Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 33. Überfahrt auf der „Enzo Sereni“ – Festnahme (7. – 17. Januar 1946)

33.1 Die Enzo Sereni liegt im Hafen von Vado Ligure

33.2 Die Überfahrt

33.3 Festnahme durch die Briten (16. Januar 1946)

33.4 Landung in Haifa (17. Januar 1946)

Die Enzo Sereni liegt im Hafen von Vado Ligure

Am frühen Nachmittag des 7. Januar 1946 wiederholte sich der Vorgang (siehe Kap. 32): In unterschiedlichen Niederlassungen in Norditalien stiegen Hunderte jüdische Flüchtlinge in LKWs und fuhren los. Ihr Ziel war diesmal jedoch nicht der Hafen von Savona, den das Schiff als Vorsichtsmaßnahme verlassen hatte. Im Dunkeln war das Schiff bis Vado Ligure gefahren, wo es einen kleinen Fischereipier gab.
Mordechais Gruppe kam dort gegen 22 Uhr an. Am Kai wurden sie von Jehuda Arazi, dem Chef des Mossad in Italien, und von seiner Mitarbeiterin Ada Sereni erwartet. Ada Sereni war eine wichtige Mitarbeiterin des Mossad, der die illegale Überfahrt der jüdischen Einwanderer (Ma’apilim) aus Italien organisierte. Sie hatte auch den Kauf der Rondine sehr unterstützt. Ada Sereni war die Witwe von Enzo Sereni, dessen Namen das Schiff bei dieser Überfahrt trug (siehe Kap. 32). Später löste sie Jehuda Arazi als Leiterin des Mossad in Italien ab.
Geleitet und begleitet wurde die Überfahrt von drei Mitgliedern des Palyam1. Diese drei waren: Gad Lasker, der Kommandant des Schiffs, Gideon Etzion, der Funker, und Zalman Perach2. Der Kapitän hieß Mezzano und war ein etwa 60-jähriger Italiener, ein Christ.

Rasch gingen Mordechai und die anderen an Bord. Was sie sahen, stimmte sie alles andere als zuversichtlich. Unter normalen Bedingungen hätte das Schiff Platz für 150 Personen. Umgebaut worden war es für erwartete 750 Passagiere, doch sie waren 908! Die „Kojen“ in den Laderäumen des Schiffs waren mehrere Hängematten übereinander, die allerdings durchhingen, sodass die Person, die eigentlich über einem lag, immer wieder auf einem lag. Zudem gab es nicht genügend Hängematten, da man mit weniger Passagieren gerechnet hatte. Zwischen den Reihen waren Gänge, die nur 40 cm schmal waren. Ganz zu schweigen von den unzureichenden sanitären Einrichtungen. Das Schiff war überfüllt und hoffnungslos überladen. Trotzdem mussten sich die Passagiere unter Deck aufhalten, da sie nicht entdeckt werden durften und angeblich ein panamaisches Schiff waren, das Hühner transportierte.
Was die Passagiere zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, war die Tatsache, dass nicht genügend Lebensmittel an Bord waren. Noch nie zuvor hatte die Palyam so viele Menschen auf einem Schiff von vergleichbarer Größe an Bord genommen. Jehuda Arazi bestand jedoch darauf, dass jede und jeder mitgenommen werden musste, da die britische Militärpolizei von der illegalen Ausreise Wind bekommen hatte und hinter ihnen her war. Zu allem Überfluss war ein Navigationsgerät defekt. Die gültige Ausfahrtgenehmigung erhielten sie durch Bestechung.

Die Ma’apilim (illegale Einwanderer nach Erez Israel) waren junge und ältere jüdische Überlebende aus ganz Europa. Sie hatten Lager überlebt, sich irgendwo versteckt halten können oder als Partisanen gekämpft. Unter den Passagieren war auch eine Gruppe der so genannten „Kinder von Salvino“. In dem Dorf Salvino in den italienischen Alpen hatten die Faschisten ein großes Erholungsheim für Kinder gebaut. Nach dem Krieg hatten Mitglieder einer jüdischen Einheit der britischen Armee in diesem Gebäude eine spezielle Einrichtung für jüdische Kinder geschaffen, die durch den Holocaust zu Waisen geworden waren. Die Kinder waren aus Ghettos und Konzentrationslagern befreit worden und konnten sich in dem Erholungsheim in den Alpen körperlich und psychisch erholen. Geführt wurde die Einrichtung von jüdischen Soldaten der britischen Armee. Die Einrichtung gehörte zur Bricha. So wurden die Kinder auch auf das Leben in Erez Israel vorbereitet. Ohne die finanzielle Unterstützung auch von zahlreichen christlichen Italienern hätte die Arbeit nicht in dieser Weise durchgeführt werden können.

Zum ganzen Kapitel:
Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch).
Zalman Perach, This is the Way it Was, gesammelt und niedergeschrieben von Dita Perach, ohne Jahr, vgl. http://www.palyam.org/English/IS/Perach_Zalman.pdf (13.06.2020).
The Voyage of the „Enzo Sereni“, zusammengestellt von Tzvi Ben Tzur, ohne Jahr, vgl. http://www.palyam.org/English/Hahapala/hf/hf_Ancho.pdf (13.06.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Enzo_Sereni (13.06.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Alija-Bet-Fl%C3%BCchtlingsschiffe (13.06.2020).
https://nl.wikipedia.org/wiki/Enzo_Sereni_(schip,_1945) (13.06.2020).

1Der Palyam war die Marineeinheit des Palmach; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Palyam (13.06.2020); http://www.palyam.org/indexEn.php (13.06.2020); https://de.wikipedia.org/wiki/Palmach (14.06.2020).
2Von ihm stammen Informationen zur Überfahrt: Zalman Perach, This is the Way it Was, gesammelt und niedergeschrieben von Dita Perach, ohne Jahr, S. 2-4, vgl. http://www.palyam.org/English/IS/Perach_Zalman.pdf (13.06.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 07.08.2020