Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 37

Neuanfang in Tel Aviv (2. Februar 1947)

Als Gründungstag von Tel Aviv gilt der 11. April 1909. An diesem Tag verließen 66 Familien die Enge der überwiegend arabisch geprägten Hafenstadt Jaffa. Von Beduinen war Land in den Sanddünen nördlich von Jaffa gekauft worden. Das Land wurde in 60 Parzellen aufgeteilt. Diese 60 Grundstücke wurden per Losentscheid verteilt. Dazu wurden einmal die Nummern der 60 Parzellen auf Muscheln und die Namen der Familien auf 60 weitere Muscheln geschrieben. Dann zogen ein Junge und ein Mädchen jeweils eine Muschel mit einem Namen und eine Muschel mit einer Parzellennummer. Entsprechend erhielten die Familien ihre Parzelle zugewiesen.1
Wo sich einst Sanddünen befanden, wurden Häuser und Straßen gebaut. Im folgenden Jahr, 1910, vereinigte sich diese Siedlung mit anderen jüdischen Niederlassungen, die in der Nähe bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts bestanden. Die gemeinsame Stadt erhielt den Namen „Tel Aviv“. Der Name war in Anlehnung an die hebräische Übersetzung des Romans „Altneuland“ von Theodor Herzl gewählt. „Tel“ bezeichnet einen antiken Siedlungshügel und steht für „alt“, wohingegen „Aviv“ auf Deutsch „Frühling“ heißt und für „neu“ steht. Der Name sollte den Zusammenhang der jüdischen Neueinwanderer mit dem historischen Erez Israel verdeutlichen.

Abbildung 1: Gründung Tel Avivs. Erste Verlosung der Parzellen; 1909.

Zwar stand das Land unter osmanischer Herrschaft, doch wurde die neue Stadt großzügig und modern als unabhängige jüdische Stadt geplant. Sie hatte breite Straßen, fließendes Wasser für jedes Haus und sogar eine elektrische Straßenbeleuchtung. Tel Aviv entwickelte sich und hatte 1914 bereits eine Fläche von mehr als einem Quadratkilometer; ein Jahr später wurden 2.679 Einwohner gezählt. Tel Aviv zog jüdische Einwanderer aus ganz Europa an. Neben einer dynamischen Wirtschaft hatte die Stadt Kinos, Theater, eine Oper, Bildungseinrichtungen, Cafés und vieles mehr. Das städtische Leben pulsierte. 1921 lockerten die Briten die Verbindung zwischen dem arabischen Jaffa und dem jüdischen Tel Aviv als Reaktion auf arabisch-jüdische Auseinandersetzungen in Jaffa, die auch dazu führten, dass viele Juden von Jaffa nach Tel Aviv umzogen. Vollständig unabhängig wurde Tel Aviv 1934.

Tel Aviv entwickelte sich zum Zentrum der jüdischen Einwanderung, wodurch die Stadt schnell wuchs. Architekten des Bauhauses prägten die sog. Weiße Stadt. 1931 hatte die Stadt 46.000 Einwohner, 1938 waren bereits über 150.000 Einwohner.2 Die nationalsozialistische Ausgrenzung und Entrechtung von Juden verstärkte die Auswanderung nach Palästina. Und die Mehrheit von ihnen zog nach Tel Aviv. Über ein Drittel aller Juden Palästinas wohnten 1938 in der Stadt am Mittelmeer. Am 9. September 1940 bombardierten italienische Flugzeuge Tel Aviv. Es kam zu großen Schäden und 137 Menschen starben. Doch die Stadt wuchs und wuchs. 1947 hatte sie 230.000 Einwohner, die überwiegend einen europäischen Hintergrund hatten. Tel Aviv war eine quirlige Stadt mit einem reichen kulturellen Leben.

Abbildung 2: Mugrabi-Platz mit der Oper, Tel Aviv; 1934.

Am späten Nachmittag des 2. Februar 1947 erreichte Mordechai Papirblat Tel Aviv, die junge und dynamische Stadt am Mittelmeer. Hier sollte sein neues Leben beginnen. Zuversichtlich verließ er den Bus und machte sich entschlossenen Schritts auf den Weg zu seiner neuen Unterkunft. Am nächsten Tag würde er sich bei seinem neuen Chef melden. Bei seinem letzten Besuch in Tel Aviv hatte er mit der Hilfe des Bekannten seiner Eltern alles gut vorbereitet. Mordechai war glücklich und zufrieden. Sein neues Leben konnte beginnen! Mordechais neuer Chef war bereits in den 1920er Jahren nach Palästina gekommen und galt damit bereits als „Eingesessener“. Er schickte Mordechai, wie verabredet, auf eine seiner Baustellen, wo gerade ein neues dreistöckiges Haus gebaut wurde. Mordechai musste mit einem Schubkarren Ziegel, Zement und Sand hin und her fahren. Hier ging Mordechai die schwere, körperliche Arbeit jedoch motiviert an, weil er wusste, dass sie für ihn der Einstieg in ein neues Leben war. Zudem war es im Februar/März in Tel Aviv noch nicht so feucht und heiß wie während der langen Sommermonate. Jeden Abend erhielt Mordechai seinen Tageslohn. Anschließend begab er sich auf die Suche nach einer neuen, dauerhaften Beschäftigung, die er schließlich im März fand.

Zum ganzen Kapitel:
https://www.israelmagazin.de/israel-orte/tel-aviv-telaviv (05.07.2020)
https://de.wikipedia.org/wiki/Tel_Aviv-Jaffa (05.07.2020).
https://en.wikipedia.org/wiki/Tel_Aviv (05.07.2020).

1Abb. 1: Avraham Soskin, 1909, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:TelAviv-Founding.jpg (05.07.2020).
2Abb. 2: Zoltan Kluger, 30.03.1934, National Photo Collection of Israel, Photography dept. Goverment Press Office, digital ID D403-052, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:MUGRABI_SQUARE_IN_TEL_AVIV._%D7%9B%D7%99%D7%9B%D7%A8_%D7%9E%D7%95%D7%92%D7%A8%D7%91%D7%99_%D7%91%D7%AA%D7%9C_%D7%90%D7%91%D7%99%D7%91.D403-052.jpg (04.08.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 04.08.2020