Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 15

In Auschwitz II-Birkenau (Januar – Juli 1943)

Mordechai Papirblat war von Mitte Januar bis Juli 1943 als Häftling in Birkenau. Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 201 – 259.

Von Juli bis 14. November 1943 war er in einem „neuen Lager“, wie er in seinem Buch und bei seinen Vorträgen sagt. Es handelt sich dabei jedoch um Bauabschnitt II des Lagers Birkenau, also um kein eigenständiges Lager (siehe Kap. 16). Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 261 – 299.

Abbildung 1: Blick in Bauabschnitt I, Auschwitz II-Birkenau; 2019.
Abbildung 2: Steinbaracken Bauabschnitt Ib, Auschwitz II-Birkenau; 2019

Mitte Januar 1943 war Mordechai mit anderen in Birkenau angekommen. Wie immer waren Block- oder Lagerwechsel nach dem Abendappell erfolgt, damit die Arbeit am Tag ungestört geleistet werden konnte.
Es war eine Januarnacht im Winter 1942/1943, in der die neuen Häftlinge in Reihen strammstanden und ihrem Schicksal entgegen warteten. Unter Schlägen ergingen die Anweisungen. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie sich zuerst duschen müssten, desinfiziert würden und dann ihre Blöcke zugewiesen bekämen.
Die Gebäude waren von Häftlingen aus Ziegelsteinen errichtet, die von den Häusern des ehemaligen polnischen Dorfes und von den Bauernhöfen stammten (siehe Abb. 2). Mordechai kam in Block 5. Schnell merkte er, dass die Lebensbedingungen hier noch schwieriger waren als im Stammlager. Die Baracken enthielten 60 dreistöckige Pritschen aus ungehobeltem Holz und sollten so Platz für 700 Häftlinge bieten.1 Doch statt der vorgesehenen vier Personen mussten sich oft sechs bis sieben Häftlinge eine Lagerstätte teilen. Dann reichten auch die Decken nicht für alle Häftlinge. Anstelle von Matratzen lagen Stroh oder „Lappen“ darauf.2 Die wenigen Latrinen waren in einem erbärmlichen Zustand. Über dem Lager lag der Geruch von verbranntem Fleisch, der vom Rauch kam, der ununterbrochen aus den Krematorien aufstieg. Das Wasser, das aus den Wasserhähnen floss, war von schlechter Qualität, sodass man es nicht trinken konnte. Zum Hunger kam in Birkenau der Durst dazu.3

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 199 – 205.

Im Laufe des Jahres 1943 entwickelte sich Auschwitz-Birkenau zum zentralen Ort der industrialisierten Vernichtung der Juden Europas. Das hing zum einen damit zusammen, dass im ersten Halbjahr 1943 die vier neu errichteten Krematorien in Betrieb genommen wurden. Mit ihnen war es möglich, pro Tag 4.700 Menschen umzubringen und die Leichen zu entsorgen. Das waren ca. 150.000 Männer, Frauen und Kinder je Monat. Vor den Fenstern der Krematorien wuchsen rote Geranien in Blumenkästen. Zum andern beendeten die Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“ ihre Arbeit und wurden zurückgebaut: Belzec ab Dezember 1942, Treblinka ab August 1943, Sobibor ab Oktober 1943. Auschwitz-Birkenau dagegen wurde permanent vergrößert.4

Abbildung 3: Ella Liebermann-Shiber: Pritschen in einer Baracke des Frauenkonzentrationslagers Birkenau.

Ein Kamerad von Mordechai war am Bau der Krematorien 4 und 5 beteiligt. Eines Abends erzählte er Mordechai, wie die Ermordung der Menschen, von denen der Großteil Juden waren, organisiert war und welche Szenen sich bei der Vergasung und der anschließenden Verbrennung der Leichen abspielten. Mordechai war entsetzt. In seinem Buch schreibt er: „Als ich all das hörte, beschloss ich, aus Birkenau zu fliehen. ‚Warte‘, hielt mich mein Bekannter zurück, ‚wir haben eine Verantwortung. Falls wir am Leben bleiben, müssen wir der ganzen Welt berichten, was sich an diesem verfluchten Ort zuträgt, an diesem Ort, der sich Auschwitz-Birkenau nennt.‘
Mein Kamerad hatte recht. Doch war es fraglich, ob überhaupt jemand diesen Ort jemals lebendig verlassen würde! Ich beschloss, weiter auszuhalten und, falls ich überleben würde, davon zu erzählen.“5

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 207 – 210.

Abbildung 4: Persönliche Gegenstände von Ermordeten; der Koffer trägt die Aufschrift „Radom“; 2019.

Mordechai besaß einen enormen Überlebenswillen. Weder gab er sein Leben auf noch ließ er es sich von anderen nehmen. Sein Überlebenswille ging dabei nie auf Kosten seiner Mithäftlinge. Seit seiner Kindheit prägte ihn ein großes Verantwortungsbewusstsein für andere. Seine Eltern hatten ihm schon in jungen Jahren viel zugetraut, aber auch zugemutet. Er hatte immer wieder die Verantwortung für seine jüngeren Geschwister getragen. Im Ghetto und besonders auf der Flucht nach Jablonow hatte er die Verantwortung für seine Familie gespürt. Sie hatte ihm immer wieder neue Kraft gegeben, ließ ihn durchhalten und den nächsten Schritt gehen. In Jablonow wusste er sich für die Familie seiner Tante verantwortlich, die ihn aufgenommen hatte, und als seine Eltern gestorben waren, trug er wieder einmal die Verantwortung für seine Geschwister. In Birkenau verspürte er die Verantwortung für die sinnlos gedemütigten, gequälten und ermordeten Angehörigen seines Volks. Sein Kamerad sprach aus, was für Mordechai wichtig wurde: „wir haben eine Verantwortung. Falls wir am Leben bleiben, müssen wir der ganzen Welt berichten, was sich an diesem verfluchten Ort zuträgt, an diesem Ort, der sich Auschwitz-Birkenau nennt.“6

Abbildung 5: Informationstafel Bauabschnitt Ib, Auschwitz II-Birkenau; 2019.

Eine entscheidende Kraftquelle für Mordechai war sein jüdischer Glaube. Biblische Texte und Gebete, die er auswendig wusste, gaben ihm Halt. Von einem holländischen Juden hatte Mordechai ein Gebetbuch gegen ein Stück Brot getauscht. Das Lesen und Beten ließ ihn wenigstens für einige Minuten in eine andere, bessere Welt eintauchen. Das Brot hätte ihn einen halben Tag ernährt, das Gebetbuch gab ihm immer wieder Kraft.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 259.

Wenn durch die harte Zwangsarbeit und durch den alltäglichen Kampf ums Überleben das Bewusstsein für Wochentage und das Datum verloren ging, waren es die Neuankömmlinge, von denen die Häftlinge das Datum erfuhren und so wussten, wann die jüdischen Feste gefeiert wurden. Die Schabbate und die Feiertage gaben den Häftlingen wenigstens eine gewisse Struktur und waren doch wehmütige Tage. Sie machten deutlich, was den Häftlingen genommen worden war und wie unmenschlich ihre Lebenssituation war. Es waren andererseits aber auch Erinnerungen an geborgene Zeiten in der Gemeinde. Vor allem jedoch waren es Erinnerungen an ihr Zuhause und an die geliebten Menschen der Familie. Der Wunsch, sie wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihnen ging, ließ Mordechai immer wieder am Leben festhalten.

Mordechai war in verschiedenen Arbeitskommandos tätig. Unter anderem baute er mit dem „Kommando Neubau Birkenau“ eine Straße in der SS-Kaserne (siehe Kap. 13.3 Abb. 1 „t“) oder verrichtete Zwangsarbeit für den Bau des neuen Lagerbereichs (Bauabschnitt II).

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 211 – 213.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 248 – 250.

Im Frühling 1943, Mordechai war 20 Jahre alt, wurde er mit 33 anderen Häftlingen dem „Kommando Schilfmäher“ zugeteilt. Mordechai war der einzige Jude und der Jüngste. Die anderen waren Polen, Russen, Ukrainer, Tschechoslowaken und Jugoslawen. Der Kapo hieß Stefan und war ein brutaler Volksdeutscher, der zu den ersten Häftlingen gehörte, die als Kapos nach Auschwitz gebracht worden waren. Er hatte die Nr. 1265.
Das Kommando Schilfmäher hatte seinen Arbeitsplatz bei den Fischteichen, die bis zu 12 km vom Lager entfernt lagen.7 Die Karpfenteiche hatten früher Juden gehört. „Gefillte Fisch“ war ein typisches jüdisches Essen am Schabbat. Der tägliche Fußmarsch dorthin wurde von vier SS-Soldaten und vier Hunden begleitet. Das Arbeitskommando musste die Teiche für die Karpfenzucht reinigen und richten. Es war eine schwere Arbeit, bei der die Häftlinge schikaniert wurden. Kapo Stefan merkte, dass Mordechai gut arbeitete und clever war, so beförderte er ihn und teilte ihm eine halbe Kelle mehr Suppe zu.8

Abbildung 6: Karte Interessengebiet Auschwitz, ca. 40 qkm; Stand 1945.

Mordechai war immer wieder für Arbeiten bei den Karpfenteichen eingesetzt. Die Arbeiten waren oft saisonal, was bedeutete, dass er in den Zwischenzeiten andere Zwangsarbeit verrichten musste.
Im Herbst 1943 musste Mordechai für Kapo Stefan einen Karpfen heimlich ins Lager schmuggeln. Diese Aktion war illegal und höchst gefährlich. Doch Mordechai gelang es! In Erinnerung an dieses außergewöhnliche Ereignis trägt sein Buch im hebräischen Original den Titel „Der Karpfenschmuggler“ und zeigt einen Karpfen auf der Titelseite.9

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 217 – 227.281f.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2013, 0:05:55 – 0:14:40.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 0:52:50 – 1:00:28.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 1:02:28 – 1:07:46.
Mordechai erzählt die Begebenheit bei seinen Vorträgen, als wäre sie vom Stammlager aus geschehen. Tatsächlich ereignete sie sich jedoch erst vom „neuen Lager“ aus (Bauabschnitt II; siehe Kap. 16; vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 281f).

Eines Tages wurden dem Arbeitskommando neuangekommene Juden aus Thessaloniki/Griechenland zugeteilt. Für Außenkommandos wurden häufig Neuankömmlinge und ausländische Juden eingeteilt, die sich in der Gegend nicht auskannten und deshalb mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit flohen. Mordechai übersetzte Kapo Stefans Befehle aus dem Deutschen ins Hebräische, die ein griechischer Jude ins Ladino oder Griechische übersetzte. Da außer Mordechai das ganze Kommando ausgetauscht worden war, gab es keinen Vorarbeiter mehr. So gab Kapo Stefan Mordechai die gelbe Armbinde mit der Aufschrift „Vorarbeiter“. Mordechai wehrte sich dagegen, doch bestand Stefan darauf, da es die SS so beschlossen hatte. Mordechai musste übersetzen. Ihm unterstanden nun 28 griechisch-jüdische Häftlinge und andere. Weil diese in Block 21 untergebracht waren, mussten auch Kapo Stefan und Mordechai den ordentlichen und sauberen Block 5 verlassen und in Block 21 umziehen. Da Kapo Stefan berüchtigt war, erhielten beide gute Plätze. Zu Beginn war der Block mit mehr als 1.000 Häftlingen stark überbelegt. Aufgrund der hohen Sterberate lichteten sich die Reihen jedoch schon bald.
Die Vorarbeiter hatten einen eigenen „Ehrenkodex“, der unter anderem besagte, dass ein Vorarbeiter nicht selbst arbeiten durfte. Als Mordechai einem älteren Mann half, wurde er bestraft, weil er damit den „Ehrenkodex“ verletzt hatte. Später verlor Mordechai den Vorarbeiterstatus und wurde brutal bestraft.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 232 – 234.237f.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 1:00:28 – 1:02:28.

1Abb. 3: Ella Liebermann-Shiber, Zeichnung Nr. 45: Aufenthaltsraum (F.K.L. = Frauenkonzentrationslager Birkenau). Ella Liebermann-Shiber (1927 – 1998) hat zwischen 1945 und 1948 93 Zeichnungen über ihre Widerfahrnisse im Holocaust angefertigt. 1938 wurde die Familie aus Berlin ausgewiesen, 1939 erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bendzin/Bendsburg bei Kattowitz, 1940 erfolgte die Einweisung ins Ghetto, im Dezember 1943/Januar 1944 die Deportation ins Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Januar 1945 der Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Eine Neuherausgabe der Zeichnungen ist als Band 2 der Edition Papierblatt Anfang 2021 geplant. 2Auschwitz-Birkenau State Museum (Hg.), Texte: Jaroslaw Mensfelt, Rundgang durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 2018, S. 56.
3Abb. 1-2.4-5: Fotos, Thorsten Trautwein, 2019. Abb. 4 aus Ausstellung in der sog. „Sauna“ Auschwitz II-Birkenau (siehe Kap. 12.3 Abb. 1 „e“).
4Stephan Lehnstaedt, Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibor, Treblinka und die Aktion Reinhardt, bpb Schriftenreihe Bd. 10120, Bonn 2017, S. 135-144.
5Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 210.
6Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 210.
7Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Auschwitzer_Becken (04.01.2019).
8Abb. 6: Walké (deutsche Bearbeitung: Maximilian Dörrbecker, Chumwa), eigenes Werk, 2007, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karte_Auschwitz.svg (03.01.2020). Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Interessengebiet_des_KZ_Auschwitz (03.01.2020).
9Vgl. https://papirblat.net/ (16.04.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020