Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 11

Deportation nach Auschwitz (12./13. Juli 1942)

Von Monat zu Monat wurden die Verhältnisse im Ghetto schwerer und gewaltvoller. Die Sorgen wegen der anhaltenden Nachrichten über Deportationen wurden größer. Am 11./12. Juli umstellten Wehrmacht und Gestapo Garbatka und weitere Dörfer der Umgebung. Es folgte eine „Jagd“ auf Polen, nicht auf Juden. Es handelte sich um eine brutale Strafmaßnahme, da Unbekannte einen Waggon geplündert hatten, der voller Lebensmittel für die Front im Osten war. Auf den Straßen lagen zahllose getötete Polen und einige Juden, die den Deutschen „im Weg standen“, dazwischen Verwundete, schreiende Kinder, klagende und umherirrende Menschen, die Angehörige suchten. In Garbatka herrschte das Chaos.

Abbildung 1: Auszug aus der Personenliste des Transports 16211.

Am Vormittag des 12. Juli ertönten Schreie: „Alle Juden raus!“ Dann wurden die Juden des Ghettos zusammengetrieben. Wer abseits blieb, in die falsche Richtung lief oder nicht folgte, wurde erschossen. 62 Juden verloren an diesem Tag ihr Leben. Die Menschen wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Polen und Juden. Anschließend wurden 300 polnische und 75 jüdische arbeitsfähige Männer ausgewählt. Sie mussten in Fünferreihen antreten.1 Mordechai stellte sich zu den Frauen und Kindern, doch wurde er von einem Polizisten als 75. Mann ausgewählt und in die letzte Reihe beordert. Dann erhielten die Männer den Befehl, zum Sägewerk zu marschieren, wo sie im Hof vor dem Werk anhalten und sich auf den Bauch legen mussten – die Hände an die Seite, das Gesicht auf den Boden. An einer Seite waren Maschinengewehre aufgebaut. Männer neben Mordechai beteten das Kol Nidre2, das Gelübde vor dem Tod – auch Mordechai stimmte ein. Er war 19 Jahre alt und hatte Todesangst.
Da folgte der Befehl, dass sie in ihren Fünferreihen nacheinander aufstehen und in die Lagerhalle gehen sollten. Dort befanden sich Sekretärinnen mit Schreibmaschinen, die ihre Daten aufnahmen. Alles stand bereit und war gut organisiert.

Danach mussten sie im Laufschritt zu bereitstehenden Viehwaggons. SS-Soldaten standen Spalier und schlugen mit verschiedenen Gegenständen auf sie ein. Blutend und verletzt kamen Mordechai und die anderen bei den Waggons an. Rund 40 Häftlinge mussten in einen Waggon. Zudem kamen drei schwer bewaffnete Angehörige des Sonderdienstes in jeden Waggon. Dann wurden ihnen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden. Die 40 Häftlinge mussten sich die eine Hälfte des Waggons teilen und eng beieinandersitzen, die andere Hälfte beanspruchten die drei Wachleute für sich. Auf dem Boden der Waggons war Kalk ausgestreut. Sie konnten nur schwer atmen und sich kaum halten.

Abbildung 2: Kartenausschnitt Polen.

Als es draußen dunkel geworden war, setzte sich der Zug mit der Transportnummer 16211 in Bewegung.3 Nach einer Stunde Fahrt hielt der Zug an. Sie befanden sich in Radom! Mordechai dachte an seine Geschwister und Verwandten. Wie es ihnen wohl ging? Vor einem dreiviertel Jahr hatte er sie im Ghetto der Stadt zum letzten Mal gesehen.

Die Fahrt im Zug dauerte lange. Es gab weder zu essen noch zu trinken. Immer wieder hielt der Zug an, da Militärzüge auf dem Weg zur Front Vorrang hatten.4

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 123 – 131.

Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2013, 0:00:35 – 0:03:29.

Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 0:25:45 – 0:32:03.

1http://www.tenhumbergreinhard.de/taeter-und-mitlaeufer/staedte-1933-1945/garbatka.html (03.01.2020) spricht von 217 Häftlingen.
2https://de.wikipedia.org/wiki/Kol_Nidre (03.01.2020); https://www.jewishvirtuallibrary.org/kol-nidrei (03.01.2020).
31992 wurde Mordechai bei einem Besuch in Auschwitz eine Liste des Transports gezeigt und als Kopie übergeben (vgl. Abb. 1). Die meisten der Deportierten sind noch im selben Jahr in Auschwitz ermordet worden. Mordechai ist der letzte Überlebende des Transports. Abb. 1: Foto der Transportliste (Fotokopie aus Privatbesitz Mordechai Papirblat), Timo Roller, 2019.
4Abb. 2: Karte, David Dharsono, eigenes Werk, 2020, Rechte beim Verfasser.

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020