Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Vardit Meir

Interview am 22. Juli 2013 in Shavei Zion, Israel

Vardit Meir ist neun Jahre alt, als die Familie in den Geburtsort des Vaters nach Holland flüchtet. Doch die Ruhe in der neuen Heimat währt nicht lange, denn 1940 marschieren die Deutschen auch dort ein. Schon sehr früh wird der Vater abgeholt und auch der Weg der Mutter führt ins Konzentrationslager. Zwei Geschwister und Vardit selbst können untertauchen, doch die Familie wird auseinandergerissen. Vardit Meir findet an 14 verschiedenen Plätzen Unterschlupf. Aber als Kind so ganz auf sich allein gestellt, fühlt sie sich oft einsam. Umso größer ist ihr Glück, als sie die beiden überlebenden Geschwister am Ende des Kriegs wiederfindet. 1948 emigriert Vardit Meir nach Israel und gründet dort eine große Familie. Zu mehreren Menschen, die ihr geholfen haben, hält sie lebenslangen Kontakt.

Kurzbiografie

Vardit Meir wird 1929 in Borken in Nordrhein-Westfalen geboren. Ihre Eltern betreiben einen Tuchhandel. Der Vater ist gebürtiger Holländer. Als die Situation in Deutschland für die Juden immer schwieriger wird, werden zuerst die größeren Kinder in die Heimat des Vaters geschickt. Später flüchtet dann auch der Rest der Familie nach Zeist. Die Mutter versucht noch bis zur Reichspogromnacht das Textilgeschäft fortzuführen.

1940 marschieren die Deutschen auch in Holland ein und bei einer der ersten Razzien 1940 werden der Vater und ein Onkel mitgenommen. Eine Woche später erhalten sie die Nachricht von seinem Tod. Vardit Meir gelingt es mit Hilfe ihres Bruders und eines Pfarrers immer wieder unterzutauchen. An insgesamt 14 Stationen führt sie ihr Weg während des Kriegs. Dabei ist sie ganz auf sich allein gestellt und fühlt sich oft einsam, obwohl viele der Menschen sehr hilfsbereit und nett sind.

Als sich in den letzten Kriegsmonaten die drei überlebenden Geschwister wiederfinden, ist die Wiedersehensfreude groß. Da sie nichts mehr in Holland hält, wandern alle drei Geschwister nach Israel aus. Über das Schicksal ihrer Eltern und ihrer zweiten Schwester erfährt sie erst später Genaueres.

In Israel gründet Vardit Meir zusammen mit ihrem aus Emden stammenden Mann eine Familie, aus der zwei Kinder, sechs Enkel und 15 Urenkel hervorgehen. Sehr angetan ist sie von der Einrichtung „Shavei Zion“ von Zedakah.

Inhaltsübersicht

00:00 - 3:44

Flucht nach Holland

Vardit Meir wurde in Borken in Nordrhein-Westfalen geboren. Im September 1938 zog die Familie in den 30km entfernten Geburtsort ihres Vaters, der hinter der holländischen Grenze lag. Zunächst hatte der Vater dort seine Brüder besucht. Daraufhin erschien in der (dt.) Zeitung eine Meldung, wonach ihr Vater angeblich eine große Menge Geld über die holländische Grenze geschmuggelt habe. Das stimmte natürlich nicht, weshalb Vardits Mutter dem Vater riet, er solle in Holland bleiben. Ein Teil der Geschwister ging zu dieser Zeit schon in Holland zur Schule. Nun wollte die Mutter auch Vardit und ihre 3 Jahre ältere Schwester zum Vater nach Holland schicken.

Die Mutter selbst blieb zunächst noch in Deutschland und führte das große Textilgeschäft der Familie in Borken weiter. Bis sie in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 nachts aufgeweckt wurde. Man wollte sie verhaften. Da aber Vardits Vater Holländer war, besaß die ganze Familie einen holländischen Pass – weshalb man dann auch von der Mutter abließ. Die zeigte den Deutschen, dass ihr Bruder im ersten Weltkrieg im Kampf für das Kaiserreich gefallen war. Vardit findet das zwar etwas kindisch, aber die Mutter fragte die Deutschen noch, ob das nun der Dank des Vaterlandes wäre.

Nach dieser Nacht zog auch die Mutter nach Holland. Später kam sie nochmals zurück nach Borken, um das Geschäft aufzulösen. Dabei wurde das Inventar weit unter Wert verkauft.

3:44 - 7:06

Neuanfang und Deportation des Vaters

Die Familie wohnte nun im Haus des Onkels. Der Vater versuchte in einem der Zimmer wieder ein kleines Textilgeschäft aufzubauen. Mit dem Fahrrad fuhr er Stoffballen zu den Bauern. Der Vater zeigte sich zufrieden mit dieser Situation.

Doch 1940 marschierten die Deutschen in Holland ein, 1941 gab es die ersten Razzien. An Sukkot wurde ihr Vater deportiert. Er war ein sehr frommer Jude und befand sich gerade im Gebet, als die Deutschen hereinkamen und ihn holten. Man gab ihm ganze 10 Minuten, um seine Sachen zu richten. Es wurde ein schwerer Abschied. Als er zum Auto lief, hatte er seinen Tallit (Anm. Gebetsschal) noch an. Sein Bruder Harry saß schon im Auto. Acht Tage später bekamen sie die Nachricht, dass der Vater an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Doch das stimmte nicht, wie sich später herausstellte. Er wurde zusammen mit den anderen Juden, die man bei diesen ersten Razzien gefangen nahm, nach Mauthausen gebracht und dort eine Woche später durch ein Erschießungskommando getötet.

7:06 - 12:50

Schicksal der Mutter

Mit zwölf Jahren war Vardit nun Halbwaise. Sie blieb zunächst zusammen mit ihrer älteren Schwester bei der Mutter, bis die Schwester im Alter von 16 Jahren – ohne es anzukündigen – zusammen mit ihrem Freund untertauchte.

Dann kam die Nachricht, dass sich alle Juden bis zum 10. April im Konzentrationslager Vught melden sollten. Drei Tage vorher rief ihr älterer Bruder bei der Mutter an und sagte, sie solle ihre Tochter zu ihm schicken und nicht mit nach Vught nehmen. So brachte ein Nachbar Vardit zum Bruder, während die Mutter sich in der Hoffnung, den Vater wieder zu sehen, in Vught meldete.

Viele Jahre später kommt Vardit Meir in Shavei Zion mit einer Nachbarin ins Gespräch. Sie stellen fest, dass sie beide aus Holland kommen. Die Nachbarin betrachtet Vardit eingehend und fragt sie dann, ob sie vielleicht die Tochter von Martha Heilmans sei. Als Vardit bejaht erzählt ihr die neue Nachbarin, dass sie eineinhalb Jahre mit ihrer Mutter zusammen verbracht hat – erst in Vught, dann in Westerbork und schließlich in Auschwitz, wo sie in Baracke 10 eine Reihe Experimente von Dr. Mengele über sich ergehen lassen mussten.

Doch Fragen über das Schicksal und den Verbleib ihrer Mutter, wich diese Frau immer aus. Antworten erhielt Vardit Meir erst später über eine andere Mitinsassin ihrer Mutter. Diese erzählte ihr, dass ihre Mutti im Januar 1945 zwei Tage vor der Befreiung jener Gegend, auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Ravensbrück erschöpft zusammengebrochen sei.

12:50 - 19:44

Rastlose Flucht

Ihr Bruder brachte sie zunächst bei einer Familie in Amsterdam unter. Von einem Tag auf den anderen war Vardit Meir mit 14 Jahren nun völlig auf sich allein gestellt. Nach einer Woche holte sie ein Pfarrer ab und brachte sie nach Zeist. Dort kam sie zu einer Familie, die zu ihren eigenen sechs Kindern noch sechs jüdische Kinder und darüber hinaus eine ganze jüdische Familie bei sich aufgenommen hatte.

Vardit hatte als einzige blonde Haare. Die Frau des Hauses sagte deshalb zu ihr, sie solle einen Beruf lernen. Vardit wendete ein, dass das doch gar nicht ginge, weil sie keine Schulbildung habe. Die Schule hatte sie ja nach der fünften Klasse verlassen müssen. Doch die Frau meinte, sie solle die Nähschule besuchen, was sie dann auch tat. Somit war Vardit die einzige, die auch am Tag raus durfte. Man sagte, sie ein ausgebombtes Kind aus Rotterdam. Die anderen konnten nur nachts raus und hielten sich meist im angrenzenden Wald auf.

Als sie nach etwa sechs Wochen eines Tages von der Nähschule heimkam, hielt ein Mann sie an und warnte sie: „Corrie, du darfst nicht nach Hause gehen, die Deutschen sind da.“ Corrie war ihr Deckname. Sie beobachtete das Haus aus einiger Entfernung und wollte Onkel und Tante, wie sie sie nannte, noch warnen. Sie rannte schnell zur Wäscherei, wo der Mann arbeitete. Aber sie war zu spät. Man hatte ihn schon geholt und nach Vught gebracht.

Vom Fenster aus warf ihr Tante Min, die Frau, die vielen Juden das Leben retten wollte, von denen als einzige aber nur Vardit Meir überlebt hat, noch den in Zeitungspapier gewickelten Pyjama zu und rief „flieh“. Ratlos stand sie als 14-Jährige da und wusste nicht was tun. Da schickte Tante Min noch ihre eigene Tochter mit. So standen sie nun zusammen in der Finsternis im Wald und beschlossen, am ersten Haus, wo sie Licht sehen, anzuklopfen.

Und so machten sie es. Als sich die Tür öffnete, standen die Mädchen dem Pfarrer gegenüber, der Vardit aus Amsterdam geholt hatte. Er half ihr und vermittelte ihr immer wieder neue Unterkünfte. Einmal kam sie bei einem Schwarzhändler unter. Ständig hatte sie Angst, dass er wegen des Schwarzhandels auffliegen würde – und sie mit. Tatsächlich kam es auch so. Doch Vardit berichtet, dass sie den ganzen Krieg über immer einen Schutzengel zur Seite gehabt habe. Einmal kam sie bei einer sehr armen Familie unter, die Flüchtlinge gegen Geld aufnahm. Da hat sie sich sehr unwohl gefühlt. Insgesamt wohnte sie während dieser Zeit an 14 verschiedenen Adressen.

19:44 - 23:20

Wiedersehen mit den Geschwistern

Bei der letzten Adresse in der Nähe von Arnheim fand sie zwei ihrer Geschwister wieder, die gemeinsam auf einem Bauernhof untergetaucht waren, ohne dass der Besitzer wusste, dass es sich dabei um Bruder und Schwester handelt. Der Bruder hatte sich als Holländer ausgegeben, der nicht zum Arbeiten nach Deutschland gehen wollte. Denn zu der Zeit wurden viele Holländer als Arbeiter in deutschen Fabriken eingesetzt. Zu dem Bauer sagte er, er habe eine gute Bekannte, die auf dem Hof mithelfen könnte. So holte er die Schwester aus Amsterdam.

Während des Krieges suchten die beiden nach Vardit. Über eine Untergrundbewegung hörten sie davon, dass Vardit in Beringen sei. Also stellte sich die Schwester mit einem Foto von ihr auf den Marktplatz in Beringen und fragte die Leute nach ihr. Eine Frau sagte ihr, sie habe sie in einem Geschäft gesehen. Auf diesem Weg fand die Schwester die Adresse heraus. Vardit war gerade spazieren, als man ihr sagte: „Corrie, du musst nach Hause gehen. Du hast Besuch.“

Zu der Zeit fühlte sie sich mutterseelenallein. Sie sagt, das Wiedersehen mit der Schwester könne man nicht beschreiben. Sie fühlte sich so unbeschreiblich glücklich in dem Moment, als sie ihre Schwester wiedersah. Auch dass Vater, Mutter und die andere Schwester weg waren, trübte die Freude in diesem Augenblick nicht.

23:20 - 28:18

Hilfsbereite Menschen

Im September 1944 landeten die Alliierten in Holland. Vardits Geschwister wohnten bei Arnheim, wo es viele Gefechte gab. Doch sie wollten die Schwester gerne in der Nähe haben und suchten deshalb nach einem Platz für sie. In dieser Zeit hatte Vardit die Chuzpe (die Kühnheit), mit der Frau, wo sie Unterschlupf gefunden hatte, mit dem Wägelchen die ca. 30km bis zu dem Bauern, wo ihre Geschwister waren, zu laufen. Das durfte sie eigentlich nicht, aber sie konnte nicht anders. Die Schwester ermahnte sie so zu tun, als ob sie Albert, den Bruder nicht kenne. Das Wägelchen hatten sie dabei, damit es so aussah, als suchten sie nach Lebensmitteln.

Die Hilfsbereitschaft der Familie, die ihr Unterschlupf gewährte, beschreibt sie als unglaublich. Wenn es eine Kartoffel gab, habe Corrie die Hälfte bekommen, während die Familie sich den Rest teilte. Noch heute habe sie Kontakt zu der Tochter dieser Familie, berichtet Vardit Meir.

Eines Tages wollte ihre Schwester sie dann mit einem Fahrrad mit hölzernen Rädern zu sich holen. Auf dem Rückweg, wo sie das Rad schoben, hatten sie angesichts der großen Freude über das Zusammensein viel zu lachen. Unterwegs sahen sie überall Einmannlöcher, in denen die Soldaten bei Angriffen Schutz suchten. Immer wieder sahen sie, wie entlang des Wegs wieder bombardiert worden war.

Dabei begegnete ihnen ein deutscher Soldat auf einem Fahrrad, der sich wunderte, warum sie so lachten. Darauf angesprochen geben sie in Hochdeutsch zur Antwort, dass sie viel Spaß miteinander hätten. Der fragte der deutsche Soldat, wo sie denn hinmüssten. Als sie Arnheim zur Antwort gaben, bot er Vardit an, sie mitzunehmen. Sie sollte sich auf seinen Rahmen setzen, damit die Schwester mit ihrem Holzrad fahren konnte.

Eigentlich hätte er wissen müssen, dass es ein jüdisches Mädchen war, das er da auf seiner Fahrradstange zu einem Unterschlupf brachte. So kam Vardit zu einem sehr netten kinderlosen Ehepaar. Dies war dann ihre letzte Adresse, wo sie untertauchte.

28:18 - 32:43

Befreiung durch die Engländer

Zunächst wurde der Ort, wo Vardit Meirs Geschwister lebten, befreit. Es war an einem Samstagnachmittag, als ein englischer Soldat mit einem holländischen Übersetzer in den Ort kam und die Bewohner über die Deutschen ausfragte. Vardits Bruder meldete sich, weil er sich – um sein Leben zu retten – immer gut mit den Deutschen gestellt hatte. Den Befragern fiel der deutsche Akzent von Gerrit (?) auf. Woraufhin er sich als Jude zu erkennen gab, der hier untergetaucht war. Die Dorfbewohner waren ganz erstaunt und der Engländer wollte wissen, ob noch mehr Juden hier lebten. Da gab sich auch die Schwester zu erkennen. Die Bewohner des Ortes konnten es gar nicht glauben, dass sich zwei Juden - noch dazu Geschwister – in ihrem Dorf versteckt hatten, ohne dass es jemand bemerkte.

Vardit Meir wohnte zu der Zeit einen halben Kilometer von ihren Geschwistern entfernt. Ihr Ort wurde erst zwei Tage später befreit. Dabei bekam das Haus, in dem sie Unterkunft gefunden hatte, noch einen Volltreffer ab. Aber zum Glück hatten die Bewohner im Keller Zuflucht gesucht und blieben damit unversehrt. Nur die Kuh starb bei dem Angriff.

Als die Gefechte aufgehört hatten, herrschte am Sonntagmorgen eine unheimliche Stille. Plötzlich sagte die Frau, bei der sie wohnte, zu ihr: „Corrie, schau mal, wer da kommt.“ Es waren tatsächlich ihre beiden Geschwister, die ihr mitteilen wollten, dass sie auch schon befreit sind. Insgesamt zog sich die Befreiung von Holland bis in den Mai hin. Die drei Geschwister blieben zunächst noch bei der kinderlosen Familie.

Dort warteten sie, ob ihre Eltern oder die Schwester auf einer der Listen mit zurückkehrenden jüdischen KZ-Insassen auftauchten. Aber es gab keine guten Nachrichten. Auch Ihre Schwester, die ebenfalls untergetaucht war, wurde geschnappt und kam wie die Mutter in Auschwitz ums Leben.

32:43 - 36:58

Emigration nach Palästina/Israel

Einige Monate später begannen die Geschwister über eine Auswanderung nach Palästina nachzudenken. Für sie gab es keinen Grund länge in Holland zu bleiben. Vardit Meir hatte dazu keine eigene Meinung, sie wollte das tun, was die Geschwister beschlossen.

Ihre Schwester heiratete einen israelischen Soldaten, der in der englischen Armee diente. So kam sie schnell nach Israel. Dabei konnte sie verschiedene Gegenstände, die ihre Mutter weggegeben und die die Leute wieder zurückgebracht hatten, mit nach Israel nehmen.

Der Bruder ging zunächst nach Marseille und arbeitete dort für Alija Bet (Anm.: Alija Bet war der Codename für die illegale Einwanderung tausender Juden aus Europa in das britische Mandatsgebiet Palästina).

Im Oktober 1948 emigrierte Vardit ganz legal von Amsterdam nach Haifa mit einem Schiff namens Luxor, das Israel von Holland gekauft hatte. Sie hatte damit gerechnet, ihre Schwester am Hafen zu treffen. Aber es kam niemand. Man holte sie in einen Kibbuz, weil sie wegen Unruhen nicht in die Ortschaft konnte, wo ihre Schwester lebte. Nach zwei Tage kam jemand und zeigte ihr den Weg, wie sie dahin kommen konnte. Autobusse gab es keine. Einen Teil der Strecke fuhren sie auf Lastwagen mit und einen Teil liefen sie. Als im Ort ankamen hielt Vardit Meir Ausschau nach ihrer Schwester, die sie aber nirgends erblicken konnte. Doch dann fiel ihr Blick auf einen besonderen Teller – die Sederschüssel ihrer Familie – da wusste sie, dass sie richtig war.

36:58 - 38:17

Vardit Meirs Familie

Kurze Zeit blieb sie bei ihrer Schwester. Doch dann ging sie zurück in den Kibbuz. Dort lernte sie ihren Mann kennen, mit dem sie 62 Jahre verheiratet war. Zusammen haben sie zwei Kinder, sechs Enkel und 15 Urenkel. Mit ihren fast 85 Jahren wohnt Vardit Meir heute in Shavei Zion. Sie schaut weiter nach vorne und hofft, noch viel Zeit mit den Enkeln und Urenkeln genießen zu können.

38:17 - 43:15

Shavei Zion

Es ist für Vardit Meir immer etwas Besonderes, mit anderen - vor allem an Sukkot – bei Zedakah zusammenzukommen und gemeinsam zu beten. Für sie ist es unglaublich, dass sich Deutsche so für Israel und Juden einsetzen. Sie weiß nur Gutes über Zedakah zu berichten. Auch ihre Schwiegertochter mit marokkanischer Herkunft, ist von den Treffen ganz begeistert. Vardit Meir bezeichnet die Gemeinschaft bei den Zusammenkünften an Sukkot als etwas ganz Außergewöhnliches.

Gegenüber Andersgläubigen – gerade auch Muslimen – hat Vardit Meir keine Vorbehalte, und auch gegenüber Deutschen hegt sie keine negativen Gefühle.

43:15 - 47:22

Doch wieder in Deutschland

Im Kibbuz waren Vardit Meir und ihr Mann unzufrieden, weshalb sie weggegangen sind. Ihr Mann – ebenfalls ein Kind der Shoa – stammt gebürtig aus Emden.

1982 lud die Stadt Emden alle ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt ein. Eigentlich hatte Vardit Meir ein Gelöbnis abgelegt, dass sie nie wieder deutschen Boden betreten wolle. Ihr Mann wollte die Einladung gerne annehmen, aber Vardit Meir hatte Vorbehalte und wollte nicht mitgehen. Doch ihre Kinder sagten, das könne sie ihrem Mann nicht antun, ihn allein zu lassen und nicht mitzufahren, wenn er zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Also dachte sie sich, sie könnten ja über Holland einreisen, dann müsste sie nur ein ganz kleines Eckchen Deutschland betreten.

Aber im Nachhinein ist Vardit Meir sehr froh, dass sie mitgefahren ist, so konnte sie sehen, dass Deutsche auch anders sein können. Sie lernte eine ganz neue Generation von Deutschen kennen. Für sie war deutsch bis dahin gleichbedeutend mit schlecht, deutsch waren die Männer in Soldatenstiefeln, die ihren Vater geholt haben.

1988 fuhr sie zusammen mit ihrer Tochter in ihren Geburtsort. Es war ein spannendes Ereignis, die Plätze wieder zu sehen, die sie eigentlich schon vergessen hatte, denn als sie aus Deutschland wegging, war sie neun Jahre alt.

47:22 - 51:28

Erinnerungen und Familie

Vardit Meir zeigt ein Plakat mit Fotos von Menschen, die ihr während des Kriegs geholfen haben. Mit einem Mädchen von damals ist sie heute noch befreundet. Zu mehreren hat sie auch nach Kriegsende den Kontakt gehalten. Eine Frau, die sie gerettet hatte, war einmal für fünf Wochen zu Besuch in Shavei Zion. Dann zeigt Vardit Meir noch weitere Erinnerungsstücke und erzählt von den Menschen, ohne die sie den Holocaust nicht überlebt hätte.

Auf der anderen Seite des Plakats hat sie Bilder ihrer zahlreichen Urenkel angebracht. Vardit Meir ist ein dankbarer Mensch, der sich auch an der großen Familie freut.