Interview am 2. Mai 2024 in Bad Liebenzell
Urija Bayer ist – als deutscher Christ – in Israel aufgewachsen und hat Wehrdienst geleistet. Am 7. Oktober 2023 wurde er zum Kampfeinsatz eingezogen, später wurde er im Gazastreifen schwer verwundet und starb am 17. Dezember 2023 im Krankenhaus. Seine Eltern, Nelli und Gideon Bayer sprachen am 2. Mai 2024 darüber.
Nelli und Gideon Bayer leben in Israel, beide arbeiten im Pflegeheim Ma’alot von ZEDAKAH. Gideon kümmert sich dort um die Technik und Nelli ist für die Waschküche zuständig. Sie haben fünf Kinder, die in Israel geboren sind und in Ma’alot die Schule besucht haben. Vier von ihnen hatten bisher Einsätze beim Militär: Rachel und Odelia dienen in Rettungs- und Bergungseinheiten, Zuriel bei den Bodentruppen und Urija war bei den Fallschirmspringern. Elia beendet jetzt die zwölfte Klasse.
Nelli erzählt, dass der 7. Oktober als schöner Sabbat begann. Er war gleichzeitig der Tag von Simchat Tora, dem jüdischen Freudenfest, das das Ende des Laubhüttenfests markiert. Es stand ein Besuch der jüdischen Gemeinde auf dem Hof des Pflegeheims an, die dort auf ihrer Prozession von der Synagoge haltmachen würde. Gideon war mit seinem Fahrrad losgefahren, um Sport zu treiben, Rachel und Zuriel befanden sich mit einer Jugendgruppe auf einem Campingtrip im Norden des Landes. Kurz nach sechs Uhr bat Urija seine Mutter, ihn nach Naharija zu einer Truppe zu fahren. Während der Fahrt sprach er nur wenig mit ihr, sie war sich des Ernstes der Lage nicht bewusst. Beim Abschied machten sie noch ein Foto mit blauem Himmel und weißen Wolken im Hintergrund. Wieder zuhause, klärte Gideon sie auf, was passiert war. Er vermutete, dass man als nächstes Zuriel zu seiner Einheit rufen würde, was auch stimmte, und innerhalb von fünf Stunden waren vier ihrer Kinder in verschiedenen Militärstützpunkten im Land und warteten auf ihren Einsatz. Die Stimmung auf der Straße war äußerst angespannt. Viele Militärfahrzeuge waren unterwegs, in den Autos, die Richtung Süden fuhren, saßen fast ausschließlich junge Soldaten in Uniform.
Gideon berichtet, wie er nur sporadisch Kontakt zu seinen Kindern hatte und oft erst erfuhr, wo sie sich befanden, wenn sie ihn anriefen. Urija war mit seiner Einheit nach Kfar Aza gebracht worden, um den Ort von Terroristen zu befreien. Zuriel kämpfte in Be’eri. Die erste Woche verging, und erst als die Kämpfe rings um den Gazastreifen beendet waren, kehrten auch Urija und Zuriel wieder zurück in ihre Stützpunkte, um sich auf ihre Einsätze im Gazastreifen vorzubereiten. Als die ersten militärischen Aktionen im Norden des Gazastreifens begannen, waren Zuriel, Rachel und Urija daran beteiligt. Nachdem Urijas erster Einsatz im Gazastreifen beendet war, besuchte er seine Eltern zuhause. Danach kämpfte er in Chan Junis im Gazastreifen, seine Einheit war damit beschäftigt, die Wohnhäuser von Terroristen zu befreien. Als sie sich dort in einem Haus aufhielten, wurden sie unter Beschuss genommen. Urija wurde von einer Kugel am Kopf getroffen. Gideon Bayer erhielt die Nachricht, dass sein Sohn schwer verletzt war, über einen Anruf vom Militär. Mit seiner Frau wurde er von Militärpersonal in Ma’alot abgeholt und in das Krankenhaus gebracht, in dem Urija versorgt wurde.
Nelli erinnert sich, dass der Morgen gesegnet anfing. Eine ältere Bekannte rief sie aus Deutschland an, um mit ihr zu beten. Danach bat sie auf Telegram um Gebet für ihre Kinder, als Gideon ihr die schlimme Botschaft überbrachte. Sie war geschockt, als es hieß, sie solle ihre Koffer packen, da sie mindestens drei Tage im Krankenhaus verbringen würden. Die drei Stunden vom Erhalt der Nachricht bis zum Wiedersehen mit Urija im Krankenhaus waren schmerzhaft ungewiss, und doch wusste Nelli Bayer, dass sie in Jesus geborgen war. Rachel, Odelia und Zuriel wurden vom Dienst befreit, was in Zuriels Fall nicht ganz einfach war, da er kein Handy dabeihatte und erst verschiedene Stationen durchlaufen werden mussten, bis die Nachricht zu ihm gelangte.
Tags darauf gab es eine Besprechung im Krankenhaus zur Gestaltung von Urijas Beerdigung, die für Montag angesetzt war. In Israel ist es unüblich, Beerdigungen zu verschieben, doch in Urijas Fall wurde sie auf den Dienstag verlegt. So konnten seine Angehörigen aus Deutschland rechtzeitig anreisen, und seine Familie in Israel konnte sich – soweit man unter diesen Umständen davon sprechen kann – von den aufwühlenden Ereignissen der letzten Tage erholen. Am Montagmorgen wurde die Meldung von Urijas Tod öffentlich gemacht, und bereits am selben Tag hatten sämtliche Pressekanäle um ein Interview mit seinen Eltern angefragt. Gideon Bayer lehnte sie alle ab. Zeit für das Zwischenmenschliche und die Trauerwoche waren jetzt wichtiger. Im Vorfeld der Beerdigung kam die Frage auf, wie Urija als deutscher Christ beigesetzt werden sollte. Gideon Bayer ist Gott dankbar für eine würdige Ruhestätte auf dem Friedhof in Ma’alot. Nelli beschreibt, wie am Tag seiner Beerdigung die Menschen mit Fahnen entlang der Straße vom Wohnhaus der Bayers bis zum Friedhof standen. Sogar die Schulen im Ort schlossen an diesem Tag früher. Auf dem Friedhof angelangt, bildete die Trauergemeinde ein einziges Meer von Fahnen. Viele Menschen trugen ein T-Shirt mit Urijas Porträt. Der Fotograf hatte die ganze Nacht hindurch gearbeitet, um rund 500 T-Shirts an die Menschen verteilen zu können. »Es war eine Umarmung von unserer Stadt und unserer Bevölkerung.«
In der Trauerwoche war die Familie ständig von Freunden und Bekannten umgeben, die sie zuhause besuchten. Nach den sieben Tagen ebbte der Strom an Besuchern allerdings nicht ab; ganze sieben Wochen lang war das Haus nicht leer. Auch wenn das manchmal ermüdend sein konnte, schaffte es ein familiäres Klima. Unter den Menschen, die in dieser Zeit bei Bayers zu Gast waren, waren auch Soldaten aus Urijas Einheit, die mit ihm in dem Zimmer waren, wo er angeschossen wurde. Sogar der Helikopterpilot, der Urija ins Krankenhaus geflogen hatte, war anwesend – er war zudem der Enkel einer Heimbewohnerin. Die herzliche Anteilnahme dieser Leute hält noch Monate nach Urijas Tod an, und Familie Bayer kann auf ihre Unterstützung zählen.