Vortrag am 13. April 2024 in Maisenbach, Deutschland
Überlebende des Massakers: 36 Stunden im Schutzraum.
850 Einwohner hatte der Kibbuz Kfar Aza bis zum 7. Oktober 2023. An jenem Tag ermordeten Hamas-Terroristen fast 1200 Menschen im israelischen Grenzgebiet zum Gazastreifen und entführten 240 Geiseln. Zehn Prozent der Menschen in Kfar Aza wurden umgebracht. Liora Eilon überlebte. Sie harrte zusammen mit Angehörigen 36 Stunden in einem Schutzraum aus, bis die Situation sicher war. Ihr Sohn Tal starb.
>»Sie haben mir alles genommen, meinen Sohn, meine Heimat, Freunde aus dem Kibbuz, die nicht zurückgekehrt sind. Aber sie können mir nicht meine Zeit stehlen, ich fülle sie mit Aktivitäten« erklärte Eilon in einem Interview. Und ihre Begleiterin Danielle Mor von der Jewish Agency betont: »Diejenigen, die Gelegenheit haben, die Geschichten der Überlebenden zu hören, sollten gut zuhören. Die Welt möchte einfach weitermachen. Aber wir können diese Geschichten nicht vergessen. Sie sind wichtig!«
Liora Eilon wird ihre persönliche Geschichte erzählen, die gleichzeitig ihre Familiengeschichte ist. Es fällt ihr nicht leicht, das zu tun, doch ihr ist sehr wichtig, die Menschen im Publikum zu Zeugen zu machen. Diese Geschichte nimmt ihren Anfang am Abend des 6. Oktobers 2023, einem Freitag, an dem Liora Eilon mit ihrer Familie für ein gemeinsames Abendessen zusammenkam. Niemand konnte ahnen, dass es das letzte Mal sein würde, dass sich die Familie in dieser Form versammelte. Nach einem geselligen Abend ging jeder zu sich nach Hause. Gali und Mika, zwei Enkelinnen von Liora Eilon, entschlossen, bei ihrer Großmutter zu übernachten und begleiteten sie sowie deren Sohn und Tochter auf dem Heimweg.
Die Zeit verging, weiterhin wurde geschossen. Einmal gab es ein lautes Geräusch, das ‒ wie sie später herausfanden ‒ von einer Handgranate stammte, die gegen das eiserne Fenster des Schutzraums geworfen wurde. Glücklicherweise explodierte sie nicht. Nach einiger Zeit machten sich Hunger und Durst bemerkbar. Es wurde Abend, und der Strom fiel aus. Im Schutzraum war es jetzt so dunkel, dass man sprichwörtlich die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. Gleichzeitig neigte sich die Batterie von Galis Smartphone dem Ende, und ohne Strom im Schutzraum konnte sie es nicht laden. Ohne das Gerät würden sie vollständig den Kontakt zur Außenwelt verlieren. Ihre Cousine erinnerte sich dann daran, dass sie ein Kabel dabeihatten, mit dem sie das einzige Handy mit Empfang mit dem Akku der anderen Handys laden konnten. Die anderen Smartphones dienten also nur dazu, das von Gali am Laufen zu halten.
Um 2 Uhr mittags bekam Gali einen Anruf von einem Soldaten, der sich nach ihrem Befinden erkundigte. Sie bat ihn, seine Einheit solle sich zuerst um die Menschen in der Nachbarschaft kümmern, an denen Massaker verübt wurden und versuchen, so viele Leben wie möglich zu retten. Liora Eilon gibt zu, sie hätte in diesem Moment am liebsten in den Hörer gerufen »Nein, sie weiß nicht, was sie sagt, kommt jetzt zu uns!« Stattdessen atmete sie tief durch und realisierte, dass sie eine sehr mutige Enkeltochter hat, deren Werte sie sehr schätzt. Eineinhalb Stunden später kam eine weitere Gruppen von Soldaten das Haus und fragten, wie viele Menschen sich in dem Haus aufhielten. Zur Antwort erhielten sie, die fünf im Schutzraum seien alleine im Haus. Die Soldaten schärften ihnen ein, niemandem die Türe zu öffnen, und verschwanden für einige Minuten im Haus. Als sie wiederkamen, fragte sie noch einmal nach und erhielten dieselbe Antwort. Sie gingen ein zweites Mal durch das Haus und sagten dann, dass sich Terroristen im Haus versteckten und hinter einer verschlossenen Türe lauerten. Die Soldaten bildeten einen menschlichen Schutzwall, der von der Tür des Schutzraums bis in den Garten führte, um die Evakuierten vor den Terroristen zu schützen. Bereits während der Evakuierung feuerten israelische Soldaten Schüsse in Richtung der Tür des Raumes, in dem sich die Terroristen versteckt hielten, ab. Einer nach dem Anderen rannten die fünf Zivilisten gebückt durch den Garten zu einem anderen Haus, wo sie eine halbe Stunde mit den Soldaten warteten. Liora Eilon konnte sehen, wie das Kanonenrohr eines israelischen Panzers auf ihr Haus gerichtet war. Immer wieder feuerte er Schüsse ab, um sicherzugehen, dass keiner der Terroristen überlebte. Das Haus war völlig zerstört, doch zumindest ging keine Gefahr mehr von den Terroristen aus. Die Familie stieg in ein Armeefahrzeug ein, mit dem man sie zu einer Tankstelle außerhalb des Kibbuz fuhr. Dort trafen sie auf Galis Mutter, die erst 40 Minuten zuvor gerettet worden war.
In den letzten 30 Stunden hatte keiner von ihnen von Galis Vater Tal gehört, was kein gutes Zeichen war. Er war Kommandeur der zivilen Einsatzeinheit des Kibbuz. Solche Einheiten, die je rund ein Dutzend Mann umfassen, gibt es besonders im Süden des Landes, wo sie die Gemeinden gegen Bedrohungen schützen, indem sie im Ernstfall so lange die Stellung halten, bis die Soldaten eintreffen. Am Samstagmorgen wurde Tal von einem Freund angerufen, der Gleitschirmflieger über dem Kibbuz entdeckt hatte. Tal eilte sofort zum Waffenarsenal in der Mitte der Siedlung, nahm sich eine Waffe und rannte in Richtung des Hauses seines Freundes. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass es sich nicht nur um eine Handvoll, sondern hunderte Terroristen handelte. Auf dem Weg zu seinem Freund gelang es ihm, einige Terroristen zu töten, er wurde aber verwundet. Trotzdem führte er weiter seine Einheit an und informierte sie, dass sich einige der Terroristen in Uniformen der israelischen Armee tarnten. Er wies sie auch an, erst die Gefahr durch die Terroristen zu eliminieren, bevor sie sich um die Verwundeten kümmern sollten. Mit seinem letzten Atemzug informierte er in einem Anruf den Kommandeur der zivilen Verteidigungseinheit des benachbarten Kibbuz Sa’ad und warnte ihn vor den Terroristen, die wahrscheinlich bald dort ankommen würden. Dieser konnte daraufhin rechtzeitig alle Tore verriegeln und den Zaun von seinen Soldaten bewachen lassen. Das letzte, was er tat, war es, zahlreiche Leben zu retten: Im Kibbuz Sa’ad kam kein einziger Mensch zu Schaden. »Das ist mein Sohn, mein Held«, sagt Liora Elion, als ein Bild von ihm gezeigt wird.