Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Jizchak Haber

Vortrag am 1. Mai 2018 in Bad Liebenzell-Maisenbach, Deutschland

Jizchak Haber (Jg. 1925) stammt aus Dynow in Polen. In der Nacht vom 18. zum 19. September 1939 überfallen Nazis seine Heimatstadt Stadt, brennen die Synagoge nieder und ermorden 300 bis 400 Juden durch Hinrichtungskommandos im Wald. Grauenvolle Szenen spielen sich ab. Der junge Jizchak überlebt und wird von den Russen ins fast 5.000 Kilometer entfernte Nowosibirsk deportiert. Später ergibt sich die Möglichkeit, zusammen mit Armee-Einheiten nach Teheran zu gelangen, von dort geht es schließlich per Schiff über Umwege nach Israel. Insgesamt legt er dabei von seiner Heimat aus 20.000 Kilometer zurück.

Kurzbiografie

Jizchak Haber wird im Jahr 1925 geboren. In dem Städtchen Dynow nahe der russischen Grenze gibt es drei Synagogen. Das jüdische Leben in der Stadt endet jäh mit dem Einmarsch der Deutschen. Weil der Vater im Ersten Weltkrieg als Offizier in der Habsburger Monarchie gedient hat, fühlt sich die Familie zunächst sicher. Aber bei der zweiten Razzia nehmen die Deutschen auch den Vater mit. Die Familie rettet sich über die russische Grenze, doch auch dort ist das Überleben schwer. Die Familie wird mehrmals deportiert, und die Mutter von Jizchak Haber stirbt unter tragischen Umständen. Er selbst kommt über lange Umwege, die ihn in den Iran, nach Indien, den Jemen und nach Ägypten führen, schließlich im Februar 1943 nach Israel. Dort lernt er seine Frau kennen, die im Holocaust den Vater und beide Schwestern verloren hat. Die erste Rückkehr nach Deutschland im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit bereitete Jizchak Haber große Probleme, später jedoch kehrten er und seine Frau jährlich zur Kur zurück. Heute lebt Jizchak Haber als Witwer in einem Vorort von Haifa.

Inhaltsübersicht

00:00 - 01:11

Einleitung und Vorstellung

Jizchak Haber stellt sich vor. Er wurde im südöstlichen Teil Polens in der Stadt Dynow (Anm.: dt. Dünow) am Fluss San geboren. In Dynow gab es drei Synagogen und viele Geschäfte. Der größte Teil der Bevölkerung lebte vom Handwerk. Immer donnerstags gab es einen Bauernmarkt.

01:11 - 04:50

Massaker in Dynow

Am ersten September 1939 fielen Hitlers Truppen in Polen ein. Zuvor hatten Hitler und Stalin untereinander ausgemacht, dass Russland Ostpolen bekommen würde, wenn sie sich nicht in den Krieg der Deutschen mit den Polen einmischen. Die Grenze des Gebiets, das Stalin bekam, verlief entlang dem San, nicht weit von Dynow entfernt.

Als die Deutschen in Dynow einfielen, brannten sie eine Synagoge nieder, in der sich ca. 400 Menschen befanden. In einer zweiten Synagoge eröffneten sie wahllos das Feuer auf betende Juden, darunter auch Frauen und Kinder. Darüber hinaus haben sie 300 Menschen mitgenommen und sie in einen weit von der Stadt entfernten Wald geführt. Dort mussten sie einen Graben ausheben, anschließend wurden sie erschossen. Ein Großteil war sofort tot, einige aber auch nur mehr oder weniger schwer verletzt. Mehr als eine Woche später regte sich noch Leben in diesem Graben. Man weiß dies, weil zwei der Verletzten sich retten konnten. Auch eine frühere Schulfreundin, ein christliches Mädchen, bestätigte ihm dies später unter Tränen. Sie war mit ihrer Mutter nach dem Massaker draußen im Wald und sah, wie das Massengrab noch lange »zitterte.«

04:50 - 06:18

Schicksale seiner Familie

Die erste Frau, mit der sein Vater Kinder hatte, war 1921/22 gestorben. Seine Familie stammt aus Deutschland, sein Vater war Offizier unter Kaiser Franz Joseph (Anm.: Dynow gehörte von 1772 bis 1918 zu Österreich). Jizchak Haber hatte noch einen älteren Halbbruder von dieser ersten Frau seines Vaters in Berlin. Der Bruder war verheiratet und hatte drei Kinder. Eines Tages drangen SS-Leute in die Wohnung ein und brachten die ganze Familie um.

Auch eine Schwester des Vaters wurde mit 48 Jahren in Lemberg ohne Grund durch einen Kopfschuss getötet.

06:18 - 07:29

Innerer Widerstand beim ersten Besuch in Deutschland

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte 30 israelische Ingenieure und 30 Techniker zu einem dreimonatigen Studienaufenthalt in Deutschland eingeladen, um Kontakte aufzubauen. Mit dieser Gruppe kam auch Jizchak Haber nach Deutschland. Als das Flugzeug in Frankfurt zur Landung ansetze, verlor er sein inneres Gleichgewicht. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis er in der Lage war auszusteigen. Während der drei Monate hat Jizchak Haber sich dann beruhigt und alles war in Ordnung.

07:29 - 12:41

Das Schicksal von J. Habers Frau

Später in Israel lernte Jizchak Haber ein 16jähriges Mädchen kennen, mit dem er einmal ins Kino ging. Als das Mädchen einen Mann sieht, der Geige spielt, fängt sie heftig an zu schluchzen. Jizchak Haber geht mit ihr nach draußen und fragt sie, was denn passiert sei. Da beginnt sie davon zu erzählen, wie die Juden in ihrer rumänischen Heimat 1940 vertrieben wurden. Ihr Vater war damals 32 Jahre alt, die Mutter war 30 und sie selbst sieben Jahre alt. Die beiden jüngeren Schwestern waren zwei und vier Jahre alt. Den Vater und die beiden jüngeren Geschwister hat man gleich getötet. Ihre Mutter und sie wurden in ukrainische Konzentrationslager gebracht. Aber man hat die beiden getrennt, so dass sie mit ihren sieben Jahren alleine im Konzentrationslager war. Zum Schluss erzählte sie, dass ihr Vater immer abends, wenn er von der Arbeit kam, Geige für die Kinder gespielt hat. Deshalb war der Anblick des Geigenspielers wie ein Schock für sie, und gegen die Tränen konnte sie nichts machen.

Als Essensration bekam sie im Lager 200g Mehlsuppe, in der Würmer waren. Sie erkrankte an Typhus, und als sie nach vier Jahren aus dem Lager kam, war sie dünn wie ein Stecken. Sie kam mit einer Jugendgruppe nach Israel in einen Kibbuz, wo Jizchak Haber sie kennenlernte.

Später haben sie geheiratet. Ihr ganzes Leben lang war seine Frau lungenkrank, weil die Bronchien durch den Aufenthalt im Konzentrationslager so stark angegriffen waren.

Die Mutter des Mädchens war später in einem der Heime von Zedakah in Maalot.

12:41 - 17:06

Einmarsch der Deutschen in Dynow

Eines morgens flogen deutsche Flugzeuge über Dynow hinweg. Kurz danach tauchten zwei Motorräder auf, die eine Runde durch die Stadt machten. Anschließend kam eine deutsche Armee in die Stadt und nahm alle wichtigen Plätze wie die Schule und das Rathaus ein. Es gab Razzien und es wurde willkürlich auf Menschen geschossen.

In der Stadt hielten sich gerade in der Zeit vom 17. Bis 19. September 1939 viele Juden auf, die aus den nördlich gelegenen Städten wie Krakau und Częstochowa vor den Deutschen geflohen waren. Über den Feiertag suchten sie in der großen Synagoge Zuflucht und einen Platz zum Schlafen.

Die Deutschen haben davon erfahren, dass sich in der großen Synagoge mehrere hundert Menschen aufhielten. Mitten in der Nacht umzingelten sie das Gebäude. Jizchak Haber, der mit seiner Familie nicht weit entfernt wohnte, hörte die gewaltige Explosion. Alles zitterte, berichtet er. Sein Vater war zu dem Zeitpunkt nicht im Haus. Ihn hatten sie bei der ersten Razzia noch einmal laufen lassen, weil er ihnen gezeigt hatte, dass er als Offizier im ersten Weltkrieg unter Kaiser Franz Joseph an der Seite der Deutschen gekämpft hatte. Aber es gab noch eine weitere Razzia. Bei der nahmen sie ihn mit und zwangen ihn zur Arbeit. Die SS-Leute meinten, das interessiere sie nicht, was er früher gemacht habe. Vor der Zwangsarbeit ist er eines nachts zusammen mit anderen Kameraden in die Wälder rund um Dynow geflüchtet.

17:06 - 25:43

Schreckliche Bilder in der Synagoge

Am nächsten Morgen, als Jizchak Haber zur ausgebrannten Synagoge ging, war der Platz fast leer. Die SS-Leute hatten sich inzwischen schlafen gelegt. Er traf an diesem Morgen nur auf zwei Leute vor der Synagoge. Das eine war ein Mann, der neben der Synagoge wohnte und die schrecklichen Ereignisse beobachtet hatte. Das andere war die Frau des Rabbiners. Die sagte ihm, dass auch ein Verwandter von ihm aus Krakau in der Synagoge war. Er hatte sich dort ebenfalls schlafen gelegt, als die Deutschen die Synagoge in Brand setzten. Die Frau des Rabbiners berichtet, dass drei Menschen versuchten haben durch die Tür nach draußen zu entkommen – darunter auch der Verwandte. Aber man hat ihm in die Füße geschossen und ihn zurück ins Feuer geworfen.

Die Synagoge war nicht komplett ausgebrannt, das Feuer hatte nur in einem Teil gewütet. Als Jizchak Haber die Synagoge betrat, um nach seinem Verwandten zu schauen, sah er, dass nicht alle verbrannt waren, sondern viele Menschen sich in den Teil geflüchtet hatten, den das Feuer verschont hatte. Jedoch waren sie dort qualvoll erstickt. Die Rauchentwicklung war so stark gewesen, dass der Rauch auch in das Elternhaus von Jizchak Haber eingedrungen war. Aber als seine Mutter mit den jüngeren Geschwistern wegen dem vielen Rauch im Haus ins Freie gehen wollte, bedrohten sie die SS-Leute mit dem Gewehr und schickten sie wieder ins Haus zurück.

Zuerst versuchte Jizchak Haber über den Bereich der Frauen ins Innere der Synagoge zu kommen. Aber die beschlagene Tür gab nicht nach, so versuchte er es über ein zerborstenes Fenster. Ein Mann half ihm, das hochliegende Fenster zu erreichen und so gelangte er in die Synagoge. Selbst Stunden später als er den Innenraum betrat, war dieser noch mit einem unbeschreiblich schrecklichen Rauchgeruch gefüllt, so dass ihm das Atmen schwerfiel.

Schnell entdeckte er den Verwandten. Doch wegen der noch heißen Holzbalken, die auf ihm lagen, konnte er ihn nicht befreien. Man brachte ihm Schaufel und Schubkarren, mit denen es dem 14jährigen Jizchak Haber gelang, einen Weg in der Synagoge zu bahnen. Seinen Verwandten legten sie auf die Schubkarre, und die Frau des Rabbiners brachte eine weiße Decke, mit der sie ihn zudeckten. Dann hörten sie die lauten Geräusche eines Motorrads. Der Mann, der in der Nähe wohnte, nahm schnell die Schubkarre und schob sie in sein Haus. Die Frau des Rabbiners eilte ebenfalls zurück, und auch Jizchak Haber rannte nach Hause. Gerade als er an dem großen Tor ankam, hörte er einen Schuss, der ihn nur knapp verfehlte. Über und über mit Ruß bedeckt, konnte er sich noch ins Haus retten, wo er kaum mehr Luft bekam und sich übergeben musste. Danach schlief er vor Erschöpfung ein.

25:43 - 28:26

Vertreibung aus Dynow

In Dynow gab es eine Weile danach eine weitere Razzia. Die Deutschen errichteten Blockaden und ließen mit Trommeln verkünden, dass sich alle Juden auf dem großen Marktplatz versammeln sollen. Es mussten alle mitkommen. Damit niemand zurückblieb, gab es Hausdurchsuchungen mit Hunden. Wer sich weigerte, wurde gleich erschossen. Dann wurden die Juden zum nahen Grenzfluss San geführt, wo es eine Fähre gab. Die schwangeren Frauen und die kleinen Kinder wurden auf die Fähre gelassen, aber die anderen wurden durchs Wasser getrieben. Wie viele dabei ertranken, weiß niemand, so wenig wie es genaue Zahlen über die Erschossenen oder die Toten in der Synagoge gab.

28:26 - 31:58

Herbergssuche in Russland

Den Vater fanden sie hinter der Grenze nicht. In den ersten beiden Dörfern, wohin sie kamen, ließ man sie nicht in die Häuser. Die Menschen dort entschuldigten sich mit den Worten: »Es tut uns leid, aber die Deutschen haben gesagt, dass sie uns erschießen, wenn wir euch bei uns beherbergen.« So blieb ihnen nichts anderes übrig, als im September unter freiem Himmel zu schlafen. Es war kalt und der Himmel hat geweint, schildert Jizchak Haber die Situation. Früh am nächsten Morgen machten sie sich durchnässt auf den Weg zum nächsten Dorf. Doch auch dort blieben ihnen die Türen verschlossen. So ging es eine Woche bis sie zu einem Dorf in der Nähe der Stadt Babice kamen. Dort wohnte eine Mutter mit zwei Söhnen, die beide als große Verbrecher bekannt waren. Aber diese Frau sah die Not seiner Mutter mit ihren fünf Kindern und bat sie herein. Sie gab ihnen zu essen und ließ sie im Heu in der Scheune schlafen.

Am nächsten Tag gingen sie weiter zu der kleinen Stadt Babice, wo sie den Vater wiedertrafen. Zusammen mit vielen anderen schliefen sie dort in der Synagoge. In dieser Stadt tötete ein Arzt angesichts der Not und des Elends, seine Frau und die beiden Töchter mithilfe von Spritzen. Eine der Töchter war früher in die Klasse von Jizchak Haber gegangen.

31:58 - 35:55

Deportation durch die Russen

Dann kamen sie nach Lemberg, wo eine Tochter (Anm. Hrsg. wahrscheinlich Schwester) des Vaters lebte. In Lemberg wohnten sie sieben Monate, als es nachts an der Tür klopfte. Es war die russische Polizei, die zu ihnen sagte, sollten aufstehen, sie würden nach Hause fahren. Jizchak Haber und seine Familie waren verwirrt, denn sie verstanden nicht, wohin man sie bringen wollte, welches Zuhause das sein sollte.

Zusammen mit tausenden anderen Menschen setzte man sie in verdreckte Viehwaggons. Es waren viele Menschen, denn zu der Zeit befanden sich auch zahlreiche polnische Soldaten in dieser Gegend. Aber weil man wusste, was mit ihnen zu Hause passieren würde, brachte man sie nach Osten, nach Sibirien, wo sie unter sehr schweren Bedingungen in Arbeitslagern arbeiten mussten. Später erfolgte eine weitere Deportation in den Ural, wo es etwas besser war. Aber in diese Zeit fiel die Aufkündigung des Hitler-Stalin-Pakts. Churchill riet Stalin doch die polnischen Soldaten in seiner Armee einzusetzen.

35:55 - 38:13

Krankheit und Tod der Mutter

Nochmals etwas später ging es weiter in die Nähe von Taschkent in Usbekistan, wo sie in einer Kolchose unterkamen. Doch die Verhältnisse dort waren so schlimm, dass seine Mutter schwer erkrankte. Es gab viel zu wenig zu essen, und auch sonst nichts, weshalb Jizchak Haber seine Mutter zusammen mit einem Usbeken in die Hauptstadt brachte. Zwei Wochen lang irrten sie durch die Stadt. Sie schliefen auf der Straße, es gab weder Essen noch Trinken. Sie suchten Hilfe in den Krankenhäusern, doch weil im Jahr 1942 die Spitäler bereits mit verwundeten russischen Soldaten überfüllt waren, wurden sie überall abgewiesen.

Nach zwei Wochen kam Jizchak Haber mit seiner Mutter zu einem polnischen Krankenhaus, wo man sie endlich aufnahm. Aber der Arzt musste ihm mitteilen, dass man nichts mehr machen könne und seine Mutter im Sterben liege. Was der Grund war, hat man ihm nicht gesagt.

Er blieb ohne Geld und ohne Verwandte zurück. Als er am zweiten Tag wieder die Augen aufschlug, befand er sich in einem Waisenhaus zusammen mit anderen Kindern. Wie er dahin gekommen ist, das weiß er nicht.

38:13 - 40:56

20.000km heimatlos durch die Welt

Später wurde er in ein zweites Waisenhaus gebracht, und dann über das Kaspische Meer in den Iran, weshalb man ihn und die anderen auch die »Teheran-Kinder nennt. Ganz auf sich allein gestellt, führte sein Weg vom Iran nach Indien, weiter nach Aden im Jemen, dann zum Suezkanal und schließlich nach Israel. Hier fand er eine neue Heimat und gründete eine Familie. Aber dreieinhalb sehr wichtige Jahre seiner Kindheit hatte er unwiederbringlich verloren. Er sagt, sein Leben sei ein Schlimmes gewesen.

Durch seine Arbeit kam er später jedes Jahr nach Deutschland. Auch mit seiner Frau machte er wegen ihrer Krankheit jährlich eine Kur in Bad Dürrheim. Warum die Deutschen damals so waren und so Schreckliches taten, das versteht er bis heute nicht, schließlich hätten allein 1914/1915 30.000 jüdische Soldaten mit den Deutschen gegen Frankreich gekämpft. Doch er freut sich, dass es inzwischen in Deutschland Gruppen – wie seine Zuhörer - gibt, die sich bewusst an die Seite der Juden stellen.