Papierblatt – Holocaust-Überlebende berichten

Kapitel 31.4

Hintergrund: Illegale jüdische Einwanderung nach Palästina

Juden, die vor der Verfolgung und Vernichtung in der Zeit des Zweiten Weltkriegs fliehen wollten, fanden kaum Aufnahme in anderen Ländern. Da die legale Einreise nach Palästina stark eingeschränkt war, nahm die illegale jüdische Einwanderung nach Palästina aufgrund des Holocaust deutlich zu.1 In der Folge wurde auch der Konflikt zwischen jüdischen Untergrundorganisationen und Briten stärker. Gleichzeitig kämpften jedoch etwa 100.000 der bis dahin 500.000 Juden, die in Palästina lebten, mit den Alliierten in Europa gegen Deutschland und seine Verbündeten.2 Den doppelten jüdischen Kampf mit den Briten und gegen die Briten formulierte David Ben Gurion (1886 – 1973), der damalige Vorsitzende der Jewish Agency und erste Ministerpräsident Israels, so: „Wir werden Hitler bekämpfen, als ob es kein Weißbuch gäbe, und wir werden das Weißbuch bekämpfen, als ob es keinen Krieg gäbe.“3

Als der Zweite Weltkrieg und der Holocaust 1945 beendet waren, befanden sich rund 250.000 Juden außerhalb ihrer Heimatländer. Da sie nicht in ihre Heimat zurückkehren konnten, sammelten sie sich als Flüchtlinge, als sog. Displaced Persons, in Lagern vor allem in Deutschland, Österreich und auch in Italien. Von allen europäischen Staaten erklärten sich nur Frankreich und Schweden bereit, überlebende Juden aufzunehmen. Auch die Tore Nord- und Südamerikas waren für die heimatlosen Holocaust-Überlebenden weitestgehend verschlossen. Die Briten hielten konsequent an dem niedrigen Einwanderungskontingent in Palästina fest (Weißbuch; siehe Kap. 31.2) und gingen gegen illegale Einwanderer vor. So brachten sie 50.000 Juden, die sich illegal auf den Weg nach Palästina gemacht hatten, in Vertriebenenlager (DP-Lager) innerhalb der US-amerikanischen Besatzungszone nach Deutschland; weitere über 53.000 illegale jüdische Einwanderer internierten sie zwischen August 1946 und Januar 1949 in zwölf Lagern auf Zypern.4
Doch wo sollten die Juden hin, die den Holocaust überlebt hatten? In ihrer ehemaligen Heimat waren sie meist unerwünscht bzw. hatten keinen Ort mehr, an dem sie sich niederlassen konnten. Ihre Häuser und Wohnungen waren entweder zerstört oder von anderen Menschen bewohnt. Ihr Besitz wurde ihnen nicht zurückgegeben, die meisten Verwandten waren ermordet und die jüdischen Gemeinden, die sie hätten unterstützen können, existierten nicht mehr. Darum organisierten jüdische Gruppen (Hagana5, Mossad6) auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die illegale Einwanderung der Holocaust-Überlebenden nach Palästina.

Mordechai Papirblat war einer dieser Holocaust-Überlebenden, der sich von seiner verlorenen Heimat endgültig verabschiedet und sich auf ein Leben in Erez Israel vorbereit hatte. Als illegaler Einwanderer wartete er auf seine Chance für ein neues Leben in Erez Israel, von dem ihn „nur“ noch das Mittelmeer trennte. Ob ihm die komplexen politischen Sachverhalte bewusst waren? Welchen Unterschied hätte es gemacht? Er war 22 Jahre alt und wollte endlich ein „normales“ Leben in Freiheit führen. Ideologische Absichten hatte er keine, aber auch keine Alternative.

Zum ganzen Kapitel:
Tuvia Friling, Shoah und Einwanderung, 27.03.2008, Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Israel; https://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44987/shoah-und-einwanderung (11.06.2020).
Thomas Philipp, Die Palästinensische Gesellschaft zu Zeiten des Britischen Mandats, Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Israel, 28.03.2008; https://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44991/gesellschaft-palaestinas (11.06.2020).
Angelika Timm, Die Gründung des Staates Israel, Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Israel, 28.03.2008; https://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44995/gruendung-des-staates-israel (03.05.2020).
Kim Wünschmann, Palästina als Zufluchtsort der europäischen Juden bis 1945, 16.9.2014, Bundeszentrale für politische Bildung, Dossier Gerettete Geschichten: Elf jüdische Familien im 20. Jhd.; https://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/gerettete-geschichten/149158/palaestina-als-zufluchtsort-der-europaeischen-juden (11.06.2020).
https://www.hagalil.com/der-weg-zum-staat-israel/ (11.06.2020).
https://www.hagalil.com/eretz-israel/ (11.06.2020).
http://www.zionismus.info/ (11.06.2020).

1Die illegalen Einwanderer werden im Hebräischen als Ma’apilim bezeichnet, die illegale Einwanderung zwischen 1934 und 1948 als Alija Bet; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Alija_Bet (13.06.2020).
2Viele der jüdischen Soldaten, die in britischen jüdischen Einheiten kämpften, spielten nach Kriegsende eine wichtige Rolle bei der illegalen Einwanderung nach Palästina. Ohne ihren Einsatz wäre auch Mordechai Papirblat nicht nach Erez Israel gelangt.
3Zit. bei https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana (13.06.2020); ohne weitere Quellenangabe.
4Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Cyprus_internment_camps (11.06.2020).
5Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Hagana (13.06.2020).
6Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Mossad (13.06.2020).

Autor: Thorsten Trautwein, 18.07.2020