Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Arie Pinsker

Vortrag am 27. Januar 2025 in Stuttgart

Höhepunkt einer Veranstaltungsreihe im Neuen Schloss im Stuttgart war am 27. Januar der Gedenkabend, dem 180 geladene Gäste beiwohnten und noch einmal 300 Zuschauer im YouTube-Livestream. Grußworte sprachen der Antisemitismusbeauftragte Dr. Michael Blume als Vertreter der baden-württembergischen Landesregierung, Prof. Barbara Traub von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs sowie Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der Ev. Landeskirche in Württemberg. Dann standen die Zeitzeugen im Mittelpunkt: Arie Pinsker, Ada Waits und Dr. Fredy Kahn. Nach Gesprächen und Statements wurde die Ausstellung »Holocaust gezeichnet« enthüllt und als Erinnerung an die Opfer der Schoah – und des 7. Oktober 2023 – Kerzen gezündet. Nathan Goldman, jüdischer Kantor in Stuttgart, sorgte für Gänsehaut und Tränen der Ergriffenheit, als er das Gedenkgebet »El male rachamim« sang. Mit Psalm 43 auf Deutsch und Hebräisch sowie der Hoffnungs-Hymne »Hatikva« endete der denkwürdige Abend.

Höhepunkt einer Veranstaltungsreihe in Neuen Schloss im Stuttgart war am 27. Januar der Gedenkabend, dem 180 geladene Gäste beiwohnten und noch einmal 300 Zuschauer im YouTube-Livestream. Grußworte sprachen der Antisemitismusbeauftragte Dr. Michael Blume als Vertreter der baden-württembergischen Landesregierung, Prof. Barbara Traub von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs sowie Ernst-Wilhelm Gohl, Landesbischof der Ev. Landeskirche in Württemberg. Dann standen die Zeitzeugen im Mittelpunkt: Arie Pinsker, Ada Waits und Dr. Fredy Kahn. Nach Gesprächen und Statements wurde die Ausstellung »Holocaust gezeichnet« enthüllt und als Erinnerung an die Opfer der Schoah – und des 7. Oktober 2023 – Kerzen gezündet. Nathan Goldman, jüdischer Kantor in Stuttgart, sorgte für Gänsehaut und Tränen der Ergriffenheit, als er das Gedenkgebet »El male rachamim« sang. Mit Psalm 43 auf Deutsch und Hebräisch sowie der Hoffnungs-Hymne »Hatikva« endete der denkwürdige Abend.

Kurzbiografie

Arie Pinsker wurde 1930 in der Stadt Oradea im heutigen Rumänien geboren. Als Jugendlicher wurde er nach Auschwitz deportiert, entkam durch großes Glück der sofortigen Vernichtung, überlebte vier Monate unter schrecklichen Bedingungen. Dann kam er in ein Außenlager von Dachau, Kaufering I – Landsberg. Nach mehreren Monaten Zwangsarbeit folgte ein sogenannter Todesmarsch in Richtung Österreich. Unterwegs wurden die Überlebenden befreit, die SS-Bewacher flohen. Für Pinsker kam die Rettung geradezu in letzter Sekunde. Er hatte das Bewusstsein verloren und »als ich aufwachte, war alles um mich herum weiß«. Er glaubte, gleich würden ihn Engel ins Paradies emporheben, »denn in der Hölle war ich schon«.

Im Lazarett wurde er versorgt, das amerikanische Militär versuchte, die völlig geschwächten Häftlinge wieder auf die Beine zu bringen. Von neun Geschwistern überlebten er und zwei Brüder. Auch die Eltern wurden umgebracht. Im Juli 1945 wanderte er aus nach Erez Israel.

Es dauerte lange, bis er über diese schreckliche Zeit sprechen konnte. Eine Enkelin überredete ihn dazu, mit einer Delegation nach Auschwitz zu kommen, als Zeitzeuge. Die Reise fiel ihm unheimlich schwer, unter dem Schild »Arbeit macht frei« in der Gedenkstätte Auschwitz dachte er, er sei wieder zurück in der Schoah.

78-mal war er dennoch seither in Polen, mit Schulklassen, Militärangehörigen und Sicherheitsleuten: »Die jungen Leute müssen wissen, dass wir den Staat Israel brauchen.« Israel ist die Lebensversicherung für das jüdische Volk.

Nach 80 Jahren kam er zum ersten Mal wieder nach Deutschland. Und er berichtete auf Deutsch! Diese Sprache hatte er lange nicht gehört und gesprochen. 500 Schülerinnen und Schülern erzählte er von seinen Erlebnissen – und bekam selbst Hoffnung: »Ihr seid eine neue Generation, gute junge Leute.«

Inhaltsübersicht

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Arie Pinskers Familie

Arie Pinsker kam 1930 in Oradea zur Welt. Die heute wieder zu Rumänien gehörende Stadt fiel während seiner Kindheit für einige Jahre an Ungarn, während der Nationalsozialismus in den Alltag der dortigen Bevölkerung Einzug hielt. Seit 80 Jahren hat Arie Pinsker kein Deutsch mehr gesprochen, bemerkenswerterweise hält er dennoch seinen Bericht auf Deutsch. Arie beginnt ganz von vorn: Sein Vater wurde in Polen geboren und hatte acht Geschwister. Irgendwann während des Zweiten Weltkriegs konnte er als einziger seiner Familie von dort fliehen. Die anderen wurden von einem Einsatzkommando erschossen und in ein Massengrab geworfen. Auch Aries Mutter hatte viele Geschwister, die alle verheiratet waren. Einzig eine Tante Aries von der Seite seiner Mutter überlebte den Holocaust. Seine Mutter und deren übrige Geschwister wurden in Birkenau ermordet. Arie Pinsker selbst hat heute drei Kinder, drei Enkel und zehn Urenkel.
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Deportation nach Auschwitz

Anfang Mai 1944 musste seine Familie ins Ghetto, wo sie auf die Deportation nach Auschwitz warteten. Er berichtet, wie seine Familie in einem Viehwaggon ins Konzentrationslager gebracht wurde. In jedem Waggon des Transports befanden sich ungefähr hundert Menschen, darunter Kinder und Kleinkinder, Frauen und alte Menschen. Während der Fahrt, die fünf Tage dauerte, war es stickig und dunkel, da es keine Fenster gab. Als erste verließen die Frauen und Kinder den Waggon. Schmuck und Wertsachen mussten sie zurücklassen. Arie bestaunte die neue Umgebung zunächst freudig, da er noch nie die Gegend um seine Heimatstadt verlassen hatte. Er hoffte auf neue Freunde. Bei der Ankunft im Lager begrüßte man sie mit den Worten, es handele nur um einen übergangsweisen Aufenthalt für einige Tage. Über die Lautsprecher wurden Duschen angekündigt, die die Deportierten nach fünf Tagen auf engstem Raum und ohne Wasser kaum erwarten konnten. Aries Vater, der zwei von Aries kleinen Geschwistern bei sich hatte, riet ihm, sich an seiner Jacke festzuhalten. An der Seite standen Männer der SS mit ihren Wachhunden, die die Gefangenen anbellten. Die Häftlinge in Streifenanzügen, die ihnen entgegenkamen, hielt Arie für Verbrecher. Er wusste nicht, dass sie keine Kriminellen waren, sondern wie er selbst Juden und dass es keinen anderen Grund für ihre Inhaftierung gab. Diese Häftlinge halfen den Neuankömmlingen aus den Waggons, sprachen dabei aber kein Wort, da sie sich der Konsequenzen bewusst waren, die bei solch einem »Vergehen« gedroht hätten. Einer von ihnen, der sah, wie Arie mit seinem Vater und seinen kleinen Geschwistern mitging, versetzte ihm einen Schlag auf den Arm, woraufhin Arie seinen Vater aus den Augen verlor. Der Häftling wusste, dass man Arie bei der Selektion zu den Gaskammern abführen würde, wenn er bei seinem Vater bleiben würde. Arie wurde sehr wütend auf den Mann und fluchte über ihn. Er hielt Ausschau nach Bekannten, seinen Vater konnte er nun aber nicht mehr finden. Irgendwann kam er bei einer Selektion an, wo er seinen großen Bruder vorfand. Dieser erzählte ihm, dass man ihren Vater und die beiden Kinder abgeführt hatte. Sie wussten nicht, dass man sie noch am selben Tag ermorden würde. Anschließend durchliefen Arie und sein Bruder Desinfektionsstationen und man schnitt ihnen die Haare. Endlich kamen sie bei den Duschen an, wo sie von dem Wasser tranken, obwohl es stark nach Chlor schmeckte. Nach dem Duschen erhielten sie ihre Häftlingskleidung. Arie meinte zu seinem Bruder, es sei schade, dass sie keinen Fotoapparat dabeihätten, denn so könnten sie nach ihrer Freilassung beweisen, dass sie Häftlinge gewesen waren.
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Arbeitslager, Todesmarsch und Befreiung

Man steckte Arie und zwei seiner Brüder in das »Zigeunerlager«, zu dem Zeitpunkt die einzigen Überlebenden aus der Familie. An die Eindrücke, denen sie dort ausgesetzt waren, kann sich Arie noch heute lebhaft erinnern. Schreckliche Grausamkeiten mussten sie mit ansehen und extreme Entbehrung ertragen, stets begleitet von dem Gestank verbrannter menschlicher Überreste, der in der Luft lag. Als Arie Pinsker nach seiner Befreiung einen Neuanfang in Israel wagte, begann er, diese Erlebnisse zu verdrängen, wodurch es ihm möglich war, ein normales Leben zu führen. Vergessen hat er allerdings nicht. Nach vier Monaten in Auschwitz–Birkenau wurde Arie Pinsker nach Dachau und anschließend nach Kaufering I – Landsberg verlegt. Kurz vor Kriegsende kam der Befehl zum Todesmarsch. Eines Morgens waren die Wachmänner plötzlich verschwunden und amerikanische Soldaten rückten an. Frisch aus der Gefangenschaft befreit, wohnte Arie Pinsker zunächst in einem Displaced Persons Camp, bevor er mit seinen beiden älteren Brüdern nach Israel auswanderte.
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Rückkehr nach Auschwitz

Arie wollte ursprünglich nie wieder nach Auschwitz zurück. Inzwischen ist er nun aber schon 78-mal nach seiner Befreiung dort gewesen, etwa als Begleitung für Schulklassen, denen er seine Erfahrungsberichte aus erster Hand weitergeben kann. Ihm ist es ein persönliches Anliegen, den folgenden Generationen das Wissen über den Holocaust und über die Bedeutung Israels für die Juden weiterzugeben.