Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Avigdor Neumann

Interview am 21. Oktober 2025 in Even Jehuda

Avigdor Neumann wurde 1931 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Im März 1944 marschierten die Deutschen ein, Juden wurden gezwungen, einen gelben »Judenstern« auf der Kleidung zu tragen. Wenig später geschah die Zwangsumsiedlung ins Ghetto. Schließlich wurden sie in einem Viehwaggon deportiert – Richtung Auschwitz-Birkenau. Auf den Arm bekam er eine Nummer eintätowiert, die auch 80 Jahre später noch zu sehen ist: B14665.

Avigdor Neumann

Interview in Israel im Oktober 2025

Kurzbiografie

Die Stadt Wynohradiw liegt in der Ukraine. Als Avigdor Neumann dort 1931 geboren wurde, hieß sie Seulus und war seit dem Ende des Ersten Weltkriegs Teil der Tschechoslowakei. 1939 von Ungarn annektiert, begann die Situation für die jüdischen Bewohner schwierig zu werden. Als schließlich im März 1944 die Deutschen einmarschierten, wurden Neumann, seine Familie und alle anderen Juden gezwungen, einen gelben »Judenstern« auf der Kleidung zu tragen. Wenig später geschah die Zwangsumsiedlung ins Ghetto, wo eine unerträgliche Enge herrschte. Im Mai wurden sie in einem Viehwaggon deportiert – Richtung Auschwitz-Birkenau. Drei Tage und drei Nächte eingepfercht mit etwa hundert Personen, ohne Licht und Toiletten. Sofort nach der Ankunft wurden Frauen und Kinder vergast. Der zwölfjährige Avigdor stellte sich mit seinem Vater zu den Männern und erlebte fortan die Schrecken des Konzentrationslagers: Kälte, Hunger, Demütigung, Zwangsarbeit. Auf den Arm bekam er eine Nummer eintätowiert, die auch 80 Jahre später noch zu sehen ist: B14665. Am 18. Januar 1945 war von seiner Familie nur noch er übrig. Durch den hohen Schnee ging es auf den sogenannten »Todesmarsch«. Die sowjetische Armee rückte näher und die Nationalsozialisten ließen die Häftlinge durch eiskalte Nächte marschieren. Viele erfroren oder wurden erschossen. Avigdor kam ins Lager Gunskirchen, wurde Anfang Mai von der amerikanischen Armee befreit. Zurück in der Heimat stellte sich heraus, dass auch seine ältere Schwester irgendwie überlebt hatte, alle anderen – sechs Familienangehörige – waren umgekommen. Im Dezember 1947 kam er nach Israel, gründete eine Familie. Er hat zwei Kinder, sieben Enkel und zahlreiche Urenkel. Er sagt: »Das ist meine Rache an den Nazimördern.«

Inhaltsübersicht

00:00 - 01:17

Avigdor Neumann über den Begriff "Holocaust"

Avigdor Neumann wurde 1931 in der damaligen Tschechoslowakei geboren, in einem Gebiet, das heute zur Ukraine gehört. Als Holocaust-Überlebender möchte er zuerst erklären, was man unter dem Begriff des Holocausts überhaupt versteht. Dieser beschreibt die Ermordung von rund sechs Millionen Juden – darunter 1,5 Millionen Kinder – durch die Nationalsozialisten. Ausschlaggebend für die Vernichtung war nicht die jeweilige religiöse Überzeugung der Opfer oder gar deren politische Zugehörigkeit, sondern allein die Tatsache, dass sie als Juden zur Welt gekommen waren. Hitler war der Überzeugung, die Juden seien eine geringere Rasse und müssten daher weltweit ausgelöscht werden. Um dieses Ziel zu erreichen, bediente man sich verschiedenster grausamer Methoden: Die Nationalsozialisten mordeten, indem sie Juden verbrannten, erschossen und vergasten.

01:17 - 02:35

Kindheit

Avigdor Neumann wuchs mit seinen sechs Geschwistern in einer chassidischen, also streng religiösen Familie auf. Sein Vater war ein sehr wohlhabender Mann. Als 1939 mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die Ungarn in die Tschechoslowakei einmarschierten, hielt auch der Antisemitismus Einzug in das Leben der dortigen jüdischen Bevölkerung. So wurden Gesetze erlassen, die Juden beispielsweise das Recht auf höhere Bildung und unternehmerische Selbstständigkeit verwehrten. Auch die Stimmung in der Öffentlichkeit war antisemitisch aufgeladen, es kam zu Gewalttaten auf der Straße. In der jüdischen Gemeinde der Stadt hingegen herrschte ein warmes Klima und ein starker Zusammenhalt; man half einander aus und kümmerte sich um den anderen.

02:35 - 06:34

Einmarsch der Wehrmacht und Umzug ins Ghetto

Die Besetzung Ungarns (an das die Tschechoslowakei gefallen war) durch die Deutschen am 19. März 1944 stellte eine Verschlimmerung der Lage dar. Avigdor Neumann, der damals zwölfeinhalb Jahre alt war, verstand zwar nicht die genaueren Zusammenhänge dessen, was sich gerade abspielte; er spürte allerdings die Besorgnis der Erwachsenen in seinem näheren Umfeld, die damit einherging. Eine Neuerung war das Gesetz, das Juden zwang, den sogenannten »Judenstern« an ihrer Kleidung anzubringen. Einige Wochen später kamen um drei Uhr nachts Polizisten zum Wohnort der Neumanns und wiesen sie an, ihr großes, komfortables Haus zu verlassen. Dabei durften sie weder Essen noch Kleidung oder sonstige Habseligkeiten mitnehmen. Avigdor Neumanns Mutter wurde mit ihren nunmehr sechs Kindern – eines war bereits zuvor verstorben – in ein Ghetto abgeführt. Der Vater wurde zusammen mit anderen reichen jüdischen Bürgern gesondert interniert und nach dem Verbleib seiner Besitztümer unter Folter verhört. Die Besatzer vermuteten, die Juden ständen mit England im Kontakt und hätten ihr ganzes Geld dort in Sicherheit gebracht. Im Ghetto wurden Avigdor Neumann und seine Geschwister sowie auch seine Mutter in einem Haus ohne Betten untergebracht. Nach wenigen Wochen wurden die Bewohner des Ghettos in einer großen Synagoge versammelt. Gesagt wurde ihnen lediglich, dass sie wegfahren würden. Avigdor Neumanns Mutter durfte nun doch von zuhause Essen und Kleidung mitnehmen. Auf dem Weg vom Ghetto zum Bahnhof standen links und rechts des Weges, den sie nehmen mussten, Polizisten Wache. Avigdor Neumann trug Verpflegung für die Reise mit sich, als er sah, wie vor ihm ein Polizist seine Mutter schlug. Vor Schreck ließ er den Proviant fallen.
06:34 - 09:16

Fahrt nach und Ankunft in Auschwitz-Birkenau

In jedem Waggon mussten 80-100 Menschen Platz finden. Drei Tage und Nächte dauerte die Fahrt; eine lange Zeit, während derer alte, junge und kranke Menschen auf dem Boden der Waggons kauerten und komplett ohne Wasser oder eine Toilette und mit nur spärlicher Luftzufuhr auskommen mussten. Als die Passagiere endlich aussteigen durften, befanden sie sich am Bahnhof von Auschwitz-Birkenau. Sobald die Türen der Waggons geöffnet wurden, drängten die Soldaten sie unter Schlägen, diese zügig zu verlassen. Dann wurden sie angewiesen, sich in zwei Reihen aufzustellen. Frauen und Kinder mussten auf die eine Seite, arbeitsfähige Männer auf die andere. Ihnen gegenüber wurde behauptet, die Männer würden sechs Tage in der Woche arbeiten müssen und sonntags könnten sich die Familien wiedersehen, was natürlich gelogen war. Avigdor Neumann ging mit seiner Mutter und seinen kleineren Geschwistern mit, da er sie bei deren Betreuung unterstützen wollte. Plötzlich trat ein jüdischer Häftling hervor, packte ihn und zerrte ihn zu der Reihe der Männer. Avigdor Neumann sträubte sich, konnte allerdings nichts gegen den Mann ausrichten. Dieser beschwor ihn, sich still zu verhalten und kein Wort zu sagen. Damals konnte Avigdor Neumann nicht ahnen, dass dieser Mann versuchte, ihn zu retten, indem er ihn aus der Reihe der Frauen und Kinder nahm, von denen er wusste, dass sie sich schon sehr bald auf dem Weg zu den Gaskammern befinden würden.
09:16 - 12:33

Selektion und erste Eindrücke des Lagers

Nun befand sich Avigdor Neumann also dort, wo auch bereits sein Vater und sein großer Bruder waren. Sofort durchliefen sie eine Selektion durch Lagerarzt Josef Mengele, der per Wink mit dem Finger über Leben oder Tod der Häftlinge entschied: »Kommst du nach rechts, das ist zum Leben, zur Arbeit; links zum Tod«, so schildert es Avigdor Neumann. Diejenigen, die nach links mussten, schlossen sich den Frauen und Kindern und deren Marsch zu den Gaskammern an. Bei ihm angekommen, fragte Mengele nach seinem Alter und seinen Fähigkeiten. Avigdor Neumann log, er sei 15 Jahre alt und Mechaniker. Er durfte nach rechts abtreten. Dann ging es in ein großes Badezimmer in der Nähe der Krematorien. Dort mussten sich die Häftlinge ihrer Kleidung und der Schuhe entledigen und stundenlang nackt in der Kälte stehen. Sie wurden am ganzen Körper abrasiert und bekamen anschließend gestreifte Häftlingskleidung zugeteilt. Socken und Unterwäsche gab es nicht, die Schuhe waren aus Holz gefertigt. Mittlerweile war es Abend geworden. Die Männer wurden in ihre Lager geführt – karge Baracken mit dreistöckigen Holzbetten ohne Matratzen oder jeglichen Komfort, dazu noch heillos überfüllt. Am nächsten Morgen konnte man sehen, wie Rauch und große Flammen aus den Kaminen der Krematorien schossen. Die Alteingesessenen erklärten den Neuen, was es damit auf sich hatte: "Schau, du siehst die Flammen; das ist deine Mutter. Du siehst den Rauch; das ist dein Bruder, deine Geschwister." So begann Avigdor Neumann allmählich zu begreifen, um was für eine Art von Lager es sich hier handelte.
12:33 - 15:35

Alltag im Konzentrationslager

Noch einige Tage befand sich Avigdor Neumann im selben Lager wie sein Vater und sein großer Bruder, dann wurden die beiden in andere Lager verbracht, zunächst nach Warschau, dann Dachau und zuletzt Kaufering-Landsberg, wo sie schließlich ermordet wurden. Die Jugendlichen, zu denen auch Avigdor Neumann gehörte, wurden in einen anderen Teil des Lagers gebracht. Dort bekamen sie eine Nummer auf den Unterarm tätowiert. Von dem Moment an wurden sie nicht mehr wie Menschen mit Namen, sondern als Nummern behandelt. Noch heute ist Avigdor Neumanns Tätowierung mit der Nummer B14665 zu sehen. Schließlich bekam er eine Arbeit zugewiesen. Zusammen mit einigen anderen Häftlingen war er Teil des sogenannten "Scheißkommandos", das dafür zuständig war, menschliche Fäkalien auf einen Wagen zu laden und diesen dann mitzunehmen. Dazu mussten die Häftlinge den Wagen anstelle von Pferden selbst ziehen. Trotz allem nennt er es eine gute Arbeit, da sie ihre Runde auch an der Küche vorbeiführte. Dort konnten sie oft Essensreste oder Küchenabfälle ergattern und so die kärglichen täglichen Nahrungsrationen etwas aufstocken. Diese bestanden im Regelfall aus 250 Gramm Brot, einem Stückchen Wurst oder Käse, etwas Tee und Suppe. Sonntags musste nicht gearbeitet werden. Besonders erholsam ging es da aber nicht zu: Die SS-Wachen und die Capos waren meist betrunken und machten sich einen Spaß daraus, die Häftlinge sinnlos Appell stehen zu lassen und auf sie einzuschlagen.
15:35 - 18:23

Gespräche über den Zaun

Avigdor Neumann lebte in direkter Nachbarschaft zu Frauenlager. So war es ihm möglich, frühmorgens, wenn er aus der Baracke herausgeführt wurde, über den Zaun hinweg mit seiner Schwester zu kommunizieren. An ein Gespräch mit ihr erinnert er sich noch besonders gut. Es war der Morgen seines 13. Geburtstages, seiner Bar Mitzwa. Dieses bedeutsame Ereignis unter solchen Umständen getrennt von seiner Familie verbringen zu müssen, war für ihn besonders schrecklich. Hunger, Schläge, Krankheiten und die schlechten hygienischen Bedingungen machten die Arbeit im Lager zur Qual. So ging es bis zu Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest. An diesem Tag fand eine weitere Selektion statt. Wieder musterte Mengele die Gefangenen und fällte in Sekundenschnelle die Entscheidung über Leben und Tod jedes Einzelnen. Diejenigen, die »aussortiert« wurden, sperrte man in eine Baracke bis zum Abend, bevor sie dan zu den Gaskammern gefahren und dort ermordet wurden. Schlimm waren die Gespräche, die Avigdor Neumann an den Folgetagen über den Zaun mit den Angehörigen derer, die Opfer dieser Selektion geworden waren, führte. Er brachte es nicht übers Herz, ihnen die ganze Wahrheit zu sagen und erklärte, ihre Brüder oder Söhne seien Teil eines Transports geworden. Für die Angehörigen wurde das meist als gute Neuigkeit aufgefasst, Hauptsache raus aus Auschwitz, so dachten sie. Das alles kam eines Tages "wie ein Bumerang zu mir zurück", sagt Avigdor Neumann. Bei einem Gespräch mit den Gefangenen des Frauenlagers erfuhr er nämlich, dass seine Schwester auf einen Transport gekommen war. Für ihn stand fest, dass sie ihm – wie einst er selbst – nicht die Wahrheit sagten und seine Schwester bereits nicht mehr am Leben war.
18:23 - 21:58

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Die nächste Selektion fand ebenfalls an einem jüdischen Feiertag, an Jom Kippur, statt. Diesmal musste Avigdor Neumann auf die linke Seite. In der Baracke, in der er auf den Wagen wartete, der ihn und seine Mitgefangenen am Abend zu den Gaskammern bringen sollte, spielte sich an diesem Tag etwas ab, was einmalig in der Geschichte des Lagers war. KZ-Arzt Mengele betrat den Raum und wählte willkürlich acht Leute aus, die die Baracke wieder verlassen durften – unter ihnen auch Avigdor Neumann. Alle übrigen wurden wie vorgesehen in den Gaskammern ermordet. Auch bei der nächsten Selektion musste Avigdor Neumann wieder nach links weg und wurde in einer Baracke eingesperrt. Zusammen mit ein paar Jugendlichen beschloss er, einen Ausbruchsversuch zu wagen; sie hatten ja nichts zu verlieren. Tatsächlich gelang es ihnen, die Türe aufzubrechen und aus der Baracke zu fliehen, sie wurden jedoch nach kurzer Zeit wieder von den Wachen gefasst. Die beschlossen nun, nicht mehr bis zum Abend zu warten, und befahlen den Häftlingen, sich auf den Fußmarsch zu den Krematorien zu machen. Als die Gruppe an den Gaskammern ankam, sahen sie, wie die Schar vor ihnen diese gerade verließ! So wurden alle Häftlinge von den Gaskammern weggeschickt, ohne den Grund dafür zu wissen. Eine mögliche Erklärung dafür hängt mit einer Gruppe jüdischer Gefangener, dem sogenannten »Sonderkommando«, zusammen. Deren Auftrag war es, die Toten von den Gaskammern ins Krematorium zu befördern. Alle paar Monate ermordeten die Deutschen die Männer des Sonderkommandos und ersetzten sie durch andere Häftlinge. Wohl weil sie ahnten, das ihre "Ersetzung" unmittelbar bevorstand, kam es am 7. Oktober 1944 zu einem bewaffneten Aufstand des Sonderkommandos, bei dem auch Teile des Krematoriums zerstört wurden. Es wird daher vermutet, dass die Ankunft neuer Häftlinge an den Gaskammern die Kapazität der beschädigten Anlage überstieg und man Avigdor Neumann und seine Gruppe deshalb abwies.
21:58 - 28:10

Todesmärsche

Avigdor Neumann bekam im Winter 1944/45 eine neue Arbeit. Zu dieser Jahreszeit waren die ohnehin schon herausfordernden Lebensbedingungen noch härter. In der Eiseskälte musste er gemeinsam mit anderen Jugendlichen Kartoffeln vom Bahnhof abholen und auf dem Gelände des Lagers unter einer Erdschicht vergraben, um sie vor dem Gefrieren zu schützen. Währenddessen prügelte der Wachmann, dem scheinbar langweilig war, immer wieder auf ihn ein. Am 18. Januar 1945 kam dann der Befehl zum Todesmarsch. Auf dem Appellplatz schärften die Wachen bei -25°C und fast kniehohem Schnee den Häftlingen ein, unbedingt mit der Kolonne Schritt zu halten. Wer zurückblieb, würde erschossen werden. Drei Tage lang wurde so marschiert; es fielen Schüsse, wann immer ein entkräftigter Häftling am Boden liegen blieb. Die Kälte forderte bei Nacht ebenfalls ihren Tribut. Als sie an einem Bahnhof angelangten, ging es auf die Reise nach Mauthausen in Österreich. Dort mussten sie vom Bahnsteig aus den steilen Weg zum Lager zu Fuß zurücklegen. Dabei galt nach wie vor derselbe Befehl: Wer zurückbleibt, wird erschossen. Auf dieser drei bis vier Kilometer langen Strecke wurden zahlreiche Gefangene ermordet. Am Abend mussten sie stundenlang in der Kälte stehen, während in der Schreibstube ihre Ankunft vermerkt wurde. Dann brachte man sie in ihre Baracken, zu deren Ausstattung nicht einmal Betten gehörten. Einige Tage später wurden sie ausquartiert und zogen in ein Zeltlager um. Einen Fußboden gab es nicht, und der vom Regen aufgeweichte Untergrund verwandelte sich bald in Schlamm. Die Essensrationen reichten nicht aus. Eines Tages kreiste eine russische Maschine über dem Lager und eröffnete das Feuer, wahrscheinlich hatte ihre Besatzung die Häftlinge aus der Luft für stationierte Soldaten gehalten. In diesen Tagen gab es sogar Fälle von Kannibalismus im Lager. Zu allem Überfluss folgte dann auch noch ein zweiter Todesmarsch, diesmal von Mauthausen nach Gunskirchen. Wiederum galt es, die etwa 60 Kilometer lange Strecke ohne Zurückbleiben zu bewältigen. Nach drei Tagen kamen die Häftlinge an der Stadt Wels vorbei. Avigdor Neumann war völlig entkräftet und konnte keinen Meter mehr gehen. Er war sich im Klaren darüber, was das für ihn bedeutete, hatte aber keine andere Möglichkeit, als sich auf den Boden zu setzen in der Erwartung, erschossen zu werden. Kurze Zeit später trat ein deutscher Offizier mit gezogenem Revolver auf ihn zu. Unerklärlicherweise gelang es Avigdor Neumann in diesem Moment, die Kraft aufzubringen, sich zu erheben und weiterzulaufen. Noch am selben Tag kamen sie an dem im tiefen Wald gelegenen Lager an. Die Bedingungen dort waren katastrophal, ständig kamen Menschen an Hunger, Kälte oder Krankheiten zum Erliegen.
28:10 - 29:11

Befreiung

Eines Tages brach ein lautstarker Tumult aus. Die deutschen Soldaten waren weggelaufen, amerikanischen Truppen waren eingetroffen und hatten die Inhaftierten befreit. Den Weg zur Hauptstraße entlang hatten sie Lebensmittelpakete ausgelegt, die die Befreiten freudig aufnahmen. Tragischerweise kamen selbst jetzt noch einige von ihnen um, weil sie nach einer langen Zeit der extremen Entbehrung zu viel Nahrung in zu kurzer Zeit zu sich nahmen.

29:11 - 34:07

Wiedersehen mit seiner Schwester

Erstmals seit Ausbruch des Krieges musste Avigdor Neumann nun keine Angst mehr haben. Nicht einmal vor den Soldaten musste er sich fürchten – im Gegenteil, manchmal bekam er sogar von den Amerikanern Süßigkeiten zugesteckt. Der Vierzehnjährige war also frei und außer Gefahr, doch er war auch orientierungslos. Ohne Familie und Angehörige stellten sich für ihn existenzielle Fragen: Was soll ich jetzt tun? Wohin soll ich gehen? Mit wem? Warum will ich überhaupt weiterleben? Da begann für ihn eine traumatische Zeit. Im Lager waren sein Körper und sein Denken nur aufs Überleben ausgerichtet gewesen, es war wie auf einem »anderen Planeten«. Die neugewonnene Freiheit löste bei ihm Depressionen aus. Er entschloss sich, wieder nach Wels zu gehen, wo die amerikanische Armee ein großes Armeelager der Deutschen übernommen hatte. Dort wurde Avigdor Neumann gefragt, was er nun tun wolle. Er bat darum, in seine Heimatstadt zurückkehren zu dürfen. Diese war mittlerweile in der russischen Zone gelegen. Seine Schwester, die die Konzentrationslager überlebt hatte und ebenfalls in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war, wusste bereits von anderen Heimkehrern, dass ihr Bruder noch am Leben war und sich auf den Weg machte. Er selbst ging noch davon aus, dass seine Schwester tot war. Sie begab sich täglich zum Bahnhof und wartete, ob er vielleicht heute mit dem Zug ankommen würde. Nur an dem Tag, an dem er tatsächlich zurückkehrte, war sie nicht am Bahnhof. Ihr Wiedersehen war für Avigdor Neumann eine große Überraschung. Endlich wieder vereint, waren sie dennoch auf sich alleine gestellt. Als kleiner Bruder befolgte Avigdor Neumann die Anweisungen seiner drei Jahre älteren Schwester und respektierte ihren Entschluss, die sowjetisch besetzte Zone so schnell wie möglich zu verlassen. Sie wollte nach allem, was geschehen war, außerdem nicht in Europa bleiben und so wagte das Geschwisterpaar die Auswanderung nach Israel.
34:07 - 37:47

Auswanderung nach Israel – Überfahrt und Ankunft

Um die illegale Einwanderung bewerkstelligen zu können – Juden war es damals nicht erlaubt, in das von den Briten kontrollierte Mandatsgebiet einzureisen –, traten sie in Budapest der Sochnut bei, einer Gruppe, die Juden die Einwanderung zu ermöglichen suchte und die Überfahrten organisierte. Zwei Jahre lang hielten sie sich in einem Displaced-Persons-Camp auf, bevor sich die Möglichkeit zur Ausreise ergab. Schließlich fuhren sie von Marseilles aus auf einem Lastschiff mit 2600 Passagieren über das Mittelmeer in Richtung Israel. Tagsüber durfte man sich nicht an Deck aufhalten, um nicht von britischen Patrouillen entdeckt zu werden. Nach zwei Wochen kam das Schiff am Hafen von Tel Aviv an. Dort warteten bereits zwei britische Militärschiffe, die den Weg ans Dock versperrten. An Bord des Schiffes entbrannte ein Kampf zwischen den illegalen Einwanderern und den britischen Matrosen, wobei die Passagiere die Briten mit Konserven bewarfen und im Gegenzug mit Gasgranaten attackiert wurden. Schließlich schoss ein Soldat in die Menge; drei Passagiere wurden getroffen und starben. Avigdor Neumann weist auf die unheimliche Tragik dieses Ereignisses hin. Diese Menschen hatten die Gefahren und die schrecklichen Qualen des Holocausts überlebt, nur um unmittelbar vor der Küste ihrer angestrebten neuen und sicher geglaubten Heimat erschossen zu werden – und das nicht etwa von einem SS-Mann, sondern von einem britischen Soldaten. Als die Lage deeskaliert war, schleppte man das Schiff zum Hafen von Haifa. Dann stiegen die Passagiere um auf ein Schiff der britischen Marine, das sie nach Zypern übersetzte. Dort wurden sie für acht Monate in einem Internierungslager festgehalten.
37:47 - 41:21

Unabhängigkeits- und weitere Kriege

Im November 1947 endete das britische Mandat für Palästina und der israelische Unabhängigkeitskrieg begann. Wieder zurück in Israel, meldete sich Avigdor Neumann im Alter von siebzehneinhalb Jahren freiwillig zum Armeedienst. Beim Militär lernte er such seine Frau kennen, die keine Holocaust-Überlebende war, sondern in Palästina geboren wurde. Durch Kontakte ihres bereits verstorbenen Vaters erhielt Avigdor Neumann Arbeit als Fahrer bei Egged, einem großen Busunternehmen. In dieser unruhigen Zeit wurde er auch immer wieder in den Militärdienst gerufen. So kämpfte er noch in drei weiteren Kriegen, unter anderem im Jom-Kippur-Krieg 1973, wo er verwundet wurde.

41:21 - 51:04

Avigdor Neumanns Bemühungen gegen das Vergessen

Viele Jahre schwieg Avigdor Neumann über sein Schicksal als Holocaust-Überlebender, auch gegenüber seiner Frau. Erst 50 Jahre später passierte eine Veränderung in ihm. 1996 nahm er dann seine Familie mit auf eine Reise, während der er alle Lager, in denen er gefangen gewesen war, sowie seine Heimatstadt besuchte. Vor der Corona-Pandemie unternahm er häufig Reisen nach Deutschland und nahm an Gedenkveranstaltungen an Schulen und anderen Orten teil. Mittlerweile ist er hauptsächlich per Zoom zugeschaltet. Seine Wände zieren Bilder, Urkunden und andere Erinnerungsstücke solcher Veranstaltungen. Er nimmt strikt kein Geld für seine Vorträge, da das nicht dem eigentlichen Zweck entsprechen würde. Dafür ist er sogar bereit, seine Gesundheit zu riskieren. "Mein Kardiologe hat nicht so gern, was ich mache", sagt er im Hinblick auf seine Herzkrankheit. Das Gefühl, mit einer heiligen Aufgabe betraut zu sein, gibt ihm die Kraft, weiter das zu tun, was er tut. Im Gegenzug für seinen Beitrag für das Gedenken hat er allerdings eine Bitte: Dass seine Zuhörer, um dem Vergessen entgegenzuwirken, seine Geschichte und die anderer Überlebender weitersagen. Avigdor Neumann ist sich der besonderen Rolle bewusst, die Augenzeugen und Überlebende wie er selbst bei der Erinnerung an den Holocaust spielen. Er kann das Erlebte noch aus erster Hand teilen, und er macht das gerne. Aus diesem Grund nimmt er möglichst viele Anfragen auf Vorträge an. Die Nachfrage danach ist da; mehrmals am Tag melden sich Interessenten wie Schulen oder andere Veranstalter per Telefon. Auch mit Überlebenden des Massakers auf dem Nova-Festival vom 7. Oktober 2023 hat Avigdor Neumann schon gesprochen und ihnen aus seinem Leben berichtet. Obwohl er den Terrorangriff als Unglück bezeichnet und das geschehene Leid selbstverständlich anerkennt, muss er der Auffassung mancher, es handele sich dabei um einen neuen Holocaust, entschieden widersprechen. Am 7. Oktober 2023 handelten die Terroristen der Hamas so wie die Deutschen im Holocaust. Der entscheidende Unterschied besteht laut Avigdor Neumann darin, dass die Juden während des Holocausts keine Mittel hatten, der Bedrohung von außen zu widerstehen. Nach dem 7. Oktober hingegen konnte das israelische Militär wirksam einschreiten. Avigdor Neumann hat zwei Kinder, sieben Enkel, 43 Ur- und einen Ururenkel. Die Existenz seiner Familie, seines Landes und seiner Armee bezeichnet er als seine Rache an Hitler und den Nazis. Abschließend macht Avigdor noch eine tiefgreifende Feststellung: »Ich bin heraus aus Auschwitz, Auschwitz ist nicht heraus aus mir.« Eine solche Erfahrung, wie er sie gemacht hat, begleitet einen Menschen ein Leben lang. Den Rat, den er gibt, ist folgender: Den negativen Gedanken und den Erinnerungen an die Vergangenheit nicht nachzugeben, sondern das Leben zu leben und die angenehmen Momente zu genießen.