Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Vardit Meir

Interview am 22. Juli 2013 in Shavei Zion, Israel

Geboren in Borken (Nordrhein-Westfalen), war Vardit Meir selbst nicht im KZ. Sie konnte über die holländische Grenze fliehen und dort Unterschlupf finden. Ihre Familie wurde ermordet.

Vardit Meir wurde in Nordrhein-Westfalen geboren. Ihr Vater starb in Mauthausen, ihre Mutter war in Auschwitz und starb auf dem Todesmarsch nach Ravensbrück. Vardit Meir war während des Krieges in Holland, in wechselnden Verstecken.

Inhaltsübersicht

00:08 - 00:30

 

Vardit Meir stellt sich vor, wurde in Borken in Nordrhein-Westfalen geboren, hat dort bis 1938 gelebt.

00:30 - 02:04

 

1938 ist ihr holländischer Vater zu seinen Brüdern nach Holland gegangen. Borken lag sehr nah an der holländischen Grenze. In der Zeitung wurde am nächsten Tag gesagt, ihr Vater wäre mit sehr viel Geld über die Grenze gegangen. Ihre Mutter hat daraufhin dem Vater gesagt, er solle in Holland bleiben und sie würde die Kinder zu ihm schicken. Vardit Meir erklärt ihre familiäre Situation zur Zeit ihrer Flucht. Im September überquerten sie die holländische Grenze.

02:04 - 03:44

 

Vardit Meirs Mutter führte das Textilgeschäft der Familie weiter bis zum 9. November 1938. Nachts wurde sie überrumpelt, konnte aber der Verhaftung wegen ihres holländischen Passes entgehen. Nach der Reichspogromnacht kam auch die Mutter nach Holland, hat später das Geschäft unter Wert verkauft.

03:44 - 07:09

 

Vardit Meirs Vater versuchte, geschäftlich wieder was zu machen, verkaufte Stoffballen an Bauern. 1940 marschierten die Deutschen in Holland ein. 1941 gab es die ersten Razzien in Holland, dabei wurde Meirs Vater am Sukkot deportiert. Er betete in der Sukhah, war sehr fromm. Meirs Mutter hat eine Tasche vorbereitet für den Vater, der bei der Deportation den Tallis anbehielt. Sie konnten sich verabschieden, 8 Tage später bekamen sie die Nachricht, der Vater wäre an einem Herzinfarkt gestorben. Meir erfuhr im Nachhinein, dass der Vater in Mauthausen durch ein Erschießungskommando getötet wurde.

07:09 - 12:50

 

Vardit Meir (ca. 13 bis 14 Jahre alt) blieb bei ihrer Mutter. Ihre Schwester wurde von ihrem Freund abgeholt und ist zusammen mit diesem untergetaucht, ohne dass die Mutter etwas wusste. April 1943 mussten sich alle übrigen Juden im KZ Fürth in Holland melden, von wo aus sie nach Westerburg transportiert wurden. Am 7. April rief Meirs Bruder an und verlangte, dass sie zu ihm kommen soll. Meirs Mutter benachrichtigte ihren Nachbarn, der sie zu ihrem Bruder brachte. Ihre Mutter meldete sich am 10. April in Fürth. Meir weiß heute, dass ihre Mutter nach Westerburg und von dort nach Auschwitz deportiert wurde. Sie hauste in Baracke 10, in der Dr. Mengele Versuche an den Frauen machte. Meir lernte später eine Mitinsassin ihrer Mutter in Shavei Zion kennen, diese wich ihr jedoch bei Fragen über das Schicksal ihrer Mutter aus. Vardit Meirs Mutter starb auf dem Todesmarsch nach Ravensbrück.

12:50 - 18:07

 

Vardit Meir kam mit 14 nach Amsterdam, bis ein Fahrer sie abholte und nach Zeist zu einer Familie brachte, die neben ihren 6 leiblichen Kindern 6 jüdischen Kindern und einer jüdischen Familie Unterschlupf gewährte. Vardit Meir war als einzige blond und konnte daher auf die Nähschule gehen. Offiziell war sie ein »bombardiertes Kind« aus Rotterdam. Die Versteckten gingen immer nachts nach draußen in den Wald. Eines Nachts flog die Familie auf und Vardit Meir konnte als einzige fliehen. Sie konnte bei dem Fahrer untertauchen, der sie aus Amsterdam abholte.

18:07 - 19:45

 

Sie fand danach noch 3 verschiedene Unterkünfte. Einmal war sie bei ihrem Schwarzhändler untergekommen, bis dieser aufflog und abgeholt wurde. 1944 kam Meir zu einer armen Familie. Insgesamt kam sie bei 14 verschiedenen Adressen unter.

19:45 - 23:36

 

Durch die letzte Adresse fand Meir ihre Geschwister wieder, die gemeinsam auf einem Bauernhof untergetaucht waren. Die Geschwister sagten dem Bauern nicht, dass sie verwandt waren. Meirs Geschwister suchten sie während des Krieges und fanden sie durch die Untergrundbewegung. September 1944 landeten die Alliierten in Holland, Meirs Geschwister waren in Arnheim.

23:36 - 31:43

 

Meirs Geschwister wollten sie abholen. Noch während sie einen Unterschlupf suchten, ging Meir zu Fuß nach Arnheim. Ihre Schwester holte sie mit dem Fahrrad ab und sie gingen zusammen den Weg nach Arnheim weiter. Sie wurden von einem deutschen Soldaten aufgegriffen und nach Arnheim begleitet. Meir kam zu einer kinderlosen Familie. In Arnheim kämpften Deutsche und Engländer an verschiedenen Seiten des Rheins gegeneinander. An einem Samstag Mittag wurden Meirs Geschwister befreit. Erst zwei Tage später wurde auch Meir nach einer Bombardierung des Hauses, in dem sie untergetaucht war, befreit. Arnheim war befreit und die Geschwister blieben alle noch bis Mai 1945 bei der kinderlosen Familie.

31:43 - 32:44

 

Vardit Meir und ihre Geschwister warteten auf Listen von jüdischen Leuten, die aus den KZs wieder zurück kamen. Jedoch überlebten weder die Eltern noch die Schwester, die untergetaucht war und in Auschwitz starb.

32:44 - 35:08

 

Vardit Meirs Geschwister suchten nach einem Weg nach Palästina. Meirs Schwester heiratete einen israelischen Soldaten aus einer jüdischen Brigade. Leute brachten den Geschwistern Dinge zurück, die ihre Mutter vor der Flucht weggegeben hatte. Meirs Bruder fuhr nach Marseille und arbeitete dort für Aliyah Bet. Meir kam mit einem Schiff von Amsterdam nach Haifa, Israel.

35:08 - 37:03

 

Oktober 1948: Vardit Meir wartete in Israel auf ihre Schwester, es waren Unruhen in der Ortschaft. Sie wurden aus dem Kibbuz geholt, jemand zeigte Meir den Weg. Meir erkannte in dem Ort, in dem ihre Schwester wohnte, die Siederschüssel von ihrer Mutter wieder und wusste, dass sie richtig war.

37:03 - 38:17

 

Meir ging zurück in den Kibbuz, lernte dort ihren Mann kennen. Sie waren 62 Jahre verheiratet. Er ist 2012 verstorben. Sie haben zwei Kinder, 6 Enkel und 15 Urenkel. Meir ist zum Zeitpunkt der Aufnahme in Shavei Zion fast 85 Jahre alt. Ein Teil ihrer Familie wohnt in Shavei Zion.

38:17 - 41:33

 

Meir erzählt von ihren Erfahrungen mit ZEDAKAH.

41:33 - 43:03

 

Meir hat kein Problem mit der Nationalität oder Religion der Mitglieder von ZEDAKAH.

43:03 - 43:15

 

Meir merkt an, dass ihre Geschichte anders ist als die der Juden aus dem KZ.

43:15 - 47:22

 

Meir erzählt von der Geschichte ihres Mannes. Er kommt aus Emden. Meir wollte nie wieder zurück nach Deutschland. Ihr Mann wurde nach Emden eingeladen und Meir ging mit, um ihn zu unterstützen. Sie ist dankbar, dass sie gefahren ist, da sie ihr Bild über Deutsche ändern konnte.

47:22 - 51:28

 

Meir zeigt Fotos von den Menschen, die sie gerettet haben. Sie erzählt dazu auch, was mit den Menschen nach dem Krieg geschehen ist. Danach zeigt sie Familienfotos von ihren Urenkeln.