Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 5

Eingesperrt im Warschauer Ghetto (Oktober 1940 – April/Mai 1941)

In seinen Zeitzeugenberichten sagt Mordechai Papirblat, er sei zwei Jahre im Warschauer Ghetto gewesen. Entsprechend seines Buches war er 7 bis 8 Monate im Warschauer Ghetto und 7 ½ Monate im Ghetto Garbatka (siehe Kap. 9).

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 59 – 63.

Bereits ein Jahr nach der deutschen Machtübernahme in Polen wurde in Warschau ein Ghetto eingerichtet. Mordechai war 17 Jahre alt. Am 2. Oktober 1940, am Vortag des jüdischen Neujahrsfestes Rosch Haschana,1 erging der Befehl, dass alle jüdischen Einwohner Warschaus – ungefähr 350.000 Männer, Frauen und Kinder – innerhalb von sechs Wochen in ein Gebiet westlich des Zentrums „umziehen“ mussten, das von nun an „Jüdischer Wohnbezirk in Warschau“ genannt wurde, das sog. Warschauer Ghetto. Die dort lebenden nichtjüdischen Bewohner mussten ihre Wohnungen verlassen. Die Krochmalna-Straße, in der Mordechai und seine Verwandten wohnten, lag bereits im Bereich des Ghettos, sodass Mordechais Familie nicht umziehen musste. Sie lebten im sog. „kleinen Ghetto“, das über eine Brücke mit dem sog. „großen Ghetto“ verbunden war.2

In der Nacht vom 15. auf den 16. November 1940 wurde mit dem Bau einer 18 Kilometer langen und drei Meter hohen Mauer begonnen. Sie umschloss 2,4 % des Warschauer Stadtgebiets. In diesem abgegrenzten Bereich mussten von nun an die Juden der Hauptstadt leben, rund 30 % der Einwohner Warschaus. Außerhalb der Tore des Ghettos war die polnische Polizei für den Wachdienst verantwortlich. Die Tore wurden von SS-Männern bewacht. Innerhalb des Ghettos bestand eine nominelle Selbstverwaltung in Form des „Judenrats“, der für die Armenfürsorge, für Ordnungsdienste und für die Einhaltung von Arbeitsbestimmungen zuständig war. Später musste er der SS die Menschen „übergeben“, die ins KZ Treblinka deportiert wurden. Dem Judenrat unterstand eine unbewaffnete jüdische Ordnungspolizei.

Abbildung 1: Warschauer Ghetto 1940. Der schwarze Pfeil zeigt auf die Krochmalna-Straße.

Zu der extremen Überbevölkerung des „Wohnbezirks“ kam eine massive Rationierung der Nahrungsmittel,3 was zu Hunger, Seuchen (v.a. Typhus) und schließlich zum Tod führte. Die katastrophalen Lebensverhältnisse bedeuteten eine permanente Unsicherheit und andauernde Bedrohung von Gesundheit und Leben. Die hohe Sterberate hielt die Bevölkerungszahl im Ghetto „konstant“, obwohl nach und nach rund 150.000 weitere Juden aus den kleineren Städten und Dörfern des Umlands ins Ghetto verschleppt wurden.4

Abbildung 2: Angehöriger der Ghettopolizei regelt den Verkehr im Ghetto; 1941.

Das Leben der Juden im Ghetto wurde von Woche zu Woche schwerer.5 Der Wohnraum war knapp. Die Verwandten rückten zusammen. Wer niemanden fand, bei dem er unterkommen konnte, musste auf der Straße leben. Eine selbstständige, geregelte Arbeit war nicht möglich. Die Erwachsenen wurden zur Zwangsarbeit abkommandiert. Die Lebensmittelvorräte der Bewohner waren bald aufgebraucht, sodass man gezwungen war, Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt zu kaufen oder gegen das verbliebene Hab und Gut einzutauschen. Nutznießer waren vor allem christliche Polen, die mit dem Tauschhandel gute Geschäfte machten – zumindest so lange sie selbst noch Lebensmittel besaßen. Mit der Verschlechterung der hygienischen und gesundheitlichen Verhältnisse breiteten sich immer mehr Krankheiten aus. Leichen säumten die Straßen. Der erste Tote aus Mordechais Verwandtschaft war sein Onkel Symcha, der jüngste Bruder seines Vaters. Er starb an Typhus.6

Abbildung 3: Warschau 1940 oder 1941, links Mietshäuser Krochmalna Nr. 11 und 13.

Mordechai konnte weder die Schule besuchen noch hatte er Arbeit. Die Wohnung war eng und permanent plagte ihn der Hunger. Aus Interesse und zum Zeitvertreib las er alte Zeitungen, die er auf der Straße fand. Da auch deutschsprachige Zeitungen dabei waren, lernte er Deutsch, das dem Jiddischen ähnlich ist. So versuchte er im harten Alltag des Ghettos auf andere Gedanken zu kommen.

Immer wieder suchte Mordechai Arbeit, um die Familie zu unterstützen. Ein „Cousin“ besaß einen Gemüseladen, in dem er Lebensmittel verkaufte, die er sich noch in der Zeit vor der Errichtung des Ghettos beschafft hatte. Da die Menschen im Ghetto sehr an Hunger litten, kam es immer wieder zu Überfällen auf diejenigen, die noch etwas zu essen hatten. Darum sollte Mordechai nachts im Gemüseladen Wache halten. Als sich eines Nachts tatsächlich Unbekannte an der Ladentür zu schaffen machten, bekam er Angst. Er war klein und schmächtig. Körperlich konnte er ihnen nichts entgegensetzen. Doch er war listig. So rief er laut: „Mosche, Chaim, bringt die Revolver. Da sind Leute draußen!“ Die Diebe flohen. Als Belohnung bekam er die doppelte Menge Essen. Das war ein Fest für seine Familie! Doch schon bald war der Gemüseladen ausverkauft und Mordechai war wieder ohne Arbeit.

Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 0:05:30 – 0:09:38.

Weiterführende Informationen zum Warschauer Ghetto
Die Geschichte des Warschauer Ghettos (ab 12 Jahren):
https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/geheimsache-ghettofilm/172547/video-geschichte-des-warschauer-ghettos

Geheimsache Ghettofilm, 2009 (ab 12 Jahren), deutsche Version, von Yael Hersonski, Spieldauer: 1:27:49, hrsg. von: Belfilms LTD.
„Spurensuche einer jungen israelischen Regisseurin, die in ihrem Dokumentarfilm mit Originalaufnahmen, Zeitzeugenberichten und historischen Quellen auf sehr vielschichtige Weise die manipulative Wirkung von NS-Propagandamaterial aus dem Warschauer Ghetto aufdeckt.“

https://fsk12.bpb.de/mediathek/159924/geheimsache-ghettofilm
Vgl. ebd. Dossier und weitere Informationen zum Film.

Zum ganzen Kapitel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Ghetto (04.10.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Polen (01.02.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Polens#1939–1945:_Zweiter_Weltkrieg (13.01.2019).
https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/geheimsache-ghettofilm/141443/das-warschauer-ghetto (24.04.2020).

1https://www.hebcal.com/hebcal/?year=1940&v=1&month=x&yt=G&nx=on&i=off&vis=0&D=on&d=on&c=off&geo=zip&maj=on&min=on&mod=on (20.12.2019).
2Abb. 1: Karte, Abgrenzung des Warschauer Ghettos 1940 auf einer Karte von 1938: Lihagen, eigenes Werk, 2010, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Warsaw_Ghetto_1940_map.tiff (05.08.2019).
3Die durchschnittliche Essensration in Warschau betrug für Deutsche 2.310 kcal, für Polen 634 kcal und für Juden 184 kcal/Tag und Kopf, so Willi Jasper, Als Mädchen im Warschauer Ghetto – Menschlich unter unmenschlichen Bedingungen, in: Die Zeit, 24. Juli 1987; zitiert bei: https://de.wikipedia.org/wiki/Warschauer_Ghetto#cite_ref-5 (07.04.2020).
4Ghettos waren Sammellager im Rahmen der nationalsozialistischen Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik gegen Juden. Das Warschauer Ghetto war das größte der Ghettos, die im Herbst 1940 für Juden eingerichtet wurden. Weitere Ghettos wurden in Lodz (160.000 Menschen), Bialystok, Tschenstochau, Kielce, Krakau, Lublin, Lemberg und Radom eingerichtet. Nicht alle waren mit einer Mauer umgeben.
5Abb. 2: Ludwig Knobloch, Warschauer Ghetto, 25. Mai 1941, Bundesarchiv, Bild 101I-134-0796-30, CC BY-SA, https://en.wikipedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-134-0796-30,_Polen,_Ghetto_Warschau,_Ghettopolizist.jpg (08.01.2020).
6Abb. 3: Unbekannter Autor, 1940 oder 1941, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulica_Krochmalna_w_Warszawie_ok._1941.jpg (10.08.2019).

Autor: Thorsten Trautwein, 20.05.2020