Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 18

Hintergrund: Räumung des Konzentrationslagerkomplexes Auschwitz und Todesmärsche

Die Räumung des Konzentrationslagerkomplexes Auschwitz

Die Räumung des Konzentrationslagerkomplexes Auschwitz (siehe Kap. 13) hatte bereits im Sommer 1944 begonnen, da die Rote Armee unaufhaltsam in Richtung Westen vorrückte. Geräte, Beutegut und Häftlinge wurden ins Reichsgebiet gebracht. Dort sollten die Häftlinge vor allem in der Rüstungsindustrie arbeiten. Seit November 1944 wurden auch die Gaskammern und die Krematorien demontiert. Sie sollten in der Nähe des KZ Mauthausen wiedererrichtet werden.

Abbildung 1: Todesmärsche von Auschwitz und der Nebenlager nach Westen; rot: Vormarsch der Roten Armee; Schautafel Auschwitz I-Stammlager; 2019.

Befanden sich im August 1944 noch ca. 140.000 Häftlinge im Lagerkomplex Auschwitz, so waren es zu Beginn der Todesmärsche im Stammlager und in Birkenau noch ca. 31.000 sowie ca. 36.000 in den rund 30 Außenlagern. Von ihnen wurden ab 17. Januar 1945 ca. 56.000 Häftlinge auf mehrere sog. „Todesmärsche“, geschickt. Die Todesmärsche folgten vor allem zwei Hauptrouten; zunächst erfolgten sie zu Fuß, dann mit Zügen Richtung Westen (siehe Abb. 1)1.

Ca. 9.000 Häftlinge wurden in den Lagern zurückgelassen. Spezielle Kommandos von SS und Sicherheitsdienst durchsuchten viele der Lager des Lagerkomplexes Auschwitz und ermordeten, wen sie fanden. Nicht selten zündeten sie die Krankenbaracken an, in denen sich marschunfähige Häftlinge befanden. Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreiten, trafen sie nur noch auf ca. 7.500 kranke und erschöpfte Häftlinge in den Haupt- und Nebenlagern, darunter mehrere Hundert Kinder, sowie auf Leichen.

Die Todesmärsche

Die sog. „Todesmärsche“ begannen in der Folge der alliierten Vorstöße auf die Konzentrationslager seit Sommer 1944 im Osten. Im Westen waren die linksrheinischen Konzentrationslager bereits geräumt worden. Bis Kriegsende wurden im ganzen Reichsgebiet Häftlinge mit der Bahn (teilweise in offenen Güterwaggons), mit Lastwagen, Fuhrwerken, Schiffen und oftmals zu Fuß von einem Ort zum nächsten getrieben. Die Todesmärsche waren die letzte Stufe der Räumung der Lager durch die SS, die von „Evakuierungen“ sprach.

Die Todesmärsche fanden in einer Zeit des allgemeinen Chaos statt. Es waren die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs, in der sich der Frontverlauf permanent verschob und sich unaufhaltsam dem Deutschen Reich näherte. Zum Vorstoß der alliierten Bodentruppen kamen Angriffe aus der Luft auf strategisch wichtige Ziele, zu denen auch Bahnknotenpunkte gehörten, wodurch die Häftlingstransporte, die mit der Bahn erfolgten, unmittelbar betroffen waren. Neben der Infrastruktur waren auch die Kommunikationswege und Befehlsketten in der Auflösung begriffen. Zudem befand sich die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug, in deren Gefolge Millionen Deutsche den „Lebensraum im Osten“ in Richtung Westen verließen oder von dort vertrieben wurden2

Abbildung 2: Liebermann-Shiber: Evakuierung.

Für die Häftlinge bedeuteten die Todesmärsche meist die extremste Phase ihrer Lagerhaft3. Sie waren für diese außerordentlichen Strapazen weder vorbereitet noch ausgerüstet. In vollgestopften Güterwaggons oder auf kilometerlangen Fußmärschen mussten sie tagelang, bisweilen wochenlang, ohne Essen, Trinken, Schlaf oder Schutz vor der eisigen Kälte des strengen Winters 1944/1945 aushalten, nicht selten marschieren. Die körperlichen und psychischen Strapazen waren enorm. An den katastrophalen Bedingungen starben mehrere Tausend Menschen, weil sie verhungerten, verdursteten, vor Erschöpfung zusammenbrachen, erstickten, erfroren oder erschossen wurden. Leichen säumten die Wege. Immer wieder führte der Marsch durch Ortschaften, wo die Häftlinge Zivilisten begegneten, die mitleidig schauten und ihnen manchmal sogar heimlich Lebensmittel zukommen ließen. Oftmals hat sich die Bevölkerung jedoch von den verwahrlosten Gestalten abgewandt, sie beschimpft oder sogar bedroht. Den Schluss der Marschkolonnen bildeten Exekutionskommandos, die alle erschossen, die nicht mithielten. Was bei der Zwangsarbeit und bei den Selektionen in den Konzentrationslagern leitend war, gab auch hier die Richtung vor: Wer nicht arbeitsfähig ist, wird vernichtet. Der Tod der Häftlinge war nicht das Ziel, wurde aber in Kauf genommen.

Zum ganzen Kapitel:
Urteilsbegründung des Schwurgerichts beim Landgericht Aschaffenburg gegen Hans Stefan Olejak und Ewald Pansegrau, Sitzung vom 3. November 1980, S. 46-52.130-146, vgl. http://willikomunal.eu/ (18.04.2020). Das KZ Auschwitz 1942 – 1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45, bearb. von Andrea Rudorff, VEJ 16, Berlin/Boston 2018, S. 54-97.
Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, bpb Schriftenreihe Bd. 1708, Bonn 2016, S. 663-684.
https://de.wikipedia.org/wiki/Todesm%C3%A4rsche_von_KZ-H%C3%A4ftlingen (18.04.2020).

1Abb. 1: Foto, Thorsten Trautwein, 2019.
2Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Flucht_und_Vertreibung_Deutscher_aus_Mittel-_und_Osteuropa_1945%E2%80%931950 (27.04.2020).
3Abb. 2: Ella Liebermann-Shiber, Zeichnung Nr. 81. Ella Liebermann-Shiber (1927 – 1998) hat zwischen 1945 und 1948 93 Zeichnungen über ihre Widerfahrnisse im Holocaust angefertigt. 1938 wurde die Familie aus Berlin ausgewiesen, 1939 erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bendzin/Bendsburg bei Kattowitz, 1940 erfolgte die Einweisung ins Ghetto, im Dezember 1943/Januar 1944 die Deportation ins Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Januar 1945 der Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Eine Neuherausgabe der Zeichnungen ist als Band 2 der Edition Papierblatt Anfang 2021 geplant.

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020