Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 17.3

Zunehmende Niederlagen der deutschen Wehrmacht (1944)

Das beginnende Frühjahr 1944 vertrieb den kalten Winter und machte das Leben im Lager etwas erträglicher. Allerdings blieben die zunehmenden Niederlagen der deutschen Wehrmacht nicht ohne Konsequenzen für das Leben im Lager. Mit jeder Niederlage wurde die Stimmung der Wächter schlechter und sie ließen ihre Wut an den Häftlingen aus.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 338.

Die schlesische Industrieregion mit ihrer Bedeutung für die Kriegswirtschaft entwickelte sich zudem zu einem bevorzugten Ziel der alliierten Luftangriffe. Für die Häftlinge war das eine zweischneidige Angelegenheit. Zum einen gewannen sie Zuversicht und hofften, dass nun die Eisenbahnlinien, Krematorien, Wohngebiete der SS usw. bombardiert würden, damit die Unterdrückung und Vernichtung ein Ende nahmen. Andererseits waren die Häftlinge den Luftangriffen schutzlos ausgeliefert – Bunker oder Schutzräume gab es für sie keine. Allerdings mussten sie mit Machtlosigkeit und Erschrecken feststellen, dass die Deportationen, die Zwangsarbeit und die Massenvernichtung ungestört weitergingen. Die Angriffe der Alliierten auf die „Vernichtungsindustrie“ der Nationalsozialisten blieben aus. Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 338f.372 – 375.

Ab dem 6. Juni 1944 erreichten Nachrichten von der Landung der Alliierten in der Normandie das Lager. Im Westen war eine zweite Front entstanden. Ihre Wut darüber ließen die SS-Männer an den Häftlingen aus.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 389f.

Mit dem Sommer 1944 kam die Hitze, die den Häftlingen stark zusetzte, da sie trotz der schweren Arbeit kaum mehr zu trinken bekamen. Mordechai hatte jedoch eine gute Arbeit bekommen. In der Küche putzte er die Töpfe der SS. Da er das Ausgekratzte essen konnte, gab er seine Suppe einem sog. „Muselmann“1, seinem Freund Leon Latrowski.2 Als das jedoch ein SS-Mann sah, verlachte er Mordechai und bestrafte ihn: Mordechai musste auf den Zehenspitzen stehen, gleichzeitig in die Hocke gehen und einen schweren Stein mit gestreckten Armen halten. Zudem verlor er die Arbeit in der Küche. So schnell konnte sich die Situation ändern. Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 353 – 359.369f.477.

1Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Muselmann_(KZ) (04.01.2020).
2Der polnische Jude Leon Latrowski aus Krakau (geb. 20.08.1928) überlebte ebenfalls das KZ (vgl. https://www.ushmm.org/online/hsv/person_view.php?PersonId=4861970; 30.12.2019). Leon und Mordechai trafen sich später in Tel Aviv, Israel wieder.

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020