Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 25

Mordechais neues Ziel: Erez Israel (Mai 1945 – Januar 1946)

Anfang Mai 1945 verließ Mordechai Papirblat Radom endgültig. Seine Geburtsstadt war ihm fremd geworden. Seit seiner Rückkehr hatte er nichts gefunden, an das er hätte anknüpfen oder mit dem er hätte eine neue Existenz aufbauen können. Er war ein Fremder in der eigenen Heimat geworden. Als er 16 Jahre alt war, hatte sein gewohntes Leben mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und durch den Holocaust aufgehört. In den folgenden sechs Jahren hat er nacheinander alles verloren, was ein „normales“ Leben ausmacht. In diesen sechs Jahren war sein Leben davon bestimmt, den jeweiligen Tag zu überleben und den nächsten Tag zu erleben. Zukunftsplanungen waren kaum möglich.
Bisher hatte sich Mordechai in den polnischen Städten Radom und Warschau bewegt sowie auf dem Land bei Jablonow. Zwar hatte er in Auschwitz Menschen aus ganz Europa, deren Sprachen und Eigenheiten kennengelernt, doch wie es in den verschiedenen Ländern aussah, wusste er nicht. Auch hatte er keine Beziehungen zu Verwandten in anderen Ländern. Von seinen Onkeln mütterlicherseits, die nach Frankreich ausgewandert waren, hatte er nichts mehr gehört. Lebten sie überhaupt noch? Und wenn ja, wie sollte er dorthin kommen und sie finden?

Abbildung 1: Titelseite von Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit. 1945 – 1946, 1996.

Mordechai wusste, dass der Cousin seiner Mutter Selda, Moshe Rozencwajg (1893 – 1982), ein Zionist1 war und 1919 nach Erez Israel2 ausgewandert war. Er war dann später in Rumänien und hat unter jungen Juden für die Auswanderung nach Erez Israel geworben und sie bei der Alija (deutsch Einwanderung nach Erez Israel)3 unterstützt. 1933 war er von Rumänien aus nach Radom gekommen, um seine Familie zu besuchen. Im Anschluss an den Besuch in Radom sind Moshes Mutter Surale (Sara), die bereits Witwe war, und seine Schwester Dina mit ihm nach Palästina gegangen.4
Mordechai hatte also Verwandte in Erez Israel, im britischen Mandatsgebiet Palästina! Zwar hatte er seit Jahren nichts mehr von ihnen gehört und wusste auch nicht, wo genau sie lebten, doch war das wenigstens ein kleiner Funke Hoffnung. Zudem war Erez Israel das einzige Land, zu dem er eine Beziehung hatte und das ihm eine Perspektive zu eröffnen schien. Er kannte es aus den Heiligen Schriften, aus der jüdischen Schule und von Erzählungen. Er hatte gehört, dass es eine jüdische Organisation gebe, die einen dorthin führe, um ein neues jüdisches Leben aufzubauen.

Mordechai war 22 Jahre alt, saß im Zug nach Kielce und wollte Alija machen, nach Erez Israel auswandern. Er wusste nur sehr begrenzt, was das bedeutete, aber eine andere Perspektive hatte er nicht. Und – er war nicht alleine – Nathan war bei ihm. In Kielce würden sie weitere Juden treffen, die das gleiche Ziel hatten! Der Abschied von Radom war wehmütig, traurig, aber auch hoffnungsvoll.

Viele Informationen der Kapitel 26 bis 36 stammen aus: Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch).5 Mordechai Papirblat hat maßgeblich an der Entstehung dieses Buchs mitgewirkt. Ich danke Martina Judt für die Übersetzung aus dem Hebräischen.

1Siehe Kap. 31.1 und vgl. http://www.zionismus.info/ (02.05.2020).
2Zu dieser Zeit war „Erez Israel“ von den Briten erobert; zuvor war es ein Teil des Osmanischen Reichs. Siehe Kap. 31.1 und vgl. https://www.hagalil.com/eretz-israel/; https://de.wikipedia.org/wiki/Eretz_Israel (02.05.2020).
3Siehe Kap. 31.1 und vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Alija (04.01.2020).
4Familiengeschichte. Gemäß einer Niederschrift von Dina Bracher-Rozencwajg, 1988/89, 8 Seiten, maschinenschriftlich verfasst, Hebräisch; Privatbesitz Mordechai Papirblat. Ich danke Martina Judt für die Übersetzung.
5Abb. 1: Titelseite von Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch); Scan, Thorsten Trautwein, 2019.

Autor: Thorsten Trautwein, 11.07.2020