Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 20

Hintergrund: Auschwitz – Unfassbares Leid

Als Mordechai Papirblat am 22. Januar 1945 mit 19 anderen Häftlingen aus dem KZ Blechhammer entflohen und seinem Todesmarsch entkommen war, stand es trotz allem sehr schlecht um ihn. Er war erschöpft, unterernährt und im kalten Winter ohne ausreichende Kleidung sowie ohne Essen und Trinken. Zudem waren die Flüchtenden ständig von der Angst erfüllt, auf versprengte deutsche Soldaten, auf SS-Männer oder auf Volksdeutsche zu treffen, die kein Erbarmen mit ihnen zeigen würden. Doch entgegen aller Widrigkeiten hat Mordechai Papirblat schließlich überlebt!

Abbildung 1: Fotos aus dem Besitz der Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden; 2019.

Was es bedeutet, dass Mordechai Papirblat das Stammlager Auschwitz I, Auschwitz II-Birkenau, das Arbeitslager Neu-Dachs und den Todesmarsch bis zum KZ Blechhammer überlebt hat, lässt sich in Worten nur unzureichend schildern. Wie geradezu unwahrscheinlich sein Überleben war, wird deutlich, wenn man sich die schieren Zahlen von Menschen vor Augen hält, die dem nationalsozialistischen Terrorsystem mit seinem technisch perfektionierten, „industriellen“ Massenmord zum Opfer gefallen sind. Bei den folgenden Zahlen handelt es sich um Schätzwerte, welche die gegenwärtige Forschung nahelegen1:

Bei diesen Zahlen muss man sich immer vor Augen halten, dass es dabei um individuelle Menschen geht – um Mütter und Väter, Kinder, Schwestern und Brüder, Onkel und Tanten usw. Menschen, wie Mordechai Papirblat und seine Familienangehörigen, seine Freunde und Nachbarn. Auch können die bloßen Zahlen das menschliche Leid nur unzureichend wiedergeben, das sich hinter ihnen verbirgt – das Leid der Ermordeten, aber auch der Überlebenden. Zudem betreffen die oben angeführten Zahlen „nur“ den Lagerkomplex Auschwitz. Hinzu kommen die Opfer der anderen Arbeits- und Vernichtungslager, die in den Ghettos Verendeten oder bei Erschießungen und Pogromen Ermordeten; ferner die gefallenen Widerstandskämpfer und Soldaten, die zivilen Opfer, die Zwangsarbeitenden, die Zwangsumgesiedelten, Geflüchteten und Vertriebenen sowie viele andere mehr.2 Die Ausmaße an Leid und Verderben, welche die nationalsozialistische Ideologie über Europa und weit darüber hinaus gebracht hat, sind unermesslich. Die Frage der Verantwortung und Schuld von Tätern, Mitläufern und Zuschauenden wird seither gestellt und kontrovers diskutiert; ebenso die Frage, wie es überhaupt zum Holocaust in diesen geradezu diabolischen Dimensionen kommen konnte.

Mordechai Papirblat war seinen Peinigern entkommen und doch war dieses Kapitel seines Lebens noch lange nicht abgeschlossen. Es begleitet ihn bis heute und nicht nur ihn, sondern auch seine Kinder und Enkel. Der Verlauf seines weiteren Lebens wird es zeigen.

Zum ganzen Kapitel:
Wolfgang Benz, Antisemitismus. Präsenz und Tradition eines Ressentiments, 3. aktual. Aufl., Frankfurt a.M. 2020.
Das KZ Auschwitz 1942 – 1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45, bearb. von Andrea Rudorff, VEJ 16, Berlin/Boston 2018.
Peter Hayes, Warum? Eine Geschichte des Holocaust, bpb Schriftenreihe Bd. 10196, Bonn 2018.
Andreas Nachama, Walter Homolka und Hartmut Bomhoff, Basiswissen Judentum, bpb Schriftenreihe Bd. 10307, Bonn 201, S. 551-558.
Jenny Oertle, Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, Deutsches Historisches Museum Berlin, 15. Mai 2015, siehe: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/voelkermord/konzentrations-und-vernichtungslager-auschwitz.html (08.08.2019).
Panstwowe Muzeum Auschitz-Birkenau (Hg.), Auschwitz-Birkenau. Vergangenheit und Gegenwart, Erarbeitung: Teresa Swiebocka, Jadwiga Pinderska-Lech und Jarko Mensfelt, Oswiecim 2016, S. 8.12.30f.
Panstwowe Muzeum Auschwitz-Birkenau (Hg.), Rundgang durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, Texte: Jaroslaw Mensfelt, Oswiecim 2018, S. 7.14.18.27.
Laurence Rees, Auschwitz. Geschichte eines Verbrechens, 7. Aufl., Berlin 2018.
Nikolaus Wachsmann, KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, bpb Schriftenreihe Bd. 1708, Bonn 2016.

1 Abb. 1: Foto, Thorsten Trautwein, 2019; aus der Ausstellung in der sog. „Sauna“ Auschwitz II-Birkenau (siehe Kap. 13.3 Abb. 1 „e“).
2 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Tote_des_Zweiten_Weltkrieges (30.12.2019).

Autor: Thorsten Trautwein, 11.06.2020