Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 16

Im neuen Lagerbereich von Auschwitz II-Birkenau (Juli – 14. November 1943)

Mordechai Papirblat befand sich immer noch im Lager Birkenau, aber im neuen Bauabschnitt II. In seinem Buch und in seinen Vorträgen bezeichnet er diesen Lagerabschnitt von Birkenau jedoch als „neues Lager“, also als ein eigenständiges Konzentrationslager.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 261 – 299.

Abbildung 1: Ella Liebermann-Shiber: Zählappell.

Im Juli 1943 wurden die männlichen Häftlinge aus Bauabschnitt Ib in Bauabschnitt IId verlegt, da die Baracken in Bauabschnitt Ib für weitere weibliche Häftlinge benötigt wurden.1 Im Rahmen dieser Maßnahme kamen auch Mordechai und die anderen Häftlinge seines Arbeitskommandos im Sommer 1943, wahrscheinlich also im Juli, in Block 4 des neuen Lagerbereichs von Auschwitz II-Birkenau.

Abbildung 2: Baracken Auschwitz II-Birkenau, Bauabschnitt II; 2019.

In diesem Lagerbereich waren die Blöcke bzw. Baracken nicht mehr aus Stein gebaut, sondern aus standardisierten Fertigbauteilen aus Holz für Pferdeställe. Spärliches Tageslicht kam durch Dachluken ins Innere. Der Innenraum war mit drei-stöckigen Holzpritschen vollgestellt und sollte so Platz für 400 Häftlinge bieten.2 Die schmalen Gänge boten bei Weitem nicht genügend Raum, wenn am Morgen alle Häftlinge aufstehen mussten. Der Boden, zwei Kamine und ein Heizkanal waren aus Stein. Die Heizung war jedoch nie in Betrieb (siehe Abb. 3). Im Winter waren die Baracken eiskalt, im Sommer dagegen heizten sie sich auf. Sanitäre Einrichtungen gab es in den Baracken keine. Toiletten befanden sich in eigenen Baracken, deren Zahl für die vielen Häftlinge jedoch viel zu gering war (siehe Abb. 4). Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal, weshalb sich Krankheiten schnell ausbreiteten.3

Abbildung 3: Baracke Innenansicht, Auschwitz II-Birkenau, Bauabschnitt II; 2019.

In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 hörte Mordechai Schüsse. In den folgenden Tagen erfuhr er, dass neuangekommene jüdische Häftlinge vor ihrer Er-mordung Widerstand geleistet hatten, worauf es zu einem Feuergefecht gekommen war, bei dem mehrere Häftlinge, aber auch SS-Leute getötet und verletzt worden waren. Die Heldin war Franciszka Mann, eine polnisch-jüdische Tänzerin, die ihren Schuh SS-Oberscharführer Walter Quakernack ins Gesicht geschlagen, ihm seine Pistole entwendet hat und daraufhin SS-Oberscharführer Josef Schillinger so schwer verwundet hat, dass er auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben ist. SS-Oberscharführer Wilhelm Emmerich traf sie am Bein.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S.

Abbildung 4: Latrinen-Baracke, Bauabschnitt II, Auschwitz II-Birkenau; 2019.

Als die Zeit des Karpfenfangs im Herbst 1943 gekommen war, erhielt Mordechai von Kapo Stefan den Befehl, ihm einen lebenden Karpfen von 1 kg Gewicht in die Lagerküche zu schmuggeln. Was eigentlich unmöglich war, gelang ihm durch eine List.4

Im November 1943 erfuhr Mordechai, dass ein Deportationszug aus seinem Ge-burtsort Radom eingetroffen war.5 Da er mit seinem Arbeitskommando in der Nähe des Frauenlagers arbeitete, ging er näher zum Zaun. Er wollte herausfinden, ob jemand aus seiner Verwandtschaft dabei war. Allerdings wurde er ertappt und hart bestraft. Er verlor seinen Vorarbeiterstatus und musste in Block 31 umziehen.
Mordechai überkam eine große Angst, weil er nicht wusste, ob der Vorfall weitere Konsequenzen für ihn haben würde. Er war bereits seit 17 Monaten im Konzentrati-onslager und gehörte damit, trotz seines jungen Alters, zu den „alten“ Häftlingen, wie man an seiner niederen Nummer sofort erkennen konnte. „Alte“ Häftlinge hatten in der Regel Beziehungen und kannten sich aus. Sie hatten viel vom Lager gesehen und gehört. Im Sinne des Sozialdarwinismus, der die nationalsozialistische Ideologie zutiefst prägte, hatten sich „alte“ Häftlinge im Kampf ums Überleben bewährt, weil sie tüchtig und stark waren. Damit stellten sie jedoch für die nationalsozialistische Herrschaft im Allgemeinen und für das Lagersystem im Besonderen eine Gefahr dar und wurden bevorzugt umgebracht oder für eine Arbeit eingeteilt, die den sicheren Tod bedeutete.
Wie wird es für Mordechai weitergehen?

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 291 – 295.

Rückkehr ins Stammlager (14. – 15. November 1943)
Tatsächlich hatte der Vorfall für Mordechai ein Nachspiel. Am Abend des 14. No-vember 1943 begann die SS Häftlinge zusammenzusuchen. Mordechai war unter ihnen. Was würde geschehen? Die Häftlinge hatten wie immer keine Ahnung, was geschehen würde, verspürten darum eine entsetzliche Angst. Als sie mehrere Hun-dert Häftlinge waren, mussten sie aus dem Lager marschieren, wo Lastwagen warteten. Eng wurden sie auf die Ladeflächen gedrängt. Dann setzte sich die Lastwagenkolonne in Gang. Es war bereits mitten in der Nacht. Jedenfalls entfernte sie sich von den Krematorien!
Nach kurzer Fahrt erreichten sie das Stammlager. Dort angekommen folgte die übli-che Prozedur: Entkleidung, Untersuchung, Duschen, Desinfektion, Einkleidung. Die Männer wurden in einen kahlen Raum geführt und mussten den Rest der kurzen Nacht auf dem bloßen Steinfußboden verbringen. Warum hatte man sie ins Stammlager gebracht, ohne sie in die Stube eines Häftlingsblocks einzuweisen? Was würde der nächste Tag bringen?

Als die Sirene sie weckte, war es noch stockdunkel. Mordechai und die anderen waren noch müde und erschöpft von der Arbeit des vorangegangenen Tages sowie von der Schlaflosigkeit und Angst der Nacht. Mit den anderen Häftlingen des Stammlagers mussten sie zum Morgenappell antreten und warten. Nacheinander verließen die Arbeitskommandos den Appellplatz, viele gingen zu Außenkommandos durch das Lagertor. Dann wurden die Nummern von 400 Häftlingen aufgerufen. Mordechai war einer von ihnen. Sie mussten vortreten und vor dem Lagertor die Ladeflächen von Lastwagen besteigen. Weil sie so viele auf der Ladefläche waren, hatten sie keine Möglichkeit, sich zu setzen. Stehend waren sie dem Fahrtwind und der Kälte ausgeliefert. Die Lastwagen verließen das Stammlager und fuhren ins Ungewisse. Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 298 – 304

1Abb. 1: Ella Liebermann-Shiber, Zeichnung Nr. 47: Zählappell im Frauenkonzentrationslager Birkenau. Ella Liebermann-Shiber (1927 – 1998) hat zwischen 1945 und 1948 93 Zeichnungen über ihre Widerfahrnisse im Holocaust angefertigt. 1938 wurde die Familie aus Berlin ausgewiesen, 1939 erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bendzin/Bendsburg bei Kattowitz, 1940 erfolgte die Einweisung ins Ghetto, im Dezember 1943/Januar 1944 die Deportation ins Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Januar 1945 der Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Eine Neuherausgabe der Zeichnungen ist als Band 2 der Edition Papierblatt Anfang 2021 geplant.
2Auschwitz-Birkenau State Museum (Hg.), Texte: Jaroslaw Mensfelt, Rundgang durch die Gedenk-stätte Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 2018, S. 56.
3Abb. 2 bis 4: Fotos, Thorsten Trautwein, 2019.
4Siehe die Darstellung in Kap. 15 unter „Kommando Schilfmäher“. Dort finden sich auch Hinweise zu den entsprechenden Seiten im Buch und Links zu seinen Vorträgen.
5Die Rampe innerhalb des Lagers wurde erst im Frühjahr 1944 gebaut. Die Deportationszüge hielten 1943 noch außerhalb des Lagers (vgl. Kap. 15 Abb. 6 „Entladerampe“).

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020