Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 38

Mordechai Papirblat kommt zur Zeitung!

Mordechai wurde fündig! Bei der Zeitung Haboker (deutsch „Der Morgen“)1 konnte er eine Lehre als Schriftsetzer beginnen. Mit seinem Chef vereinbarte er, dass er zunächst sechs Monate lang als Lehrling arbeitete, dann würde man weitersehen. Sein Lohn waren 14½ Lira. Mordechai wurde einem portugiesischen Juden mit Namen Salvator zugeteilt, der ihm zeigte, wie man Buchstaben aus Blei gießt und einen Drucksatz erstellt. Man musste sehr genau arbeiten, vor allem die Rechtschreibung musste stimmen. Gleichzeitig musste man schnell arbeiten, da die Seiten zügig in den Druck gingen.
Nach zwei bis drei Monaten kam der Chef an seinen Arbeitsplatz, beobachtete ihn bei der Arbeit und lobte ihn dann: „Mordechai, du arbeitest gut und schnell!“ Mordechai war stolz über dieses Lob, denn es sagte ihm, dass er endlich bei der Zeitung angekommen war! Seit seiner Kindheit hat er alles gelesen, was er in die Finger bekam. Er liebte Zeitungen. Schon als Jugendlicher hatte er sich von seinem wenigen Geld alte Zeitungen im Gemüseladen in Warschau gekauft oder sie auf den Straßen des Warschauer Ghettos aufgelesen. Bereits der Vater seines Großvaters Pinchas Papirblat soll Journalist gewesen sein. Ein Mann mit Stift und einem Blatt Papier, mit einem Papierblatt – ein Papirblat!

Die Arbeit als Schriftsetzer gefiel Mordechai gut. Nur mit seinem Lohn, der gerade für das Nötigste reichte, war er unzufrieden. So suchte er einen anderen Arbeitgeber, der bereit war, ihm mehr zu bezahlen. Bei der größeren Zeitung Jedi’ot Acharonot war er erfolgreich. Man war dort bereit, ihm das Doppelte zu bezahlen: 30 Lira! Als Mordechai seinem Chef die Kündigung mitteilte, versuchte dieser ihn zu halten und war bereit, ihm 16 Lira zu bezahlen.

Am 1. Januar 1948 begann Mordechai bei der Tageszeitung Jedi’ot Acharonot (deutsch „Neueste Nachrichten“).2 Auch hier bereitete ihm die Arbeit große Freude. Mordechai wusste bereits heute, was morgen in der Zeitung stand. Aufgrund seiner Arbeit war er immer gut informiert und erfuhr jeden Tag Neues. Er saß an der Quelle!

Seit Mordechai in Tel Aviv war, schien es kontinuierlich bergauf zu gehen! Doch wieder einmal waren es die größeren politischen Ereignisse, die Auswirkungen auf sein Leben hatten.

1https://de.wikipedia.org/wiki/HaBoker (11.08.2019). Haboker war 1935 gegründet worden. Die Zeitung erschien in hebräischer Sprache und hatte eine zionistische Prägung. Sie stand der Liberalen Partei nahe. Aus wirtschaftlichen Gründen ging Haboker 1965 mit der Zeitung Herut zusammen; vgl. https://www.jta.org/1965/12/02/archive/haboker-israel-daily-newspaper-closes-may-merge-with-herut-organ (11.08.2019).
2Jedi’ot Acharonot wurde am 11. Dezember 1939 als eine der ersten privaten jüdischen Zeitungen Palästinas gegründet. Sie galt politisch als gemäßigt konservativ. In den 1970er Jahren wurde sie zur auflagenstärksten und meistgelesenen Tageszeitung Israels. Diese Position behielt sie bis 2010; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Jedi%E2%80%99ot_Acharonot (19.08.2019).

Autor: Thorsten Trautwein, 04.08.2020