Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Mirjam Pollin

Vortrag am 27. März 2017 in Shavei Zion, Israel

Mirjam Pollin erlebte die Zeit der Diskriminierung und Ausgrenzung von Juden vor dem Zweiten Weltkrieg als Kind. Im Wortlaut kann sie die Verse der judenfeindlichen Lieder der Nazizeit wiedergeben. Ohne ihre Eltern konnte sie Deutschland verlassen.

Inhaltsübersicht

00:08 - 02:20

 

Mirjam Pollin stellt sich vor. Sie war zwar nicht im Lager oder im Ghetto, hat aber Narben im Herzen und in der Seele. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, dann wird sie wieder ein Kind von sieben Jahren, als Hitler 1933 an die Macht kam.

Sie vergisst nicht den Abend mit dem großen Fackelzug in Hamburg. Die Begeisterung war groß. Hitler hatte versprochen, die Arbeitslosigkeit abzuschaffen, was er unter anderem durch die Aufrüstung geschafft hat. Die Juden wurden sofort ausgegrenzt.

02:20 - 05:06

 

Schon 1933 wurde Mirjam Pollins Vater verhaftet. Er hatte ein Zigarrengeschäft, einen kleinen Kiosk. [Sunny setzt sich dazu. Sie kommt aus Nepal und hat Mirjam Pollins Mann vier Jahre bis zu seinem Tod betreut und kümmert sich jetzt um sie.] Mirjam Pollin konnte damals nicht begreifen, dass ihr Vater abgeholt wurde und ins Gefängnis kam. Seine kommunistischen Freunde hatten sich in seinem Laden getroffen und dort auch telefoniert. Das Telefon wurde aber abgehört. Es gab eine Hausdurchsuchung um 2 Uhr nachts durch die Gestapo. Sie haben die Wohnung durchsucht und Mirjam Pollin hatte große Angst, die sie aber nicht beschreiben kann. Hitlers Reden wurden auf die Straße übertragen und es wurde gegen die Juden gehetzt.

05:06 - 07:15

 

Deutsche Freunde besuchten Mirjam Pollin nicht mehr und sie hatte Angst, auf die Straße zu gehen. Es kamen die Nürnberger Gesetze, von denen sie vieles nicht verstanden hat. Sie ging in eine jüdische Schule und da war sie noch beschützt, ihr Bruder ging auf eine deutsche Schule und musste diese verlassen. Juden durften nicht mehr ins Kino, Theater oder zu Konzerten gehen. Auch konnte sie nicht mehr auf der Straße spielen und ihre beste Freundin hat zu ihr gesagt, dass sie nicht mehr mit ihr spielen darf, weil sie Jesus gekreuzigt hätte. Mirjam Pollin wusste nicht, was das sein sollte und sagte ihrer Mutter, dass sie das bestimmt nicht getan habe.

07:15 - 11:55

 

Schilder wurden aufgestellt, auf denen stand, dass Juden der Zutritt zu Geschäften verboten sei und sie nicht bedient werden. Viele Menschen haben weggeschaut. Bei einem Ausflug sah Mirjam Pollin ein Dorf, in dem Juden und Hunde unerwünscht waren. Aber die deutsche Bevölkerung hat sich darum nicht gekümmert. Die SA marschierte durch die Straßen und Mirjam Pollin stand am Fenster und hörte ihren Gesang gegen die Juden. Sie war darüber bestürzt. Einige Juden hatten Möglichkeiten, Deutschland zu verlassen. Wenn man Geld hatte, war es einfacher. Mirjam Pollin und ihre Familie hatten kein Geld. Ihr Vater kam aus dem Gefängnis und wurde nach wenigen Wochen wieder eingesperrt. Im Ersten Weltkrieg wurde er schwer verletzt. Seine Kameraden haben einen Brief geschrieben, dass er ein guter Soldat und Kamerad gewesen sei. Das half ihm, dass er entlassen wurde. Er war im Gefängnis Fuhlsbüttel, welches später ein KZ wurde. Als der Vater noch im Gefängnis war, hat ihn Mirjam Pollin einmal besuchen können. Ihre Mutter ging jeden Tag zur Gestapo und wollte wissen, warum der Vater im Gefängnis sei. Sie bekam dann eine Besuchserlaubnis. Mirjam Pollin war damals neun Jahre und hat ihren Vater kaum wiedererkannt. Er wurde geschlagen.

11:55 - 14:10

 

Als der Vater aus dem Gefängnis kam, wollte er, dass seine Kinder gerettet werden. Der 14-jährige Bruder kam mit einer jüdische Organisation nach Palästina. Mirjam Pollin konnte nicht mit, da sie noch keine 12 Jahre alt war. Ihre Schwester kam nach Amerika. Dazu brauchte man eine Garantie, dass sie dem Staat nicht zur Last fallen würde. Es gab viele Schwierigkeiten, doch irgendwie bekam sie die Erlaubnis und kam mit 16 Jahren nach Amerika. Man tat alles, um die Kinder zu retten.

14:10 - 18:33

 

Als Mirjam Pollin im Oktober 1938 in die Schule kam, war die Klasse fast leer und sie wurde wieder nach Hause geschickt. Alle Juden mit polnischer Staatbürgerschaft wurden eingesammelt. Mirjam Pollins Mutter war Hutmacherin von Beruf und hatte im größten Hutgeschäft in Hamburg gearbeitet. Das Hutgeschäft wurde arisiert und der Besitzer kam wegen angeblicher Rassenschande ins KZ. Die Zeitung »Der Stürmer« wurde auf den Straßen ausgehängt. Mirjam Pollin las ihn und fand ihn scheußlich. Über den Chef des Hutladens wurden auch im »Stürmer« geschrieben. Die Mutter musste eine Pelzmütze ausliefern. Mirjam Pollin hatte Angst um ihre Mutter und ging mit. Sie suchten viele Polizeistationen und Sammellager auf. Dort waren die Leute, die in der Nacht abgeholt wurden. Viele hatten noch ihre Schlafsachen an. Sie fand die Frau und diese war dankbar über die Pelzmütze. Die Juden wurden an die polnische Grenze gebracht, doch die Polen wollten sie nicht aufnehmen.

18:33 - 25:49

 

Da die Juden in kein Kaffeehaus mehr gehen durften, gingen sie ins Kulturhaus. Dort gab es ein kleines Theater und ein Café. Dort konnte man auch Neuigkeiten erfahren. Man unterhielt sich, wie man am besten auswandern konnte. Als Mirjam Pollin nach Hause kam, hat sie Strümpfe gestopft und einen Koffer mit dem Nötigsten vorbereitet. Sie wollte bereit sein, wenn sie abgeholt wird. Am 9. November 1938 ging sie zur Schule. Ein Polizist schickte sie wieder nach Hause, weil keine Schule sei. Viele Menschen waren auf dem Platz vor der Synagoge. Sie ging nach Hause und sagte es ihrer Mutter. Diese schickte sie Brot holen, doch in dem Laden sagte eine Frau zu ihr, dass sie Juden kein Brot verkaufe. Neben der Wohnung waren die Synagoge und eine jüdische Jungenschule. Mirjam Pollin stand am Fenster und sah, wie die Eltern ihre Jungen aus der Schule holen wollten, doch man ließ sie nicht heraus. Die Väter wurden verhaftet. Mirjam Pollins Mutter wollte wissen, was bei der Synagoge los ist. Mirjam Pollin sah, wie ein Lehrer mit einer Klasse zur Synagoge ging und anfing Fenster einzuschlagen. Mit den Gebetbüchern wurde Fußball gespielt. Einige Leute lachten und einige waren betroffen. Alle jüdischen Männer wurden verhaftet. Eine Freundin der Mutter bat sie, bei ihr zu übernachten, was sie auch taten. Mirjam Pollin stand wieder am Fenster und sah, wie die Gestapo die Klingelschilder durchsuchten, in die Wohnungen gingen und die Männer verhafteten. Viele Männer hatten sich versteckt. Die Juden saßen in einer Falle.

25:49 - 37:00

 

Nach der Pogromnacht wurden die Geschäfte zerstört und die Juden mussten dafür bezahlen. Damals gab es Länder wie England, die Niederlande, Dänemark und Schweden, die jüdische Kinder aufnahmen – aber nicht die Eltern. Mirjam Pollin wollte nach Schweden. Sie durfte nur einen Koffer und 10 Mark mitnehmen. Sie gingen zum Bahnhof und mussten sich vor dem Bahnhof verabschieden. Mirjam Pollin begriff nicht, dass sie nun für immer wegfuhr. Sie lebte in einer Art Traumwelt. Die Wirklichkeit war zu schwer für sie.

Sie saß im Zug und hörte den Pfiff ihrer Mutter, die am Gleis stand und weinte. Mirjam Pollin wusste nicht weswegen. Die Mutter hatte alle ihre Kinder weggegeben und war nun alleine. Die Eltern waren geschieden. In Schweden kam Mirjam Pollin zu einer Familie. Sie lernte eine neue Sprache und andere Traditionen. Aber auch dort war sie ausgegrenzt, weil sie ein Flüchtling war. Die Schweden bewunderten Hitler. Mirjam Pollin kam in die Schule und fing mit 15 Jahren an in einem Haushalt zu arbeiten. Ein Jahr war sie in einer Haushaltsschule und lernte zu kochen und zu putzen. Ihre Pflegeeltern sagten, als sie ging, sie solle sie mal besuchen. Bei ihrer ersten Arbeitsstelle war sie nicht besonders gut. Der Mann dort war auch übergriffig. Nach zwei Monaten wurde ihr gekündigt. Sie suchte eine neue Stelle. Dort waren drei Kinder. Der Mann war Alkoholiker und die Frau hielt Vorträge. Mirjam Pollin war mit dem Mann und den drei Kindern alleine. Der Mann drohte ihr und war übergriffig. Als die Frau zurück kam, suchte Mirjam Pollin einen neuen Platz. Als dies der Mann erfuhr, hat er sie geschlagen und sie wusste nicht, an wen sie sich wenden soll. Sie wand sich an eine jüdische Gemeinde und klagte einer Frau ihr Leid. Die Frau holte Mirjam Pollin am gleichen Abend noch ab. Der Mann fragte die Frau, ob sie Jüdin sei. Sie sagte nein, war aber mit einem Juden verheiratet. Es gab Streit und der Mann wurde handgreiflich. Doch Mirjam Pollin konnte gehen. Sie wurde zu einer Tante gebracht und konnte sich erholen. Nach zwei Tagen bekam sie einen neuen Platz.

37:00 - 40:50

 

In Deutschland war die Zeit furchtbar. Die Mutter schrieb Mirjam Pollin: Man fing an, die Leute zu verschicken und sie wartete auf ihren Aufruf. Die Mutter könnte einreisen, wenn man die Garantie gab, dass sie nicht arbeiten muss. Mirjam Pollin ging zu ihren Pflegeeltern. Diese konnten für eine Unterkunft, aber nicht für Geld garantieren. Daraufhin ging Mirjam Pollin zu wohlhabenden Leuten. Doch die gaben nichts.

Der letzte Brief der Mutter kam, dass sie nun auf dem Weg sei und Mirjam Pollin solle immer den Kontakt zu den Geschwistern halten. Mirjam Pollin wusste nicht, wie sie weiterleben sollte und hatte ein schlechtes Gewissen, dass gerade sie überlebt hat und sie ihrer Mutter verlassen hat. Zu zweit hätte man vielleicht alles besser ertragen können.

40:50 - 46:53

 

Mirjam Pollin hörte von einer Gruppe Jugendlicher, die wie in einem Kibbuz zusammen leben und sich darauf vorbereiten um nach Palästina zu gehen. Sie kannte ein Mädchen davon, fragte nach und konnte zu der Gruppe gehen. Die Jugendlichen waren in der gleichen Situation: Sie wussten nicht, wo ihre Eltern sind und wollten nach Palästina. Eines Abends im Jahr 1943 kam ein junger Mann, 19 Jahre alt. Er kam aus Berlin und war zuvor in Dänemark. Er wurde von der Gestapo gesucht. Ein Bauer ermöglichte ihm die Flucht nach Schweden. Die steckten ihn ins Gefängnis, bis die jüdische Gemeinde die Verantwortung für ihn übernahm. Er strahlte Sicherheit aus. Mirjam Pollin kümmerte sich um ihn und wollte mit ihm zusammen sein, sie war damals 17 Jahre alt. Nach drei Wochen waren sie zusammen. 1945 heirateten sie und waren 72 Jahre zusammen.

46:53 - 1:00:06

 

Nach Kriegsende wollten Mirjam Pollin und ihr Mann nach Palästina, doch die Engländer verhinderten dies. Es gab die Untergrundbewegung Hagana, die alte Schiffe organisierte und nach Palästina schickte. Ein solches Schiff kam nach Schweden. Fünf Wochen waren sie unterwegs. Es war stürmisch und unterwegs hatten sie einen Maschinenschaden. 700 Menschen waren auf dem Schiff. Vor Palästina wurden sie von englischen Schiffen umkreist. Alle auf dem Boot wollten kämpfen. Englische Matrosen sprangen auf das Schiff und wurden ins Wasser geworfen. Die Engländer schossen auf das Schiff. Sie wurden nach Haifa gelotst, kamen dort auf ein Schiff für Kriegsgefangene und kamen in ein Lager nach Zypern. Dort waren sie 11 Monate. Auf jedem Schiff gab es Leute von der Hagana. Mirjam Pollins Mann bekam die Aufgabe, einen Tunnel aus dem Lager zu graben. Nach drei Monaten erfuhr sie von dem Tunnelbau. Ihr Mann musste klären, wie man die Erde wegbrachte und wie man die Wachtürme ausschalten konnte. Er stahl die Telefone. Auch musste er sich um die Geräte und die Statik kümmern. Der Tunnel war 55m lang und drei Meter unter der Erde. In der Nacht des 13. Januar 1948 flohen 13 Leute durch den Tunnel. Griechische Taxis warteten auf sie und brachten sie zum Strand. Dort warteten sie. In der nächsten Nacht kam ein Fischerboot, das sie nach Cäsarea brachte. Mit dem ersten Bus fuhren sie nach Haifa. Dort wurden sie herzlich aufgenommen. Sie kamen in ein Hotel und bekamen Kleidung und Fahrgeld. So fingen das Leben in Israel an. Mirjam Pollin bekam zwei Kinder, hat 11 Enkel und 8 Urenkel. Heute geht es ihr so gut, wie es ihr noch nie ging.

Doch auch heute noch hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Mutter verlassen hat.