Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 13.3

KZ Auschwitz II-Birkenau

Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion seit dem 22. Juni 1941 gerieten Hunderttausende Soldaten der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft. Entgegen aller internationalen Konventionen sollten sie durch Hunger, Zwangsarbeit oder Ermordung sterben. Weil die bestehenden Konzentrationslager die Menge neuer Häftlinge nicht fassen konnten, wurden die bestehenden Lager ausgebaut und neue gebaut. Da Auschwitz alle Voraussetzungen erfüllte und im Bereich des Interessengebiets genügend Platz zur Verfügung stand, wurde drei Kilometer vom bestehenden Lager entfernt, in der Nähe des Dorfes Birkenau (poln. Brzezinka), ein neues Lager errichtet. Dieses neue Lager unterstand der Leitung des KZ Auschwitz, das damit zum Stammlager des neuen Lagers wurde. Baubeginn war wohl am 15. Oktober 1941. Die Erwartungen waren hoch. Die Zahl von 50.000 Häftlingen wurde bald auf 100.000 korrigiert, später auf 200.000. Es sollte schließlich eine Fläche von 175 ha umfassen. Bis zum Frühjahr 1944 wurden jedoch „nur“ 140 ha verwirklicht.1
Gebaut wurde das Lager von 10.000 vor allem sowjetischen Auschwitz-Häftlingen im Winter 1941/1942. Sie rissen das Dorf Birkenau ab, fällten Bäume, legten Entwässerungsgräben an, begradigten das Gelände, bauten Straßen und Baracken. Da mit einer hohen Sterberate gerechnet wurde, wurde ein zweites Krematorium in Auftrag gegeben, das zunächst im Stammlager errichtet werden sollte, dann aber in Birkenau verwirklicht wurde.
Im Laufe seines Bestehens wurde Auschwitz-Birkenau ständig verändert und vergrößert. So wurde z.B. die aus Filmen bekannte und sehr markante Gleisanlage mit Rampe in Birkenau (vgl. Abb. 1 „s“) erst im Mai 1944 errichtet. Abb. 1 beschreibt den Ausbauzustand von August 1944.

Abbildung 1: Lageplan Auschwitz II-Birkenau, Ausbauzustand 1944.

Am 1. März 1942 wurden die ersten Häftlinge (v.a. sowjetische Soldaten) in das Lager deportiert (Bauabschnitt Ib). Am 23. März 1942 begannen die Vergasungen im sog. „Roten Haus“ (vgl. Abb. 1 „g“). Dabei konnten ca. 800 Menschen gleichzeitig umgebracht werden. Im Juni 1942 wurden die Gaskammern im sog. „weißen Haus“ fertiggestellt (vgl. Abb. 1 „h“). Diese hatten eine verbesserte Lüftung, sodass die ca. 1.200 Leichen schneller aus den vier Kammern geschafft werden konnten. Mit dem Umbau der beiden Bauernhäuser in „provisorische“ Gaskammern zur Tötung von kranken und arbeitsunfähigen Häftlingen, entwickelte sich Birkenau zu einem Vernichtungszentrum. Ein Problem stellte jedoch die „Entsorgung“ der Leichen dar. Diese wurden in Gräben verbrannt. Darum wurden zu dem bereits seit Juli 1942 im Bau befindlichen Krematorium drei weitere Anlagen beschlossen. Die Arbeit in den Gaskammern und bei der Verbrennung der Leichen wurde von Häftlingen des sog. „Sonderkommandos“ verrichtet. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die „Verwertung“ der Leichen (z.B. Haare, Goldzähne).

Im Sommer 1942 bestand Birkenau im Wesentlichen aus Bauabschnitt I sowie aus zahlreichen Baustellen, die das Lager vergrößerten und seine Abläufe „optimieren“ sollten. Es war ein Arbeitslager für Männer (v.a. sowjetische Kriegsgefangene) und enthielt zwei Einrichtungen zur Tötung von Häftlingen mit Gas, in denen auch die arbeitsunfähigen und kranken Häftlinge des Stammlagers sowie die Häftlinge der Deportationszüge, die als nicht arbeitsfähig selektiert worden waren, umgebracht wurden. Die Leichen wurden überwiegend in Massengräbern verbrannt und vergraben. Die Besitztümer der nach Auschwitz Deportierten wurden in sog. Effektenlagern sortiert, gelagert bzw. für die Weiterverwertung aufbereitet und versandt. Es gab sowohl im Stammlager als auch in Birkenau Effektenlager, die regelmäßig erweitert wurden. Die Effektenlager wurden zunächst von den Häftlingen, dann auch von der SS als „Kanada-Lager“ bezeichnet, da Kanada als wohlhabendes Land der Träume galt.

Mordechai Papirblat war von Januar bis 14. November 1943 als Häftling in Birkenau. In seinem Buch unterscheidet er jedoch zwischen dem Lager Birkenau und einem „neuen Lager“, bei dem es sich um den Bauabschnitt II des Lagers Birkenau handelt.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 201 – 299.

Die heutige Gedenkstätte lässt sich als virtuelle 360°-Tour besichtigen (Englisch): http://panorama.auschwitz.org/tour1,en.html (man muss zunächst auf das „Main menu“, links unten). Es sind zahlreiche Informationen und Zeitzeugenberichte hinterlegt, ebenso Karten- und Bildmaterial.

Zum ganzen Kapitel:
http://auschwitz.org/en/ (04.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Auschwitz-Birkenau (07.01.2019).
Auschwitz-Birkenau State Museum (Hg.), Texte: Jaroslaw Mensfelt, Rundgang durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 2018.
Das KZ Auschwitz 1942 – 1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45, bearb. von Andrea Rudorff, VEJ 16, Berlin/Boston 2018.
Laurence Rees, Auschwitz. Geschichte eines Verbrechens, 7. Aufl., Berlin 2018.
Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, bpb Schriftenreihe Bd. 1708, Bonn 2016.

1Abb. 1: Lageplan Auschwitz II-Birkenau, HEROMAX, eigenes Werk, 2006, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AUSCHWITZ-BIRKENAU.png (03.01.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020