Inhaltsübersicht
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Vorstellung
Walter Bingham bedankt sich zu Beginn bei den Menschen im Publikum und den vorausgegangenen
Rednern, die ihn mit warmen Worten ankündigten. Der Interviewpartner beginnt den Vortrag
mit einem Hinweis darauf, dass Walter Bingham, der seines Alters wegen schon 40 Jahre
im Ruhestand sein könnte, immer noch als Radiomoderator und Zeitungsreporter tätig
ist. Für seine Arbeit wurden ihm sogar vom Guinness-Buch der Rekorde die Titel »ältester
Radiomoderator der Welt« sowohl als auch »ältester Journalist der Welt« verliehen.
Außerdem ist er als Model aktiv und unternimmt in seiner Freizeit gelegentlich Fallschirmsprünge.
Seine Geburtstage verbringt er des Öfteren mit Israels Staatspräsident Jitzchak Herzog.
Walter Binghams Urgroßvater stammte aus Wien und zog auf der Suche nach beruflichen
Aufstiegsmöglichkeiten nach Galizien, was damals zu Polen, heute aber zur Ukraine
gehört. Seinen Sohn Wilhelm schickte er zur Ausbildung nach Wien, da er Wert auf deutsche
Bildung und Kultur legte. Nach abgeschlossener Ausbildung kehrte Wilhelm nach Galizien
zurück, wo er eine Familie gründete. Um das Jahr 1900 zog er angesichts des sich in
Galizien verbreitenden Antisemitismus erneut um, diesmal nach München, wo er sich
erhoffte, seiner Familie ein besseres Leben bieten zu können. 1903 erfolgte schließlich
ein weiterer Umzug, in die badische Landeshauptstadt Karlsruhe.
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Machtübernahme
Nun übernimmt Walter Bingham selbst das Wort und führt die Erzählung weiter. Die Familie
seiner Mutter war aus Galizien nach Baden-Baden gekommen, als sie und ihre Geschwister
noch kleine Kinder gewesen waren. Walter Binghams Vater war Schriftsetzer beim Karlsruher
Tagblatt und bei der Badischen Presse, bevor er, als die »schlimmere Zeit« begann,
seinen Beruf nicht weiter ausüben durfte.
Walter Binghams Familie besuchte die jüdisch-orthodoxe Gemeinde in Karlsruhe, eine
von mehreren jüdischen Gemeinden in der Stadt. In der Öffentlichkeit verhielt man
sich »wie jeder andere Bürger«, weshalb kaum jemand an den Juden Anstoß nahm, eben
weil sich die explizit jüdischen Aspekte des Lebens aufs Private und auf die Synagoge
beschränkten (so gab es bei Familie Bingham zuhause beispielsweise koscheres Essen).
Mit Aufkommen des Nationalsozialismus kam es dann jedoch zu einer Einschränkung dieser
Lebensbereiche. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war Walter Bingham
in der dritten Klasse. Zu Zeiten der Weimarer Republik hatte es zwar vereinzelt Fälle
von Antisemitismus im Leben der Binghams gegeben, allerdings wurde dieser erst mit
der Machtübernahme Hitlers öffentlich zum Ausdruck gebracht und in alle Lebensbereiche
verbreitet. Eine erste Umstellung war beispielsweise der Ausschluss jüdischer Schulkinder
vom Religionsunterricht. Bei Walter Binghams Mitschülern rief seine Abwesenheit während
dieser Stunden Missbilligung hervor, und das obwohl er, wie für jüdische Kinder üblich,
jeden Abend Religionsunterricht in der Synagoge seiner Gemeinde erhielt.
Auf der Leinwand wird nun ein Foto vom jüdischen Friedhof, den Walter Bingham kürzlich
besuchte, gezeigt. Einige seiner Großväter sind dort begraben.
0:40:33 - 0:45:20
Erste Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft – Aufruf zum Boykott und Bücherverbrennungen
Walter Bingham wird auf die Entwicklungen, die mit der Machtergreifung ihren Lauf
nahmen, angesprochen. Er schildert, wie sich bereits 1933 SA-Soldaten in den Straßen
vor jüdischen Geschäften positionierten und mit Parolen wie »Wer bei Juden kauft,
ist Volksverräter« zu deren Boykott aufriefen. Wenn Kunden dennoch ein solches Geschäft
besuchten, wurden sie beim Verlassen von der SA nach ihrem Namen und der Adresse gefragt.
Am folgenden Tag wurden diese Angaben unter dem Schlagwort »Diese Deutschen kaufen
noch bei Juden!« in der lokalen Zeitung öffentlich gemacht. Die Betroffenen wurden
so beschämt, dass sie jüdische Geschäfte zukünftig mieden, was deren Untergang einleitete.
Ein weiteres bedeutsames Ereignis war die Serie von Bücherverbrennungen, die deutschlandweit
stattfanden. 1933 wurde von den Nazis eine Verordnung herausgegeben, nach der alle
Bibliotheken bestimmte jüdische Veröffentlichungen, die sie in ihren Regalen hatten,
zu Sammelstellen bringen mussten. Auch Privathaushalte mussten diese Bücher dort abgeben.
Eines Tages sah Walter Bingham beim Spielen auf dem Schlossplatz, wie die Bücher unter
großem Jubel der Bevölkerung und »Heil«-Rufen zusammengetragen und angezündet wurden.
Er bemerkte schon als kleiner Junge, wie freudig die jüdische Kultur von so vielen
Deutschen in Brand gesteckt wurde.
0:45:20 - 0:49:12
Auszug aus dem Wohnhaus und Bar Mitzwa
Das nächste Bild zeigt Adolf Hitler, wie er im September 1933 durch den Karlsruher
Stadtteil Durlach fährt und steht damit stellvertretend für den Besuch seines Konvois
in der Kaiserstraße, in der Familie Bingham wohnte. Einige Male bekam Walter Bingham
Hitler dort zu Gesicht, wie ihm von der Volksmenge zugejubelt wurde.
Die Familie wurde schließlich gezwungen, aus ihrem schönen Haus in eine kleine Wohnung
im Hinterhaus ausziehen. Dort lebten sie noch 1937, als Walter Bingham Bar Mitzwa
feierte – eine der Situation entsprechend sehr gemäßigte Veranstaltung, die keine
Aufmerksamkeit erregen sollte. Als Geschenke erhielt er neben Bibeln, sonstigen Büchern
und Füllfederhaltern zahlreiche Manschettenknöpfe – »Ich hatte Dutzende von ihnen«.
0:49:12 - 1:01:25
Schulzeit
In der Schule waren die Auswirkungen des Nationalsozialismus von einem Tag auf den
anderen zu spüren. Ein Großteil der Schüler wurde vonseiten der Eltern und in der
Hitlerjugend mit dieser Weltanschauung indoktriniert. Walter Bingham zeigt einen Ehrendolch
der Hitlerjugend vor, wie ihn damals fast jeder Vierzehnjährige besaß. Auf der Klinge
sind die Worte »Blut und Ehre« eingraviert. Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass
damit folgender Zusammenhang hergestellt werden sollte: Je mehr Blut vergossen wird,
desto mehr Ehre hat der Dolchträger. Weiter ist für Walter Bingham klar, dass es sich
um »Judenblut« handeln muss. Eindeutig macht das beispielsweise eines der Lieder,
das in der Hitlerjugend gesungen wurde und dessen Text lautet, »Wenn das Judenblut
vom Messer spritzt, dann geht’s nochmal so gut«. Ständig mit dieser brutalen Realität
konfrontiert zu sein, hatte eine sehr verunsichernde Wirkung auf ihn. Jüdische Schulkinder
waren außerdem systematischem Mobbing durch die Lehrer ausgesetzt. Walter Bingham
berichtet, wie er einmal neben einem Jungen saß, der von ihm abschrieb. Für eine identische
Arbeit bekam er selbst eine schlechte, der andere Junge eine gute Note. Im Unterricht
wurde er nie aufgerufen, da »der Lehrer kein Risiko eingehen konnte, dass ein Jude
etwas weiß«. Die Schulen beschlossen darüber hinaus, dass jüdische Schüler im Klassenzimmer
ganz hinten sitzen mussten. »Man konnte ja dem arischen Bub nicht zumuten, dass er
neben einem stinkenden, schmutzigen Juden sitzt«, fasst Walter Bingham die wahre Begründung
dafür zusammen. Schlimm war auch, dass diese für alle sichtbare Behandlung als Menschen
zweiter Klasse von offizieller Seite den anderen Schülern den Eindruck gab, man könne
mit den Juden machen, was man wolle.
Schließlich kam der Erlass, allen jüdischen Schülern – und auch dem Lehrpersonal;
vom Hilfslehrer bis zum Universitätsprofessor – Zugang zu den Schulen zu untersagen.
Die jüdische Gemeinde in Karlsruhe wandte sich in der Folge an die dortige Schulleitung
und bat um Räumlichkeiten, wo sie die Bildung ihrer Kinder selbst übernehmen könnte.
Ihr wurde ein baufälliges Schulgebäude zugewiesen, wo auch deutsche sogenannte Hilfsschüler,
deren schulische Leistungen die Nazis als unzureichend betrachteten, unterrichtet
wurden. Die Gemeinde stellte an dieser Schule viele der frisch arbeitslos gewordenen
jüdischen Lehrkräfte ein, wobei ihr jetzt natürlich die fähigsten Professoren zur
Verfügung standen. Daher steigerte sich die Qualität des Lehrplans im Vergleich zur
Volksschule sogar, was sich auch an den besseren Noten Walter Binghams widerspiegelte.
1:01:25 - 1:06:16
Umzug Nach Mannheim und Reichspogromnacht
Nach Abschluss von acht Schuljahren meldeten Walter Binghams Eltern ihn an einer jüdischen
Schule in Mannheim an, die noch ein neuntes Jahr anbot. Zum Schuljahresstart 1938
zog er also nach Mannheim, wo er im jüdischen Waisenhaus unterkam und die Schule,
die aus einigen Räumen hinter der Synagoge bestand, besuchte. Dort erlebte er am Morgen
des 10. Novembers 1938 auf dem Weg zur Schule die Nachwirkungen der Reichspogromnacht;
die Synagoge stand noch in Flammen, während die Feuerwehr die umstehenden Gebäude
mit Wasser vor dem Brand zu schützen suchte, jedoch keine Anstalten machte, das eigentliche
Feuer zu löschen. Walter Bingham setzte sich damals mit seiner Mutter in Verbindung
und sagte ihr, er wolle wieder nach Hause kommen. Noch am selben Nachmittag nahm er
die Bahn nach Karlsruhe, woran er sich noch eindrücklich erinnert. Dort fand er ebenfalls
ein Maß an Verwüstung vor und setzte sein elektrisches Geschick ein, um Dinge zu reparieren.
Die Karlsruher Juden wurden angewiesen, die verbliebenen Grundmauern der abgebrannten
Synagoge in der Kronenstraße abzureißen. Die Gemeinde musste dabei die Kosten für
den Abriss übernehmen.
1:06:16 - 1:10:21
»Polenaktion«
Zu diesem Zeitpunkt war Walter Binghams Vater bereits im Zuge der sogenannten »Polenaktion«
nach Zbąszyń (deutsch Bentschen; an der deutsch-polnischen Grenze) deportiert worden.
Von dort kam er nach Warschau ins Ghetto, wo er später umkam. Bei einem Besuch der
israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, wo der Holocaust dokumentiert ist,
konnte Walter Bingham ein Bild ausfindig machen, das seinen mittlerweile stark abgemagerten
Vater beim Essenfassen zeigt. Gelegenheit, sich von seinem Vater zu verabschieden,
hatte Walter Bingham nie gehabt. Als dieser deportiert wurde, befand sich sein Sohn
noch in Mannheim. Dass Walter Bingham selbst nicht mitgenommen wurde, lag daran, dass
für Umsetzung dieser Aktion die lokale NSDAP-Leitung zuständig war und so in manchen
Städten nur Männer, in anderen auch Frauen und Kinder auf den Transport mussten.
Walter Binghams Mutter, die das Arbeitslager überlebte, erzählte ihm nach dem Krieg,
wie die Behörden sich nach ihm erkundigt hatten, als sie seinen Vater mitgenommen
hatten. Zu seinem Glück wohnte er nicht zu Hause, sondern in Mannheim, wo jüdischen
Jungen scheinbar nicht Teil des Transports wurden, wodurch er der sicheren Deportation
entging. Er führt das auf Gottes Bewahrung zurück.
1:10:21 - 1:21:40
Kindertransport
Ein Foto zeigt Walter Bingham im Alter von 15 Jahren auf dem Kindertransport. Nach
der Pogromnacht wandten sich zahlreiche jüdische Gemeinden aus Deutschland, dem Sudetenland
und Österreich an Wohltätigkeitsorganisationen in England mit der Bitte, etwas für
ihre Kinder zu tun. Recht unbürokratisch wurde daraufhin ein Verfahren in die Wege
geleitet, das schon ab Ende des Jahres 10.000 Kindern die Aufnahme nach England ermöglichte.
Am 25. Juli 1939, also noch gerade so, bevor die Transporte mit Ausbruch des Krieges
ein Ende fanden, brachte Walter Binghams Mutter ihn zum Hauptbahnhof, wo er abgeholt
wurde. Diese Erfahrung beschreibt er heute als »großes Trauma«. Als Fünfzehnjähriger
konnte er die Gründe für das Handeln seiner Mutter sehr wohl nachvollziehen. Doch
es waren auch Kleinkinder bei dem Transport dabei, die es als Strafe empfanden, derart
jäh von ihren Eltern getrennt zu werden. Diese Eltern waren Helden, sagt Walter Bingham.
Sie alle waren sich im Klaren darüber, dass ein Krieg unmittelbar bevorstand und handelten
dennoch beherzt. Die allermeisten der Kinder, die in den Kindertransporten gerettet
werden konnten, sahen ihre Eltern nie wieder. Zahlreiche unvorstellbare und dramatische
Einzelschicksale waren die Folge. Bis heute ist Walter Bingham den Engländern böse,
dass sie den Eltern dieser Kinder die Einreise verwehrten und so die Ermordung von
zigtausenden weiteren Juden in Kauf nahmen.
Beim Wiedersehen mit seiner Mutter war Walter Bingham Soldat und hatte vier Jahre
in der englischen Armee gedient, unter anderem in der Normandie. Gegen Kriegsende
war er in Hamburg stationiert. Seine Mutter war aus dem Arbeitslager gerettet und
in einem Flüchtlingslager beim schwedischen Malmö untergebracht worden. Nach Kriegsende
reisten Walter Bingham und seine Mutter zu einem Bruder, der in Kopenhagen lebte,
wo sie sich erstmals nach sieben Jahren wieder trafen.
1:21:40 - 1:59:58
Auswanderung nach Israel
Jetzt kommt es zu einem großen Sprung in der Geschichte von Walter Binghams Leben.
Nachdem er die ersten 15 Jahre seiner Jugend in Deutschland verbracht hatte, lebte
er ganze 64 Jahre in England, bevor er mit 80 Jahren nach Israel auswanderte. Zum
Zeitpunkt des Interviews lebt er seit 22 Jahren in Jerusalem. Er wird nach der Bedeutung
dieser drei Länder für sein Leben gefragt. Den Wunsch, die Alija zu wagen, hegte er
schon lange vor seiner Auswanderung. Seine Tochter ging diesen Schritt zwei Jahre
vor ihm, seine Frau jedoch wollte gerne in England bleiben. Erst nach ihrem Tod kam
Walter Bingham nach. Nach der Heirat mit seiner Frau und der Geburt seiner Tochter
bezeichnet er die Auswanderung nach Israel als das Beste, was ihm je passierte. In
Deutschland hingegen fühlte er sich nie wirklich verwurzelt. Einzig bei Besuchen in
Karlsruhe, die immerhin seine Geburtsstadt ist, verspürt er nach wie vor ein »komisches
Gefühl«. Auch in England fühlte er sich selbst nach all den Jahren nie zu Hause und
außerdem hatte er Vorbehalte gegen das Land, das es abgelehnt hatte, zahlreiche weitere
Juden zu retten, obwohl dies ein Leichtes gewesen wäre. So fiel es ihm leichter, das
Land hinter sich zu lassen. Ganz anders verhält es sich mit seiner jetzigen Wahlheimat
Jerusalem: Sobald er für eine Weile weg ist, beginnt diese, wie ein Magnet auf ihn
zu wirken und ihn zurück nachhause zu ziehen.
»Damit das Böse Erfolg hat, braucht es nur gute Menschen, die nichts tun.« Mit diesem
eindrücklichen Satz beendet Walter Bingham seinen Bericht an diesem Abend.