Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 22

Frei! Aber wird Mordechai überleben? (22. – 27. Januar 1945)

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 463 – 505.

Mordechai war dem Konzentrationslager und dem Todesmarsch entkommen. Aber wie kann er, wie können die Entflohenen jetzt überleben? Die Dunkelheit brach allmählich herein und Mordechais Gruppe irrte orientierungslos durch die fremde Gegend – begleitet von der Sorge, entdeckt zu werden. Da stießen sie auf eine Scheune unweit eines von Deutschen bewohnten Dorfs. Vorsichtig schlichen sie sich nacheinander zu der Scheune und versteckten sich im wärmenden Stroh. Für die Nacht hatten sie erst einmal einen sicheren Platz gefunden. Weil die Front immer näher rückte und wegen ihrer Angst, von den Deutschen entdeckt zu werden, blieben sie zwei weitere Tage und Nächte in der Scheune verborgen – zwei weitere Tage ohne Essen (23. und 24. Januar). In dieser Zeit wurde das Feuergefecht stärker, bis sie sich sogar zwischen den Frontlinien befanden und in Todesangst in der Scheune ausharrten. Das nahe Dorf wurde durch Artilleriebeschuss aus der Ferne und durch Bombenangriffe aus der Luft getroffen. Als die Häuser brannten, verließen die letzten Bewohner das Dorf.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 463 – 472.

Am Morgen des 25. Januar schleppten sich die jungen Männer völlig ausgezehrt und erschöpft ins Dorf. Mordechai konnte nicht mehr. Zwei Kameraden mussten ihn stützen und ins Dorf führen. Dort trafen sie auf die anderen Geflohenen! Im Dorf fanden sie Lebensmittel, ruhten sich aus und warteten auf die Rote Armee.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 472 – 478.

Abbildung 1: Szene aus einem sowjetischen Film; 1942.

Die Rote Armee begegnete ihnen am 26. Januar in der Gestalt von drei russischen Reitern. Es waren Pioniere, die die Gegend erkundeten. Sie sagten, die Gegend sei hart umkämpft und man könne nicht sagen, wie sich die Lage entwickele. Die Männer sollten sich besser hinter die Frontlinie Richtung Osten begeben.1 Daraufhin spannten sie zwei Pferde, die sie in einem Stall fanden, vor einen Karren und machten sich auf den Weg. Doch die Pferde waren von ihrem Besitzer nicht ohne Grund zurückgelassen worden. Nacheinander brachen die Pferde vor Erschöpfung zusammen. Zu Fuß irrte die Gruppe weiter durch den Winter. Ihre Hoffnungslosigkeit wurde immer größer. Schließlich trafen sie einen russischen Soldaten, der sie warnte, da sie genau auf die deutsche Frontlinie zugingen. So kehrten sie um und gingen wieder in die andere Richtung. Sie wurden immer schwächer, es schneite und war bitterkalt. Da erreichten sie eine Stadt, die von der Roten Armee besetzt war. Mittlerweile waren sie nur noch zu acht, da die anderen eine andere Richtung eingeschlagen hatten. Im Haus zweier deutscher Frauen stärkten sie sich und verbrachten die Nacht.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 478 – 496.

Am Morgen des 27. Januar kleideten sie sich neu ein, zogen aber die Häftlingskleidung darüber, da diese – neben der eintätowierten Nummer – ihr einziger „Ausweis“ war, der belegte, dass sie entkommene KZ-Häftlinge waren. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg zurück nach Polen. An diesem Tag tobte ein schwerer Schneesturm. Sie kamen über ehemalige Schlachtfelder, durch verlassene deutsche Dörfer und trafen immer wieder auf russische Soldaten, die sie unbehelligt passieren ließen. Dann überquerten sie die ehemalige Grenze und erreichten am Abend das erste polnische Dorf. Sie teilten sich in zwei Gruppen und jede Gruppe klopfte an einer anderen Tür. Gastfreundlich wurden sie aufgenommen und mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Als sich ihre Ankunft herumsprach, kamen die Nachbarn und wollten wissen, ob sie etwas von Verwandten oder Bekannten der Dorfbewohner wüssten, die ebenfalls in Lager verschleppt worden waren. Die Sorgen und die Anteilnahme der einfachen Dorfbewohner waren groß.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 496 – 505.

Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2013, 1:08:55 – 1:10:13

1 Abb. 1: Foto, Ilya Kopalin, 1942, https://archive.org/details/MoscowStrikesBack, CC0, Public Do-main, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39049548 (22.01.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 06.06.2020