Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 19

Todesmarsch von Neu-Dachs bis KZ Blechhammer (17. – 22. Januar 1945)

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 407 – 444.

Am 12. Januar 1945 startete die Rote Armee eine große Offensive. Bei Luftangriffen auf die Industriebetriebe rund um Jaworzno wurde am 16. Januar auch das Arbeitslager Neu-Dachs getroffen. In der Ferne war an diesem Tag bereits der Geschützdonner der Bodenkämpfe zu hören. Die Front rückte unaufhaltsam näher. Daraufhin wurde das Lager von der SS geräumt. Mordechai gehörte zu den ca. 3.200 Häftlingen, die zwischen 22.30 und 23 Uhr am 17. Januar 1945 das Arbeitslager Neu-Dachs verlassen mussten. Die Häftlinge marschierten in Fünferreihen, wodurch sich ein langer Zug aus ungefähr 640 Reihen Häftlinge bildete, der in die kalte Winternacht aufbrach! Lagerführer Pfütze hoch zu Pferd und andere Angehörige der Kommandantur bildeten die Spitze, 200 bis 250 Männer der SS-Wachmannschaft flankierten die Kolonne in regelmäßigen Abständen mit schussbereiten Gewehren. Den Abschluss bildeten Wagen und Schlitten, die von Häftlingen gezogen oder geschoben werden mussten. Manche Häftlinge mussten Gepäck der SS-Männer tragen oder deren Fahrräder schieben. Dem Zug folgten Pferdewagen und andere Fahrzeuge, auf denen wichtige Unterlagen, die Feldküche und private Besitztümer der Wachmannschaft transportiert wurden, teilweise folgten sogar Familienangehörige der SS-Männer.

Angesichts dieses Szenarios verwundert es nicht, dass sich die Erinnerungen der Häftlinge unterscheiden. Mordechai Papirblat schätzt die Zahl derer, die mit ihm auf den Todesmarsch geschickt wurden in seinem Vortrag auf 7.000 bis 8.000 Häftlinge, von denen Tausende erschossen wurden oder erfroren sind. Häftlinge, die sich vorne befanden, haben weniger Erschießungen erlebt als diejenigen Häftlinge, die sich am Ende der Kolonnen befanden. Am Ende des Zuges war die Situation dramatisch. Man lief andauernd an Leichen zusammengebrochener oder ermordeter Häftlinge vorbei und erlebte permanent, wie erschöpfte Kameraden, die nicht mithalten konnten, erschossen werden. Zudem erfuhren die Häftlinge nicht immer, wenn sich eine Kolonne geteilt hat, um einen anderen Weg zu nehmen. Sie meinten dann, dass auch diese Häftlinge ermordet worden seien.

Während der ganzen Zeit des Todesmarschs bedeckte eine geschlossene Schneedecke die Landschaft. Die Temperaturen sanken bei Nacht auf -10 bis -15 °C und lagen auch am Tag meist unter dem Gefrierpunkt. Die Häftlinge trugen ihren unzureichenden „Wintermantel“ über der dünnen Häftlingskleidung. An den Füßen hatten sie Holzschuhe, aber keine Strümpfe. Mordechai hatte zuvor von einem Freund Lederschuhe erhalten, die ihm zwar nicht richtig passten, in denen er jedoch nicht so sehr auf dem gefrorenen Boden rutschte.
Der Weg führte von Jaworzno aus in nordwestlicher Richtung nach Myslowitz, das die Häftlinge am frühen Morgen des 18. Januar 1945 erreichten. Sie konnten sehen, wie sich die Bewohner des Orts auf den Tag vorbereiteten. Doch die SS trieb die Männer ohne Pause vorwärts. Die Häftlinge waren erschöpft und stützten einander.

Abbildung 1: Laurahütte, Fördertürme und Werkhallen; 1939.

Erst in der Industriestadt Laurahütte (poln. Siemianowice Slaskie bzw. Huta Laura-Siemianowice) machte der Marsch nach rund 28 km einen längeren Halt1. Die Häftlinge wurden in den ummauerten Hof einer Fabrik getrieben, wo sie sich im Freien auf dem kalten Boden zum ersten Mal ausruhen konnten. Die SS-Wachmannschaft stärkte sich abwechselnd in der Fabrikhalle mit Essen, Trinken und Ruhe.

Abbildung 2: Ansicht von Beuthen; evtl. nach 1930.

In den Nachmittagsstunden ging der Marsch weiter. Die Fabriken und Arbeitslager, an denen sie vorbeikamen, waren leer und verlassen2. Aus den Wohnhäusern schauten Menschen heraus. Manche der Passanten, denen sie auf den Straßen begegneten, blickten sie ungläubig und mitleidig an, aus den Augen anderer war Abscheu zu spüren. Mittlerweile durfte Häftlingen, die vor Erschöpfung zusammengebrochen waren, nicht mehr aufgeholfen werden. Wer nicht mitkam, wurde erschossen. Mordechai muss hilflos zusehen, wie sein Freund Pinchas Nossel vor seinen Augen erschossen wird, weil er mit seinen Holzpantinen auf dem gefrorenen Boden ausgerutscht war. Mordechai ist fassungslos.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 415.

Der Marsch setzte sich trotz der zunehmenden Dunkelheit fort. Bevor sie durch die nächste Stadt kamen, verübte die SS ein Massaker an 300 erschöpften Häftlingen. Gegen 3 Uhr erreichten sie Beuthen (poln. Bytom) und durchquerten die Stadt3 In Beuthen wurde eine Gruppe von maximal 500 Häftlingen von der Gesamtkolonne getrennt und einen anderen Weg geführt. Weil die Straßen der Stadt sauber bleiben sollten, mussten die Leichname derer, die in der Stadt starben, mitgeschleppt werden. Am Rande der Stadt machte der Zug im Freien etwa eine Stunde Rast. Dann gings es Richtung Westen weiter.

Abbildung 3: Heinitz Kohle-Mine Beuthen; vor 1930.

Mordechai war erschöpft und von Hunger, Durst und Müdigkeit gequält. Er versuchte in der Mitte der Reihen zu gehen, damit es nicht auffiel, wenn er sich bückte, um eine Handvoll Schnee zu fassen, den er dann zusammendrückte, sich damit erfrischte und ihn aß. Das war zwar streng verboten, doch versuchte er auf diese Weise einem Schwächeanfall vorzubeugen. Anders als die SS-Leute, die unterwegs teilweise mit warmem Kaffee versorgt wurden, erhielten die Häftlinge weder Essen noch Trinken.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 417f.

Abbildung 4: Das KZ Auschwitz und seine Nebenlager.

Am Vormittag des 19. Januar 1945 erreichte die Häftlingskolonne nach ca. 20 km Gleiwitz (poln. Gliwice). Auch hier waren die Industrieanlagen größtenteils durch die Luftangriffe zerstört worden. Entgegen des ursprünglichen Plans konnten sie von Gleiwitz aus nicht mit dem Zug westwärts transportiert werden. So mussten sie noch einmal rund 20 km in nördlicher Richtung nach Peiskretscham (poln. Pyskowice)4 marschieren5. Dort kamen sie am Nachmittag gegen 16 Uhr an. Hinter der Stadt wurden die Häftlinge von den SS-Wachmännern in eine große Lagerhalle gesperrt. Die Häftlinge waren physisch und psychisch am Ende. Seit drei Tagen hatten sie nichts mehr gegessen und kaum geruht. Auf dem eiskalten Steinfußboden suchten sie sich einen Platz.

In der Nacht kam es zu gewaltvollen Übergriffen auf Häftlinge, bei denen Brot vermutet wurde. Andere rächten sich an Kapos. Es gab Tote und Verletzte. In der Halle breitete sich ein übler Gestank aus. Der SS-Mann, der am Morgen die Lagerhalle öffnete, war entsetzt, als er sah, was sich abgespielt hatte.

Am Vormittag des 20. Januar 1945 durften sie die Lagerhalle verlassen. Zur großen Überraschung und Erleichterung gab es eine Suppe. Die Essensausgabe wurde jedoch von einem Luftkampf jäh unterbrochen, der sich über den Häftlingen abspielte. Die Häftlinge warfen sich schutzlos auf den Boden. Etliche von ihnen wurden sogar von Splittern und Geschossen aus den Bordwaffen der Flugzeuge getötet oder verwundet.

Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, erfolgte das Kommando zum Appell, worauf sich die Häftlingskolonne am Nachmittag in Bewegung setzte. In Fünferreihen verließen sie Peiskretscham und marschierten in nordwestlicher Richtung auf die Stadt Groß-Strelitz zu.

Abbildung 5: Liebermann-Shiber: Die Reihen lichten sich.

Gegen 22.00 Uhr lief die Häftlingskolonne jedoch geradewegs auf russische Einheiten zu, worauf die Marschrichtung geändert wurde und es in südlicher Richtung weiterging. Während der Marsch bisher über öffentliche Straßen führte, wurden die Häftlinge angesichts der feindlichen Truppen von nun an ohne Pause über zugeschneite Wiesen, Felder und Feldwege getrieben. Mit hohem Tempo ging es die ganze Nacht über weiter. Am Nachmittag des 21. Januar 1945 erreichten sie einen Wald, den sie durchquerten, bis es immer dunkler wurde. Am anderen Ende des Waldes standen ein paar Häuser. Hier wurde Rast gemacht. Die Häftlinge mussten sich auf dem freien, schneebedeckten Feld niederlegen, die Offiziere machten es sich in einem der Häuser bequem und die übrigen SS-Soldaten wechselten sich mit der Wache ab.

Plötzlich wachte Mordechai an einem eigenartigen Traum auf und konnte nicht mehr einschlafen. Im Nachhinein ist er überzeugt, dass ihm das das Leben gerettet hat. Viele Häftlinge wachten am nächsten Morgen nicht mehr auf. Sie waren im Schlaf erfroren.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 436 – 441.

Als der Appell zum Aufbruch erfolgte, wurde erschossen, wer nicht weitermarschieren konnte6. Am Morgen des 21.Januar 1945, einem Sonntag, erreichten die Häftlinge gegen 8 Uhr das KZ Blechhammer, ebenfalls ein Außenlager des KZ Auschwitz. Die dort inhaftierten Häftlinge brachen gerade zu ihrem „Todesmarsch“ auf.

Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2013, 1:10:15 – 1:11:50.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2013, 0:35:35 – 0:41:25.
Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 1:10:04 – 1:11:33.

Zum ganzen Kapitel:
Urteilsbegründung des Schwurgerichts beim Landgericht Aschaffenburg gegen Hans Stefan Olejak und Ewald Pansegrau, Sitzung vom 3. November 1980, S. 46-52.130-146, vgl. http://willikomunal.eu/ (18.04.2020).
Das KZ Auschwitz 1942 – 1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45, bearb. von Andrea Rudorff, VEJ 16, Berlin/Boston 2018, S. 54-97.
Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, bpb Schriftenreihe Bd. 1708, Bonn 2016, S. 663-684.
https://de.wikipedia.org/wiki/Todesm%C3%A4rsche_von_KZ-H%C3%A4ftlingen (18.04.2020).

1 Abb. 1: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-P014938, A. Frankl, eigenes Werk, 1939, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5474437 (18.01.2020).
2 Abb. 2: Unbekannter Autor, Verlag Geyer & Co., Nr. 7188/1, Breslau - Allegro bid: https://allegro.pl/bytom-beuthen-o-s-gesamtansicht-i7578996765.html, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73056158 (18.01.2020).
3 Abb. 3: Unbekannter Autor, Beuthen O./S., Berlin 1929, Dari Verlag: https://sbc.org.pl/Content/299861/iii216825-0000-00-0001.pdf, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heinitz_coal_mine.jpg (18.01.2020).
4 Mordechai Papirblat schreibt im hebräischen Original von „Panskercze“; es sei ein Ort an der ehemaligen polnisch-deutschen Grenze.
5 Abb. 4: Karte, David Dharsono, eigenes Werk, 2020, Rechte beim Verfasser.
6 Abb. 5: Ella Liebermann-Shiber, Zeichnung Nr. 85. Ella Liebermann-Shiber (1927 – 1998) hat zwischen 1945 und 1948 93 Zeichnungen über ihre Widerfahrnisse im Holocaust angefertigt. 1938 wurde die Familie aus Berlin ausgewiesen, 1939 erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bendzin/Bendsburg bei Kattowitz, 1940 erfolgte die Einweisung ins Ghetto, im Dezember 1943/Januar 1944 die Deportation ins Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Januar 1945 der Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Eine Neuherausgabe der Zeichnungen ist als Band 2 der Edition Papierblatt Anfang 2021 geplant.

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020