Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Mirjam Pollin

Interview am 27. März 2017 in Shavei Zion, Israel

Obwohl Mirjam Pollin in keinem KZ und keinem Ghetto war, hat der Holocaust doch auch in ihrem Leben viele Narben hinterlassen. Ausgrenzung und Einsamkeit prägten ihre Kindheit und Jugend. Zunächst in Deutschland, wo die Repressalien immer stärker wurden. Als Kind wurde sie einmal zum Brotkaufen geschickt. Doch im Laden wurde ihr von der Verkäuferin gesagt, dass sie an Juden nichts verkaufe. Der ganze Laden stand voll, aber nicht einer half ihr. Auch Schweden, wo sie die ersten Jahre bei Pflegeeltern unterkam, ehe sie mit 15 Jahren auf eigenen Füßen stehen musste, wurde ihr nie zur Heimat. Die Menschen dort hatten vor allem Angst, dass die Flüchtlinge ihnen die Arbeit wegnehmen würden. Auch Übergriffen war sie mehrfach ausgesetzt. Erst als sie ihren Mann, einen 19-Jährigen aus Berlin kennenlernt, findet sie die Sicherheit, die sie sich immer gewünscht hat. Bis heute nagen jedoch die Selbstvorwürfe an ihr, dass sie ihre Mutter allein in den Fängen der Nazis zurückgelassen hat.

Kurzbiografie

Mirjam Pollin wächst in Hamburg auf. Sie ist sieben Jahre alt, als Hitler an die Macht kommt und sie erinnert sich noch gut an die Fackelzüge, die Begeisterung vieler Deutscher und wie die Ausgrenzung der Juden immer mehr zunimmt. Ihr Vater hat ein kleines Zigarrengeschäft. Schon früh wird er wegen seiner kommunistischen Einstellung verhaftet. Als er wieder aus dem Gefängnis entlassen wird, steht für ihn fest, dass zumindest die Kinder gerettet werden müssen. So kommt ihr 14-jähriger Bruder nach Palästina und die Schwester wandert mit 16 Jahren in die USA aus. Mirjam Pollin bleibt zunächst bei der Mutter, weil sie noch nicht das Mindestalter von 12 Jahren hat. Im Herbst 1938 spitzt sich die Situation für Juden in Deutschland bedrohlich zu, zentrales Thema bei vielen Gesprächen wird die Auswanderung.

Schließlich entscheidet sich Mirjam Pollins Mutter dazu, auch ihre jüngste Tochter wegzugeben. So kommt diese mit einem Kindertransport nach Schweden, während die Mutter – zwischenzeitlich geschieden – ganz allein in Deutschland zurückbleibt. In der schwedischen Pflegefamilie erfährt Mirjam Pollin wenig menschliche Wärme und Herzlichkeit, die lernt sie erst in der dortigen jüdischen Gemeinde kennen. Einmal hätte sie noch die Chance gehabt, ihre Mutter zu sich nach Schweden zu holen. Aber es war ihr nicht möglich, genügend Geld für eine Art Bürgschaft aufzutreiben. Dann enden die Briefe der Mutter.

Sie selbst lernt noch während des Kriegs einen vor der Gestapo geflüchteten Jugendlichen aus Berlin kennen, mit dem sie 72 Jahre zusammen sein wird. 1945 heiraten die beiden und wandern kurz danach nach Palästina aus. Doch es läuft nicht wie geplant, vor der Küste Haifas werden sie von englischen Kriegsschiffen abgefangen. Alle 1400 Juden an Bord des völlig überfüllten Bootes werden in ein Lager nach Zypern gebracht. Dort leben sie unter widrigen Umständen elf Monate lang, bevor ihnen über einen Tunnel und unter Mithilfe griechischer Taxis die Flucht gelingt. Ein Schiff bringt sie nach Palästina, und Mirjam Pollin ist ganz überwältigt von der freundlichen Aufnahme, die die Flüchtlinge dort erfahren. Ihr Mann und sie fangen bei null an und bauen sich in Israel, zunächst im Kibbuz, ein neues Leben auf. Dem Ehepaar werden zwei Kinder, elf Enkel und acht Urenkel geschenkt.

Inhaltsübersicht

00:00 - 2:20

Wie alles anfing: Begeisterung, Fackelzüge und Aufmärsche

Mirjam Pollin beginnt ihre Schilderungen mit der Aussage: »Ich war nicht im Lager. Ich war nicht im Ghetto. Und ich habe keine Nummer auf meinem Arm.« Und doch hat sie Narben im Herzen und in der Seele. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, dann wird sie wieder ein Kind von sieben Jahren, als Hitler 1933 an die Macht kam.

Sie hat den Abend mit dem großen Fackelzug in ihrer Heimatstadt Hamburg und die Begeisterung nicht vergessen. Genauso gut erinnert sie sich an den Aufmarsch und beginnt zu singen: »Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt. Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.« Nochmal betont sie die große Begeisterung. Hitler hatte versprochen, die Arbeitslosigkeit abzuschaffen. Er hat es geschafft – mit der Aufrüstung. Die Juden wurden sofort ausgegrenzt. »Die Juden sind unser Unglück«, schiebt sie noch nach.

2:20 - 5:02

Große Angst

Schon 1933 wurde Mirjam Pollins Vater verhaftet. Er hatte ein Zigarrengeschäft, einen kleinen Kiosk, wo es auch Zeitungen und Zeitschriften gab. Mirjam Pollin fällt es schwer weiter zu erzählen, weshalb sie Sunny bittet, sich neben sie zu setzen. Sie kommt aus Nepal und hat Mirjam Pollins Mann vier Jahre bis zu seinem Tod betreut und kümmert sich jetzt um sie.

Man merkt, wie Mirjam Pollin immer wieder um Fassung ringt, bevor sie weitererzählen kann. Sie konnte damals nicht begreifen, dass ihr Vater abgeholt wurde und ins Gefängnis kam. Seine kommunistischen Freunde hatten sich in seinem Laden getroffen und dort auch telefoniert. Doch das Telefon wurde abgehört. Dann gab es eine Hausdurchsuchung – um zwei Uhr nachts holte man sie aus den Betten. Das Haus wurde durchsucht und sie wussten nicht wonach. Es war eine riesige Angst in der Familie, die Mirjam Pollin nicht beschreiben kann. Hitlers Reden wurden auf die Straße übertragen und es wurde gegen die Juden gehetzt.

5:02 - 9:16

Ausgrenzung

Wenn Freunde sie fragten, bis wann sie denn in Deutschland gelebt habe und sie zur Antwort gab »bis Februar 1939«, kam oft die Erwiderung: »Wie schön, dann hast Du ja den Krieg nicht erlebt.« Doch sie hatte »Krieg« erlebt. Deutsche Freunde blieben plötzlich weg und man hatte Angst auf die Straße zu gehen. Es kamen die Nürnberger Gesetze, von denen sie vieles nicht verstanden hat. Sie ging in eine jüdische Schule, wo sie noch beschützt war. Ihr Bruder ging auf eine deutsche Schule und musste diese verlassen.

Juden durften nicht mehr ins Kino, ins Theater oder zu Konzerten gehen. Auch konnte sie nicht mehr auf der Straße spielen. Ihre beste Freundin hat zu ihr gesagt, dass sie nicht mehr mit ihr spielen dürfe, weil sie Jesus gekreuzigt hätte. Mirjam Pollin wusste nicht, was das sein sollte. Sie lief zu ihrer Mutter und sagte: »Mutti, ich hab´ es bestimmt nicht getan.«

Schilder wurden aufgestellt, auf denen stand, dass Juden der Zutritt zu Geschäften verboten sei und sie nicht bedient werden. Viele Menschen haben einfach weggeschaut. Bei einem Ausflug sah Mirjam Pollin bei einem Dorf ein Schild, auf dem stand »Hunde und Juden sind unerwünscht«.

Der deutschen Bevölkerung war das egal – die waren begeistert von dem Motto »Ein Volk. Ein Reich. Ein Führer.« Die SA marschierte durch die Straßen. Mirjam Pollin stand am Fenster und hörte ihren Gesang gegen die Juden. Jeden Morgen wurde sie vom Gesang geweckt: »Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, hei dann geht´s nochmal so gut.« Mirjam Pollin war bestürzt und fragte sich: »Was denken die Leute, was denken die Männer, wenn sie das Lied singen?«

9:16 - 11:55

Der Vater im Gefängnis

Man wollte nur noch raus und suchte nach einer Möglichkeit, das Land zu verlassen. Wenn man Geld hatte, war es einfacher. Mirjam Pollin und ihre Familie hatten aber kein Geld.

Der Vater wurde nach kurzer Zeit aus dem Gefängnis entlassen, doch nach wenigen Wochen kam er wieder rein. Im Ersten Weltkrieg war er schwer verletzt worden. Seine Kameraden von damals schrieben einen Brief und bezeugten, dass er ein guter Soldat und Kamerad gewesen sein. Das führte wohl zu seiner Haftentlassung. Mirjam Pollins Vater war im Gefängnis Fuhlsbüttel, das später ein Konzentrationslager wurde. Aber als es noch ein Gefängnis war, da durften sie ihn einmal besuchen. Die Mutter ging jeden Tag zur Gestapo und wollte wissen, warum man den Vater festhält, und wann sie ihn besuchen dürfe. Dann bekamen sie eine Besuchserlaubnis. Sie waren drei Geschwister, sie selbst war neun oder zehn Jahre alt. Als sie ihren Vater gesehen hat, hat sie ihn kaum wiedererkannt. Sie durften den Vater, der geschlagen worden war, nicht berühren. Es war ein kurzer Besuch und sie mussten bald wieder gehen.

11:55 - 14:10

Rettung der Kinder

Als er befreit wurde, sagte er: »Die Kinder müssen gerettet werden.« Mirjam Pollins 14-jähriger Bruder kam mit einer jüdischen Organisation nach Palästina. Sie selbst wäre gerne mitgegangen, aber sie hatte noch nicht das Mindestalter von zwölf Jahren. Die älteste Schwester wollte nach Amerika. Aber dafür benötigte sie ein Affidavit, eine Garantie, dass sie dem Staat nicht zur Last fallen würde. Es gab viele, viele Schwierigkeiten, doch irgendwie bekam sie die Erlaubnis und kam so mit 16 Jahren nach Amerika. Dass sie dort – mit ihren 16 Jahren völlig auf sich allein gestellt – nicht untergegangen ist, bezeichnet Mirjam Pollin als Wunder. Aber die Eltern taten alles, um die Kinder zu retten. Zurück blieb sie mit den Eltern

14:10 - 18:33

Herbst 1938 – Deportation polnischer Juden

Eines Tages im Oktober 1938 war die Klasse fast leer, als Mirjam Pollin in die Schule kam. Es waren kaum Mädchen da und sie wurden nach Hause geschickt. In der folgenden Nacht wurden alle polnischen Juden eingesammelt

Ihre Mutter, eine energische Frau, war Hutmacherin und erste Verkäuferin im größten Hutgeschäft in Hamburg. Dann wurde das Geschäft arisiert und der Besitzer kam wegen angeblicher Rasseschande ins Konzentrationslager.

In den Straßen wurde »Der Stürmer« ausgehängt. Mirjam Pollin hat ihn gelesen und sich die Karikaturen angeschaut – und sie fand, dass es keine scheußlichere Zeitung gebe. Auch über den Chef des Hutmachergeschäfts wurde im Stürmer geschrieben. Sie meint, es musste ja nicht wahr sein, was da stand, aber es reichte, um den Menschen einen Kitzel zu geben. Und den Juden traute man schließlich alles zu. Es gab das Sprichwort »Trau keinem Fuchs auf grüner Weid´ und keinem Jud´ bei seinem Eid«.

In diesen Tagen musste ihre Mutter eine Pelzmütze ausliefern. Weil Mirjam Pollin Angst um ihre Mutter hatte, begleitete sie sie. Sie liefen von einer Polizeistation zur anderen und suchten die Sammellager auf, um die Auftraggeberin ausfindig zu machen. Dort sah sie die vielen Menschen, die man nachts aus ihren Betten geholt hatte. Sie hatten keine Zeit gehabt sich anzuziehen und waren noch im Pyjama und Morgenrock. Die Kinder weinten und niemand wusste, was passieren wird. Schließlich fanden sie die Frau, die dankbar für die Pelzmütze war. Dann wurden diese Juden an die polnische Grenze gebracht, doch auch die Polen wollten sie nicht haben. Die polnischen Soldaten bewachten mit aufgespanntem Bajonett die Grenze, um niemanden durchzulassen. Auf der anderen Seite standen die deutschen Soldaten mit aufgespanntem Bajonett, um niemanden zurückzulassen.

18:33 - 20:32

Gesprächsthema Nr. 1 – Auswanderung

In ein deutsches Kaffeehaus durften sie nun nicht mehr gehen. Für Mirjam Pollin hört sich das merkwürdig an, denn ihr Vater war ein sehr stolzer Deutscher. Aber sie waren ja jetzt keine Deutschen mehr, sondern die »verfluchten Juden«. Als Alternative gab es das Kulturhaus mit einem kleinen Theater und einem Café. Jeden Abend ging man dahin, um die neuesten Nachrichten zu hören. Oft drehten sich die Gespräche um die Auswanderung: Welche Möglichkeiten gibt es und wieviel Geld braucht man? Was muss man machen? Wo gibt es Verwandte, die vielleicht helfen könnten? Eines Abends ging sie, nachdem sie wieder diese Gespräche mitgehört hatte, nach Hause. Dort stopfte sie ihre Strümpfe und packte ein kleines Köfferchen mit dem Nötigsten, denn sie war sich sicher, dass eines Tages auch sie abgeholt würde. Sie wollte bereit sein, wenn es soweit war.

20:32 - 26:14

9. November 1938

Als sie am 9. November morgens zur Schule gehen wollte, hielt sie ein Polizist an. Er sagte zu ihr: »Geh wieder nach Hause, heute ist keine Schule.« Sie dachte für sich, dass sie doch jetzt nicht einfach nach Hause gehen könne und sagen, heute sei keine Schule. Sie war keine gute Schülerin und vermutete, dass ihre Eltern ihr das gar nicht glauben würden. So versuchte sie, um den Polizisten herumzugehen, doch der hielt sie fest und sagte noch einmal: »Geh nach Haus, es ist keine Schule.« Auf dem Platz gegenüber vor der Synagoge sah sie viele Menschen, aber auch das sagte ihr nichts. Also ging sie nach Hause und sagte ihrer Mutter, dass heute keine Schule sei. Die gab ihr dann den Auftrag Brot einzukaufen.

Die Bäckerei lag auch bei der Synagoge. Der Laden war voller Menschen. Als Mirjam Pollin endlich an der Reihe war und ihr Brot kaufen wollte, sagte die Frau zu ihr: »Juden verkaufe ich kein Brot.« Die Bäckerei war voller Menschen, aber nicht ein einziger sagte etwas. Als Mirjam Pollin die Bäckerei verließ, war ihre Hose nass.

Die elterliche Wohnung lag sehr zentral in der Nähe der Synagoge und einer jüdischen Jungenschule. Vom Fenster aus beobachtete Mirjam Pollin, wie Eltern ihre Söhne aus der Schule holen wollten. Aber man ließ die Jungen nicht heraus. Die Väter, die kamen, wurden verhaftet.

Ihre Mutter wollte sehen, was bei der Synagoge vor sich ging und nahm dabei Mirjam mit. Die zupfte ihre Mutter immer wieder am Ärmel und bat sie ruhig zu sein, weil sie deren Temperament kannte. Immer wieder murmelte die Mutter vor sich hin: »Diese Verbrecherbande. Diese Verbrecher.« Mirjam Pollin hatte Angst, dass das jemand hören konnte.

Sie beobachteten einen (deutschen) Lehrer, der seine Klasse zur Synagoge führte und ihr dort zeigte, wie man Fenster einschlägt. Die Gebetsbücher wurden herausgeholt, um mit ihnen Fußball zu spielen. Einige der Umherstehenden lachten, andere schauten betroffen. Alle jüdischen Männer wurden verhaftet.

Eine Freundin der Mutter, die Zimmer vermietete, bat Mirjams Mutter, die Nacht bei ihr zu verbringen, weil sie Angst hatte. Wieder stand Mirjam Pollin am Fenster. Sie beobachtete die Gestapo dabei, wie sie mit der Taschenlampe die Namensschilder an den Klingeln nach jüdischen Namen absuchten. Und wenn sie einen fanden, drangen sie ins Haus ein, um die Männer zu verhaften. Viele Männer haben sich in jener Nacht versteckt und kamen gar nicht erst nach Hause. Mirjam Pollin hatte das Gefühl, in einer Falle zu sitzen.

Nach der Reichpogromnacht wurde den Juden die Schuld für die zerstörten Geschäfte gegeben. Weil die Versicherungen nicht bezahlen konnten, sollten die Juden dafür bezahlen.

26:14 - 30:00

Abschied für immer

Damals gab es einige Länder wie England, Holland, Dänemark und Schweden, die bereit waren, jüdische Kinder aufzunehmen – allerdings ohne ihre Eltern. Man fragte Mirjam, wohin sie gehen wolle. Nach England wollte sie nicht, weil sie dachte, dass Kinder dort immer in Uniformen gehen müssen.

Sie bekam eine Einreiseerlaubnis für Schweden. Alles, was sie mitnehmen durfte, waren ein Koffer und zehn Mark. So gingen sie zum Bahnhof. Vor dem Bahnhof mussten sie sich verabschieden, weil man keine Szenen im Bahnhof haben wollte. Niemand sollte weinen. Mirjam Pollin begriff nicht, dass sie nun für immer wegfahren sollte. Die Wirklichkeit war so schwer, dass sie sich ihre eigene Traumwelt geschaffen hatte.

Sie saß zusammen mit anderen Kindern, die sie kannte, im Zug, als sie den Pfiff ihrer Mutter hörte. Sie sah die weinende Mutter nebenan am Bahnsteig stehen und begriff nicht, warum sie weinte. Die Erinnerung an diese Szene nimmt Mirjam Pollin auch heute noch so mit, dass sie mit den Tränen ringt, ehe sie weitererzählen kann. Die Mutter hatte alle ihre Kinder weggegeben und war nun völlig allein, da die Eltern geschieden waren.

30:00 - 37:00

Erste schwere Jahre in Schweden

In Schweden kam sie zu einer Familie, wo sie eine neue Sprache und andere Traditionen kennenlernte. Dass sie aus Deutschland kam, war kein Nachteil, denn die Schweden bewunderten Deutschland und sie bewunderten Hitler. Ihnen gefiel die Ordnung dort und was Hitler geschaffen hatte. Doch auch hier war sie als Flüchtling ausgegrenzt, denn die Flüchtlinge nahmen den Schweden ja die Arbeitsplätze weg. Und dass sie Jüdin war, war unverzeihlich, denn schließlich hatten die Juden Jesus gekreuzigt.

Zunächst kam Mirjam Pollin in die Schule. Aber mit 15 Jahren war die Kindheit vorbei und sie musste anfangen zu arbeiten. Zuvor war sie ein Jahr auf die Haushaltsschule gegangen, wo sie Kochen und Putzen lernte. Als sie ihre erste Stelle antrat, sagten die Pflegeeltern zu ihr: »Komm uns mal besuchen.« Es war nicht so, dass sie während ihrer freien Tage willkommen gewesen wäre.

An ihrer ersten Arbeitsstelle war sie wohl nicht besonders effektiv, meint Mirjam Pollin. Sie konnte zwar putzen, wusste aber nicht, wie man einen Haushalt organisiert. Ihr eigenes Zimmer hat sie nie sauber gemacht. Sie war sich nicht sicher, ob sie das während der Arbeitszeit machen darf, und danach war sie viel zu müde. Nach zwei Monaten wurde ihr gekündigt.

Sie suchte eine neue Stelle. Dort waren drei Kinder, sie musste vor allem kochen und backen. Während der Mann auf der ersten Arbeitsstelle übergriffig wurde, war der Mann auf der zweiten Arbeitsstelle Alkoholiker. Einmal ging die Frau für zwei Wochen auf Reise um Vorträge zu halten. Mirjam Pollin blieb mit den drei Kindern und dem Mann allein zurück. Der Mann drohte ihr, dass wenn sie sich nicht anständig benehme, würde er sie nach Deutschland zurückschicken. Mirjam Pollin hatte große Angst und fing an zu weinen, woraufhin der Mann sie an seine haarige Brust drückte. Sie traute sich nicht, ihm zu widerstehen. Als die Frau endlich zurückkam, suchte sie sich eine andere Arbeitsstelle. Als der Mann davon erfuhr, schlug er sie. Mirjam Pollin wusste nicht, wohin sie sich wenden sollte, wer ihr helfen könnte. Da erinnerte sie sich an die jüdische Gemeinde, die eine extra Kinderabteilung hatte. Sie rief dort an und berichtete von den Schlägen. Die Frau, mit der sie sprach, sagte zu ihr, sie solle ihren Koffer packen, sie würde sie noch am selben Abend abholen. Und sie kam tatsächlich. Als sie an der Tür stand, wollte der Mann wissen, wer sie sei. Sie antwortete: »Frau Heilmann von der jüdischen Gemeinde.« Danach wollte er wissen, ob sie auch Jüdin sein. Mirjam Pollins Angst wurde immer größer, sie fürchtete sich, was passieren würde. Aber Frau Heilmann sagte; »nein,« und Mirjam Pollin war noch nie so froh, eine Nicht-Jüdin zu sehen. Frau Heilmann war mit einem Juden verheiratet. Dennoch gab es einen fürchterlichen Streit, bei dem der Mann handgreiflich wurde. Doch letzten Ende konnte sie mit der Frau weggehen. Diese brachte sie zu einer Tante, die zentral wohnte. Mirjam Pollin bekam ein Zimmer für sich. In der Nacht stand sie am Fenster und war glücklich. Sie brauchte in der Frühe nicht aufstehen und hatte zwei herrliche Tage, an denen sie verwöhnt wurde und sich erholen konnte. Dann bekam sie einen neuen Platz mit nur einem Kind.

37:00 - 40:50

Verzweiflung über das Schicksal der Mutter

In Deutschland war es eine furchtbare Zeit. Die Mutter schrieb Mirjam Pollin, dass man anfange, die Leute zu verschicken und sie auf ihren Aufruf warte. Zu der damals 16-Jährigen wurde gesagt, wenn sie eine Garantie bringe, dass die Mutter nicht arbeiten muss, dann könne sie eine Einreiseerlaubnis für Schweden erhalten. Mirjam Pollin wandte sich an die Pflegeeltern. Die waren bereit, die Mutter bei sich wohnen zu lassen und für ihre Essen zu sorgen. Aber Geld konnten sie nicht garantieren. Daraufhin wandte sie sich an wohlhabende Leute und schilderte ihnen die Situation. Sie bat um etwas Geld, weil sie dachte, wenn sie 200 Kronen im Monat zusammen bekomme, dann würde sie kommen können. Doch sie bekam gar nichts – entweder glaubten ihr die Leute nicht oder sie bekam die Antwort: »Wir geben schon so viel, wir können nicht noch mehr geben.«

Dann kam der letzte Brief der Mutter, in der diese schrieb: »Ich bin jetzt auf dem Weg. Du wirst lange nichts von mir hören. Bleib in Kontakt mit den Geschwistern. Es wird alles gut werden.« Aber es wurde nicht gut und Mirjam Pollin ringt einmal mehr um Worte. Sie wusste nicht, wie sie weiterleben sollte. Auch heute noch hat sie ein schlechtes Gewissen, dass gerade sie überlebt hat. Sie wirft sich vor, dass sie damals ihre Mutter verlassen hat und nicht bei ihr geblieben ist, denn zu zweit wäre vielleicht alles besser zu ertragen gewesen.

40:50 - 46:55

Endlich in Sicherheit und nicht mehr einsam

Mirjam Pollin hörte von einer Gruppe Jugendlicher, die wie in einem Kibbuz zusammenlebten und sich darauf vorbereiten um nach Palästina zu gehen. Ein Mädchen davon, das ebenfalls aus Hamburg war, kannte sie. Das Mädchen gab ihr Tipps, wohin sie sich wenden sollte. So kam sie in diese Gruppe Jugendlicher, die ihr Schicksal teilten. Von da an wurde es leichter für Mirjam Pollin. Niemand wusste, wo die Eltern sind. Und sie hatten alle das gleiche Ziel, sie alle wollten nach Palästina.

Eines Abends kam ein 19-jähriger Jugendlicher aus Berlin in ihre Gruppe. Er war zuvor in Dänemark gewesen, wo er bei einem Bauern untergekommen war und nebenher in einer Schlosserei gearbeitete hatte. Aber Dänemark war von den Deutschen besetzt und die Gestapo suchte nach ihm. Als er nachts nach Hause wollte, stand der Bauer an der Landstraße. Er drückte dem Jugendlichen Geld in die Hand und sagte: »Geh zum Hafen und versuche zu fliehen. Die Gestapo wird wiederkommen und nach dir suchen.« So gelangte er als blinder Passagier nach Schweden, wo die Behörden erst nicht wussten, was sie mit ihm machen sollten. Also steckten sie ihn zunächst ins Gefängnis, bis die jüdische Gemeinde sich bereit erklärte, die Verantwortung für ihn zu übernehmen. Es war ein Schabbat-Abend und Mirjam Pollin war gerade mit dem Küchendienst fertig geworden, als der junge Mann plötzlich dastand und sie für ihn nochmals das Essen wärmen musste. Sie saß dann dabei und schälte ihm eine Kartoffel nach der anderen, die er rasch verschlang. Dabei bewunderte sie die Sicherheit, die er ausstrahlte. Sie sagte sich: »Mit dem musst du zusammenbleiben. Dann wirst du niemals mehr Angst haben, weil er dich beschützen wird.« Es dauerte dann drei Wochen bis sie ihn in der Hand hatte – für 72 Jahre. Nachdem sie das Hochzeitsfoto hervorgeholt hat, bestätigt Mirjam Pollin, dass mit ihm zusammen alles leichter ging. Als sie sich 1943 trafen, war sie 17 und er 19 Jahre alt, aber sie wussten, dass sie zusammenbleiben wollten. Sie waren wie zwei verlorene Kinder. Er gab ihr Sicherheit, und umgekehrt konnte sie ihm die mütterliche Liebe geben, die er nie erfahren hatte, da er im Waisenhaus aufgewachsen war. 1945 heirateten sie. Mirjam Pollin hatte kein weißes Brautkleid. Das Kleid, das sie zur Hochzeit trug war schon fünf Jahre alt, aber das alles war für sie nebensächlich.

46:55 - 50:31

Auswanderung nach Israel

Sie wollten gerne nach Palästina, aber die Engländer haben die Einreise verhindert. Doch es gab die zionistische Untergrundbewegung Hagana, die alte Schiffe – beinahe Wracks – organisierten, sie halbwegs herrichteten und sie mit Menschen bis auf den letzten Platz füllten. So ein Schiff kam auch nach Schweden. Mirjam Pollin berichtet davon, dass sie 700 Menschen waren, die auf dieses Schiff gingen, wo es weder Kabinen noch Betten gab. Im Museum in Atlit in Israel kann man sich solch ein Schiff heute noch anschauen, mit dem sie fünf Wochen lang unterwegs waren. Einmal kamen sie in einen heftigen Sturm, bei dem die Maschine kaputt ging. Sie hatten Angst zu kentern. In Italien versteckten sie sich in einer Bucht, um dort das Schiff wieder in Gang zu bringen. Dort kamen noch einmal 700 jüdische Flüchtlinge an Bord. Überall saßen die Menschen, denn es gab keinen Platz zum Liegen. Als sie an die Küste Palästinas gelangten, wurden sie von fünf englischen Kriegsschiffen umzingelt. Die Flüchtlinge hatten beschlossen zu kämpfen, obwohl sie keine Waffen an Bord hatten. Sie selbst hielt eine leere Whiskeyflasche in der Hand, mit der sie dem ersten Engländer, der ihr in die Quere kam, eine über den Kopf ziehen wollte.

Dann gelangten fünf britische Matrosen an Bord und standen 1400 jüdischen Flüchtlingen – viele davon ehemalige KZ-Häftlinge – gegenüber. Dem Steuermann gelang es, das Schiff frei zu bekommen. Man zog die Matrosen bis auf die Unterhose aus und dann mussten sie so ins Wasser springen. Doch diese Aktion machte die Engländer so wütend, dass sie anfingen zu schießen und es Verwundete gab. Als Mirjam Pollin den ersten Schuss hörte, stellte sie die leere Flasche in die Ecke. Sie wurden dann von den Engländern in den Hafen von Haifa gelotst, wo man sie von Bord holte und auf ein Schiff für Kriegsgefangene verfrachtete. Dieses brachte sie nach Zypern, wo die Engländer riesige Lager errichtet hatten. In jedes Lager passten 1500 Menschen.

50:31 - 56:49

Flucht aus dem Lager auf Zypern

Die Konzentrationslager in Europa leerten sich, und die Menschen wurden über Italien oder Frankreich auf die Schiffe geschleust. Auf jedem Schiff waren auch Leute der Untergrundorganisation Hagana mit dabei. Diese merkten schnell, dass ihr Mann ein praktisch veranlagter Mensch war. Er liebte Probleme, denn Probleme wollten gelöst werden. So bekam er den Auftrag einen Tunnel aus dem Lager heraus zu graben. Es gab ein Sommerlager mit Zelten und ein Winterlager mit Baracken. Sie waren in einer Baracke untergebracht, aber ihr Mann wurde illegal ins Sommerlager geschleust.

Lange Zeit wusste sie nicht, was er tat – nur dass es etwas Wichtiges war. Nach drei Monaten erhielt sie die Nachricht, dass sie zu ihm kommen könnte. Unter falschem Namen kam sie so ins Sommerlager, wo sie dann auch von den Grabungsarbeiten erfuhr. Es gab noch andere Mitarbeiter. Seine Aufgabe war es, nach der Erde zu schauen, die man aus dem Tunnel holte, die noch dazu eine andere Farbe hatte. Weiter gab es um das Lager einen doppelten Stacheldrahtzaun mit Wachtürmen. Jeder Wachturm war mit einem Telefon ausgestattet und ihr Mann schaffte es, zwei Telefone zu klauen. Der Tunnel lag drei Meter unter der Erde und war 55m lang. Die Aufgabe von Mirjam Pollins Mann war, auch nach den Geräten für den Tunnelbau zu schauen und danach, wie man den Tunnel abstützt.

Drei Monate später, am 13. Januar 1948, konnten 13 Leute durch den Tunnel fliehen. Im Judentum ist die 13 eine Glückszahl. Mit 13 Jahren erhält ein Junge auch die Bar Mizwa, die religiöse Mündigkeit und die Aufnahme in die Gemeinde. Es war eine mondlose Nacht, in der sie flohen. Alles was Mirjam Pollin hatte, waren die Kleider, die sie trug, und eine Wolldecke. Die Decke hatte sie zusammengerollt und schob sie vor sich her. Mirjam Pollin hatte wahnsinnige Angst, dass der Tunnel einstürzen könnte. Und niemand würde wissen, dass sie da drinnen war. Es war nicht nur dunkel, sondern alles war völlig schwarz wie in einem Grab. Nicht einmal die Finger vor ihren Augen konnte sie sehen. In Sekundenbruchteilen sah sie noch einmal ihr ganzes Leben wie einen Film im Schnelldurchlauf an sich vorüberziehen. Für sie war es eine Ewigkeit, bis sie am anderen Ende wieder herauskam.

Am Ausgang warteten griechische Taxis auf sie, die sie zum Strand brachten. Es war Januar und die Nacht war bitterlich kalt. Sie zitterten so, dass sie gar nicht mehr reden konnten. Sie gingen auf und ab und starrten auf das Meer. Aber sie sahen nichts. Dann wurde es hell und die 13 Leute warteten ohne Essen und ohne Trinken am Strand. Einer von den 13 nahm sie dann mit zum Einkaufen. Sie lief die Landstraße entlang und die Engländer fuhren an ihnen vorbei. Mirjam Pollin dachte bei sich, dass die doch sehen mussten, dass sie aus dem Lager ist. Aber niemand kümmerte sich um sie, so dass sie ohne Probleme mit dem Essen wieder zum Strand zurückkamen. Dort warteten sie auf die nächste Nacht. Wieder starten sie auf das Meer und sahen zunächst nichts. Bis gegen elf Uhr ein Licht blinkte und ein Fischerboot kam. Es dauerte die ganze Nacht, bis alle mit einem Ruderboot zum Fischkutter gebracht worden waren.

56:49 - 1:00:06

Auf dem Weg in ein neues Leben

24 Stunden später gelangten sie in Cäsarea in die Küste Palästinas. Da gab es einen Kibbuz, wo sie in einem Zelt Aufnahme fanden. Dort aß sie die besten hartgekochten Eier ihres Lebens und trank den besten Tee. Sie konnten in richtigen Betten schlafen, die sogar Laken hatten.

Mit dem ersten Bus, der nach Haifa ging, fuhren sie auf der letzten Bank mit. Alle, die im Bus mitfuhren, wussten, wer sie waren. Und alle lächelten ihnen zu und grüßten. Als der Motor des Buses schon lief, sprang noch ein Mann raus und rief »Moment«. Er kaufte noch schnell saure Sahne und drückte sie den Flüchtlingen in die Hand. Nach der Ablehnung, die sie in Deutschland und Schweden, wo man sie nicht wollte, erfahren hatte, war das ein ganz besonderes Gefühl der Wärme.

In Haifa wurden sie in ein Hotel gebracht. Sie bekamen ein Stück Seife, ein Handtuch und konnten duschen. Dann kam sie in einen Raum, wo sie sich Kleider zum Anziehen raussuchen durfte. Es war wie in einem Traum – sie bekam alles, was sie brauchte, sogar noch Fahrgeld, damit sie hinfahren konnte, wohin sie wollte. Sie fingen an am Punkt null. Zunächst lebten sie in einem Kibbuz. Später zogen sie zur Schwiegermutter, als diese Hilfe benötigte. Dann wurden sie die reichsten Menschen der Welt, sagt Mirjam Pollin: Sie bekamen zwei Kinder, elf Enkel und 7 ½ Urenkel. Heute geht es ihr so gut wie noch nie, findet Mirjam Pollin. Sie hat ein Haus, sie hat ein Bett, sie hat Hilfe und Essen für morgen – mehr braucht sie nicht.

Doch das schlechte Gewissen ist bis heute da: »Warum habe ich sie verlassen?« fragt sich Mirjam Pollin heute noch