Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 34

Haft im Internierungslager Atlit (17. Januar – 28. Januar 1946)

Das Internierungslager der britischen Mandatsregierung in Palästina lag in Atlit1 20 km südlich von Haifa, nicht weit entfernt vom Mittelmeer. Die Briten hatten es Ende der 1930er Jahre errichtet, als sie ein jährliches Kontingent für die jüdische Einwanderung festgelegt hatten (siehe Kap. 31.2; sog. Weißbuch). Sobald das Kontingent erreicht war, galten alle weiteren Einwanderer als illegal.
Das Gelände, auf dem sich die Holzbaracken befanden, war mit einem Stacheldrahtzaun umgeben und mit Wachttürmen geschützt. Wer neu im Lager ankam, wurde mit Fingerabdruck registriert, musste duschen und wurde desinfiziert. Für Männer und Frauen gab es getrennte Baracken, in denen je 30 Personen Platz fanden.2 Mit dem Einbruch der Dunkelheit wurden die Häftlinge gezählt, dann wurde das Lager verschlossen.

Abbildung 1: Internierungslager Atlit.

Auch die Männer, Frauen und Kinder, die mit der Enzo Sereni gekommen waren, gehörten zur Kategorie der illegalen Einwanderer und wurden nach Atlit gebracht. Nach der üblichen Aufnahmeprozedur wurden sie in vier Lagerbereiche verteilt, Männer und Frauen getrennt. Da die Briten mit 300 Personen gerechnet hatten, reichte das Essen hinten und vorne nicht. Das Einwanderungsbüro der Jewish Agency stellte zusätzliches Essen zur Verfügung, sodass schließlich alle genug bekamen. Für Mordechai und die anderen Passagiere der Enzo Sereni war es die erste sättigende Mahlzeit seit zehn Tagen und die erste auf dem Boden von Erez Israel! In der Nacht hörten sie das Rauschen der Wellen. Die Brandung des Meeres war neu für Mordechai und für viele andere. Sie fühlten sich wohl in den Betten, die deutlich bequemer waren als die Hängematten an Bord. So schliefen sie am nächsten Morgen erst einmal aus. Nach dem Waschen fühlten sie sich trotz der Gefangenschaft gut und waren gespannt auf den neuen Tag im neuen Land.

Abbildung 2: Innenansicht einer Holzbaracke, Atlit; 2019.

Während des Tages durften die Häftlinge der vier Lagerteile zueinander. Die Mitglieder der Plugat Lacherut aus Kielce trafen sich immer wieder. Sie blieben zusammen, sangen und tanzten bereits am Morgen.3 Weder der ungewisse Ausgang ihrer Haft noch der Stacheldrahtzaun schreckten sie. Da es keinen Speisesaal gab, nahmen die Internierten die Mahlzeiten in den Baracken ein. Manche Häftlinge aßen in mehreren Baracken, um ihren Hunger zu stillen. Der Arbeiterrat und die Gewerkschaft schickten Zitrusfrüchte und einmal sogar Schokolade ins Lager. Auch erhielten sie Glückwunschkarten von der Organisation arbeitender Mütter. Diese Fürsorge tat ihnen gut und sie wussten, dass es außerhalb des Lagers Menschen gab, die an sie dachten und sich für sie einsetzten.

Abbildung 3: Tanz in Atlit; der gelbe Pfeil zeigt Mordechai Papirblat; 1946.

Die Information über die Ankunft der Enzo Sereni und über die Inhaftierung der Passagiere des Schiffs erreichte schnell die Zeitungen. Die Zeitung Jedi‘ot Acharonot berichtete bereits in ihrer Abendausgabe am Donnerstag, 17. Januar von der Ankunft des Schiffs mit ca. 300 illegalen Einwanderern. Die übrigen Zeitungen brachten die Nachricht nach dem Wochenende. Als die Zeitung der Jewish Agency am 21. Januar schließlich die Namen mit Alter und Herkunftsland der Passagiere veröffentlichte, kamen Vertreter der Kibbuzbewegung, der Jugendbewegung und von Parteien ans Lagertor, ebenso Familienangehörige und Verwandte. Der Zutritt ins Lager war ihnen allen jedoch verboten. Je mehr das öffentliche Interesse zunahm, desto mehr spitzte sich die Lage zu. Ein offizieller jüdischer Vertreter versprach, dass sie sich um reguläre Einreisepapiere für die Internierten bemühten.

Wie bekannt wurde, war das Kontingent an Einreisegenehmigungen für 1946 bereits seit Dezember 1945 erschöpft! Am 28. Januar 1946 brachte die Mandatsregierung jedoch eine neue Verordnung für Notfälle heraus. Bis das Problem der Einwanderung gelöst wäre, würden 1.500 Einreisegenehmigungen pro Monat erteilt. Das war zwar auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, doch die Passagiere der Enzo Sereni profitierten davon und erhielten kurz darauf ihre Einwanderungsausweise zugeteilt und waren damit rechtmäßige Bürger des Landes! Der Jubel war groß. Anfang Mai 1945 waren Nathan und Mordechai nach Kielce gekommen, um nach Erez Israel auszuwandern. Seither waren sie als illegale Flüchtlinge durch halb Europa gezogen, um dann schließlich mit einem Schiff illegaler Einwanderer das Mittelmeer zu überqueren. Knapp neun Monate später hatten sie nun die Illegalität hinter sich und eine neue Heimat gefunden. Mordechai Papirblat war jetzt „Palästinenser“, wie er später sagte!

Das weitere Schicksal der Rondine bzw. Enzo Sereni
Möglicherweise wurde die Freiheit der Passagiere der Enzo Sereni dadurch begünstigt, dass die Briten das Schiff unrechtmäßig in internationalen Gewässern aufgebracht hatten. Jedenfalls hatte diese Geschichte eine Fortsetzung mit zwei Prozessen. Zum einen klagten die Briten gegen den Kapitän der Enzo Sereni, weil er illegale Einwanderer ins Land geschmuggelt haben sollte. Er wurde jedoch freigesprochen, weil das Schiff von den Briten in internationalen Gewässern aufgebracht worden war, wie er mit dem Schreiben belegen konnte, das der britische Offizier unterschrieben hatte (siehe Kap. 33.3). So war die britische Marine der internationalen Gesetzesübertretung und der Piraterie schuldig! Sie hatte die Enzo Sereni unrechtmäßig gefangen gesetzt. Trotz dieses Urteils blieben der Kapitän vorerst in Haft und das Schiff konfisziert.
Einen zweiten Prozess führte der Mossad über den rechtmäßigen Eigentümer des Schiffs gegen die britische Mandatsregierung, da die Briten die Enzo Sereni in internationalen Gewässern aufgebracht, das Schiff konfisziert und die Mannschaft sowie die Passagiere gefangen genommen hatten. Alles ohne Rechtsgrundlage! Nach einem langen Rechtsstreit wurde das Schiff eineinhalb Jahre später seinem Eigentümer übergeben und konnte im Juni 1947 zurück nach Italien fahren. An Bord waren wieder Mitglieder des Palyam.
1948 unternahm das Schiff drei weitere Fahrten: Am 28. Februar unter dem Namen „Bonim WeLochamim“ (deutsch „Erbauer und Kämpfer“) eine Fahrt mit illegalen Einwanderern. Diesmal stach das Schiff in Jugoslawien in See und hatte sogar 1002 überwiegend bulgarische Ma‘apilim (illegale jüdische Einwanderer) an Bord. Das Schiff wurde jedoch von den Briten aufgebracht und die Passagiere in Zypern interniert. Zwei weitere Fahrten erfolgten nach der Staatsgründung Israels mit jüdischen Freiwilligen für die israelische Armee. Ende 1948 wurde das Schiff in Italien verkauft.

Zur Rondine/Enzo Sereni siehe Kapitel 32 und 33. Zur Skulptur der Enzo Sereni siehe Kapitel 36.5. Ferner Una Rondine fa Primavera. Un Legno Arenzanese verso La Terra Promessa, testi a cura di: L. Giacchero, premessa e conclusione di: Pier Nicolò Como, 2013. Come Rondine al Nido. A bordo della nave Rondine, testimonianze e documenti a cura di: L. Giacchero, presentazione di: Pier Nicolò Como, 2016. The Voyage of the „Enzo Sereni“, zusammengestellt von Tzvi Ben Tzur, ohne Jahr, vgl. http://www.palyam.org/English/Hahapala/hf/hf_Ancho.pdf (20.06.2020). The Voyage of „Bonim VeLochamim“, zusammengestellt von Tzvi Ben Tzur, ohne Jahr, vgl. http://www.palyam.org/English/Hahapala/hf/hf_Bonim.pdf (20.06.2020). https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Alija-Bet-Fl%C3%BCchtlingsschiffe (20.06.2020).

Zum ganzen Kapitel:
Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch).
https://en.wikipedia.org/wiki/Atlit_detainee_camp (20.06.2020).
https://web.archive.org/web/20071005181736/http:/www.shimur.org/english/article.php?id=27 (20.06.2020).
https://web.archive.org/web/20071006064334/http:/www.shimur.org/english/article.php?id=10 (20.06.2020).

1Abb. 1: Unbekannter Autor, zwischen 1939 und 1948, The Atlit Illegal Detention Camp Site via the PikiWiki - Israel free image collection project, Public Domain, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/20/PikiWiki_Israel_7784_Illegal_immigrants_camp._Atlit.jpg?uselang=de (20.06.2020).
2Abb. 2: Foto, Timo Roller, 2019.
3Abb. 3: Unbekannter Autor, zwischen 1939 und 1948, illegale Einwanderer in Atlit via the PikiWiki – Israel free image collection project, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PikiWiki_Israel_7780_Illegal_immigrants_camp._Atlit.jpg (20.06.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 04.08.2020