Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 17.2

Das Leben im Lager Neu-Dachs

Zu seiner Freude traf Mordechai im Lager auf polnische Häftlinge aus seiner Geburtsstadt Radom. Zwar tauschten sie Informationen aus und auch die christlichen Polen freuten sich darüber, mit ihm eine gemeinsame Heimat zu haben, doch spürte Mordechai den polnischen Antisemitismus. Die Polen erhielten Pakete von Zuhause und hatten so die für das Überleben notwendige Extraration an Essen. Mordechai erhielt nur deshalb von diesem Essen, weil er ihr „Diener“ wurde und sich so von diesem Essen etwas „verdiente“. Zunächst machte er zum Beispiel ihre Betten. Angenehmer wurde sein „Dienst“, als er für sie Briefe schrieb.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 313f.316f.325.374f.

Die harte Zwangsarbeit und das Überleben wurden durch den strengen Winter 1943/1944 zusätzlich erschwert. Die Häftlingskleidung und die Holzschuhe waren bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt völlig unzureichend. Für die Arbeit im Freien erhielten die Häftlinge weder Handschuhe noch Ohrenschutz. All das zehrte an Mordechais Kraft. Besonders die schwere Arbeit beim Gleisbau im Freien hielt er kaum aus. Besser ging es ihm, als er innerhalb eines Gebäudes Besen binden konnte.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 327 – 329.

Mordechai fand im Winter eine Konservendose, die er mit Schnee füllte. Auf einem Ofen schmolz er den Schnee, gab Brotkrümel aus seiner Tasche dazu und genoss dann die leckere Suppe.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 331.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2013, 1:11:50 – 1:12:47.

Mordechai wurde am 6. Dezember 1943 Zeuge der Erhängung von 26 polnischen und tschechischen Häftlingen, die wochenlang von Block 2 aus einen Tunnel gegraben hatten, durch den sie fliehen wollten. Die Flucht war für die Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1943 geplant gewesen, doch wurden alle Häftlinge des Lagers am Nachmittag des 18. Oktober zu einem Sonderappell zusammengerufen. Die SS führte Verhöre durch, die schließlich zur Festnahme von rund 50 tschechischen und polnischen Häftlingen geführt haben. Ein Mithäftling hatte sie verraten. 26 von ihnen wurden am 6. Dezember in Neu-Dachs vor aller Augen erhängt.1
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 320 – 324

In der langen Zeit im Lager hatte Mordechai gelernt, wie er sich verhalten und worauf er achten musste. Er wusste, wie er seine wenige Kraft einzuteilen hatte und er besaß ein gutes Gespür für Menschen; für seine Mithäftlinge, für Kapos, Vorarbeiter und SS-Wachen, aber auch für die zivilen Vorgesetzten. Er wusste, wem er freundlich begegnen musste und wem er besser aus dem Weg ging; wem er vertrauen konnte und vor wem er sich in Acht nehmen musste; welche Arbeitskommandos leichter waren als andere und wie man an Extrarationen von Lebensmitteln kam bzw. welche Dinge gut für den Tauschhandel waren oder um sich Vorteile zu verschaffen. Wegen seiner kleinen Statur und seinem jugendlichen Aussehen erschien er ungefährlich, sogar Mitleid erregend und blieb oft genug unscheinbar. Gleichzeitig war er gewieft, zäh, hatte einen scharfen Verstand, verhielt sich nicht selten überraschend mutig und schlagfertig. So überlebte er einen Tag nach dem anderen.

Die Hauptbeschäftigung im Lager bestand darin, zusätzliche Nahrung zu finden.2
Manchmal waren es unkonventionelle Methoden, die Mordechai zu einer Extraration Essen kommen ließen. So zum Beispiel der Diebstahl des Futters eines Wachhunds.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 350f.

Abbildung 1: Liebermann-Shiber: Erwischt!

Eines Tages geschah etwas Unerwartetes: Ein SS-Wachmann warf Mordechai völlig unvermittelt eine Brotstulle zu. Mordechai war verunsichert und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Trieb der Wachmann etwa ein Spiel mit ihm und erschoss ihn, sobald er nach dem Brot griff. Oder zeigte er Mitgefühl mit dem Hungernden? Hatte er ihm das Brot einfach so, ohne besonderen Grund zugeworfen? Oder hatte er sich einfach einen Spaß daraus gemacht, einem hungrigen Juden ein Stück Brot hinzuwerfen? Den Grund für diese Tat hat Mordechai nie erfahren. Er griff sich das Brot und aß es dankbar bis auf den letzten Krümel auf.
Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 333.

1Vgl. Urteilsbegründung des Schwurgerichts beim Landgericht Aschaffenburg gegen Hans Stefan Olejak und Ewald Pansegrau, Sitzung vom 3. November 1980, S. 42-45.124-129, vgl. http://willikomunal.eu/ (18.04.2020). Siehe besonders die Zusammenfassung des Auszugs aus dem Buch von Dr. Novy, das dieser 1949 geschrieben hat; ebd. S. 124f.
2Abb. 1: Ella Liebermann-Shiber, Zeichnung Nr. 71. Ella Liebermann-Shiber (1927 – 1998) hat zwischen 1945 und 1948 93 Zeichnungen über ihre Widerfahrnisse im Holocaust angefertigt. 1938 wurde die Familie aus Berlin ausgewiesen, 1939 erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bendzin/Bendsburg bei Kattowitz, 1940 erfolgte die Einweisung ins Ghetto, im Dezember 1943/Januar 1944 die Deportation ins Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Januar 1945 der Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Eine Neuherausgabe der Zeichnungen ist als Band 2 der Edition Papierblatt Anfang 2021 geplant.

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020