Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Mirjam Rosen

Interview am 21. Oktober 2025 in Petach Tikwa

Mirjam Rosen, Interview in Israel am 21. Oktober 2025, wenige Monate vor ihrem Tod.

Mirjam Rosen, Interview in Israel am 21. Oktober 2025, wenige Monate vor ihrem Tod.

Kurzbiografie

Mirjam Rosen wurde am 12. Mai 1926 in Gleiwitz geboren (Oberschlesien, im heutigen Polen). Sie lebte sechs Jahre unter Hitler. In der »Reichskristallnacht« im November 1938 brannte die Synagoge. Wenig später wurde sie als 12-jährige Jüdin von der Schule verwiesen. In die Geschäfte war »Kein Eintritt für Hunde und Juden!«. Weil Mirjam blond war und ein »arisches« Aussehen hatte, konnte sie trotzdem einkaufen.

Mit dem Kindertransport konnte Mirjam nach England entkommen. Dort kam sie zuerst nach London, später aufs Land. Dort glaubte man, Juden hätten Hörner. Mirjams Mutter konnte ihr später nach England folgen, der Vater wurde im Holocaust ermordet, im Konzentrationslager Dachau.

In Schottland wurde Mirjam zur Krankenschwester ausgebildet, mit 22 Jahren kam sie gemeinsam mit ihrer Mutter auf einem Schiff in Haifa an.

Das war 1. Mai 1948, kurz vor der Unabhängigkeitserklärung Israels. Im Kampfgeschehen um die israelische Staatsgründung begann Mirjam als Krankenschwester zu arbeiten, ohne Hebräisch zu können. Sie versorgte verwundete Soldaten.

Sie lernte dort ihren Mann Dov kennen, später bauten sie ein Haus in Petach Tikwa und bekamen zwei Kinder. Später hatte sie viele Enkelkinder.

Dov Rosen starb schon vor über 50 Jahren an Krebs, im Alter von 51 Jahren. Als Witwe engagierte sich Mirjam ehrenamtlich, besuchte Patienten, kümmerte sich um Terroropfer und hielt Vorträge über die Anfangszeit Israels. Sie wurde auch schon von Christen nach Europa eingeladen. Nach Deutschland kam sie aber nie mehr: »Ich setze keinen Fuß in dieses Land, das von jüdischem Blut getränkt ist.«

Über 50 Jahre lang war sie Witwe und lebte immer noch im selben Haus wie 1960. Sie starb am 28.2.2026, wenige Monate vor ihrem 100. Geburtstag.

Inhaltsübersicht

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Kindheit

Mirjam Rosen begrüßt die Interviewpartner herzlich und betont, wie froh sie ist über die Gelegenheit, mit ihnen sprechen zu können. Geboren wurde Mirjam Rosen im oberschlesischen Gleiwitz, an der Grenze zwischen Polen und der damaligen Tschechoslowakei. Als Kind erlebte sie den Einmarsch der Deutschen in ihr Heimatland. Sie beobachtete außerdem, wie die jüdischen Menschen mit polnischer Staatsbürgerschaft nachts aus den Häusern getrieben wurden. Auch wenn die eigene Familie nicht wohlhabend war, gaben Mirjam Rosens Vater und ihr Onkel den Vertriebenen Decken und Essen auf deren Reise mit. Mit der Invasion Deutschlands wurde auch das Tragen der sogenannten »Judensterne« verordnet. Außerdem wurde die Pension, auf die Mirjam Rosens Vater als invalider Veteran des Ersten Weltkriegs angewiesen war, gestrichen. Ihre Mutter musste nun Geld verdienen und begann daher, als Krankenschwester zu arbeiten. So war Mirjam Rosen im Alter von acht Jahren dafür zuständig, das Haus sauber zu halten, während ihr Vater das Kochen übernahm.
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Reichspogromnacht und Kindertransport

Am 9. November 1938 klopfte es an Familie Rosens Haustür. Der Schnee lag in diesen Tagen fast bis zu den Knien und an den Fenstern hatte sich Eis gebildet. Mirjam Rosens Mutter wurde in diese Kälte hinaus zur Synagoge gerufen, die in Brand gesteckt worden war. Höchste Eile war geboten, um die älteren Menschen aus dem benachbarten Altersheim zu holen und vor den Flammen in Sicherheit zu bringen. Nach der Reichspogromnacht wurden alle jüdischen Kinder aus den Schulen geworfen. Man musste auf ein behelfsmäßiges Gebäude umsteigen, wo vier Klassen in einem Raum unterrichtet wurden. Mit dem Lernen an der Schule war das nicht zu vergleichen. Da Mirjam Rosen blonde Zöpfe hatte, konnte sie in den Geschäften einkaufen gehen, an denen geschrieben stand »Kein Eintritt für Hunde und Juden«. Zu dieser Zeit wurden die Kindertransporte nach England in die Wege geleitet. Die dortige Regierung erklärte sich bereit, 10.000 Kinder aus dem Deutschen Reich und seinen Gebieten aufzunehmen. Mirjam Rosen wurde deshalb nach Berlin gebracht, um stets bereit zu sein, sollte plötzlich der Anruf kommen, sie müsse jetzt ihre Eltern verlassen und zum Kindertransport kommen. Dort in Berlin nahm die zwölfjährige Mirjam Rosen Abschied von ihrem Vater und von ihrer Kindheit. Sie erzählt, dass die meisten der 10.000 Kinder, die in England in Sicherheit gebracht werden konnten, ihre Eltern nie wieder sahen. Diese wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Mit Mirjam Rosen reiste ihr kleinster Bruder, der gerade einmal zehn Monate alt war. Ihre Eltern übergaben ihn am Bahnhof in die Obhut der Dame, die auch für ihre Tochter verantwortlich war.
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Leben in England

Am 1. Mai 1939 kam Mirjam Rosen in England an. Immerhin konnte sie sich in dem fremden Land verständigen, da man ihr in der Schule in weiser Voraussicht sowohl Englisch als auch Französisch beigebracht hatte, um sie auf die Eventualität der Flucht in eines dieser Länder vorzubereiten. Als am 1. September der Zweite Weltkrieg ausbrach, nahm man alle jüdischen Kinder, die bislang in London oder Manchester untergekommen waren, und quartierte sie in einem Dörfchen ein. Nachdem sich die Kinder also ein wenig an das neue Umfeld gewöhnt hatten, wurden sie nun wieder herausgerissen und in eine Ortschaft gebracht, in der man noch nie Juden gesehen hatte. »Wo ich war, da waren die sehr erstaunt, die Leute, dass wir nicht mit Hörnern geboren wurden.« Mirjam Rosen wurde von einer Familie aufgenommen, die noch nie Kinder gehabt hatte. Dort behagte es ihr ganz und gar nicht. Sie wechselte schließlich zu einer anderen Familie, die ebenfalls keine Kinder hatte und in einem sehr alten Haus wohnte. Dort teilte sie sich ein Bett mit zwei anderen Mädchen. Ihre Mutter konnte noch das letzte Flugzeug nach England nehmen. Im Süden des Landes arbeitete sie als Krankenschwester. Ihre Tochter konnte sie nur einmal im Jahr sehen. Bei einem der Besuche musste sie ihr die traurige Nachricht überbringen, dass ihr Vater im Konzentrationslager ermordet worden war.Nach einiger Zeit im Dorf hörte Mirjam Rosen, dass sie jemand zu Rosch ha-Schana, der jüdischen Neujahrsfeier, eingeladen hatte. Also machte sie sich auf die Reise, ging allerdings bei Cambridge verloren. Im Postoffice bat sie darum, jemand möge die Familie, die sie besuchen sollte, anrufen. Endlich dort angelangt, erfuhr sie, dass man in Schottland im Haus von Lord Balfour einige Kinder des Kindertransports aufgenommen hatte. So zog sie für einige Zeit in das Haus, das Lord Balfours Familie samt Park den geflüchteten Kindern zu Verfügung gestellt hatte. Als sie älter wurde, fing sie in Edinburgh in Schottland eine Ausbildung zur Krankenschwester an. Dann verließ ihre Mutter den Posten im Süden Englands und zog nach Manchester, Mirjam Rosen kam nach. Obwohl sie kein Abitur hatte, ließ man sie Krankenschwester werden. Während dieser Zeit litt sie sehr unter dem Antisemitismus der Leiter des Krankenhauses. Manchmal wurde sie ohne Grund zu deren Büro zitiert, wo man sie lange warten ließ, damit die Vorbeigehenden annehmen mussten, sie hätte etwas angestellt, oder man belangte sie für geringfügige Kleinigkeiten. Während dieser Zeit lernte Mirjam Rosen auf ihre Krankenschwester-Prüfung und gönnte sich daher kaum eine vergnügliche Auszeit. Trotzdem bestand sie gleich zwei Prüfungen unter Aufsicht des Krankenhauspersonals nicht. Als dann eine staatliche Prüfung durchgeführt wurde, war sie hingegen im Nu fertig, denn nun wurde objektiv bewertet.
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Ankunft und Militärdienst in Israel

Schließlich kamen Mirjam Rosen und ihre Mutter nach Israel. Dort mitzuhelfen, und zwar ungeachtet der Umstände, kam ihr schon damals einer persönlichen Verpflichtung gleich. »Israel ist mein Land und mein Volk, und ich bin stolz darauf.« Mirjam Rosen kann nicht begreifen, wie Juden aus anderen Ländern Deutschland besuchen können, da deutscher Boden doch voll jüdischen Blutes ist. Natürlich, fügt sie hinzu, gibt es auch Deutsche, die das jüdische Volk lieben und sich für seine Angehörigen einsetzen, doch das seien leider wenige. Nun kommt sie auf die Geschichte ihrer Auswanderung zurück: Als sie und ihre Mutter mit dem Schiff im Hafen von Haifa einliefen, wurden sie sogleich von kleinen Booten empfangen. Von dort schallte ihnen eine freudige Nachricht entgegen: »Haifa ist in euren Händen!« Die Briten hatten die Stadt verlassen. Diese Nachricht sorgte für Erleichterung und Heiterkeit an Bord des Passagierschiffs. Die ersten paar Tage nach der Ankunft verbrachten die Auswanderer etwas außerhalb der Stadt, wo eine provisorische Unterkunft eingerichtet worden war. Mirjam Rosen wurde zur Armee geschickt, während ihre Mutter eine Stelle als Krankenschwester in Haifa annahm. Aus Langeweile entfernte sie sich einmal von ihrer Baracke, um noch andere junge Leute zu treffen, die sich wie sie selbst freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet hatten. Als sie zu ihrer Hütte zurückkehrte, musste sie eine Standpauke ihrer Offizierin über sich ergehen lassen. Da sie noch kein Hebräisch konnte, wartete sie stumm das Ende der Strafpredigt ab, um dann auf Englisch zu erwidern: »Ich hab’ nicht ein Wort verstanden von dem, was Sie mir gesagt haben.« Am Morgen lernten sie das Marschieren. Diese stumpfe Tätigkeit frustrierte Mirjam Rosen, die sich einen Einsatz als Krankenschwester erhofft hatte, zutiefst. Endlich kam die ersehnte Gelegenheit, ihr Können sinnvoll einzubringen. Zusammen mit Professor Sheba, der den Sanitätsdienst der israelischen Armee befehligte, und einem weiteren Arzt wurde sie in ein arabisches Dorf geschickt, wo die israelische Armee ein Klinik aufgebaut hatte. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einem arabischen Flugzeug überrascht und mussten sich in den Graben flüchten. Im Dorf angekommen, stießen sie auf eine ältere arabische Dame, die in ihrer Lehmhütte zurückgelassen worden war. Nebenan hielt sich Mirjam Rosen bei der Funkanlage auf, als erneut ein feindliches Flugzeug auftauchte. Sie konnte sich in die Lehmhütte retten und betete um Schutz. Um sie herum schlugen die Kugeln ein, doch ihr geschah nichts. Während ihrer Ferien reiste sie einmal nach Beʾer Scheva, wo aufgrund des Krieges alles zerstört war. »Es war wie Sodom und Gomorra.« Anschließend fuhr sie nach Eilat, welches zehn Tage zuvor befreit worden war. Damals bestand die heutige Stadt gerade mal aus einigen Lehmhütten und einer israelischen Flagge. Mirjam Rosen unternahm dort eine Spritztour durch die Wüste. Am letzten Tag ihrer Ferien wurde sie wieder abgeholt. Auf dem Rückweg durch die Wüste begegnete ihnen ein Jeep. Als der Fahrer erfuhr, dass Mirjam Rosen Krankenschwester war, nahm er sie in seinem Auto mit und brachte sie in ein Tal zwischen zwei Hügeln, wo nach einem Hinterhalt Tote und Verwundete liegen geblieben waren. Wenig später traf ein Arzt hinzu, den man auch zufällig in der Wüste gefunden hatte. Es gelang ihnen, Kontakt nach Tel Aviv aufzunehmen und zwei Flugzeuge für den Krankentransport anzufragen. Auf dem Rückflug kam es zu heftigeren Turbulenzen, die es scheinen ließen, als wäre man zu einer Zwischenlandung in Zypern gezwungen. Dies wäre für die überwiegend amerikanische Crew aus diplomatischen Gründen zum Problem geworden. Letztendlich konnte die Maschine direkt in Tel Aviv landen, was Mirjam Rosen auf das Gebet der Flugzeugpassagiere und Gottes Eingreifen zurückführt. Die Verletzten konnten im Krankenhaus behandelt werden. »Ich kann nicht sagen, dass es langweilig war in meinem Leben«, bemerkt Mirjam Rosen abschließend und bedankt sich für den Besuch.