Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 4

Zweiter Weltkrieg und deutsche Besatzung

Das Deutsche Reich betrieb unter Adolf Hitler eine massive Expansionspolitik. Nach dem Anschluss Österreichs (März 1938), des Sudetenlands (November 1938) und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren (März 1939) erhöhte das Deutsche Reich den Druck auf Polen. Im Blick der Nationalsozialisten waren die ehemaligen deutschen Gebiete, in denen immer noch viele Deutsche lebten, weiterer „Lebensraum im Osten“. Die politische Situation wurde immer angespannter. England und Frankreich sicherten Polen ihren Beistand im Falle eines Krieges zu.
Am 1. September 1939 begann schließlich der deutsche Angriffskrieg gegen Polen. 1.500.000 deutsche Soldaten marschierten in Polen ein. Vom ersten Kriegstag an flog die deutsche Luftwaffe Angriffe gegen die Hauptstadt Warschau mit ihren über 1.350.000 Einwohnern. Bereits eine Woche später, am 8. September, erreichten die Bodenkämpfe Warschau. Am 22. September umschlossen deutsche Truppen die Stadt und setzten zum Großangriff an. Schwere Artillerie und über 1.700 Einsätze der Luftwaffe brachen den Widerstand der 120.000 polnischen Soldaten, die innerhalb des Kessels die Hauptstadt verteidigten. Mit der Kapitulation Warschaus am 28. September endete der „Polenfeldzug“. Die „Eroberung“ Warschaus forderte ca. 6.000 tote und 16.000 verwundete polnische Soldaten, ca. 100.000 kamen in deutsche Gefangenschaft. 25.800 Zivilisten wurden getötet und über 50.000 verletzt. Auf deutscher Seite wurden ca. 1.500 Soldaten getötet und 5.000 verwundet. Die Kämpfe zerstörten rund 12 % der Gebäude Warschaus vollständig; zahllose weitere wurden stark beschädigt.
Doch nicht nur Deutschland hatte ein Interesse an Polen, auch von Osten her wurde das Land angegriffen. Am 17. September 1939 besetzte die Sowjetunion Ostpolen. Die geografische Aufteilung Polens hatten Deutschland und die Sowjetunion bereits in einem geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts vom 23./24. August 1939 vereinbart. Polen hatte damit seine Unabhängigkeit verloren. Im Oktober 1939 konstituierte sich die polnische Exilregierung.

Der deutsche Angriff erstreckte sich über den ganzen September. Es war die Zeit der großen jüdischen Feste Rosch Haschana (Neujahr, 13./14.09.1939) und Jom Kippur (Versöhnungstag, 22./23.09.1939). An Sukkot (Laubhüttenfest, 27./28.09.1939) erfolgte die polnische Kapitulation und an Simchat Tora (Freude über die Tora, 06.10.1939) herrschten bereits die Nationalsozialisten in der Stadt.1

Mordechai war sechzehn Jahre alt. Er spürte die wachsende Unsicherheit am Vorabend des Krieges, erlebte den Kriegsbeginn in Warschau und die folgenden Luftangriffe bei Tag und Nacht. Bei den Luftangriffen suchte die Familie an unterschiedlichen Plätzen Schutz, je nachdem, wo ein mehr oder weniger sicherer Platz zu finden war: Unter der Treppe im Erdgeschoss, im Keller bei Bekannten oder anderswo. Mit zunehmenden Angriffen verloren immer mehr Menschen ihre Wohnungen, auch die Zahlen der Verletzten und Getöteten stiegen. Da die Stromleitungen bei den Angriffen getroffen wurden, brach die Wasserversorgung der Stadt zusammen. Auch der Warenaustausch mit dem Umland war nicht mehr möglich, weshalb die Lebensmittel in der Stadt knapp wurden. Mordechai sah, wie ein Mann Fleisch aus einem Pferd schnitt, das tot auf dem Platz lag. Die psychische Belastung war kaum auszuhalten.
Als das Haus der Familie Papirblat zum zweiten Mal von Fliegerbomben getroffen wurde und völlig ausbrannte, musste die Familie das Haus verlassen. Sie zogen auf der Suche nach einer Bleibe durch die Stadt. Da sie keinen Platz fanden, kamen sie schließlich bei den Großeltern unter, die in der Nähe wohnten. In der Not rückte die Familie zusammen. Eigentlich wollten sie nur vorübergehend bei den Großeltern bleiben, doch wurde aus dem „Vorübergehend“ ein Dauerzustand. Sogar andere Verwandte, die das gleiche Schicksal ereilt hatte, fanden bei den Großeltern eine Zuflucht. Wie durch ein Wunder blieb das großelterliche Haus von Zerstörungen verschont.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 21 – 36.

In der Folge der Kapitulation am 28. September wurden christliche Polen und vor allem jüdische Polen gezwungen, die Straßen freizuräumen, damit die deutsche Wehrmacht in einer Siegesparade in der Stadt einziehen konnte.2 Die Lage war ernst. Vor allem die jüdischen Viertel in der Innenstadt waren getroffen und litten unter Zerstörungen.

Abbildung 1: Parade vor Adolf Hitler, Warschau, 5. Okt. 1939.

Da weite Teile der Stadt in Schutt und Asche lagen, gab es viel aufzuräumen und wiederaufzubauen. So musste die In-frastruktur der Straßen, der Eisenbahnlinien, des Flughafens, der Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt werden. Dafür zogen die neuen Machthaber Zwangsarbeiter heran, die in völliger Rechtlosigkeit und unter harten Bedingungen ohne angemessenes Arbeitsmaterial oder Arbeitskleidung viele Stunden am Tag schuften mussten.3 Die Zwangsarbeit erfolgte militärisch organisiert. Der Arbeitseinsatz begann am Morgen mit einem Zählappell. Dann marschierte die Arbeitskolonne in Fünferreihen zum Zielpunkt, wo hart gearbeitet wurde. Mittags erhielten die Zwangsarbeiter eine Suppe. Die SS führte eine strenge Aufsicht. Der Ton war feindselig und entwürdigend, immer wieder erfolgten Schläge und Schikanen. Wer nicht mithielt oder etwas falsch gemacht hat, wurde bestraft. Auf den Rückmarsch folgte ein Zählappell, dann wurde der Lohn ausbezahlt.

Abbildung 2: Aufräumarbeiten durch wahrscheinlich Juden, Warschau 1939.

Im Winter mussten Zwangsarbeiter bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt die Straßen und Schienen von Schnee und Eis befreien. Der geringe Lohn stand in keinem Verhältnis zur geleisteten Arbeit, stellte aber für viele die einzige Verdienstmöglichkeit dar, um ihre Familien ernähren zu können.4

Abbildung 3: Liebermann-Shiber: Arbeitseinsatz.

„Das Leben hat aufgehört“, empfand Mordechai. Er erlebte, wie Juden zur Zwangsarbeit gezwungen, schikaniert oder sogar umgebracht wurden. Hinzu kam die diskriminierende, antijüdische Gesetzgebung: Seine Schule wurde geschlossen, die Zeitungen wurden eingestellt und ab dem 12. Lebensjahr musste man von nun an eine Armbinde mit dem Davidstern tragen. Sein Vater betrieb Schwarzhandel mit Zigaretten und Streichhölzern, um für seine Familie etwas Geld und Lebensmittel zu bekommen. Auch Mordechai übernahm verschiedene Zwangsarbeiten, um Geld für den Unterhalt der Familie zu verdienen.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 36 – 43.54 – 57.

Vgl. Mordechai Papirblat, Vortrag 2015, 0:03:01 – 0:05:28.

Schnell ist deutlich geworden, dass die deutsche Besatzung weitreichende Konsequenzen für das Land und seine Bevölkerung mit sich brachte. Das eroberte Gebiet wurde von den deutschen Besatzern zügig zerschlagen und neugestaltet. Der westliche und nördliche Teil Polens wurden annektiert und dem Deutschen Reich eingegliedert. Im sog. „Restpolen“ wurde am 12. Oktober 1939 das „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ errichtet.5 Von Anfang an verfolgte die deutsche Besatzung eine erbarmungslose rassistisch motivierte Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik. Die polnische Bildungselite, kirchliche (katholische) Führungskräfte und andere Schlüsselpersonen wurden systematisch verfolgt und ermordet. Die Ober- und Hochschulen wurden geschlossen, das Erziehungs- und Pressewesen auf ein Minimum reduziert. Rund 1.200.000 christliche Polen wurden während des Krieges als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich gebracht. Auch gegen die jüdischen Polen gingen die deutschen Besatzer zügig vor. In der Folge der antijüdischen Be-stimmungen mussten sich Juden kennzeichnen (Davidstern) und ihr Vermögen anmelden. Ihre Konten wurden gesperrt und ihr Besitz „arisiert“. Juden mussten Zwangsarbeit leisten, hatten Reiseeinschränkungen usw. Hinzu kamen Zwangsumsiedlungen von jüdischen und christlichen Polen ins Generalgouvernement. Das Generalgouvernement wurde als „Beutegut“ v.a. für die deutsche Kriegswirtschaft ausgeplündert. Seine Wirtschaft sollte zu einem „Trümmerhaufen“ werden.6

Abbildung 4: Territoriale Veränderungen nach dem sog. „Polenfeldzug“ 1939.

Die Versorgungs- und Lebenssituation in der Hauptstadt blieb auch im Frühjahr 1940 schwer. Zudem belasteten die engen Wohnverhältnisse bei Mordechais Großeltern das Familienleben. So beschlossen Mordechais Eltern mit der Familie zu Szlomos Schwester, Rajca Wajngarten, und ihrer Familie nach Jablonow zu gehen. Auf dem Land, so hofften sie, sei die Versorgungslage besser. Mordechais Vater besorgte sich Nähutensilien, weil er wusste, dass diese auf dem Land begehrt waren. Im April 1940, nach dem Pessach-Fest,7 machte sich die Familie auf den Weg nach Jablonow.

Tatsächlich war die Versorgungslage auf dem Land besser. Mordechais Eltern zogen in den Dörfern umher und verkauften Näh-utensilien. Der siebzehnjährige Mordechai und seine jüngeren Geschwister packten auf dem Hof und im Haushalt mit an. Allerdings waren vor allem die jüngeren Kinder das einfache und arbeitsreiche Leben auf dem Land nicht gewohnt. Als der Herbst kam, stieg die Sorge vor dem herannahenden Winter. Die Familie kehrte darum Ende September 1940, vor den hohen jüdischen Feiertagen, nach Warschau zurück. Im Frühjahr wollten sie wieder aufs Land gehen. Allerdings kam es anders.

Vgl. Mordechai Papirblat, 900 Tage in Auschwitz, 2020, S. 57f.

Zum ganzen Kapitel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Besetzung_Polens_1939–1945 (30.12.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Generalgouvernement (07.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Polens#1939–1945:_Zweiter_Weltkrieg (13.01.2019).
https://de.wikipedia.org/wiki/Polnische_Exilregierung (08.04.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_um_Warschau_(1939) (03.01.2019).

1Vgl. https://www.hebcal.com/hebcal/?year=1939&v=1&month=x&yt=G&nh=on&nx=on&vis=on&c=off (01.08.2019).
2Abb. 1: Foto, Bundesarchiv, Bild 146-1974-132-33A, Mensing, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5418984 (21.01.2020).
3Abb. 2: Foto, Schulze, eigenes Werk, CC-BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_101I-001-0251-34,_Warschau,_Juden_(-)_bei_Aufräumungsarbeiten.jpg (05.01.2020).
4Abb. 3: Ella Liebermann-Shiber, Zeichnung Nr. 9. Ella Liebermann-Shiber (1927 – 1998) hat zwischen 1945 und 1948 93 Zeichnungen über ihre Widerfahrnisse im Holocaust angefertigt. 1938 wurde die Familie aus Berlin ausgewiesen, 1939 erlebte sie den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bendzin/Bendsburg bei Kattowitz, 1940 erfolgte die Einweisung ins Ghetto, im Dezember 1943/Januar 1944 die Deportation ins Frauenkonzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Januar 1945 der Todesmarsch ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Eine Neuherausgabe der Zeichnungen ist als Band 2 der Edition Papierblatt Anfang 2021 geplant.
5Abb. 4: Karte, Generalgouvernement.jpg:Generalne_gubernatorstwo_1945.png: Lonio17derivative work: John Nennbachderivative work: John Nennbach, 2011, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Territoriale_Ver%C3%A4nderungen_nach_dem_Polenfeldzug_1939.png (21.01.2020).
6Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Generalgouvernement (07.01.2019).
7Pessach: 23.04.1940; vgl. https://www.hebcal.com/hebcal/?year=1940&v=1&month=x&yt=G&nx=on&i=off&vis=0&D=on&d=on&c=off&geo=zip&maj=on&min=on&mod=on (20.12.2019).

Autor: Thorsten Trautwein, 01.05.2020