Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 8

Hintergrund: Antijüdische Vernichtungspolitik – Germanisierung

Mit dem Jahreswechsel 1941/1942 befanden sich Mordechai und seine Geschwister in unterschiedlichen Ghettos. Dieses Schicksal teilten voraussichtlich alle seine Verwandten, wenn sie nicht vorher ermordet oder an den katastrophalen Lebensbedingungen gestorben waren. Die Ghettos waren nicht nur eingegrenzte Wohnbezirke oder bloße Sammelstellen für Juden, sondern Orte, an denen Juden kontrolliert wurden, ihre Arbeitskraft ausgebeutet wurde und sie durch Arbeit, durch Unter- und Mangelernährung, durch Krankheiten und Seuchen starben bzw. umgebracht wurden.
Anfang 1942 befanden sich die Juden Polens entweder im Ghetto 1 oder in einem Konzentrationslager (vgl. Kap. 13.1).2 In den Lagern, in denen die Zwangsarbeit im Mittelpunkt stand, stellten sie allerdings zu diesem Zeitpunkt die Minderheit dar. In „Freiheit“ befanden sich Juden nur noch, wenn sie in Verstecken oder als Christen untergetaucht waren, sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen hatten oder ins Ausland geflohen waren, als es noch möglich war.

Das Schicksal Mordechais und seiner Familienangehörigen folgte den Planungen der Nationalsozialisten, die seit Juli 1941 eine neue Dimension angenommen hatten.3 Ab Sommer 1941 wurden die wichtigsten Entscheidungen zur systematischen Sammlung, Deportation und Ermordung jüdischer Kinder, Frauen und Männer im deutschen Herrschaftsbereich gefällt (sog. „Endlösung der Judenfrage“) und ein Gesamtprogramm entwickelt (Wannseekonferenz, Berlin, 20.01.1942). Mit der Fertigstellung der Vernichtungslager in Kulmhof (poln. Chelmno), Belzec, Sobibor und Treblinka (November 1941 bis Juli 1942) und dem Ausbau von Auschwitz-Birkenau wurde die „technische“ Voraussetzung für die Massenvernichtung geschaffen. Im Juli 1942 ordnete Heinrich Himmler an, dass bis zum 31. Dezember 1942 alle Juden des Generalgouvernements „umgesiedelt“, d.h. deportiert und ermordet, sein müssten. Im Rahmen dieser sog. „Aktion Reinhardt“ wurden 1.600.000 bis 1.800.000 Juden ermordet.

Die Vernichtung der Juden war eingebunden in die Germanisierung des deutschen Herrschaftsgebiets, die in Polen und in allen eroberten Gebieten im Osten stark vorangetrieben wurde („Lebensraum im Osten“). Das bedeutete nicht nur die Ausbeutung, Zwangsumsiedlung und Ermordung von christlichen und jüdischen Polen, Sinti und Roma und anderen, sondern auch die Zerstörung der bestehenden nationalen Identitäten, das Verbot nichtdeutscher Sprachen und die „Verdeutschung“ von Namen. Entsprechend der rasseideologischen Klassifikationen konnten Nichtdeutsche „eingedeutscht“ werden. So wurden ca. 50.000 polnische Kinder aus ihren Familien gerissen und zur „Eindeutschung“ in deutsche Familie „gegeben“. Deutschstämmige, die bisher z.B. in Osteuropa oder Südtirol gelebt hatten, wurden im Generalgouvernement angesiedelt, nicht im Reichsgebiet. Generalgouverneur Hans Frank sagte am 26. März 1941: „Der Führer hat mir versprochen, daß das Generalgouvernement in absehbarer Zeit von Juden völlig befreit sein werde. Außerdem ist klar entschieden, daß das Generalgouvernement in Zukunft ein deutscher Lebensbereich sein wird. Wo heute zwölf Millionen Polen wohnen, sollen einmal vier bis fünf Millionen Deutsche wohnen. Das Generalgouvernement muß ein so deutsches Land werden wie das Rheinland.“ 4

Diesem Rassenwahn fielen bis Anfang 1945 etwa drei Millionen polnische Juden (ca. 89 % aller polnischen Juden) und ungefähr genauso viele christliche Polen zum Opfer. Die körperliche Vernichtung erfolgte durch Arbeit, Unterernährung, Verwahrlosung, Erschießungen/Massaker/Pogrome/„Sonderaktionen“, bis hin zu systematischen Vergasungen.

Im Folgenden wird exemplarisch das Schicksal der Juden in Radom (Kap. 9.1), Opatow (Kap. 9.2) und Zwolen (Kap. 9.3) dargestellt. Die drei Orte stehen stellvertretend für zahllose Orte Polens und Osteuropas.

Zum ganzen Kapitel:
Peter Hayes, Warum? Eine Geschichte des Holocaust, bpb Schriftenreihe Bd. 10196, Bonn 2018, S. 270-290.
Peter Jahn, Florian Wieler und Daniel Ziemer (Hg.), Der deutsche Krieg um „Lebens-raum im Osten“ 1939 – 1945. Ereignisse und Erinnerung, bpb Schriftenreihe Bd. 10166, Bonn 2017.
Stephan Lehnstaedt, Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibor, Treblinka und die Aktion Reinhardt, bpb Schriftenreihe Bd. 10120, Bonn 2017.
Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialisti-schen Konzentrationslager, bpb Schriftenreihe Bd. 1708, Bonn 2016, S. 283-338.
https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_Reinhardt (03.01.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Generalgouvernement (07.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Germanisierung#Zeit_des_Nationalsozialismus (07.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Polen (01.02.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Polens#1939–1945:_Zweiter_Weltkrieg (13.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Volkstumspolitik#„Drittes_Reich“ (07.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Sowjetischer_Krieg (11.04.2020).

1Vgl. Andreas Nachama, Walter Homolka und Hartmut Bomhoff, Basiswissen Judentum, bpb Schriftenreihe Bd. 10307, Bonn 201, S. 464-467; https://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto (04.01.2019); https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Ghettos_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus (04.01.2019).
2Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Konzentrationslager (04.01.2019).
3Im Rahmen des Lebens von Mordechai Papirblat kann nicht auf die „rassisch“ motivierte Kriegspolitik des sog. Russlandfeldzugs eingegangen werden, der am 22.06.1941 begonnen hat. Dieser ist jedoch in engem Zusammenhang mit der sog. „Endlösung der Judenfrage“ zu sehen; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Sowjetischer_Krieg (11.04.2020).
4Zitat: Werner Präg, Wolfgang Jacobmeyer (Hrsg.): Das Diensttagebuch des deutschen Generalgouverneurs in Polen 1939–1945, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte Bd. 20, Stuttgart 1975, S. 338; zit. bei https://de.wikipedia.org/wiki/Generalgouvernement (07.01.2019).

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020