Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 30

In Reggio Emilia (Ende Oktober 1945 – 9. Januar 1946)

Mordechai und die anderen waren in Reggio Emilia angekommen. Ihr neues Domizil war die Villa Terrachini, an der Cavozolla-Straße. Hier befand sich die Hachschara mit dem Namen „Hamored“ (deutsch „der Aufständische“).1 Als die Gruppe der Neuankömmlinge auf das Hauptgebäude zuging, wurden sie von einem jungen Mann in britischer Uniform begrüßt und ins Haus geleitet. Die Gruppe erhielt zwei Zimmer, die nebeneinanderlagen – eins für die Frauen, eins für die Männer. Nachdem sie ihre Sachen in den Zimmern abgelegt hatten, wurden sie noch einmal von dem Mann begrüßt, der sich ihnen nun als Ascher Mittelmann vorstellte. In seiner Begrüßungsrede sprach er über die Lebensbedingungen in der Unterkunft, die nicht einfach waren, sowie über die geltenden Regeln und den Tagesablauf. Anschließend konnten sie das Gelände in Augenschein nehmen. Es handelte sich dabei um ein kleines Landgut, das aus zwei Häusern bestand, die in einem großen Park lagen. Eines der Häuser hatte zwei Stockwerke, das andere war kleiner. Gartenwege durchzogen den Park. Einer führte über eine Brücke. Im Park stand eine Statue mit einer hebräischen Inschrift aus Psalm 128,2: „Der Fleiß deiner Hände, wenn du davon issest, o deines Glücks! Gut darfst du es haben.“2 Die hebräische Inschrift spendete den angekommenen Juden Trost und gab ihnen Hoffnung.

Abbildung 1: Die Personen von Hamored, grüner Pfeil: Mordechai Papirblat, gelber Pfeil: Ascher Mittelmann, Reggio Emilia/Italien; Dezember 1945.

Das Anwesen gehörte einem italienischen Juden, der von den deutschen Besatzern enteignet worden war. Nach dem Krieg hatte er sein Anwesen zurückerhalten, das er seither dem Zentrum für die Diasporajuden (Merkaz Hagolah, Hauptsitz Mailand) zur Verfügung stellte, damit hier jüdische Flüchtlinge für die Alija, für die Auswanderung nach Erez Israel vorbereitet werden konnten. Ascher Mittelmann (Foto, gelber Pfeil) leitete die Arbeit in Reggio Emilia.3 Er hatte bereits vor dem Krieg in Erez Israel, im Kibbuz Gescher im Jordantal gelebt. Im Zweiten Weltkrieg war er in die britische Armee eingetreten und hat gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten gekämpft. Seit fast zwei Jahren war er in Italien stationiert und sprach Italienisch. Er setzte sich mit seiner ganzen Kraft für die jüdischen Flüchtlinge ein und förderte ihre illegale Einwanderung in Palästina. Ascher Mittelmann war eine charismatische Persönlichkeit und genoss großes Ansehen. Da die Unterstützungsmittel, die die Hachschara von der UNRRA, von der jüdischen Hilfsorganisation Joint und von Merkaz Hagolah erhielt, oft nicht ausreichten, nahm er immer wieder von seinem Armeelohn und gab ihn für die Arbeit der Hachschara. Er war tief beseelt vom Gedanken des Kibbuz, dass jeder für alle arbeitet und man das teilt, was man hat. Seine Persönlichkeit und sein Verhalten imponierten den jungen Leuten. Schon bald beschlossen die Mitglieder der Plugot Lacherut und Hasolel, die sich in Reggio Emilia zusammengeschlossen hatten, mit Ascher Mittelmann in den Kibbuz Gescher zu gehen.

Abbildung 2: Im Garten von Reggio Emilia; 1945.

In der Hachschara Hamored kamen viele jüdische junge Erwachsene aus allen möglichen Ländern Europas zusammen, sodass die Verständigung oft schwer war. Die Mitglieder erledigten alle anfallenden Arbeiten in den Häusern und im Garten. Das Essen war immer knapp. Nicht selten standen sie hungrig von der Mahlzeit auf. Immer wieder organisierte Ascher Mittelmann Nahrungsmittel von der Zentrale aus Mailand oder von anderen Quellen. Wenn sich die Möglichkeit bot, nahmen die jungen Leute Arbeiten außerhalb der Villa an (z.B. als Elektriker), um Geld oder Nahrungsmittel zu verdienen, die dann der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt wurden.4
Zur Vorbereitung auf das Leben in Palästina gehörten auch Sport am Morgen und an fünf Tagen in der Woche Unterricht in kleinen Gruppen. Mordechai lehrte auch hier Hebräisch. Aus sprachlichen Gründen hatten sie wenig Kontakt mit den italienischen Nachbarn. Wenn es jedoch zu Begegnungen kam, zeigten die Italiener Sympathie und Anteilnahme am Ergehen der Mitglieder der Hachschara.

Immer wieder stellten sie sich die Frage, wann sie endlich mit dem Schiff nach Palästina, nach Erez Israel übersetzen würden?

Zum ganzen Kapitel:
Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996 (Hebräisch). Ohne Autor, DP Camps and Hachsharot in Italy after the War, Yad Vasham Exhibitions, ohne Jahr; https://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/dp_camps_italy/index.asp (02.05.2020). Jim G. Tobias, Erziehung zum Zionismus in den DP Camps 1945-48. Alija als pädagogisches Konzept – die Landkarte von Erez Israel als Lehrplan, 01.03.2018; https://www.hagalil.com/2018/03/erziehung-zum-zionismus/ (02.05.2020). Ohne Autor, Escape from Europe – the "Bericha", Yad Vashem Educational Materials, ohne Jahr; https://www.yadvashem.org/education/educational-materials/learning-environment/bericha.html (05.02.2020). https://www.hagalil.com/eretz-israel/ (02.05.2020). https://de.wikipedia.org/wiki/Alija (01.02.2020). https://de.wikipedia.org/wiki/Bricha (01.02.2020). https://de.wikipedia.org/wiki/Hachschara (01.02.2020). http://www.zionismus.info/ (29.04.2020).

1Erklärungen zu Hachschara, Kibbuz und Pluga siehe Kap. 26.
2Übersetzung aus: Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig Bd. 4: Die Schriftwerke. Verdeutscht von Martin Buber, 6. Aufl. der Neubearbeitung von 1963, Stuttgart 1992, S. 188.
3Abb. 1: Josef Zwi Halperin (?), aus: Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996, Bild Nr. 44, ohne Seitenzahl (Hebräisch); Scan bearbeitet von Timo Roller, 2020.
4Abb. 2: Josef Zwi Halperin (?), aus: Josef Zwi Halperin, Der Weg in die Freiheit 1945 – 1946, 1996, Bild Nr. 39, ohne Seitenzahl (Hebräisch); Scan bearbeitet von Timo Roller, 2020.

Autor: Thorsten Trautwein, 11.07.2020