Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 28

Von Budapest/Ungarn nach Graz/Österreich (3. August – Ende September 1945)

In Budapest vergrößerte sich die Gruppe von Mordechai. Zu seiner Plugat Lacherut aus Kielce stießen die Plugat Hatchija (deutsch „die Auferstehung“) und einige Einzelpersonen dazu. Dadurch verdoppelte sich die Gruppengröße auf ungefähr 50 Personen. Bevor sie Budapest verließen, wurden ihnen neue Papiere vom „Roten Kreuz“ ausgehändigt. Diesmal waren sie Italiener, die in ihre Heimat zurückkehrten. Aus Mordechai Papirblat wurde Mauricio Peperoni aus Belluno.

Am Morgen des 3. August 1945 bestiegen sie den Zug nach Szombathely, nahe der ungarisch-österreichischen Grenze. Ein Mann der Bricha begleitete die Gruppe bis Szombathely. Dort wurden sie von einem weiteren Mitarbeiter der Bricha mit Namen Schlomo in eine leerstehende Schule mit kaputten Fenstern geführt. Da sie am Abend nichts anderes vorhatten, gingen die jungen Leute in kleinen Gruppen in die Stadt. Es war Freitagabend, Mordechai und seine Gruppe trafen einen Juden, der von der Synagoge kam und sie zum Schabbat-Essen einlud. Sie verbrachten einen wunderschönen Abend miteinander. Andere hatten nicht so viel Glück, sie trafen auf orthodoxe Juden, von denen sie verächtlich ignoriert wurden, weil sie keine Kopfbedeckung trugen und damit nicht den jüdischen Vorschriften entsprachen. Am späten Abend trafen sich alle wieder im Schulgebäude und legten sich schlafen.
Wie unsicher die Nachkriegszeit war, wurde ihnen schlagartig bewusst, als in der Nacht plötzlich sowjetische Soldaten an der Türe der Schule klopften und forderten, dass man ihnen ein paar der jungen Frauen geben sollte. Schlomo lief sofort zum sowjetischen Offizier, den er kannte, und bat ihn um Hilfe. So ging die Angelegenheit noch einmal gut aus.
Am folgenden Tag fuhren sie mit dem Zug weiter in südliche Richtung nach Szentgotthard an der ungarisch-österreichischen Grenze. Auch dort wurden sie von einem Mitarbeiter der Bricha in Empfang genommen und zu einer Scheune außerhalb des Orts geleitet. In der Nacht war der heimliche Übertritt über die Grenze geplant. Ein ungarischer Schleuser würde sie führen. Da die Nacht kurz war und sie in der vorausgegangenen Nacht wegen der sowjetischen Soldaten kaum geschlafen hatten, richteten sich viele gleich das Nachtlager. Nathan und Mordechai beschlossen jedoch, in die nahe Stadt zu gehen. Gut gelaunt, schauten sich die beiden in der Stadt um. Als sie Durst bekamen, klopften sie an einer Tür und baten um Wasser. Eine Frau öffnete und sah ihnen an, dass sie sicher auch hungrig waren. So wurden sie von der freundlichen Frau gleich zum Essen eingeladen. Als sie wieder aufbrachen, war es bereits dunkel und sie fanden den Weg zur Scheune nicht mehr. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als sich in eine geschützte Ecke zu legen und hier zu schlafen. Als Nathan und Mordechai am nächsten Morgen erwachten und es wieder hell war, fanden sie zwar den Rückweg, doch die Scheune war leer. Alles, was sie vorfanden, war ein Zettel mit einer Nachricht an sie in hebräischer Sprache. Auf dem Papier befand sich die Adresse eines Grazer Hotels. Ihre Gruppe war bereits in der Nacht aufgebrochen, um unbemerkt die Grenze überqueren zu können.

Was sollten Mordechai und Nathan jetzt tun? Der Weg von Ungarn nach Graz war tückisch. Man musste zwei Grenzen überqueren, die beide von der sowjetischen Armee kontrolliert wurden. Zum Ersten die ungarisch-österreichische Grenze, die unmittelbar vor ihnen lag. Zum Zweiten die Grenze zwischen dem ebenfalls sowjetisch besetzten Burgenland und der britisch besetzten Steiermark. Ohne einen ortskundigen Führer hatten sie keine Chance. Da sie sich auf der Fluchtroute der Bricha befanden, beschlossen sie, in der Scheune auf die nächste Gruppe jüdischer Flüchtlinge zu warten, die – so hofften die beiden – bald kommen und ebenfalls hier übernachten würde. So geschah es auch. Nathan und Mordechai schlossen sich der nächsten Gruppe an und begaben sich mit ihr bei Nacht auf den Weg. Allerdings trafen sie auf eine sowjetische Patrouille. Der Schleuser machte sich sofort aus dem Staub und verschwand in der Nacht. Was sollten sie tun? Mit einer Flasche Wodka bestachen sie die Soldaten, die ihnen daraufhin den Fortgang des Wegs sagten. Doch stießen sie kurze Zeit später wieder auf eine sowjetische Patrouille. Diesmal mussten sie ihre Uhren hergeben. Auch diese Soldaten zeigten ihnen die Richtung, die sie gehen mussten. Als sie auf eine dritte Gruppe Soldaten trafen, schöpften sie Verdacht. Diesmal wollten die Soldaten eine junge Frau haben, die bei ihnen bleiben sollte. Die Gruppe ließ sich nicht darauf ein und drohte mit der Kommandantur. Das zeigte Wirkung. Offensichtlich handelte es sich um ein abgekartetes Spiel. Die Soldaten hatten gar kein Interesse daran, die flüchtenden Juden aufzuhalten oder festzunehmen. Sie wollten sie vielmehr ausplündern und sich an ihnen persönlich bereichern. Vielleicht steckte sogar der ungarische Schleuser mit ihnen unter einer Decke?

Trotz allem erreichten Nathan und Mordechai mit ihrer neuen Gruppe schließlich Jennersdorf im Burgenland (Österreich). In Österreich beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Immerhin befanden sie sich jetzt in dem Land, das dem Deutschen Reich beigetreten war und mit für den Holocaust verantwortlich war. In Jennersdorf trafen sie auf einen jungen Österreicher, der sympathisch lächelte. Er hieß Hermann und führte sie in der Nacht über die Hügel und durch den Wald bis Fehring in der Steiermark. Sie fragten sich, warum Hermann so viel riskierte. Wollte er die Schuld seines Volks gegenüber den Juden wieder gut machen? In Fehring (Steiermark), wo sie wohlbehalten ankamen, hatten sie zum ersten Mal das sowjetisch besetzte Gebiet verlassen. In der britisch besetzten Steiermark fühlten sie sich sicherer. Wenn sie sich mit den Briten verständigen konnten, die auch die Mandatsmacht über Palästina waren, war der Weg nach Erez Israel frei!

In Fehring bestiegen sie den Zug nach Graz.1 Kaum waren sie dort angekommen, fragten sich Mordechai und Nathan zu dem Hotel durch, dessen Adresse auf dem Zettel stand, den sie in der Scheune gefunden hatten. Die beiden waren erleichtert und glücklich, als sie im Hotel endlich wieder auf ihre Gruppe, die Plugat Lacherut, trafen, die am Tag zuvor eingetroffen war. Auch sie war auf die sowjetischen Patrouillen gestoßen und ausgeplündert worden.

Pinchas, ein Bricha-Mitarbeiter, führte sie am folgenden Tag aus dem Hotel in das Grazer Ursulinenkloster.2 Die Nonnen hatten das Kloster vor längerer Zeit verlassen müssen. Zunächst hatten sich dort Sowjetsoldaten einquartiert, dann haben die Briten das Kloster übernommen. In einem Teil des Gebäudes war die britische Kommandantur untergebracht und in einem anderen das Lager der britischen Soldaten. In einem dritten Teil des Klosters hatte das britische Rote Kreuz ein Lager für sog. Displaced Persons eingerichtet, also für ausländische Zivilisten, die ohne Wohnort waren (DP-Lager3).

Abbildung 1: Ursulinenkloster Graz; 1910/1920.

Mordechai und die anderen waren jetzt erst einmal in Graz angekommen, wo sie für eine gewisse Zeit bleiben sollten. Sie genossen die familiäre, freiheitliche Atmosphäre im Kloster. Hier erlebten sie sich als freie Menschen, die weder ihre jüdische Identität verbergen mussten noch, dass sie auf dem Weg nach Erez Israel waren. Das war den britischen Soldaten bekannt.
Sie verbrachten die Zeit im DP-Lager mit Turnübungen im Hof, sangen Lieder, tanzten und unternahmen Ausflüge in die Stadt sowie in die nähere Umgebung. Immer wieder verdienten sie sich etwas Geld, indem sie bei der Kartoffel- und Apfelernte halfen oder im Wald Holz für die Soldaten sammelten. Während Mordechai und seine Gruppe in Graz waren, trafen weitere Gruppen (Plugot) jüdischer Auswanderer ein. Der einzige Nachteil war, dass das Essen im Lager knapp und darum streng rationiert war. Trotz der regelmäßigen Mahlzeiten hatten Mordechai und die Anderen Hunger. Da sie sich im Land ihrer ehemaligen Peiniger befanden, meinten sie, dass sie etwas betrügen könnten. So besorgte sich Mordechai einen Radiergummi, aus dem er mit Hilfe eines Rasiermessers einen Stempel für Lebensmittelmarken anfertigte. Für solche Marken erhielt die Grazer Bevölkerung Lebensmittel. Zudem dienten sie als „Währung“ auf dem Schwarzmarkt. Der Betrug funktionierte und sie hatten von nun an keinen Hunger mehr.

Zum ganzen Kapitel:
Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch).
Juliane Wetzel, Jüdische Displaced Persons – Holocaustüberlebende zwischen Flucht und Neubeginn, in: Deutschland Archiv, 06.09.2017; https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/255388/juedische-displaced-persons (12.06.2020).
Ohne Autor, Escape from Europe – the "Bericha", Yad Vashem Educational Materials, ohne Jahr; https://www.yadvashem.org/education/educational-materials/learning-environment/bericha.html (05.02.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Bricha (01.02.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/DP-Lager (05.01.2020).

1Vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_von_Graz#Zeit_des_Nationalsozialismus (02.05.2020).
2Abb. 1: Postkarte Ursulinenkloster Graz: Karl Glantschnigg (Graz, Verlag), 1910-1920, Postkartensammlung GrazMuseum Online, Inv.nr. ASK05_05897, CC BY-SA 3.0 AT; https://gams.uni-graz.at/o:gm.5897 (05.01.2020). Auf der Rückseite des Klostergebäudes befindet sich ein Park.
3Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/DP-Lager (05.01.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 11.07.2020