Jossi & Ruthi Gertner
Interview am 21. Juli 2013 in Nahariya, Israel
Jossi wurde in einem Ghetto in Transnistrien geboren und wuchs nach der Einreise nach
Israel als Einzelkind auf. Das große Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinen Eltern
brachte seine Ehe mit Ruthi fast zum Scheitern. Ruthi wurde in Naharia geboren. Ihre
Eltern konnten Ende der 30er Jahre noch rechtzeitig fliehen. Ihr Vater kam ursprünglich
aus Stuttgart, die Mutter aus Frankfurt.
Kurzbiografie
Jossi wurde in einem Ghetto in Transnistrien geboren und wuchs nach der Einreise nach
Israel als Einzelkind auf. Das große Verantwortungsbewusstsein gegenüber seinen Eltern
brachte seine Ehe mit Ruthi fast zum Scheitern. Ruthi wurde in Naharia geboren. Ihre
Eltern konnten Ende der 30er Jahre noch rechtzeitig fliehen. Ihr Vater kam ursprünglich
aus Stuttgart, die Mutter aus Frankfurt.
Inhaltsübersicht
00:00 - 05:12
Herkunft und Beziehung zu Zedakah
Ruthis Eltern, Lehmann mit Nachnamen, stammten aus Frankfurt und Stuttgart. Sie unterstützten
das Ehepaar Nothacker beim Aufbau des Erholungsheims für Holocaustgeschädigte in Nahariya.
Außerdem besaßen sie ein Telefon – damals noch eine große Besonderheit – , das sie
den Nothackers oft zu Verfügung stellten, wenn diese es brauchten. Jossi, der zu dieser
Zeit Ruthis Freund war, war anfangs abgeneigt gegenüber der Freundschaft zwischen
den Familien Lehmann und Nothacker. Langsam freundete er sich dann aber mit Karl Hospodarsch
an, der Vorsitzender von Zedakah war. Später wurden die beiden beste Freunde.
Weshalb Jossi zunächst so reserviert war, hat mit seiner Einstellung Deutschen gegenüber
zu tun. Geboren wurde er 1939 in Tschernowitz, was damals zu Rumänien gehörte und
heute in der Ukraine liegt. Bis 1918 war es Teil Österreich-Ungarns gewesen. Als Jossi
zwei Jahre alt war, fand der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion mit dem Decknamen
»Operation Barbarossa« statt. Auch Tschernowitz, das zwischenzeitlich in die Hände
der Sowjetunion gefallen war, war von der Offensive betroffen. So wurde Jossis Familie
nach Transnistrien vertrieben. Die drei Jahre, die sie dort verbrachten, waren für
sie eine sehr leidvolle Zeit. 1945 kehrten sie nach Tschernowitz zurück, wo sie ein
Jahr bis zu ihrer Ausreise nach Rumänien lebten. Von dort aus wagten sie dann 1951
die Reise nach Israel.
05:12 - 08:49
Jossis Abbau von Vorurteilen gegenüber Deutschen
1960 war er bereits Soldat und verstand sich immer besser mit Karl. Dieser war Ingenieur,
und auch Jossi machte später ein Ingenieursstudium am Technion in Haifa. Karl nahm
ihn an seine Seite und konnte ihn davon überzeugen, seine Vorbehalte gegenüber Deutschen
abzubauen. Beispielsweise kehrten Jossi und Ruthi 1972 erstmals wieder nach Europa
zurück, auch wenn Jossi ursprünglich dagegen war. Sie kamen in Zürich an, wo sie von
ihren guten Freunden abgeholt und nach Dörflingen bei Schaffhausen gebracht wurden.
Für die Reise nach Dörflingen standen zwei Routen zur Auswahl; eine kürzere, die durch
Deutschland führte, und eine längere durch die Schweiz. Jossi bestand darauf, den
Weg zu nehmen, der nicht durch Deutschland führte. Mit der Zeit konnte er sich aber
überwinden und besuchte Karl. Anschließend führte ihn seine Arbeit nach Amerika, wo
er auch promovierte. Nachdem er von Karls Erkrankung erfahren hatte, besuchte er ihn
noch einige Male im Krankenhaus, bevor Karl schließlich verstarb.
08:49 - 22:30
Akklimatisation und Spannungen in der Ehe
Jossi kam mit seinen Eltern und seiner Großmutter nach Israel. Ihm gelang es, sich
sehr schnell zu akklimatisieren, was bei seinen Angehörigen nicht der Fall war. So
waren nicht sie es, die ihn großzogen, sondern er als Kind unterstützte sie bei der
Eingewöhnung in Israel. Sie waren eigentlich »gebrochene Leute«, deren Sohn ihr ganzer
Stolz war. Daher lastete viel Verantwortung auf seinen Schultern. Bei Ruthi war es
genau umgekehrt: Ihre Eltern kamen aus Deutschland und waren viel gefestigter und
weit weniger auf Hilfe angewiesen. Obwohl Jossi und sie später heirateten und Kinder
hatten, kamen seine Eltern für ihn immer an erster Stelle. Er begründet das damit,
dass sie stets gut für ihn gesorgt haben. An ihrem Lebensabend fühlte er sich also
zuständig, sich um sie zu kümmern und ihnen so das zurückzugeben, was er von ihnen
erhalten hatte. Auch seine Großmutter spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben.
In Transnistrien zog sie ihn auf, während seine Eltern Zwangsarbeit verrichten mussten.
Ruthi gibt ihm recht bei dem, was er sagt. Sie ist allerdings der Meinung, dass es
irgendwo eine Grenze geben muss. Für sie als junge Frau war es sehr schwer, damit
zurechtzukommen. Schließlich suchte sie sogar bei ihrem Rabbi um Rat, musste sich
letztendlich aber doch mit Jossis Einstellung abfinden.
Ruthi sagt aber auch, dass seine Eltern großartig waren. Obwohl sie sich nie vollständig
akklimatisierten und stets schwer arbeiteten, akzeptierten sie, dass sie ihren einzigen
Sohn nur alle sieben Wochen sehen konnten, als er beim Militär war. Eigentlich wollte
er zu den Fallschirmjägern, wurde aber nicht zugelassen, weil er der einzige Sohn
war. Er musste sich umentscheiden und entschied sich, der Golani-Brigade beizutreten.
»Das ist das Schwerste, was es gibt«, sagt Ruthi. Als er in der Nähe von Shavei Zion
stationiert war, kam einmal sein Vater mit etwas zu Essen dabei. Jossi schickte ihn
wieder weg mit der Begründung, er habe genug zu essen. »Mir war wichtig, ein Brot
zu haben, und eine Waffe in der Hand.« Mehr brauchte er nicht.
22:30 - 34:08
Verhältnis zwischen den Generationen
Ruthi und Jossi haben zwei Töchter. Das Verhältnis zwischen den Generationen, auch
zu ihren eigenen Enkeln, beschreiben sie als sehr schön. Für Jossi ist es eine große
Ehre, dass einer seiner Enkel auch Soldat ist. Als seine erste Tochter sich gegen
einen Offizierskurs beim Militär entschied, war das ein schwerer Schlag für ihn. Die
jüngere Tochter jedoch belegte den Kurs, worauf er sehr stolz war. Noch heute spricht
er mit Soldaten, wenn er sie in der Öffentlichkeit sieht. Seine Wertschätzung für
ihren Dienst rührt von der großen Hilflosigkeit, die er vor seiner Zeit beim Militär
verspürte und dort hinter sich lassen konnte, her.
Ruthi kommt noch einmal auf das Verhältnis zwischen ihr und ihren Schwiegereltern
zurück. Obwohl sie damit zu kämpfen hatte, dass ihr Ehemann seine Eltern über sie
selbst priorisierte, verstand sie sich sehr gut mit ihnen. Sie durchlebte einen Lernprozess,
wobei sie realisierte, dass Jossis Beziehung zu seinen Eltern auf einer Ausgangslage
beruhte, die ganz anders war als ihre eigene. Ruthis Vater war sehr stolz und streng,
was Jossi nie verstehen konnte. An seinem Totenbett gab er zu, viel zu streng mit
ihnen gewesen zu sein.
Die beiden werden gefragt, ob sich nach dem Tod von Jossis Eltern etwas verändert
hat. Ruthi erklärt, dass Jossi, bevor er seine Eltern pflegte, viel Zeit mit seiner
Arbeit verbrachte. Als seine Mutter gestorben war, ging er kurz darauf wieder nach
Amerika. Ruthi blieb alleine zurück und wurde schnell deprimiert, weil sie für niemanden
sorgen musste. Ihre Tochter schlug vor, über Sukkot nach London zu reisen, um zeitweise
dem einsamen Alltag zu entfliehen. Sie sagt, sie konnte spüren, wie Jossi erleichtert
war. »Mission accomplished«, hätte der Tod seiner Eltern für ihn bedeutet. Er hingegen
sagt, sich um seine Eltern zu kümmern, sei ihm nie schwergefallen; im Gegenteil, schwer
wurde es für ihn erst, als sie nicht mehr am Leben waren.
Über sechs Jahre hinweg lebte Jossi immer wieder in Amerika, teilweise war seine Familie
dabei. Er war sehr interessiert an seinem neuen Umfeld und lernte weit über das Doktorat
hinaus. Dann arbeitete er für ein Rüstungsunternehmen in Haifa. Er hat eine herrliche
Familie, wie er selbst sagt. Besonders die Enkel bringen ihm viel Freude, und er versucht,
ihnen mit ganzem Herzen zu helfen, wo er nur kann.