Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Asher Ud

Vortrag am 27. Januar 2015 in Bad Liebenzell, Deutschland

Asher Ud wurde 1928 in Polen geboren. 1940 wurde er mit seiner Familie ins Ghetto umgesiedelt. Er kam 1944 nach Auschwitz, überlebte den Todesmarsch und wurde im KZ Gunskirchen schließlich befreit. Noch 1945 wanderte er nach Israel ein und verstarb am 29. August 2016 in Jerusalem.

Kurzbiografie

Asher Ud

Asher Ud aus Jerusalem hieß nicht immer so: 1928 kam er als Anschel Sieradzki in Polen zur Welt. Sein Vater Schmuel Hirsch Sieradzki war Schneider, seine Mutter hieß Jocheved. Er hatte noch zwei Brüder, Berl und Gabriel.

1940 musste die Familie ins Ghetto ziehen, der Vater und der ältere Bruder wurden bald weggebracht. Als man das Ghetto 1942 auflöste, wurden die Übriggebliebenen zum jüdischen Friedhof gebracht, geschlagen und gedemütigt, einige wurden umgebracht, darunter viele Säuglinge. Aschers Mutter und Gabriel, der jüngere Bruder, wurden deportiert und ermordet. Ascher kam alleine ins Ghetto nach Lodz. Auch dieses Ghetto wurde 1944 aufgelöst, nun ging es nach Auschwitz, wo er seinen Bruder Berl wieder traf. Ascher Ud konnte arbeiten und durfte leben.

Wenige Wochen vor der Befreiung von Auschwitz nahmen die Nazis Ascher Ud mit vielen anderen auf den »Todesmarsch«. Wer überlebte, kam in andere Lager, Ud war noch in Mauthausen und Gunskirchen. Er blieb am Leben und kam nach der Befreiung durch die alliierten Streitkräfte nach Italien. Schon im November 1945 wanderte er dann in Israel ein, in die alte und neue Heimat des jüdischen Volkes. Er kämpfte im Unabhängigkeitskrieg des 1948 neugegründeten Staates und arbeitete danach in der Militärindustrie. Nachdem er in den Ruhestand kam, half er ehrenamtlich in Einrichtungen für Holocaustüberlebende.

Bis 1991 schwieg Ascher Ud über seine Erlebnisse während des Holocausts. 1993 reiste er nach Polen und errichtete einen Gedenkstein für die ermordeten Juden über einem Massengrab. Unter den 219 Menschen, die dort begraben sind, könnten seine Mutter und sein jüngerer Bruder sein. Und dann berichtete er seine Erinnerungen Schülern, Studenten und Soldaten. »Anscheinend bin ich am Leben geblieben, um es den kommenden Generationen zu erzählen. Das ist die hauptsächliche Bestimmung meines Lebens«, sagte er. Am 29. August 2016 ist Asher Ud verstorben.

Inhaltsübersicht

00:08 - 01:37

 

Einleitende Worte und Vorstellung von Hans Bayer.

01:37 - 03:46

 

Vorwort von Asher Ud.

03:46 - 05:35

 

Asher Ud stellt sich vor. Sein Name bedeutet »Überlebender«. Er hat ihn sich später gegeben. Geboren in Polen. In diesem Ort war 1939 die Mehrheit jüdisch und so ging er in eine jüdische Schule.

05:35 - 07:30

 

Er stellt seine Familie vor. Neben seinen Eltern hatte er noch einen älteren und einen jüngeren Bruder. Sein Vater hatte im Haus eine eigene Schneiderei. Bis September 1939 lebten sie in dieser Straße fast nur mit Juden zusammen.

07:30 - 09:15

 

1939 begann der Krieg und die Folgen bekam man nun auch in seiner Heimat zu spüren. Es bildete sich ein Ghetto, in dem alle Juden untergebracht wurden und kurz darauf begann eine Aktion nach der anderen. Die erste Aktion war, als man die Juden auf ein Feld schickte, sie schlug und zwang, eine Erhängung von 10 Leuten anzusehen. Das gleiche Geschehen wiederholte sich. Diese 20 Personen, die erhängt wurden, waren alle Juden und die wichtigsten Leute aus dem Dorf.

09:15 - 11:15

 

Danach wurden alle Männer in dem dortigen Rathaus untergebracht. Nach drei Tagen Folter im Rathaus wurden alle jungen Männer in ein Gefängnis gebracht. Da Asher blondes Haar und blaue Augen hatte und nach seinem Vater suchte, durfte er mit einer Kutsche zurück in jenes Dorf fahren, in dem sein Vater zurückblieb. Er kam an und sah dort seinen Vater wieder.

11:15 - 11:38

 

Für eine kurze Zeit wurde sein Vater freigelassen, aber zu dem Zweck, ihn mit ein paar anderen ins Lager zu deportieren. Das war das letzte Mal, dass Asher seinen Vater sah.

11:38 - 12:18

 

von da an lebte er wieder mit seiner Familie zusammen im Ghetto und half seinem Bruder, ein bisschen Geld zu beschaffen. Er sammelte alte Zigaretten vom Boden auf und drehte daraus neue, um sie wieder zu verkaufen.

12:18 - 15:08

 

Nach einer kurzen Zeit wurden er und sein Bruder ins Lager zum Arbeiten geschickt. Dort hat er Häuser gebaut. Um zu seinem Bruder zu gelangen, hat er sich angestrengt. Er war ein so guter Arbeiter, dass er sich aussuchen durfte, wo er arbeiten wollte und er kam zu seinem Bruder. Um nach Hause ins Ghetto zu kommen, waren es 7 km zu Fuß.

15:08 - 18:36

 

Die nächste Aktion und alle wurden wieder auf das gleiche Feld geschickt, von wo aus sie zu dem jüdischen Friedhof laufen mussten. Dort angekommen mussten sie der Reihe nach an deutschen Soldaten vorbei laufen, die sie mit der Peitsche schlugen. Zusammen mit seinen Brüdern und seiner Mutter ging er an den Soldaten vorbei. Er spürte nichts, aber die Hiebe an die Mutter und die Brüder waren für ihn schmerzhaft. Die Juden wurden geteilt. Er kam auf die linke Seite, dort bekamen sie Brot. Denen auf der rechten Seite wurde Brot nur zugeschmissen sowie auch Steine – und man hat wild in die Menge geschossen. Die anderen mussten sich dieses Geschehen mitansehen. Bis 1941 wurden schon 4.000 Juden aus seinem Dorf vernichtet.

18:36 - 22:01

 

Nach zwei Tagen auf dem Friedhof hatte man sie befreit und er erinnert sich an die Gesichter seiner Familie. Darauf folgte eine Zugfahrt in ein anderes Ghetto. Die Fahrt dauerte 5 Tage und es war für ihn eine Qual. Er erlebte Schreckliches mit einem Soldaten, der ihn erschießen wollte, aber nicht traf. Er war alleine und wusste nicht, was nun erlaubt war und was nicht. Als er sich traute, hinauszugehen, freute er sich mehr darüber, andere Menschen zu sehen, als daran, etwas zu essen zu finden.

22:01 - 24:52

 

Er fand im Ghetto Arbeit in einer Fabrik und wohnte mit zwei jungen Männern zusammen. Sie bekamen jeden Tag etwas zu essen. Das bekam ihm nicht und er wurde krank. 10 Jahre später stellte sich heraus, dass er an Thyphus erkrankt war. Damals wurde er ohne die Diagnose zu kennen von einem Tag auf den anderen gesund.

24:52 - 26:30

 

Er wurde nun mit anderen in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Als sie aus dem Zug kamen, mussten sie an Soldat »Mengele« vorbei, der mit einem Fingerzeichen über Leben und Tod entschied. Er blieb am Leben, man schor ihm und den anderen die Haare, nahm ihnen die Kleider weg und gab ihnen Haftkleidung. Er war im Lager »E« im 4. Block.

26:30 - 28:25

 

Als er draußen stand, traf er jemand aus seiner Stadt und der erzählte ihm, dass sein Bruder auch da sei. Er ging zu dem Lager seines Bruders und traf seinen Bruder nicht, da er arbeiten war. Am Abend, als er zu seinem Bruder wollte, war er eingeschlossen, weil er gerade Essen bekam.

28:25 - 31:18

 

Asher Ud erzählt von der Begegnung mit seinem Bruder. Er war ein Skelett, sodass sein Bruder ihm etwas zu essen durch den Zaun reichte. Sie trafen sich am nächsten Morgen. Jeder, der ihn sah, hat ihm etwas zu essen gegeben, weil er so ausgehungert aussah.

31:18 - 31:55

 

Es wurde ihnen eine Arbeit mit Kartoffeln angeboten und alle Kinder, die mitarbeiten wollten, konnten sich freiwillig melden. Es waren nur zwei, die bleiben wollten: Einer wegen Krankheit und Asher, weil er bei seinem Bruder bleiben wollte. Alle 1.200 Kinder, die sich freiwillig gemeldet hatten, kamen ins Krematorium.

31:55 - 33:17

 

Eine weitere Selektion folgte, indem ein Brett auf einer bestimmten Höhe gehalten wurden. Alle Kinder, die nicht durchpassten, blieben nicht am Leben. Ein deutscher Gefangener hat ihm eine Arbeit gegeben und er bekam eine Nummer, die zeigte, dass er ein Arbeiter war.

33:17 - 34:41

 

Als er von der Arbeit zurück ins Lager ging und zu spät kam, waren auch noch andere im Lager, die gearbeitet hatten. Er musste sich ausziehen und auf den Boden legen und hat dafür Peitschenhiebe bekommen.

34:41 - 35:29

 

Als sie die Russen gehört hatten, wurden sie aus Auschwitz rausgelassen und sind Tage und Nächte lang gelaufen. Wer nicht laufen konnte, wurde von anderen überrannt oder ist einfach zusammengebrochen und dann hat man geschossen.

35:29 - 38:10

 

Sie kamen in einem Lager an, in dem Russen und Polen stationiert waren. Die Juden mussten wie Hunde um sie herum krabbeln, während sie von den Offizieren geschlagen wurden. Auch ungarische Juden kamen dazu. Diese mussten teilweise in Zelten unterkommen.

38:10 - 39:16

 

In Österreich in einer leeren, deutschen Villa angekommen, fehlte es an Essen. Dies klauten sich die mittlerweile schon älteren Jungen bei amerikanischen Soldaten. Sie tauschten dies gegen Hühner bei Bauern um und aßen bis zu 12 Eier zum Frühstück. Einige wurden krank, einige starben.

39:16 - 40:44

 

Jedes Kind hatte einen amerikanischen Soldaten als Pate. Sein Pate wollte ihm helfen in die USA zu immigrieren. Er lehnte das ab und blieb dort.

40:44 - 41:46

 

Die jüdische Brigade kam und holte ca. 400 Kinder. In Italien lernten sie 6 Monate Hebräisch. Letztenendes bekamen sie im November 194? die letzte Erlaubnis von den Briten, nach Israel zu gehen.

41:46 - 43:19

 

Asher Ud kam in eine landwirtschaftliche Schule in Israel und danach ins Gymnasium. Er diente 2 Jahre in der israelischen Armee. Danach kam er nach Jerusalem. Er hatte keine Familie mehr und war alleine. Er hat eine Ausbildung zum Schlosser gemacht und lebte und arbeitete in Israel. Er heiratete und bekam drei Kinder. Er hat mittlerweile auch Enkel.

43:19 - 46:05

 

Er hat lange Zeit, ca. 50 Jahre, nicht mit seinen Kindern darüber geredet. Nun fühlt er sich verantwortlich, darüber zu reden, damit der Antisemitismus nicht weiter besteht und so etwas wie der Holocaust sich nie wieder wiederholt.

46:05 - 50:45

 

Er wusste bis 40 Jahre nach dem Krieg nicht, dass sein älterer Bruder lebt. Er hat über Künstler, die durch Ostberlin reisten, den Kontakt bekommen, da sie nach ihm suchten. Als die Mauer fiel, lud er ihn nach Israel ein. Später rief er bei ihm in Deutschland an und sein Neffe wusste nichts von einem Bruder in Israel, da er es verschwieg, dass er Jude war. Heute leben sie in Israel und nennen ihn auch Opa.

50:45 - 51:46

 

Sein Überleben sieht er als ein Gottesgeschenk und er hat bis heute seinen Glauben nicht verloren. Er ist davon überzeugt, dass es einen Gott gibt, weil er nicht gekämpft hat in diesem Leben, sondern Gott.

51:46 - 52:46

 

Er kann den Deutschen oder anderen, die Juden umgebracht haben, nicht vergeben und er kann das auch nicht vergessen. Aber die Freude, dass er überlebt hat und es ihm gut geht, ist größer. Heute sieht er die Deutschen als Freunde.

52:46 - 53:34

 

Als elfjähriges Kind konnte er keinen Eindruck von den Deutschen bekommen, wie sie es gemeint haben oder ob sie wussten, was mit den Juden passiert.

53:34 - 54:33

 

Er wusste während der Zeit im KZ nichts davon, dass Juden vergast wurden. Eines Nachts sah er, wie tote Menschen in eine Grube geworfen wurden und dies wurde im Nachhinein bei einem Besuch in Auschwitz bestätigt.

54:33 - 57:13

 

Dankesrede und Verabschiedung von Asher Ud. Es ist immer wieder aufwühlend für ihn, diese Geschichte zu erzählen und er hofft, dass es ein Opfer für alle kommenden Generationen war, was die Juden während des Holocausts miterleben mussten.