationen und Sicherheitskräfte
hat Arie Pinsker schon nach Auschwitz begleitet.