Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Tomi Breuer

Vortrag am 27. Januar 2019 in Bad Liebenzell, Deutschland

Tomi Breuer kommt im März 1942 im ungarischen Debrecen zur Welt. Bereits die Umstände seiner Geburt sind durch die deutsche Besatzung gekennzeichnet. Seinen Vater lernt er nie kennen. Als Zweijähriger soll er zusammen mit anderen arbeitsunfähigen Menschen nach Auschwitz transportiert werden. Doch der Irrtum eines Bahnangestellten führt ihn nach Wien ins Ghetto, wo Breuer zusammen mit seiner Mutter und deren Eltern den Holocaust überlebt. Aber auch im kommunistischen Ungarn ist sein Leben mehrmals bedroht, so dass er als 14Jähriger nach Israel flieht.

Das am Ende des Vortrags gespielte Lied ist im Original auf Youtube zu finden. Tomi Breuer hat in einer Schule in Wildberg ebenfalls von seinem Schicksal erzählt, davon gibt es eine weitere Aufnahme.

Kurzbiografie

Thomas – genannt Tomi – Breuer kommt am 22. März 1942 im ungarischen Debrecen zur Welt. Sein Vater wird von SS und Pfeilkreuzlern schon vor seiner Geburt verhaftet. Er selbst wird als Zweijähriger zusammen mit seiner Mutter deportiert. Durch einen Zahlendreher landen sie aber nicht im Vernichtungslager Auschwitz, sondern im österreichischen Durchgangslager Strasshof und überleben dort den Holocaust zusammen mit den Eltern seiner Mutter. Nach dem Krieg kehrt die Familie in ihre Heimatstadt zurück. Doch der Antisemitismus ist tief in der ungarischen Gesellschaft verwurzelt und Übergriffe sind keine Seltenheit. Als Tomi Breuers Name während des Aufstandes 1956 erneut auf einer Todesliste erscheint, flieht er über Österreich und Italien nach Israel, wohin bereits 1950 seine Großeltern ausgewandert sind. Er macht eine Ausbildung zum Lehrer und unterrichtet mit Begeisterung auch über seinen Ruhestand hinaus

Inhaltsübersicht

00:00 - 05:00

Der 27. Januar – ein besonderer Tag

Für Tomi Breuer ist der 27. Januar immer ein bewegender, ein besonderer Tag. Er ist heute nicht alleine da, er steht auch stellvertretend für 6 Millionen Juden – davon 1,5 Millionen Kinder – auf der Bühne. Es sei zwar sein Beruf, vor Menschen zu stehen und zu reden. Trotzdem ist dieser Anlass etwas besonderes für ihn und er ist sehr aufgeregt.

Warum er das macht, dafür gibt es einen bestimmten Grund: er möchte die Menschen (in Deutschland) besser kennenlernen, und er möchte, dass sie ihn kennenlernen.

Bis vor 20 Jahren hatte er nur das alte Deutschlandbild von damals im Kopf. Doch er ist froh, dass er durch seine Besuche und durch die Projekte, bei denen er mitarbeitet, ein anderes Deutschland kennengelernt hat.

Ihm macht Angst, dass der Antisemitismus in der ganzen Welt wieder erstarkt. Dabei zeigt er einige Bilder von dem, was heute wieder in Ungarn geschieht.

05:00 - 09:50

Die schlimmen Umstände seiner Geburt

»Ich heiße Tomi Breuer, ich bin 77 Jahre alt und in Ungarn geboren. Ich wohne in Israel in der Stadt Netanya. Als der Holocaust geschah, da war ich ein kleines Baby. Nach mir wird es niemanden mehr geben, der das selbst erlebt hat. Nach mir wird es nur noch Filme und Bücher geben. Er betont, dass es auch für die Zuhörer ein Vorrecht ist, noch einen Holocaust-Überlebenden selbst zu sehen und zu hören.«

Tomi Breuer wurde am 22. März 1942 in Debrecen, der zweitgrößten Stadt Ungarns, in einem Krankenhaus geboren, das von der Gestapo und den ungarischen Pfeilkreuzlern kontrolliert wurde. Seine Mutter hatte es als Jüdin nicht leicht in diesem Krankenhaus. Die Spuren der Folter sah man noch bei ihrem Tod mit 94 Jahren. Und auch Tomi Breuer trägt noch Zeichen von dieser Geburt an seinem Körper. Als Neugeborenes stellte man ihn in eine dunkle Ecke. Über ihm wurden ein Davidstern und das Schild »Jude« angebracht. Und weil das noch nicht genug war, wollte man auch noch eine Art »Lösegeld« für die Entlassung. Doch sein Vater war schon vor seiner Geburt ermordet worden, so dass eigentlich kein Geld für ihn und seine Mutter da war. Deshalb sammelte die Familie und die jüdische Gemeinde Geld, damit sie wieder freikamen.

09:50 - 13:42

Das Unfassbare in Worte fassen und ertragen

Tomi Breuer zeigt ein Foto seiner noch unverheirateten Mutter Ilona. Die einzige Erinnerung an seinen Vater ist das Verlobungsfoto seiner Eltern, das er ebenfalls zeigt.

Das, was er erzählt, weiß er von seiner Frau und den Kindern. Es sind die Erinnerungen seiner Mutter. Er selbst war noch zu klein, um sich an viel zu erinnern. Und es war für ihn zu schwer, den Schilderungen seiner Mutter selbst zuzuhören – wenn sie unter Tränen von dem erzählte, was ihre Leben zerstört hat.

Die meisten Holocaust-Überlebenden in Israel schwiegen über ihr Schicksal – sie nahmen ihre Geschichte mit ins Grab. Aber seine Mutter war das Gegenteil, sie wollte immer erzählen – und Tomi Breuer versuchte vor diesen Geschichten zu fliehen, weil er sie nicht ertragen konnte. Heute bereut er, dass er ihre Erzählungen bis zu ihrem Tod vor neun Jahren nicht hören wollte. Doch jetzt plant er ein Buch darüber zu schreiben, zu dem ihn auch seine Kinder ermutigen.

13:42 - 18:16

Schrittweise Ausgrenzung der Juden

Tomi Breuer zeigt das Bild eines Viehwaggons mit denen die jüdischen Menschen zur Deportation abgeholt wurden. Mit solch einem Waggon wurde auch sein Vater in ein Arbeitslager gebracht.

Die Deutschen schlossen mit den Ungarn Verträge über die Vernichtung der Juden. Der erste Schritt war, dass man die Juden kennzeichnen musste. So wurde es Pflicht, vorne und hinten einen Davidstern zu tragen. Das galt für alle, und Tomi Breuer fragt sich, was kleine Kinder denn verbrochen haben, dass man sie auf diese Weise ausgrenzt.

Der nächste Schritt war dann, die Geschäfte der Juden zu schließen, und alle Juden im Staatsdienst zu entlassen. Auch durften Christen sich nicht mehr an den gleichen Plätzen aufhalten wie Juden, und die Häuser, in denen Juden wohnten, wurden mit einem Davidstern markiert.

Die Deutschen haben mit den Ungarn damals sehr gut zusammengearbeitet – die Ungarn haben für sie die Arbeit in ihrem Land verrichtet.

18:16 - 20:31

Vertreibung und Ghetto

Danach kam die Vertreibung aus den Häusern. Sie wurden einfach aufgefordert die Häuser zu verlassen und die Türen offen stehen zu lassen. Jeglicher Besitz musste zurückgelassen werden. Anschließend wurden sie in Ghettos zusammengepfercht. In seiner Heimatstadt gab es ein großes und ein kleines Ghetto. In das kleine Ghetto wurden all die Menschen gebracht, die nicht arbeiten konnten, wie Kinder, Alte oder Behinderte. Ins große Ghetto kamen die arbeitsfähigen Menschen von 10 bis 40 Jahre. Sie sollten in ein Arbeitslager nach Österreich gebracht werden, während die Menschen aus dem kleinen Ghetto für Auschwitz bestimmt waren.

Zum Glück waren sie nur eineinhalb Monate im Ghetto. Es gab dort keine richtigen Häuser, und es war sehr eng.

20:31 - 27:18

Deportation

Als sie das Ghetto wieder verlassen mussten, haben sie das sehr durchdacht gemacht. Man wollte den normalen Zugverkehr nicht behindern und keine Aufmerksamkeit erregen. Deshalb wurden sie in einen entlegenen 10km entfernten Bahnhof gebracht. Heute würde er gerne von seiner Mutter wissen, wie sie mit ihm als zweijährigem Kind und den Großeltern diese zehn Kilometer geschafft hat.

Von Auschwitz wusste man nichts, sonst - vermutet Tomi Breuer - wäre es vielleicht wie in Warschau zum Aufstand bei der Deportation gekommen. In den Waggons hat man selbst die kleinen Fenster oben noch zugemacht, damit niemand versuchen würde herauszuspringen.

Seine Mutter stand eigentlich in der Schlange der Jungen, die zur Arbeit in Österreich bestimmt waren. Die Großeltern standen mit den Enkeln in der anderen Schlange. Die Gestapo und die ungarischen Pfeilkreuzler gaben große Acht darauf, dass es eine gerade, ordentliche Schlange war. Wer versuchte zu fliehen, der wurde erschossen.

Ein SS-Mann sah Tomi Breuer in der Reihe seiner Mutter. Er entriss ihn ihr und warf ihn den Großeltern zu. Das war sein großes Glück, aber noch heute kann er sich als Vater nicht vorstellen, wie man ein kleines Kind seiner Mutter entreißen kann. Fast jeder Mensch sagt, dass seine Mutter die beste ist, aber seine hat tatsächlich mehrmals das eigene Leben für ihr Kind riskiert. So hat sie in diesem Moment ihre Linie verlassen und ist in die Schlange der Kinder, Alten und Kranken gewechselt.

27:18 - 31:57

Menschenunwürdiger Transport

Normalerweise wurden in solchen Viehwaggons vier Pferde oder vier Kühe transportiert. Sie aber wurden zu hundert in diese Waggons gepfercht. Noch heute fragt er sich, wie er als 2Jähriger diese Fahrt überlebt hatte, wie er zwischen all den Beinen genügend Luft bekam. Und er beneidet nicht seine Mutter, die sich um ein Kleinkind kümmern musste.

Im Waggon standen zwei Eimer: einer, um daraus zu trinken, und einer, um sein Geschäft zu verrichten. An jeder Haltestelle wurde der Wassereimer neu aufgefüllt, und der andere Eimer wurde geleert.

An einer Haltestelle kam eine Frau mit einem eineinhalbjährigen Kind in ihren Waggon, die im dritten Monat schwanger war. Das war die Mutter von seiner Frau, auch sie sollte nach Auschwitz. So waren er und seine Frau von klein auf verbunden, berichtet Tomi Breuer.

Die Züge fuhren nur nachts. Tagsüber wurden sie auf ein Nebengleis gestellt, um den normalen Zugverkehr nicht zu stören. Das war im Juni 1944. Es war sehr heiß, und das Wasser und frische Luft waren knapp.

31:57 - 35:01

Ein Zahlendreher der Tomi Breuers Leben rettet

Nach vier Tagen kamen sie an die Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Zuständig für dieses ganze Projekt der Vernichtung ungarischer Juden war Adolf Eichmann.

Hier an der Grenze ereignete sich ein Wunder. Der zuständige Bahnwärter verwechselte einfach die beiden Züge. Sein Onkel und all die anderen arbeitsfähigen Leute kamen nach Auschwitz, und sie, die nicht arbeiten konnten, landeten im Arbeitslager. Er weiß das, weil 1966 in Stuttgart entsprechende Dokumente veröffentlicht wurden.

In Strasshof wurden sie zunächst einmal gereinigt, mit Chemikalien desinfiziert und die Haare wurden ihnen geschoren. Außerdem wurde geschaut, wen man wohin zum Arbeiten schickte.

35:01 - 42:30

Schrecken und Krankheit im Lager

Seine Mutter und die Großeltern wurden zur Arbeit in der Landwirtschaft eingeteilt. Er selbst wurde in einer Baracke mit tausend anderen Menschen zurückgelassen.

Normalerweise kann man sich nicht an die Zeit als Zweijähriger erinnern, aber die Begegnung mit dem Wächter Flor und seinem riesigen Hund haftet bis heute in seiner Erinnerung. Als die Älteren arbeiten waren und die Kinder aus der Baracke nach draußen gingen, hetzte dieser Wächter seinen Hund auf die Kinder. An die Angst vor diesem Hund kann er sich noch sehr gut erinnern. Deshalb legte er sich auch immer auf das oberste Bett zu seinem Opa.

Weil in diesem Lager so viele Menschen zusammengezwängt waren, brach der Typhus aus, an dem auch Tomi Breuer erkrankte. Die SS half den Insassen nicht, sie meinten, sie hätten ihre eigenen Ärzte, die sollten sie behandeln.

Einige Leute kamen dann auf die Idee, zum jüdischen Arzt zu gehen und sich krank zu melden, obwohl sie nicht krank waren. So konnten sie als Babysitter für die kleinen Kinder im Lager bleiben. Tomi Breuer traf 2016 seinen Babysitter, der ihn damals auf den Topf gesetzt und ihm einen mit Zuckerwasser getränkten Lappen in den Mund gestopft hatte, damit er nicht schrie, nach über 70 Jahren in Yad Vashem wieder. Die Brotration betrug 200g pro Tag.

Als dann die Zeit kam, dass seine spätere Frau Edith geboren werden sollte, da wurde seine Schwiegermutter in ein jüdisches Krankenhaus nach Wien geschickt. Dann zeigt Tomi Breuer ein Bild seiner Frau mit ihrer Mutter, wo sie ein paar Wochen alt ist.

Auch ein Bild des Krankenhausdirektors Tuchmann hat Tomi Breuer dabei. Er sagt, dass er vielen Juden das Leben dadurch gerettet hat, dass er zu den SS-Leuten – wenn sie die Menschen abholen wollten – sagte, dass diese nicht transportfähig seien.

Dann zeigt Tomi Breuer die Geburtsurkunde seiner Frau. Er meint, sie sei etwas seltenes, denn nur wenige Kinder, die in dieser Zeit geboren wurden, hätten überlebt. In seiner Heimatstadt Debrecen waren sie zum Beispiel 1231 jüdische Kinder, und nur zwischen 60 und 70 sind wieder zurückgekehrt. Auch die Schwester seiner Frau, starb im Lager.

42:30 - 44:38

Befreiung 1945

Während sein Großvater relativ schnell nach Kriegsende nach Israel zog, blieb Tomi Breuer zunächst mit seiner Mutter in Ungarn. Seiner Mutter war es aber nicht möglich, ausreichend für den Lebensunterhalt von ihnen beiden zu sorgen, weshalb er in ein Kinderheim kam, das durch die jüdische Gemeinde unterstützt wurde.

Er zeigt Bilder der wenigen überlebenden Kinder von Debrecen.

44:38 - 50:31

Antisemitismus nach dem Krieg

Immer wieder begegnete Tomi Breuer der Antisemitismus in verschiedenen Formen. Als er mit sieben Jahren alt einmal nachts nach Hause lief, erwischten ihn einige ältere Jungs, die ihn an einen Masten banden. Doch er hatte Glück, und es kamen Menschen vorbei, die ihm halfen, so dass er zu seiner Mutter zurückkonnte.

Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht angefeindet wurde: Man verfluchte, bespuckte oder schlug ihn. Auch die Lehrer halfen ihm nicht. Er wurde um seine Kindheit gebracht, weil auch keines der anderen Kinder mit einem Juden spielen wollte.

Es gibt zwei Menschen, denen Tomi Breuer es verdankt, dass er heute hier steht: das eine war seine Lehrerin in der 5. Klasse, und das andere der Direktor. Eigentlich wollte Tomi Breuer gerne Medizin studieren. Aber als er sich bewarb, hieß es, zuerst würden die anderen an die Reihe kommen und danach würde man dann sehen, was mit ihm passiere.

Seine Lehrerin schaffte es, dass er auf eine andere Schule kam, wo er sein Ziel weiterverfolgen konnte.

Sein Glück war der Volksaufstand 1956 gegen den Einfluss der Sowjetunion. Doch auch die Pfeilkreuzler standen da wieder gegen die Juden und Zigeuner auf. Tomi Breuer zeigt einen Flyer dieser Organisation, in dem u.a. die öffentliche Zerstückelung von Feinden des ungarischen Volkes gefordert wird.

Seine Lehrerin war mit einem Mann verheiratet, der bei der Stadt arbeitete. Die beiden sahen frühzeitig die Listen der Juden, die in den nächsten zwei Tagen erhängt werden sollten. Die Lehrerin setzte ihr eigenes Leben auf´s Spiel, um Tomi Breuer und seine Mutter zu warnen. Obwohl es bei Nacht eine Ausgangssperre gibt, schleicht sie zu ihnen, um sie zu warnen. Denn Tomi Breuers Namen stand ebenfalls auf der Liste der Menschen, die gehängt werden sollten. Zu dem Zeitpunkt war er 14 Jahre alt, und die Frage war, wie man ihn aus der Stadt herausbekommen konnte. Seine Mutter stand vor der schweren Entscheidung, sich von ihrem Sohn zu trennen, ohne zu wissen, ob sie sich noch einmal wiedersehen würden. Aber sie rang sich dazu durch, ihrem Sohn die Flucht zu ermöglichen.

50:31 - 57:50

Flucht aus Ungarn 1956

Man beschaffte Tomi Breuer falsche Papiere, so dass es aussah, als ob er zu einer anderen Familie gehörte, mit der zusammen er dann über die Grenze fliehen konnte. Drei Kilometer vor der Stadt Dorog bat er darum, auf die Toilette zu dürfen. Der Schaffner fragte ihn, ob er auf der Flucht sei und ganz instinktiv sagte Tomi Breuer »Ja«. Der Schaffner hätte ihn verraten können, was zu einer Gefangennahme oder gar Tötung geführt hätte. Aber stattdessen warnte er ihn vor den Kontrollen des KGBs und der AVO (Anm.: ungarischer Geheimdienst) in Dorog.

Er entschloss sich, aus dem Zug zu springen. Doch was sollte er jetzt tun? Er wusste, dass bei Nacht Ausgangssperre herrschte, und am liebsten wäre er zurück zu seiner Mutter. Am nächsten Morgen ging er in die Stadt, wo er auf nette Menschen traf, die ihm zu essen und zu trinken gaben. Sie wollten ebenfalls wissen, ob er auf der Flucht sei. Doch auch sie verrieten ihn nicht, sie wollten nur wissen, ob er Geld habe. Er dachte zunächst, sie wollten das Geld für das Essen, aber es war für jemanden, der ihn über die Grenze bringen konnte.

Mit dieser Person lief er dann drei Tage lang immer bei Nacht weiter. An der Grenze rochen vermutlich die Hunde sie, denn diese fingen an zu bellen. Sein Führer floh und ließ ihn alleine zurück. Zwei Soldaten kamen fluchend auf ihn zu. Erst befahlen sie ihm stehen zu bleiben, dann sollte er wieder umdrehen und dahin zurückgehen, woher er gekommen war. Er tat, was sie ihm befohlen hatten. Dann fielen Schüsse, und als er merkte, dass er unverletzt war, kehrte er wieder um zu den Soldaten, warf sich vor ihnen auf den Boden und fing bitterlich an zu weinen. Er bat sie inständig darum, die Grenze überqueren zu dürfen. Er schaffte es tatsächlich, so über die Grenze zu kommen, aber nun war er in Wien – ohne Geld, ohne die Sprache zu kennen, und ohne zu wissen, wie es weitergehen soll.

57:50 - 59:54

Zwischenstation Wien

Tomi Breuer suchte in den Mülleimern nach Essen, als ihn ein Mann mit Zylinderhut ansprach und fragte, was er denn da mache. Er antwortete ihm aufrichtig. Da nahm ihn der Mann mit zu sich nach Hause, wo er zwei Wochen lang mit Essen versorgt wurde. Auch frische Kleider bekam er.

Diesen Mann bat er dann um Hilfe, damit er zu seinen Großeltern nach Israel reisen könne. Und nach zwei Monaten Flucht gelang es ihm am 5. Januar 1957 tatsächlich, nach Israel zu kommen.

59:54 - 1:13:15

Neues Leben in Israel

In Israel machte Tomi Breuer dann eine Ausbildung und heiratete seine Edith. Zusammen bekamen sie vier Töchter.

Weil er seiner Mutter damals nicht zugehört hatte, wollte er etwas tun, was das wieder gut machte. Das Basketballteam seiner Schule wurde nach Gießen eingeladen. Diese Einladung wurde der Beginn von etwas richtig Gutem. Er merkte, da waren Menschen, die hörten aufmerksam zu, und Tomi Breuer sagte: »Kommt lasst uns was zusammen machen.« Und wirklich bekam er zwei Monate später Post von einem Lehrer, der bereit war, mit ihm zusammen ein Projekt zu starten.

Das ist nun 20 Jahre her. Sie baten den dt. Botschafter in Israel dem Projekt Starthilfe zu geben, und bald darauf kamen die ersten Lehrer aus Gießen nach Israel. Sie hörten zu und nahmen die Geschichten mit nach Deutschland. Auch der Austausch zwischen deutschen und israelischen Schülern wurde gefördert, um sich besser kennenzulernen.

Er persönlich – und auch der Staat Israel – weiß es sehr zu schätzen, dass es auch in dieser Zeit Deutsche gab, die ihr eigenes Leben riskierten, um Juden zu helfen. Es wird in Yad Vashem versucht, auch diese Menschen zu ehren und ihnen zu danken. Für eine belgische Frau, die 200 jüdischen Kindern das Leben rettete, wurde zum Beispiel ein Lied geschrieben (Anm.: Andree Geulen rettete sogar ca. 3000 jüdischen Kindern das Leben).