Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 29

Von Graz/Österreich nach Reggio Emilia/Italien (Ende September – Ende Oktober 1945)

Im September 1945 begannen die Nächte kühler zu werden und die Mitglieder der Gruppe stellten sich die Frage, wie es weitergehen sollte. Sollten sie warten, bis die Bricha den Weg nach Italien freigab oder sollten sie auf eigene Faust gehen, solange das Wetter noch gut war? Die Gruppe war sich einig. Sie wollten ihre Zeit nicht vergeblich in Graz verbringen. Was sollten sie hier? Jemand hatte ihnen von einer Gruppe erzählt, die von Süditalien aus in See gestochen war – ihr Ziel: Erez Israel! Dorthin wollten sie auch. Sie hatten genug vom Leben im DP-Lager1. Allerdings sprachen sie mit niemandem über ihre Absicht, um nicht daran gehindert zu werden. Ihr Vorhaben war schon schwer genug. Sie hatten gehört, dass die 53 km zwischen Villach/Österreich und Tarvis/Italien in den Ostalpen schwer zu passieren waren, da nur Angehörige des Militärs, der Polizei und Personen mit Sondergenehmigung den Weg nutzen durften. Erst recht war es für eine große Gruppe unmöglich, zu Fuß über die Grenze zu gelangen. Doch sie wollten es trotzdem wagen!

An einem frühen Morgen Ende September verließen sie mit dem ersten Morgenlicht heimlich das DP-Lager im ehemaligen Kloster, gingen zum Bahnhof und nahmen den Zug nach Norden bis Bruck. Von dort fuhren sie mit dem Zug bis Villach, wo sie am Abend eintrafen. Der Bahnhof war leer. Sie teilten Wachen ein und schliefen im Wartesaal.
Am nächsten Morgen bemerkten sie, dass ein Güterzug in den Bahnhof einfuhr. In den Waggons befanden sich ehemalige italienische Kriegsgefangene, die auf dem Rückweg in ihre Heimat waren. Durch Bestechung einiger Bahnmitarbeiter fanden Mordechai und die Anderen Platz in den Waggons. Die Italiener nahmen die Juden als Leidensgenossen auf und teilten sogar ihr Essen und Trinken mit ihnen. Langsam fuhr der Zug los. Unterwegs blieb der Zug jedoch immer wieder stehen. Würde der Zug kontrolliert und die illegalen Flüchtlinge entdeckt werden? Sie mussten sich kurz vor der Grenze befinden. Ohne Komplikationen ging die stockende Fahrt weiter und weiter. Auf einmal wurde es laut im Zug: Als sie die italienische Grenze überquert hatten, waren die Italiener überglücklich. Viele weinten vor Freude und Dankbarkeit, dass sie wieder Zuhause waren. Mordechai und die anderen Juden freuten sich mit den Italienern, doch gleichzeitig überkam sie ein eigenartiges Gefühl; sie waren neidisch auf die Italiener und fragten sich, wann sie wohl „ihr“ Land erreichen würden?
Langsam ging die Fahrt weiter. Doch dann blieb der Zug mitten auf der Strecke endgültig stehen. Eine im Krieg gesprengte Brücke machte das Weiterkommen unmöglich. Sie war noch nicht wiederaufgebaut. Da es kein Weiterkommen gab, mussten alle aussteigen. Die italienischen Rückkehrer knieten nieder und küssten den Heimatboden. Auf Militärlastern ging die Fahrt nach Udine. Dort mussten sie in einem DP-Lager der UNRRA2 aussteigen. Weil sie sich unter die italienischen Heimkehrer gemischt hatten, waren sie bisher nicht kontrolliert worden.

Die jungen Erwachsenen aus Mordechais Gruppe waren jetzt zwar in Italien angekommen, wussten aber nicht, wie es weitergehen würde. Da gab sich ihnen ein Mann als Mitarbeiter der Bricha zu erkennen, der im Lager nach jüdischen Flüchtlingen Ausschau hielt, um ihnen weiterzuhelfen. Er empfahl ihnen, sich hier im Lager erst einmal zu stärken und etwas zu essen. Dann sollten sie jedoch weiter in das DP-Lager in Padua gehen, da dort die Bedingungen besser seien und es mehr Essen gebe. Er werde die Nachricht über ihre Ankunft weitergeben.
Nach einiger Zeit wurden sie mit Lastwagen nach Padua gebracht, wo sie – wie versprochen – von einem Bricha-Mitarbeiter empfangen wurden, der sie bei den weiteren Schritten unterstützte. Zunächst wurden ihre Personalien im DP-Lager aufgenommen, dann erhielt jeder eine Decke und Essen. Das Lager in Padua war ein großes internationales DP-Lager der UNRRA. Leichter als gedacht, waren sie nun in Italien angekommen. Sie beschlossen, als Gruppe zusammenzubleiben. Der gemeinsame Weg und die gemeinsamen Erfahrungen bis hierher hatten sie zusammengeschweißt. Sie wollten sich auch nicht mit anderen Gruppen vermischen. Vielmehr wollten sie gemeinsam weitergehen – und sie wollten keine Zeit mehr verlieren.

Abbildung 1: Von Padua nach Mailand; 24.10.1945.

Das DP-Lager war von einer Mauer umgeben und besaß nur ein Tor, das von bewaffneten italienischen Wachtposten gesichert war. Wer hinaus oder hinein wollte, wurde kontrolliert. Wie konnten sie unbemerkt nach außen gelangen?
Am 23. Oktober 1945 warfen sie ihre wenigen Habseligkeiten über die Mauer und versuchten in kleinen Gruppen das Lager zu verlassen, so als wollten sie einen Spaziergang machen. Ihr Fluchtversuch flog jedoch auf, bedeutete aber nicht, dass sie nicht gehen konnten. Sie mussten lediglich ein paar Dinge, die dem Lager gehörten, zurücklassen, wurden von der Liste gestrichen und konnten gehen.
Sie verbrachten die Nacht in der Synagoge und nahmen am 24. Oktober 1945 den Zug frühmorgens nach Mailand.3 In Mailand begaben sie sich in das Zentrum für die Diasporajuden (Merkaz Hagolah), wo jüdischen Flüchtlingen geholfen wurde. Sie verbrachten dort eine kurze Zeit, bis man ihnen mitteilte, sie sollten zur Hachschara nach Reggio Emilia gehen. Das taten sie!

Mit einem Güterzug fuhr die Gruppe Ende Oktober 1945 von Mailand nach Reggio Emilia. Vor der Morgendämmerung lief der Zug im Bahnhof ein. Zu Fuß gingen Mordechai und die anderen die 4 km vom Bahnhof bis zur Niederlassung der Hachschara. Hoffnungsvoll durchschritten sie am Morgen das Tor. Dabei kam ihnen eine Gruppe junger Frauen und Männer entgegen, die nach Bari in Süditalien aufbrach. Dort würde ihr Schiff nach Erez Israel ablegen. Mordechais Herz schlug höher. Von Reggio Emilia aus schien es nur noch ein kurzer Weg zum Ziel zu sein!

Hinter den jungen Leuten der Plugat Lacherut lag ein langer Weg durch halb Europa. In Kielce waren sie eine Gruppe von 27 Personen. Jede und jeder war heimatlos und mittellos, ohne Perspektive für das Leben nach dem Krieg und dem Holocaust. Kurz vor dem Aufbruch am 4. Juli 1945 waren zwei von ihnen bei einem Pogrom ermordet worden. Über die Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich waren sie vier Monate lang mit gefälschten Papieren unterwegs gewesen bis nach Italien. Die Bricha hatte sie sicher geführt und mit dem ausgerüstet, was sie gebraucht hatten. Drei junge Frauen hatten sich unterwegs von der Gruppe getrennt, sodass sie noch 22 Personen waren, die Ende Oktober 1945 in Reggio Emilia eintrafen. Doch auch dieser Ort sollte nur eine Zwischenstation sein. Ihr Ziel war Erez Israel. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten sie nur noch das Mittelmeer überqueren! Mordechai war sich sicher, dass die Mitarbeiter der Bricha auch das möglich machen würden.

Zum ganzen Kapitel:
Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch).
Juliane Wetzel, Jüdische Displaced Persons – Holocaustüberlebende zwischen Flucht und Neubeginn, in: Deutschland Archiv, 06.09.2017; https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/255388/juedische-displaced-persons (12.06.2020).
Ohne Autor, DP Camps and Hachsharot in Italy after the War, Yad Vashem Exhibitions, ohne Jahr; https://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/dp_camps_italy/index.asp (02.05.2020).
Ohne Autor, Escape from Europe – the "Bericha", Yad Vashem Educational Materials, ohne Jahr; https://www.yadvashem.org/education/educational-materials/learning-environment/bericha.html (05.02.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Bricha (01.02.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/DP-Lager (05.01.2020).

1Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/DP-Lager (05.01.2020).
2Die UNRRA (englisch „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“; deutsch „Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung“) war eine Hilfsorganisation, die 1943 von einigen Ländern gegründet worden war und nach Kriegsende von den Vereinten Nationen geleitet wurde. Sie betrieb zwischen 1943 und 1947 weltweit Lager für ausländische Zivilisten, die ohne Wohnsitz waren; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/United_Nations_Relief_and_Rehabilitation_Administration (02.05.2020).
3Abb. 1: Josef Zwi Halperin (?), aus: Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996, Bild Nr. 38, ohne Seitenzahl (Hebräisch); Scan bearbeitet von Timo Roller, 2020.

Autor: Thorsten Trautwein, 11.07.2020