Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 31.3

Hintergrund: Antisemitismus und Antizionismus in der arabischen Welt – Islamischer Antisemitismus

Eine Schlüsselfigur im Kampf der Araber gegen Juden und Briten war Mohammed Amin al-Husseini (1895/7 – 1974). Er stammte aus einer einflussreichen Jerusalemer Familie mit antijüdischer und strenger muslimisch-nationalistischer Gesinnung. 1921 war der Geistliche von den Briten zum Mufti von Jerusalem und zum Vorsitzenden des Muslimischen Oberrats im Mandatsgebiet Palästina ernannt worden. Ein Gremium, das die Briten geschaffen hatten. Al-Husseini setzte sich zunächst für ein unabhängiges arabisches Großsyrien ein, dann für ein unabhängiges muslimisches Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt. Er trat bereits 1933 an den deutschen Generalkonsul in Jerusalem heran und bot ihm seine Dienste im Kampf gegen Briten und Juden an. Aus strategischen Gründen lehnte das Deutsche Reich zu diesem Zeitpunkt jedoch die Zusammenarbeit mit ihm ab.
Al-Husseini war einer der wesentlichen Motoren des arabischen Aufstands 1936 und verhinderte 1937 die Annahme des sog. Peel-Plans (siehe Kap. 31.2). Dabei wurden moderate Araber, auch Führungspersönlichkeiten, mit Gewalt bedroht oder sogar ermordet. Seit 1937 unterstützte das NS-Regime die Nationalisten unter al-Husseini in Palästina und die Muslimbrüder in Ägypten mit Geld und Waffen. Als al-Husseini von den Briten 1937 gefangen genommen werden sollte, entkam er und floh zunächst in den Libanon, dann in den Irak und 1941 schließlich nach Deutschland.1 In Berlin setzte er sich gegen die Auswanderung von Juden nach Palästina ein, plante mit Adolf Eichmann die Ermordung der Juden im arabischen Raum und baute ab 1943 islamische Wehrmachts- und SS-Einheiten auf. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler ernannte al-Husseini zum SS-Gruppenführer. Nach dem Krieg erhielt er 1946 Asyl in Ägypten, wo er bei den Muslimbrüdern weiterhin große Anerkennung genoss und seine Ideologie weiterverfolgte.

Abbildung 1: Großmufti al-Husseini und Adolf Hitler, Berlin; 28.11.1941.

Die Mehrzahl der arabischen Führer und auch der muslimisch-arabischen Bevölkerung Palästinas hätte sich 1936 durchaus eine Koexistenz mit den Juden oder gar eine Teilung des Landes vorstellen können (siehe Kap. 31.2 Peel-Plan), da man seit Jahrhunderten mit Juden zusammengelebt hatte und man sich vom wirtschaftlichen Aufschwung, den das Land mit der jüdischen Einwanderung nahm, eigene Vorteile erhoffte. Auftretende Konflikte zwischen Juden und Arabern hatten bis dahin in der Regel keine grundsätzlichen, ideologischen oder Ressentiment bedingten Ursachen im Sinne eines islamischen Antisemitismus oder Antizionismus2, sondern beruhten darauf, dass (europäische) Juden immer mehr Land erwarben, das Leben in den Städten prägten und mit ihrem modernen Lebens-, Bildungs- und Wirtschaftsstil das Land veränderten. Auch wenn der Koran antijüdische Verse enthält und es eine lange Tradition der Benachteiligung von Juden in arabisch-muslimischen Ländern gab, so waren es christliche Missionare und europäische Kolonialisten, die im 19. sowie im beginnenden 20. Jahrhundert Gedanken, Verschwörungsmythen und Schriften des (christlichen) Antijudaismus, rassischen Antisemitismus und des Antizionismus in die muslimische Welt trugen. In den Jahren von 1939 bis 1945 erreichte diese Propaganda eine neue Dimension und es wurden Grundlagen gelegt, die in ihrer langfristigen Wirkung das Verhältnis zwischen Arabern und Juden nachhaltig negativ beeinflussten. 1939 begann die nationalsozialistische Propaganda gezielt Radioprogramme für den muslimischen Raum zu produzieren, die mit modernster Technik aus Zeesen bei Berlin in die Türkei, nach Persien und in die arabische Welt von Syrien bis Nordafrika gesendet wurden. Die Radiosendungen waren inhaltlich und von der Gestaltung her genau auf die jeweiligen Zielgruppen abgestimmt. So prägte nationalsozialistische Propaganda in Verbindung mit Koranzitaten und traditionellen Vorstellungen der Zielgruppen jahrelang das, was der gewöhnliche Mann3 auf der Straße und in den Kaffeehäusern hörte und diskutierte. Viele Hörer waren Analphabeten, denen kaum andere Informationsquellen zur Verfügung standen. Die Sendungen prägten das Bild vom Juden, der verlogen und hinterhältig Muslime übervorteilt, der ihr Land in Besitz nimmt und die heiligen Stätten zerstören möchte – Palästina sei erst der Anfang. Im Hintergrund regiere die zionistische Weltverschwörung, die Juden Vorteile verschaffe, die übrige Menschheit jedoch wie Parasiten auszehre. Die Muslime müssten heute, wie es bereits Mohammad getan hatte und der Koran fordere, den Juden widerstehen, sie vertreiben und töten.
In der Folge dieser Sendungen kam es in der muslimischen Welt jedoch nur vereinzelt zu Pogromen gegen Juden und die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten konnte nicht aufgehalten werden. Dennoch blieb die nationalsozialistische Propaganda nicht ohne Wirkung. Sie muss als ein wesentlicher Baustein für die Entstehung des islamischen Antisemitismus und Antizionismus angesehen werden. Dessen Ausbreitung und Akzeptanz in der arabischen Welt und besonders in der palästinensischen Gesellschaft jedoch weitere Ursachen hat: Militärische Niederlagen und Perspektivlosigkeit im Nahostkonflikt, Vertreibung und erfahrenes Unrecht durch israelisches Militär und andere, Opfergefühle, Propaganda, antiwestlicher Antimodernismus, Antiamerikanismus usw.

Zum ganzen Kapitel:
Ralf Balke, Mit der Hakenkreuzfahne in Palästina, 18.01.2018; https://www.hagalil.com/2018/01/hakenkreuzfahne-in-palaestina/ (10.07.2020).
Wolfgang Benz, Antisemitismus. Präsenz und Tradition eines Ressentiments, 3., akt. Aufl., Frankfurt a.M. 2020, S. 203-216.
Matthias Küntzel, Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin/Leipzig 2019, S. 52-110.
Thomas Philipp, Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des Britischen Mandats, Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Israel, 28.03.2008; https://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44991/gesellschaft-palaestinas (11.06.2020).
https://www.hagalil.com/der-weg-zum-staat-israel/ (11.06.2020).
https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini (11.06.2020).

1Abb. 1: Heinrich Hoffmann, 28.11.1941, Bundesarchiv, Bild 146-1987-004-09A, CC-BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1987-004-09A,_Amin_al_Husseini_und_Adolf_Hitler.jpg (11.06.2020).
2
3Es waren überwiegend Männer.

Autor: Thorsten Trautwein, 07.08.2020