Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 1

Jüdisches Leben in Polen vor dem Zweiten Weltkrieg

Mordechai Papirblat wurde 1923 in Polen geboren, in einem Land mit einer sehr bewegten Geschichte. 1Polen liegt geografisch zwischen verschiedenen Machtblöcken, deren Stärke oder Schwäche die Geschichte Polens prägt. Als Mordechai geboren wurde, war das Land gerade einmal seit fünf Jahren politisch unabhängig. In der langen Zeit von 1795 bis 1918 hatte Polen seine Selbstständigkeit verloren und war unter den Nachbarstaaten aufgeteilt: Der östliche Teil war russisch besetzt, der westliche Teil gehörte zu Preußen bzw. zum Deutschen Reich und der südliche Teil zu Österreich-Ungarn. 2Erst 1919, nach der Russischen Revolution (1917) sowie der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs und Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg (1918), gewann Polen seine staatliche Unabhängigkeit zurück.3

Abbildung 1: Karte, Polen 1920 - 1939; 1930er Jahre.

Die Grenzen der Zweiten Polnischen Republik blieben jedoch umstritten und es kam nicht selten zu Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten. Aufgrund der wechselvollen Geschichte lebten mehrere Bevölkerungsgruppen innerhalb der Grenzen Polens, die in bestimmten Regionen große Minderheiten darstellten. Auch wenn die Menschen im alltäglichen Leben meist gut miteinander auskamen, blieb das Verhältnis der Bevölkerungsgruppen untereinander insgesamt spannungsvoll und es genügte bisweilen nur ein kleiner Funke, der zu gewaltvollen Auseinandersetzungen führte.

Laut der Volkszählung von 1921 waren die größten Bevölkerungsgruppen: 4

Die Volkszählung führte zudem 2.700.000 Juden an (7,8 % der Gesamtbevölkerung), die vor allem in den Städten und in Ostpolen lebten. Polen wies damit den größten jüdischen Bevölkerungsanteil aller europäischen Staaten auf. Dieser wuchs im Laufe der folgenden Jahre weiter. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 lebten ca. 3.474.000 Juden in Polen. Zu dieser Zeit war ungefähr jeder zehnte Einwohner Polens Jude. Hinzu kamen zahlreiche Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die im Ausland lebten, auch im Deutschen Reich.

In Polen war das jüdische Leben überwiegend städtisch geprägt. 73 % der Juden lebten in den Städten. Allein in Warschau wohnten 1939 340.000 Juden, so viele wie in keiner anderen europäischen Stadt. Nur wenige Juden waren Bauern. Die Mehrheit führte kleinere oder mittlere Gewerbe. Etliche hatten akademische Berufe, waren Intellektuelle oder Künstler. In nur wenigen Ländern Europas war das jüdische Leben in religiöser, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht so vielfältig wie in Polen. Die Kehrseite war ein zunehmender Antisemitismus ab den 1930er Jahren. Der dazu führte, dass Juden in Polen aus der Bildung und aus akademischen Berufen systematisch ausgegrenzt wurden. Es kam zu Boykotten und Plünderungen jüdischer Geschäfte, zu Gewalt und Misshandlungen. Dieser starke Antisemitismus ging mit einem intoleranten Nationalismus einher, der einerseits polnisch mit katholisch identifizierte und eine einheitliche ethnische Ideologie verfolgte sowie andererseits jüdisch mit kommunistisch und damit als sowjetfreundlich verband.

Wie war es zu diesem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil gekommen? Das Königreich Polen war seit seiner Gründung im 10. Jahrhundert ein religiös tolerantes Land, das Juden weitreichende Rechte zuerkannte, mehr als die anderen Reiche Europas. So konnte sich das jüdische Leben in Polen in religiöser, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht entfalten. Zudem waren Juden, die in anderen Ländern Europas unerwünscht, vertrieben oder sogar verfolgt wurden, in Polen willkommen. So fanden seit dem späten Mittelalter Juden vor den Kreuzfahrern und den Pogromen im 13. und 14. Jahrhundert (Pestepidemien) in Polen Zuflucht. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts fanden Juden aus Spanien, Österreich, Böhmen und aus verschiedenen Städten des Heiligen Römischen Reichs hier eine neue Heimat. Ein dritter Grund war, dass das Russische Kaiserreich unter Katharina der Großen, zu dem Ostpolen bis 1918 gehörte (s.o.), den Juden seines riesigen Reiches von 1791 bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Ansiedlungs- und Arbeitsrecht nur im sog. Ansiedlungsrayon erlaubte. Es handelte sich dabei um ein Gebiet zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, das Litauen, Ostpolen, die Ukraine, Westrussland und Bessarabien umfasste. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden die gewährten Rechte teilweise wieder zurückgenommen, Antisemitismus nahm zu und es kam immer wieder zu Pogromen.

Zum ganzen Kapitel:
Wolfgang Benz, Antisemitismus. Präsenz und Tradition eines Ressentiments, 3., akt. Aufl., Frankfurt a.M. 2020, S. 87-92.
Arno Lustiger, Jüdische Kultur in Ostmitteleuropa am Beispiel Polens, Gesprächskreis Geschichte 32, Electronic ed., Friedrich-Ebert-Stiftung Library, Bonn 2000: http://library.fes.de/fulltext/historiker/00712001.htm (09.03.2019).
Wolfgang Templin, Der Kampf um Polen. Die abenteuerliche Geschichte der Zweiten Polnischen Republik 1918 – 1939, bpb Schriftenreihe Bd. 10335, Bonn 2018. https://de.wikipedia.org/wiki/Ansiedlungsrayon (30.07.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Polen (01.02.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik (06.04.2020).

1Abb. 1: Karte, unbekannter Autor, 1930er Jahre, Polen 1920 – 1939, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59702611 (22.01.2020).
2Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Teilungen_Polens (19.01.2020).
3Gegenüber heute lag Polen insgesamt weiter östlich; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Vierte_Teilung_Polens (06.04.2020).
4Wlodzimierz Borodziej, Geschichte Polens im 20. Jahrhundert, München 2010, S. 131; zitiert bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Zweite_Polnische_Republik (23.06.2019).

Autor: Thorsten Trautwein, 20.05.2020