Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 43

Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte

Mordechai war es gelungen, trotz vielfältiger Herausforderungen, ein neues Leben zu beginnen. Und doch blieb sein altes Leben ein fester Bestandteil seines neuen Lebens. Er wurde es nicht los, auch nicht durch das Schreiben seines Tagebuchs (siehe Kap. 39). Täglich begleiteten ihn Erinnerungen an seine ermordeten Verwandten, an Ereignisse im Ghetto oder im Konzentrationslager. Bestimmte Jahrestage, Geräusche, Gerüche und Situationen lösten sie aus. Nachts plagten ihn Alpträume und an eine therapeutische Aufarbeitung der traumatischen Erfahrungen war damals nicht zu denken. Zudem war er mit einer Holocaust-Überlebenden verheiratet. Beide waren traumatisiert und gingen unterschiedlich mit ihrer Belastung um.

Shlomo erzählt, dass er als Kind regelmäßig nachts aufgewacht ist, weil sein Vater im Schlaf schrie, deutsche Wörter oder Sätze rief und Geräusche von sich gab als würde er bellen. Wenn die Familie am Schabbat feierlich am Tisch saß, konnte es geschehen, dass sein Vater eine Bemerkung machte über das Essen in Auschwitz oder über seinen Hunger dort. Der Sohn konnte das als Kind nie richtig einordnen.

In Israel wird jährlich an die Holocaust-Opfer erinnert (Jom haSchoa wehaGwura).1 Im Zusammenhang dieses Tages finden in den Schulen häufig besondere Programme statt, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler immer wieder bei ihren Angehörigen erkundigen, wie sie den Holocaust erlebt haben. Mordechai hat seinen Söhnen zwar Auskunft gegeben, doch nie umfänglich. Die ganzen Jahre über lag der dicke Umschlag mit seinen Aufzeichnungen sicher verwahrt im Schrank (siehe Kap. 39). Wenn der neugierige Shlomo seinen Vater fragte, was in dem großen Umschlag sei, bekam er von seinem Vater die rätselhafte Antwortet: „Ich werde es dir einmal sagen.“

Es ist nicht ganz klar, wie intensiv Mordechai sich in den Jahren seiner Berufstätigkeit mit dem Thema Holocaust im Allgemeinen und mit seiner eigenen Geschichte befasst hat. Wahrscheinlich versuchte er es die meiste Zeit über zu verdrängen. Allerdings füllte er dreimal Gedenkblätter aus für die Datenbank der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.2 Bereits 1955 für seine Eltern und Geschwister. Es war ein Jahr nach seiner Heirat und das Jahr, in dem sein erster Sohn geboren wurde. 1989, im Jahr vor seinem Ruhestand, hat Mordechai erneut Gedenkblätter für seine Eltern und Geschwister eingereicht. Zum dritten Mal hat er 1999 Gedenkblätter ausgefüllt. Diesmal für seine Verwandten. Er war bereits mehrere Jahre im Ruhestand, hatte seine polnische Heimat und Auschwitz besucht, sein Buch war erschienen und er hatte seine Vortragstätigkeit als Zeitzeuge aufgenommen (siehe Kap. 44).3

Die gezielte Erinnerungsarbeit und aktive Auseinandersetzung mit seiner Geschichte begann Mordechai erst im Ruhestand. Nun hatte er einerseits den Kopf dafür frei, andererseits bot ihm die Berufstätigkeit keine Ablenkung mehr. Zudem ging er auf 70 zu und wusste nicht, wie lange seine Kräfte noch reichen würden.

Abbildung 1: Seite mit dem Familiennamen „Papirblat“, Buch der Namen, Stammlager Block 27, Auschwitz; 2019.

1992 begab er sich mit seinen beiden Söhnen und mit Aaron Shoshany (siehe Kap. 40) auf den Weg zu seinen Wurzeln nach Polen. Sie besuchten die Orte der Familie. In Radom gingen sie zu dem Grundstück, wo früher das Haus der Familie gestanden hatte. Das stattliche Haus von Perl Boyman in der Zeromskiego, der schönsten Straße von Radom, stand noch. Sie besuchen den Ort des Grabes von Motel Melamed/Mordechai Huberman, dessen Vorname Mordechai erhalten hatte (siehe Kap. 2). Das Grab war jedoch von den Nazis entfernt worden. In Warschau trugen die Straßen noch dieselben Namen wie damals, doch waren die Häuser entweder im Krieg, bei der Räumung des Ghettos oder beim Warschauer Aufstand total zerstört worden. Die Häuser, die sie jetzt sahen, waren nach dem Krieg erbaut worden. Eine Gedenkplatte erinnerte an den polnischen Aufstand und an die Befreiung der Stadt durch die Sowjetarmee, nicht aber an das Warschauer Ghetto oder an die ermordeten Juden. In Zwolen erinnerte nichts mehr an den jüdischen Friedhof. Die Gräber – auch das Grab seiner Mutter Zelda – waren beseitigt worden. Nur die großen Bäume standen noch und erinnerten stumm an den ehemaligen jüdischen Friedhof. Als sie Auschwitz besuchten, hat es den ganzen Tag über geregnet.4 Mordechai wollte den Weg von damals nachgehen, doch gelang es ihm nicht. Er fasste seinen Sohn stark am Arm und führte die kleine Gruppe, ja drängte sie zwei Stunden lang von Ort zu Ort, von Block zu Block. Immer wieder rief er: „Seht ihr hier!“ „Seht ihr da!“ „Habe ich es euch nicht gesagt?“ Die Orte und die Erinnerungen packten ihn. Er war dem Halluzinieren nahe. Sie kamen auch zum Galgen, an dem der Lagerkommandant Rudolf Höß erhängt worden war. Sie fuhren zu Orten im Außengelände, zu Orten, an denen Mordechai Zwangsarbeit verrichten musste: Das Dorf Rajsko, wo er im Kommando Gärtnerei für die Firma Kluge gearbeitet hatte. Vieles war noch genauso wie vor 1945. Als ein Mitarbeiter des Museums bemerkte, dass Mordechai ein Überlebender des KZ Auschwitz war, führte er sie ins Archiv und zeigte ihnen die Liste des Transports von Garbatka nach Auschwitz (siehe Kap. 11, Abb. 17). Von diesem Transport hatte fast niemand Auschwitz überlebt. Mordechai war der einzige, der damals noch am Leben war.

Zweimal kehrte Mordechai in späteren Jahren mit Gruppen nach Auschwitz zurück.

Tagelang lief sie umher und hatte permanent Hunger. Als sie sich etwas zu essen „organisieren“ wollte, wurde sie von der Polizei aufgegriffen. Von der Polizeistation brachte man das Mädchen in ein Waisenhaus. Über die Jahre im Waisenhaus hat sie nie auch nur ein einziges Wort gesprochen. Als der Krieg 1945 zu Ende war, stand eines Tages auf einmal ihr Vater völlig unvermittelt im Waisenhaus. Sima war mittlerweile 15 Jahre alt. Was müssen diese sechs Jahre auch für ihn bedeutet haben? Schuldvorwürfe, Sorgen und Ängste. Vater und Tochter kehrten nach Polen zurück, doch konnten sie in ihrer alten Heimat nicht mehr Fuß fassen. 1952 wanderten sie gemeinsam nach Israel aus, wo sie im folgenden Jahr Mordechai kennenlernte und 1954 heiratete.

Abbildung 2: Cover des Buchs: Mordechai Papirblat, Der Karpfenschmuggler. 900 Tage im Lager Auschwitz.

Eines Tages nahm Mordechai den mittlerweile vergilbten Umschlag aus dem Schrank, der die Hefte enthielt, in die er vor fast 50 Jahren seine Erinnerungen niedergeschrieben hatte (siehe Kap. 39). Er schrieb alles noch einmal fein säuberlich ab. Dabei veränderte er nur wenig und fügte ein kurzes Nachwort über seinen weiteren Lebensweg an. Als Mordechai diese Arbeit beendet hatte, rief er seinen Sohn Shlomo zu sich. Er nahm die Hefte und gab sie seinem Sohn in die Hände: „Jetzt ist es Zeit. Das ist meine Geschichte. Mach etwas damit!“ Shlomo nahm die Hefte an sich und begann zu lesen. Zum ersten Mal las er die Geschichte seines Vaters im Zusammenhang und detailgetreu. Er war aufgewühlt und tief bewegt. Allmählich begann er, seinen Vater, seine Familie und sich selbst besser zu verstehen. Nachdem Shlomo das Werk seines Vaters gelesen hatte, gab er das handschriftliche Manuskript einer Sekretärin seiner Redaktion, von der er wusste, dass sie nebenbei Schreibarbeiten gegen Bezahlung erledigte. Zwei Wochen später gab sie ihm eine Floppy-Disk mit dem ganzen Inhalt zurück. Sie war so bewegt von der Geschichte seines Vaters, dass sie kein Geld für die Arbeit annahm.
Als nächstes musste Shlomo einen Verlag finden, der das Manuskript als Buch herausbringen konnte. Ein Herausgeber, den er darauf ansprach, wimmelte ihn jedoch ab. Er sagte, dass es dafür keinen Markt gebe, weil so viele Überlebende ihre Geschichte erzählen würden. Doch Shlomo ließ nicht locker. Nach einigem Hin und Her gab der Mann schließlich nach und sagte zu, dass er „mal reinschauen“ werde. Bereits am nächsten Tag meldete sich der Herausgeber telefonisch bei Shlomo und sagte: „Ich habe das Manuskript in der Nacht durchgelesen, bringe morgen deinen Vater her, dass wir den Vertrag unterschreiben können!“ 1995 erschien das Buch in hebräischer Sprache. Es trägt den Titel „Der Karpfenschmuggler. 900 Tage im Lager Auschwitz“.5 Zum Titel des Buchs siehe Kapitel 15.

Abbildung 3: Thorsten Trautwein, Zvi Papirblat, Mordechai Papirblat, Timo Roller (v.l.n.r.); 2019.

Im Geleitwort zur deutschen Ausgabe des Buchs beschreibt Shlomo Papirblat sehr eindrücklich, wie es für ihn war, das Manuskript seines Vaters erstmals zu lesen und welche Bedeutung das Buch für ihn persönlich besitzt.6

Wenn man Mordechai fragt, wie er den Terror des Lagers, die Bedrohung durch Hunger und Krankheit sowie die Gefahr der Verfolgung überleben konnte, sagt er: „Auschwitz zu überleben ist ganz einfach. Man braucht nur ein Wunder am Tag, manchmal auch zwei.“ Mordechai Papirblat hat diese „Wunder“ erlebt und den Holocaust überlebt. Er konnte ein neues Leben in Israel beginnen, eine Familie gründen und er lebt heute als Jude in Freiheit. Für ihn ist das alles andere als selbstverständlich. Er weiß sehr genau, dass Millionen andere diese „Wunder“ nicht erlebt haben. Sie wurden ermordet, wie seine Familie und der Großteil seiner Verwandten – annähernd 200 Personen. Obwohl diese schrecklichen Ereignisse schon über 75 Jahre her sind, prägen sie sein Leben bis heute – sein Leben und das seiner Familie. Da von Sima und Mordechai alle Geschwister im Holocaust gestorben sind oder ermordet wurden, haben Shlomo und Zvi keine Onkel und Tanten, keine Cousinen oder Cousins. Seit dem Tod von Simas Vater sind sie ohne Großeltern. „Wir haben nur uns“, sagen sie. Umso wichtiger wurde Aaron Shoshany und dessen Familie für die beiden Söhne. Er wurde ihr Onkel.7

1Vgl. https://embassies.gov.il/berlin/AboutIsrael/Feiertage/Pages/Holocaust-Gedenktag.aspx (05.08.2020); https://www.hagalil.com/judentum/feiertage/shoah.htm (05.08.2020).
2Vgl. Zentrale Datenbank der Namen der Holocaustopfer, https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de (13.08.2019).
3Vgl. https://yvng.yadvashem.org/index.html?language=de&advancedSearch=true&sfn_value=mordechai&sfn_type=synonyms&sln_value=papirblat&sln_type=synonyms (13.08.2019).
4Abb. 1: Foto, Thorsten Trautwein, 2019.
5Abb. 2: Scan, Thorsten Trautwein, 2019. Beworben und vertrieben wird das Buch über die Homepage https://papirblat.net/. Die Homepage ist in hebräischer Sprache. Sie enthält einzelne Bilder und eine Informationsseite auf Englisch. Das Buch erschien zuletzt in der sechsten Auflage. Bisher wurden über 1.500 Exemplare verkauft. 6Shlomo Papirblat, Geleitwort zur deutschen Ausgabe, in: Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz. Tagebuch eines Holocaust-Überlebenden, Wildberg 2020, S. 15-18.
7Abb. 3: Foto, Gideon Bayer, 2019.

Autor: Thorsten Trautwein, 07.08.2020