Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Ascher Engel

Interview am 19. Juli 2013 in Shavei Zion, Israel

Als Ascher Engel mit seinen Eltern 1941 ins Ghetto Mogiljow gebracht wird, ist er gerade einmal drei Jahre alt. Wie seine Eltern die Zugfahrt und den langen Marsch ins Lager mit ihm als Kleinkind bewältigt haben, kann er sich heute noch nicht vorstellen. Im Lager entwickelt er eine besondere Freundschaft zu einem kleinen Mischlingshund, der ihn regelmäßig vor den Wachleuten warnt. Bis diese ihn eines Tages erschießen, weil sie sein Bellen stört. Auch sonst ist das Leben im Lager gefährlich. Sein Vater erkrankt schwer, und schon der Gang zum Wasserholen kann das Leben kosten. Nach der Befreiung kehrt die Familie zunächst in ihre Heimatstadt Tschernowitz zurück, bevor sie über Rumänien nach Israel auswandert.

Kurzbiografie

Ascher Engel wurde 1938 in Russland geboren. 1941 wurde er zusammen mit seinen Eltern in das lager Mogiljow deportiert. Im Lager erkrankte sein Vater schwer an Typhus. Über zwei Jahre litt er an der Krankheit. Nach der Befreiung 1944 durch die Russen kehrten sie nach Tschernowitz zurück. Schon damals bestand der Wunsch, nach Israel auszuwandern. Doch eine Auseise aus Russland war nicht möglich, weshalb ein Onkel von Ascher Engel schaute, dass sie zunächst nach Rumänien kommen konnten, um von dort auszureisen. Aber als sie 1956 die Erlaubnis bekamen, war Israel in den Sinai-Krieg verwickelt, so dass es noch bis in die 1960er Jahre dauerte, bis die Familie nach Israel emigrieren konnte. Nach dem Militärdienst lernte Ascher Engel seine Frau kennen. Die beiden lebten im Kibbuz. 1967, einige Zeit nach der Hochzeit, siedelten sie nach Shavei Zion um. Als Elektriker hatte er es immer leicht, Arbeit zu finden. Den Eheleuten wurden drei Töchter und neun Enkel geboren, die Ascher Engel als seinen wahren Reichtum bezeichnet.

Inhaltsübersicht

00:00 - 01:22

Vorstellung

Ascher Engel (*1938) ist in Russland geboren und in einer reichen Familie aufgewachsen. Er hatte ein gutes Leben sagt er, bis sie 1941 als Juden ins Lager gebracht wurden. Dort war er bis März 1944. Für ihn war die Zeit im Lager sehr schwer, Spielzeug und Essen war auf einmal nicht mehr da. Er war noch ein sehr kleines Kind und für ihn hat sich plötzlich alles geändert

01:22 - 03:47

Deportation

Die Züge waren für Vieh und nicht für Menschen gedacht. Er wurde die ganze Zeit über von seinen Eltern festgehalten, sonst hätte er die Fahrt nicht überlebt. Als sie mit dem Zug ankamen, kamen sie auf einen großen Platz, von wo aus sie 3 Tage zu Fuß unterwegs waren. Er erzählt von dem beschwerlichen Weg zum Lager, welches noch in Russland war. Da seine Mutter zuvor vielen geholfen und somit einen guten Ruf hatte, bekamen sie ein separates Haus. So hatten sie nun ein Dach über dem Kopf.

03:47 - 05:15

Der Vater erkrankt

Das Essen war zu dieer Zeit reichlich. Sie hatten Kartoffeln und anderes Gemüse. Sein Vater erkrankte an Typhus. Er war fast zwei Jahre lang krank. Die Mutter erkundigte sich, wovon man Typhus bekommt, da der Vater nun im Haus bleiben musste. Tatsächlich fand seine Mutter einen Arzt, der ihn behandelte undihm heimlich Medikamente gab.

05:15 - 08:00

Verlust seines besten Freundes

Ascher Engel fand im Lager einen Hund, einen äußerst klugen Mischling. Er hat die Soldaten immer schon von Weitem gehört und die Kinder durch sein Bellen gewarnt, so dass sie sich rechtzeitig verstecken konnten. Er war sein Freund, sein Spielkamerad und auch sein Ansprechpartner in dieser schweren Zeit. Als er eines Tages gebellt hat, wussten die Soldaten nicht, was sie mit ihm machen sollten und erschossen ihn. Ascher Engel hörte die Schüsse in seinem Versteck und wusste zunächst nicht, wem sie galten. Als er später nachschauen ging und seinen besten Freund tot fand, war das ein Schock, der das gesamte Leben änderte. Er war nun allein und musste sich selbst schützen. Zu dieser Zeit war er 4 Jahre alt.

08:00 - 09:33

Ständige Bedrohung

Sie waren ständig überwacht. Z.B. hatte sich in einem gegenüberliegenden Kirchturm ein Soldat verschanzt, der immer wieder auf Menschen auf der Straße schoss. Da kleine Kinder nicht so leicht zu sehen waren, war er derjenige, der überhaupt hinaus konnte, um Wasser am Fluss zu holen. Das ging so lange, bis 1944 die russische Armee kam und sie aus diesem Lager befreite.

09:33 - 12:01

Zwischenstation in Tschernowitz und Rumänien

Nach der Befreiung sind sie nach Tschernowitz (Anm.: auch Czernowitz) zurückgekehrt, wo auch die Eltern und ein Bruder seiner Mutter lebten. Dort ist er in die Schule gegangen und die Eltern fanden Arbeit.

Sie wollten schon damals nach Israel, doch von Russland aus konnte man nicht nach Israel auswandern. Man brauchte jemanden aus der Familie, der einen aufnahm. Aber ein Onkel, der Minister in der rumänischen Regierung war, erreichte, dass sie 1952 nach Rumänien gehen konnten. Es war die Regel, dass man dann nach 2 Jahren nach Israel emigrieren durfte. Sie bekamen ihre Erlaubnis 1956. Zu der Zeit war jedoch der Sinai-Krieg, weshalb sie bis in die 1960er Jahre in Rumänien blieben.

12:01 - 12:55

Auswanderung nach Israel

Dadurch, dass man ihnen die Papiere abgenommen hatte, hatten sie keine Staatszugehörigkeit. In diesem Sinne waren sie »gar nichts«. In den 1960er Jahren gelangten sie über Rom nach Israel, wo bereits eine Tante von ihm lebte. Seine Eltern blieben bei der Tante, während er in den Kibbuz ging, um Hebräisch zu lernen.

12:55 - 16:35

Familiengründung und Umzug nach Shavei Zion

Als 22-jähriger meldete er sich freiwillig zum Militärdienst. Nach seiner Dienstzeit kehrte er in den Kibbuz zurück, wo er seine Frau kennenlernte. Sie heirateten und bekamen dort im Kibbuz ihre erste Tochter. 1967 gingen sie nach Shavei Zion. Sie trafen dort auf Familien aus Südafrika und kamen ins Gespräch. Ascher Engel und seine Frau meinten, sie würden gerne in Shavei Zion bleiben, wenn es möglich wäre. Die Kommission stimmte zu, und sie durften dort für ein Jahr zur Probe bleiben.

16:35 - 17:58

Erste Zeit in Shavei Zion

So kamen sie im Februar 1967 nach Shavei Zion. Schon drei Monate später - im Mai - ging er in den Sechstagekrieg, während seine Frau im Kibbuz blieb. Als er aus dem Krieg zurückkehrte, begann er zu arbeiten. Anfang 1968 bekamen sie von der Kibbuz-Versammlung die Bestätigung, dass sie in Shavei Zion bleiben durften. Später wurden ihnen noch zwei weitere Töchter geboren.

17:58 - 20:33

Richtig im Kibbuz angekommen

Er fand als Elektriker im Kibbuz schnell Arbeit. Die Hauptsprache in Shavei Zion war Deutsch bzw. Schwäbisch (Anm.: Das Dorf wurde 1938 von Juden aus dem schwäbischen Rexingen gegründet). In dem Zusammenhang erzählt er von der Begebenheit, bei der ihm klar wurde, dass er in diesem Kibbuz bleiben wird. Er war als Elektriker zu einer Familie ins Haus gerufen worden, die ihm mit Händen und Füßen und einigen Brocken Hebräisch zu erklären versuchte, um was es geht. Nach einiger Zeit, als er immer noch nicht verstanden hatte, was sie eigentlich von ihm wollten, meinte er mehr im Spaß: "Vielleicht versuchen sie es auf Deutsch." Über das Gesicht der Menschen ging ein Strahlen. Ascher Engel wurde gebeten sich hinzusetzen und einen Schnaps zu trinken. In dem Moment war er in Shavei Zion angekommen.

20:33 - 22:16

Das Ghetto Mogiljow

Das Lager in Mogiljow (Anm.: heute Ukraine, damals Polen) war in ein Arbeitsghetto und in einen zweiten Teil, in dem man die Leute im Grund sich selbst - ohne Essen - überlassen hat, geteilt. Im zweiten Bereich waren ca. 300.000 Menschen untergebracht. Immwer wieder brachte man welche von ihnen nach Auschwitz oder Transnistria zur Vernichtung.

22:16 - 29:06

Ausgesöhnt mit dem Leben

Sein Vater hatte eine schwere Infektion im Fuß, doch nach 2 Jahren Krankheit hatte er alles überstanden. Beide Eltern kamen ebenfalls nach Israel, Geschwister hatte er keine. Sein Vater wurde 95 Jahre alt, die Mutter verstarb 2012 mit über 100 Jahren in Maalot. Seit dem Jahr 2000 hatte sie in Shavei Zion gelebt, und 2008 zog sie ins Pflegeheim von Zedakah in Maalot. Er und ein Teil seiner Kinder hatten selbst schon seit langem gute Kontakte dorthin. Zustande gekommen waren die Beziehungen dorthin über seine Aufgabe als Sicherheitsbeauftragter. Ascher Engel berichtet sehr positiv über die Zedakah-Einrichten in Shavei Zion und Maalot. Heute freut er sich an seinem Reichtum: drei Töchter und neun Enkelkinder.